ORF: Alexander Wrabetz über „Handshakes“ und Sparpläne

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz über seine Sparpläne und den Einfluss der Parteien.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Generaldirektor, Sie sind seit sieben Jahren im Amt. Ihre wievielte Krise ist das jetzt?
Wrabetz: Diesmal ist es keine Krise, sondern eine herausfordernde Situation. Es ist nicht zu vergleichen mit 2008, als Lehman Pleite ging, die Weltwirtschaft zusammen- und die Werbung einbrach.

profil: Die Niko-Pelinka-Krise 2011 haben Sie vergessen.
Wrabetz: Im Rückblick gesehen war das eine interessante Situation, aber keine Krise. Krisen gehen an die Substanz eines Unternehmens.

profil: Es wäre Ihnen sicher lieber, wenn es weniger dieser „interessanten Situationen“ gäbe, oder?
Wrabetz: Ich habe den ORF erfolgreich durch bewegte Zeiten der vollen Konkurrenz und durch die Wirtschaftskrise geführt. Wir sind nach wie vor Marktführer. Zuletzt war ich schon ganz nervös, weil es so ruhig war. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn man unabhängig von den Wahlen die Verlängerung der Gebührenrefundierung beschlossen hätte. Es hätte wenig dagegen gesprochen.

profil: Den Feldversuch ORF gibt es seit 45 Jahren. Inzwischen ist doch hinlänglich bewiesen, dass die Politik den ORF in regelmäßigen Abständen erpresst.
Wrabetz: Erpresst würde ich nicht sagen. Wir lassen uns auch nicht erpressen, aber öffentliches Eigentum bedingt öffentliche Diskussionen. Mit der öffentlichen Debatte muss man umgehen.

profil: Aber wie diese öffentlichen Debatten geführt werden! Stünden Sie nicht der SPÖ nahe, sondern der ÖVP, würden die Fronten bei der Gebührenrefundierung genau umgekehrt verlaufen.
Wrabetz: Es gibt sowohl in der SPÖ als auch in der ÖVP maßgebliche Leute, die unsere Argumente verstehen. Wir reden hier von 40 Millionen pro Jahr, gemessen an anderen Ausgaben des Staates ist das ein überschaubarer Betrag.

profil: Im November macht der ORF sein Budget. Glauben Sie, dass sich nach den Wahlen alles beruhigt und das Geld dann kommt?
Wrabetz: Das ist die Hoffnung. Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Sache dann schon im Parlament beschlossen ist, aber ich halte es für möglich, dass wir damit ins Regierungsprogramm kommen.

profil: Eine Drohkulisse, was alles abgeschafft wird, haben Sie ja schon aufgezogen: Weniger Assinger weniger „Musikantenstadl“, weniger „Kulturmontag“ und womöglich etliche hundert Angestellte weniger.
Wrabetz: Das ist keine Drohkulisse. Wir sind ein erfolgreiches Unternehmen, waren in den vergangenen Jahren in den schwarzen Zahlen und haben alle unsere Sparvorgaben erfüllt. Bei der letzten Refundierung sagte man uns, man gebe uns diese Mittel, weil auch Post, Telekom und ÖBB die Sozialbefreiungen ersetzt bekommen. Die Bedingung war, ORF-Sport-Plus und ORF 3 einzuführen und die Filmförderung zu erhöhen. Das haben wir alles gemacht – jetzt sagt man, macht das weiter, aber ohne das zusätzliche Geld.

profil: Eben. Die Politik hat viel mehr davon, den ORF zu erpressen, als die Post.
Wrabetz: Wenn man weniger in den ORF investiert, dann kommt am Ende weniger heraus. Daher ist es sicher keine Erpressung. Wir versuchen das in einem ausgewogenen Mix so zu machen, dass es auch funktionieren kann, wenn die Refundierung am Ende des Tages doch nicht kommt.

+++ Die seltsamen Analysen der Medienbehörde: Laut Untersuchungen der Medienbehörde sendet er das falsche Programm +++

profil: Wie sieht dieser Mix aus?
Wrabetz: Nächstes Jahr wird es zusätzliche tolle Programme geben: Olympia Sotschi und Fußball-Weltmeisterschaft. Das sind zwei Monate, in denen wir fantastische Quoten haben werden. Das kostet natürlich Geld, und wir werden dafür stille Reserven in der Höhe von 20 Millionen auflösen. Vom Gesamtbedarf von 80 Millionen bleiben so 60 Millionen übrig. Von diesen 60 werden wir 20 mit Personal- und Strukturmaßnahmen realisieren, 40 Millionen sind programmrelevante Maßnahmen im TV, im Radio und in den Landesstudios. Aber es stimmt: Bestimmte Programme werden wir nicht aufrechterhalten können.

profil: 20 Millionen Einsparungen beim Personal: Wieviele Leute wird es treffen?
Wrabetz: In den vergangenen drei Jahren haben wir die Personalkosten um 60 Millionen Euro gesenkt und haben jetzt um 600 Mitarbeiter weniger und zwei Nulllohnrunden hinter uns. Und das, obwohl wir unser Angebot ausgebaut haben, etwa mit ORF III. Da gibt es den einen oder anderen Bereich im öffentlichen Dienst, der das nicht geschafft hat.

profil: Kommen wieder vorzeitige Pensionierungen?
Wrabetz: Es wird weitere „Handshakes“ geben, weil das die verträglichste Form der Personalreduktion ist.

profil: Beim letzten Mal haben Sie eiskalt einige Publikumslieblinge entsorgt ...
Wrabetz: Nicht jeder ist eine berühmte Bildschirmpersönlichkeit. Die Alternative wäre, junge, frische Zukunftshoffnungen abzubauen. Wir bieten ja außerdem nicht jedem den Handshake an.

profil: Normalerweise heißt es „Golden Handshake“.
Wrabetz: Deswegen sage ich es nicht, weil er nicht „golden“ ist. Für bestimmte Mitarbeiter ist er in bestimmten Lebenssituationen eine vernünftige Lösung. Einige haben ihn schon angenommen. Mit den Abgängen werden wir Strukturmaßnahmen verbinden. Wir legen Abteilungen zusammen und nützen die Möglichkeiten zum trimedialen Arbeiten. Und wir wollen über den Kollektivvertrag für Neueintretende reden und ihn ähnlich jenem der Printjournalisten gestalten. Für bestehende Verträge wird es Übergangsregelungen geben, etwa im Bereich der Biennalsprünge.

profil: Werden Sie ohne Kündigungen durchkommen?
Wrabetz: Großflächige Auslagerungen in Tochtergesellschaften oder Kündigungen sind dann Alternativen, wenn wir es anders nicht schaffen.

profil:
Das Rundfunkorchester bleibt?
Wrabetz: Ja, es ist eine wesentliche Kulturleistung, die wir für das Land erbringen. Das RSO ist nach den Wiener Philharmonikern das beste Orchester im Land, und Österreich sollte sich ein zweites renommiertes Orchester leisten, das noch dazu auf moderne Musik spezialisiert ist. Auch das Orchester wird sparen müssen, aber ich stelle es nicht zur Disposition.

profil: Die ORF-Fernsehprogramme hatten im ersten Quartal einen Marktanteil von 35 Prozent. Es ist absehbar, dass in nicht ferner Zeit vorne ein Zweier steht. Ist ein solcher Sender dann noch legitimiert, Gebühren einzuheben?
Wrabetz: Wir haben im europäischen Vergleich Spitzenwerte, aber der Marktanteil ist anders, wenn ich zehn oder wenn ich 120 Konkurrenten habe. Bei der Information sind fast 95 Prozent des Publikums bei unseren Programmen. Wer Information sucht, findet sie bei uns. Das ist mein Anspruch. Wir werden allerdings nicht alle Tages- und Tagesrandzeiten im Fernsehen verteidigen können. Anders gesagt: Wir können auch erfolgreich sein, wenn wir beim klassischen Tagesmarktanteil noch weiter verlieren.

profil: Aber es gab doch symbolträchtige Niederlagen des ORF. Puls4 übertrug Bayern gegen Barcelona und der ORF Basel gegen Tottenham. Da musste 24 mal erwähnt werden, dass bei Basel ein Österreicher mitspielt. War es nicht ein fataler Fehler, die Champions-League aufzugeben?
Wrabetz: Wir stehen in einem intensiven Wettbewerb mit immer mehr finanzkräftigen Mitbewerbern, und dennoch sind 90 Prozent der großen Sportrechte bei uns. Umso mehr fällt es auf, wenn dann einmal ein Recht nicht bei uns ist.

profil: Die Champions-League ist nach dem Ski-Weltcup das attraktivste Sportprogramm.
Wrabetz: Wir haben die Fußball-Weltmeisterschaft, die Fußball-Europameisterschaft, wir haben die Bundesliga und die Euro-League. Wir haben nicht die Champions-League. Wir werden aber sicher versuchen, sie beim nächsten Mal wieder zurückzubekommen. Dann wird die öffentliche Debatte wahrscheinlich umgekehrt laufen: Wieso kauft der ORF mit öffentlichen Geldern so teure Sportrechte ein?

profil: Die Formel I wollen Sie angeblich auch aufgeben.
Wrabetz: Nein. Aber man muss alle fünf Jahre evaluieren, ob sie noch so viel bringt. Jetzt haben wir die Formel I bis 2016 und noch Zeit für eine Entscheidung.

profil: BZÖ-Mediensprecher Stefan Petzner behauptet, die ORF-Geschäftsführung lebe in Saus und Braus und müsse ihre Gehälter offenlegen. Werden Sie das tun?
Wrabetz: Unsere Einkommen stehen ohnehin im Rechnungshofbericht. Die Einkommen einzelner Journalisten oder Mitarbeiter werden wir sicher nicht offenlegen. Wir haben an der Spitze die Zahl der Direktoren von sechs auf vier reduziert. Wir haben die Führungspositionen um 100 reduziert. Wir sind für jede Diskussion offen, werden es aber nicht zulassen, dass einzelne Mitarbeiter vernadert werden.

profil: Gibt es eigentlich noch viele „weiße Elefanten“, also Mitarbeiter, für die es keine Verwendung gibt, die aber noch üppig bezahlt werden?
Wrabetz: Nein. Es hat sie natürlich gegeben und es wird immer wieder vorkommen, dass Führungskräfte keine Führungsposition mehr haben. Aber gerade durch die erwähnten „Handshakes“ ist da viel geschehen.

profil: Bitte genauer: Wieviele gibt es noch?
Wrabetz: Vielleicht zwei oder drei Leute von 3000 Mitarbeitern, und die stehen unmittelbar vor der Pension. Sicher nicht mehr als in jedem gut geführten privatwirtschaftlichen Unternehmen gleicher Größenordnung.

profil: Die SPÖ erhob vergangene Woche Anspruch auf den EU-Kommissar. Würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass die ÖVP den ORF-Generaldirektor bekommt? 2008 gab es jedenfalls einen solchen Deal.
Wrabetz: Ich glaube nicht, dass man eine erfolgreich arbeitende Geschäftsführung, die bis 2016 gewählt ist, für einen Politdeal absetzen wird. Es bekennen sich ja alle Parteien zur Unabhängigkeit des ORF, die durch eine allfällige Gremien-Reform – also eine Verkleinerung des Stiftungsrats – noch weiter steigen soll.

profil: Gremienreformen wurden in der Vergangenheit doch immer gemacht, um die jeweilige Geschäftsführung loszuwerden.
Wrabetz: Ich bin sicher, eine aufmerksame Öffentlichkeit würde im gegebenen Fall rechtzeitig darauf hinweisen. Uns wird attestiert, dass es in den Programmen und bei der Information unabhängig und ausgewogen zugeht. Aber natürlich gibt es in allen Parteien die eine oder andere Unzufriedenheit über kritische Berichterstattung, die sich dann in Presseaussendungen wie der vorhin zitierten äußert. Das muss man aushalten.

profil: Sie sind seit sieben Jahren ORF-General. Ist der Job lebensverkürzend?
Wrabetz: Es ist ein anspruchsvoller Job, der komplexer ist als ein „normaler“ Managementjob in der Industrie. Man muss das wirtschaftliche Management und die öffentliche Sphäre unter einen Hut bringen. Auf der anderen Seite sind wir der größte Kultur-, Informations- und Filmproduzent des Landes. Da gibt es auch viele freudvolle Erlebnisse.

profil: Gerd Bacher nannte das „die größte Orgel“ des Landes. Er war noch länger Generaldirektor als sie und steht durchaus lebhaft in seinem 88. Lebensjahr. Könnte er ein Vorbild sein?
Wrabetz: Was das Alter betrifft: Ja.

Fotos: Sebastian Reich