Opium und Mode für das Volk

Angelika Hager über den letzten Couturier, dem es gelang, mit seinen Kreationen die Gesellschaft zu revolutionieren.

Vergangene Woche verabschiedete sich Frankreichs Glamour-Elite, angeführt von Carla Sarkozy, von einem Mann, der seine Existenz längst als leblos empfunden hatte. „Ich fürchte den Tod nicht“, hatte Yves Saint Laurent, der im Alter von 71 Jahren den Folgen eines Gehirntumors erlag, bereits vor 25 Jahren gesagt: „Ich habe nicht das Gefühl, dass er mein Leben sehr durcheinanderbringen würde.“

Seinen ersten Abschied hatte Yves Saint Laurent bereits 2002 gefeiert. Die Inszenierung der Salontragödie hätte von seinem Lieblingsschriftsteller Marcel Proust ersonnen sein können, dessen epochales Sittengemälde „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ über 30 Jahre lang auf dem Nachtkästchen des Modeschöpfers lag. Mit der über Jahrzehnte kultivierten Aura eines verstörten Kanzleigehilfen stand Yves Saint Laurent nach seinem letzten Haute-Couture-Defilee im Ballsaal des Pariser Hotels Intercontinental und erklärte mit zittriger Stimme, dass er sich entschlossen hatte, „der Modewelt, die ich so sehr liebe, Adieu zu sagen“. In der ersten Reihe weinte die Musen-Armada des Meisters: Catherine Deneuve, Loulou de la Falaise, Janie Samet vom „Figaro“, die betagte Entdeckerin des „Prinzen“, und natürlich Pierre Bergé, der langjährige Geschäfts- und Lebenspartner Yves Saint Laurents, den er immer wieder „meine gnadenlose Kobra“ genannt hatte. Mit dem Satz „Die schönsten Paradiese sind die verlorenen“ schloss er seinen Schwanengesang, und spätes­tens zu diesem Zeitpunkt zückte der ansonsten so coole Tom Ford in der zweiten Reihe sein Taschentuch, um sich den Schweiß von der gebräunten Stirn zu wischen. Inzwischen sind auch Fords Bemühungen, die ermattete Marke YSL nach der Gucci-Methode wieder zu beleben, Geschichte – mit dem schalen Beigeschmack der Erfolglosigkeit. Ein geheimer Triumph, den Yves Saint Laurent in seiner abgedunkelten, mit Picassos und Warhols zugepflasterten Zwölfzimmerflucht noch auskosten durfte. Schließlich verkörperte Tom Ford, der stolz von sich behauptete, keine Naht ziehen zu können, den Sieg des Marketingstrategen über die alte Garde jener Couturiers, denen der genuine Schöpfungsakt jenseits von Kalkül und Kompromissen das Allerheiligste war.

Dass Yves Saint Laurent in den letzten zwanzig Jahren seines Schaffens zu einem Raubkopisten seiner selbst schrumpfte, der mit schlaffem Animo die eigenen Klassiker zu reanimieren suchte, wird in den Nachrufen ausgespart. „Müssen wir das beklatschen, nur weil es von dem Mann kommt, der neben Chanel wohl die größte Modepersönlichkeit des 20. Jahrhunderts war?“, polemisierte die deutsche „Vogue“ schon 1991. In der Tat: Yves Saint Laurent demontierte jahrelang seinen eigenen Mythos.Vielleicht waren Balenciaga und Dior die größeren Couturiers, doch der zeitlebens an Depressionen laborierende Saint Laurent hatte mit seinen Kreationen Akte der Rebellion gesetzt, die das neue weibliche Selbstbewusstsein stilgerecht rahmten. Bei seiner ersten Show 1958 für Dior – Yves Saint Laurent war nach dem Tod von Christian Dior mit 21 Jahren auf dessen Thron gesetzt worden – ließ er die Mannequins in Trapez-Hängerkleidern defilieren. „Ein Held ist geboren!“, schwärmte die „International Herald Tribune“ damals. Yves fand Gefallen am Parfum der Rebellion. Er posierte, nur mit einer Brille bekleidet, für das Eau de Toilette „homme“ und genoß den Skandal, den der Name „Opium“ für seinen Frauenduft nach sich zog. Er machte die Hose für die Frau salonfähig: Der von ihm kreierte Hosenanzug ist bis heute die Kampfmontur der Karrierefrau; sein Damensmoking ein Avantgarde-Klassiker.

Saint Laurent, der sich öffentlich oft als personifizierten Schwächeanfall inszenierte, war der erste Designer, der die Straßenkultur offensiv in seine Kollektionen integrierte. 1968 ließ er sich in einer Limousine zu den Pariser Straßenschlachten chauffieren, um aus sicherer Entfernung die Monturen der Generation Protest zu studieren. Er verfeinerte Motorradjacken und Trenchcoats zu luxuriösen ideologischen Statements und stieß in Tabuzonen, indem er bei Mao, der russischen Armee und afrikanischen Nomadenstämmen stibitzte. Sein Schaffensfieber wurde jedoch immer wieder unterbrochen von Zusammenbrüchen, bedingt durch Depressionen und die Sucht nach Kokain und Tranquilizern. Wenn die Modewelt Yves Saint Laurent trotz seines kreativen Niedergangs in den vergangenen Jahrzehnten weiterhin höflich applaudierte, so auch deshalb, weil der Meister bei jedem tapsigen, hilflosen Gang auf dem Laufsteg den Eindruck erweckte, es könnte diesmal unwiderruflich der letzte gewesen sein. In seinem Schlafzimmer hängt in Gold gerahmt ein Satz seines Wahlverwandten, Marcel Proust: „Die Familie der Übersensiblen ist erhaben und bedauernswert zugleich.“