Operation Schönheit

Jonas Mekas hat die US-Nachkriegs-Avantgarde als Künstler, Kritiker und Kurator maßgeblich mitbestimmt. Nun präsentiert der große alte Mann des Undergroundfilms in Wien sein Lebenswerk.

Den ersten eigenen Fotoapparat hielt er stolz in seinen Händen, als die russische Armee sein Dorf erreichte. Ein litauischer Bauernbub, 17 Jahre alt, knipste am Rande seines Heimatdorfs im Sommer 1940 die heranrollenden Panzer, einfach nur, weil er seine Kamera benutzen wollte, ganz naiv. So erinnert sich Jonas Mekas an seine Kindheit. Damals wusste er noch nicht, was alles passieren kann, wenn man arglos Bilder macht. Einer der sowjetischen Soldaten rannte auf ihn zu, riss ihm die Kamera aus der Hand und den belichteten Film aus dem Gerät, warf diesen demonstrativ in den Staub und wies den Fotografen brüllend an, sich unverzüglich zu entfernen. Lächelnd nennt Mekas dieses Ereignis seine erste filmkünstlerische Lektion.

Erinnerungs- und Sehnsuchtsfilme: Das ist es, woran Jonas Mekas arbeitet, seit Jahrzehnten schon. Er führt bis heute Tagebuch mit seinen Kameras, dokumentiert mit zittrigem Blick und oft nur wenige Sekunden lang Freunde und festliche Augenblicke, zeigt Details aus der offenen Natur und dem großstädtischen Leben, auf das er noch immer blickt wie auf etwas Wunderliches, letztlich Fremdes. Die flüchtige Qualität seines Kinos ist evident, auch die zarte Bitterkeit, die darin liegt, sich unwiederholbare Momente vor Augen zu führen.

„Lost, Lost, Lost“, so nannte Mekas 1975 eine seiner großen Materialsammlungen, zehn Jahre später gab er einem weiteren Hauptwerk den Titel „He Stands in a Desert Counting the Seconds of His Life“. Tatsächlich zählte Mekas mit seiner Bolex stets die Sekunden des eigenen Lebens, rang diesem Bild für Bild ab und die tausend Wunder, die der Alltag dem genauen Beobachter gewährte. All die melancholischen Momente, die man in Mekas’ Filmen sehen kann, sind halb bewahrt und halb preisgegeben, desto schmerzlicher verloren. Denn das im Kino gefrorene, in Endlosschleifen und in zeitlicher Verdichtung zappelnde, nur reproduzier-, nicht nachlebbare Leben ist notgedrungen nur ein kleiner Teil, nur die äußerste Schicht des Erlebten selbst. Mit der Kamera lässt sich Kunst machen, das Leben aber kann sie nicht fassen, nur bannen, nicht festhalten. Die Welt dreht und bewegt sich im Kino noch, aber sie lebt nicht mehr. Sie ist nur: eine Erinnerung.

Der alte Mann und das Meer der Schönheit seiner Werke: Ab 5. April zeigt das Österreichische Filmmuseum mehr als drei Wochen lang rund 40 der Film- und Videoarbeiten Mekas’ – in Anwesenheit des Regisseurs während der ersten Spieltage.

Als Jonas Mekas Ende 1949 im New Yorker Exil mit seiner 16-mm-Kamera beginnt, Filme zu machen, hat er eine lange Fluchtbewegung hinter sich. Der 1922 Geborene verbringt eine idyllische Kindheit in einem litauischen Dorf, das aus 20 Familien, aus 100 Menschen besteht. Dann aber kommen erst die Sowjets, bald die Nazis. Mekas schreibt für ein Widerstandsblatt, agitiert gegen die Nazis ebenso wie gegen Stalin. Er wird 1944 verschleppt, strandet mit seinem Bruder Adolfas, der später auch Filmemacher werden wird, in deutschen Arbeitslagern und nach dem Krieg in den Displaced Persons Camps der Alliierten.

Als sich endlich die Gelegenheit bietet, aus Deutschland wegzukommen, nutzen die Mekas-Brüder diese sofort. Aus der New Yorker Kunstszene der frühen 1950er-Jahre sind sie bald nicht mehr wegzudenken. Jonas Mekas erkennt, dass sein Organisationstalent und seine Wortgewalt in der Stadt gefragt sind. Er entdeckt die jungen Talente des US-Avantgardefilms, freundet sich mit Stan Brakhage, Maya Deren und Marie Menken an, für die er Filmvorführungen arrangiert. Zudem gründet er 1955 eine Zeitschrift namens „Film Culture“, ab 1959 schreibt er eine revolutionäre Kinokolumne in der „Village Voice“.

„Ich werde meine Schüchternheit nie ganz überwinden“
Seine eigenen Filme zeigt er vorerst nicht, erst in den 1960er-Jahren kann er sich an den Gedanken gewöhnen, seine subjektiven Arbeiten auch zu veröffentlichen. „Ich werde meine Schüchternheit nie ganz überwinden“, sagt er noch heute. Erst 19 Jahre nach Beginn seiner filmischen „Diaries, Notes and Sketches“ zeigt er diese öffentlich. Die Sixties sind eine abenteuerliche Zeit: 1964 wird Mekas verhaftet und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er Jack Smiths orgiastisches Experiment „Flaming Creatures“ und Jean Genets Gefängnisfilm „Chant d’amour“ gezeigt hat.

Bruder Zufall, Schwester Glück: Mekas’ Filme sind episodisch angelegt, oft aus Hunderten bewegten Momentaufnahmen gebaut; am Schneidetisch überlässt er sich gern den Fügungen des Schicksals – wie er die Einzelteile in seinen Regalen findet, so kommen sie zunächst zueinander. 100 Prozent Zufall, das gehe jedoch kaum, sagt er im profil-Gespräch. Immerhin sei die Methode ein guter Beginn. Das Prinzip Zufall habe er bei John Cage verstehen gelernt. „Ich versuche, beim Filmemachen nicht zu planen, zu vergessen, was ich gerade gedreht habe. Erst so kann ich die Unvorhersehbarkeit erzeugen, die in der Kollision zweier Sequenzen liegt.“
Seine Filme erachtet Mekas als weder dokumentarisch noch politisch: Es sind Gefühlsfilme, Intuitionswerke. Er schneidet in der Kamera, beim Drehen selbst. „Der Rhythmus meiner Filme repräsentiert meinen Herzschlag. Das ist sehr komplex, wie im Jazz. Wenn Ornette Coleman spielt, geht auch alles automatisch vor sich. Man rationalisiert nicht, man tut es einfach.“

Seine Lyrik verfasst Mekas in litauischer Sprache. Seine Filme sind dem Äußeren verbunden, seine Poesie den Innenwelten des Autors: „Mein Kino ist Jung, meine Gedichte sind Freud.“ Das Flüchtige betone er keineswegs, meint Jonas Mekas im profil-Gespräch vehement: „Das liegt nicht an mir, sondern am Material! Filme sind nicht ewig, nichts hat Bestand. Wie viel ist denn heute noch übrig von der Kunst des 12. Jahrhunderts? Was besitzen wir denn noch von all den Filmen, die vor 100 Jahren gedreht wurden? So gut wie nichts!“

Seinen breiten litauischen Akzent hat er nie abgelegt, das gebrochene Mekas-Englisch gehört zum Charme dieses Mannes. Inzwischen ist er 90, aber er reist mit seinen Filmen weiterhin um die Welt, von einer Retrospektive zur nächsten, er arbeitet unaufhörlich, gern auch digital. 2007 drehte er ein ganzes Jahr lang jeden Tag einen Film für den iPod: lyrische Miniaturen als Download für die urbane Bohème. „Das war ein Traum meiner Kindheit: Filmbilder festhalten zu können, sich an sie zu klammern, sie mit sich zu tragen wie Bücher.“

Das Glück ist jedenfalls auf seiner Seite. Die jüngste Arbeit des souveränen Jonas Mekas, eine Kollektion höchstpersönlicher Filmfragmente aus einem halben Jahrhundert impressionistischer Liebesleistung, trägt einen beziehungsreichen Titel: „Outtakes From the Life of a Happy Man“.

Cool Art: Die Werkschau
Keine Mekas-Retrospektive kann die kulturelle Wirkung dieses Kunstaktivisten wirklich ermessen, wenn man nicht auch jene New Yorker Kino-Institution beleuchtet, die der Mann 1969 mit seinen engsten Mitstreitern (Peter Kubelka, P. Adams Sitney, Stan Brakhage und Jerome Hill) gegründet hat: Die unzähligen Programme und Zyklen, die in den Anthology Film Archives, gelegen im East Village an der Second Avenue, Ecke East Second Street, seither zu sehen waren, haben den Blick etlicher Generationen für das unabhängige Kino geschärft – und das New American Cinema im Kanon der Avantgarden fest verankert.

Im Filmmuseum ist zwischen 11. und 17. April, parallel zur Mekas-Schau, daher auch eine von den Anthology-Betreibern kuratierte Sub-Retro zu bewundern, die historische Dokumente und legendäre Undergroundfilme bieten wird, wie sie mit dem Haus untrennbar verbunden sind: Filme von Carolee Schneemann und den Kuchar-Brüdern, von Lionel Rogosin und Harry Smith. Im Anthology habe er mit Briefeschreiben und Telefonieren, mit Bitten um Geld „einen täglichen, unendlichen Kampf“ geführt, erinnert sich Mekas. Und er habe jedes Stück Film, ungeachtet seiner Qualität, bewahren wollen – denn es seien auch die anonymen Lehr-, Werbe- und Dokumentarfilme, die kostbares Anschauungsmaterial über das Leben im 20. Jahrhundert böten.

Foto: Peter M. Mayr