ORF: „Auch Kultur kann stinken“

Der neue Programmdirektor Wolfgang Lorenz über seine Reformpläne, die Außenwirkung des ORF, österreichische Identität und sein Überleben als parteipolitisch Unabhängiger.

profil: Ihr erster offizieller Arbeitstag als Programmdirektor. Laut Zeitungsberichten ist Ihre erste Personalentscheidung, den Job des Kulturchefs nach Margit Czöppans Rücktritt mit dem derzeitigen 3sat-Kulturmacher Martin Traxl zu besetzen.
Lorenz: Ich habe in den letzten zehn Tagen keine Zeitungen gelesen. Darum geht es mir auch sehr gut. Und darum weiß ich auch nicht, was dort vermeldet wurde. Aber es ist sehr gut möglich, dass Martin Traxl den Job übernehmen wird.
profil: Warum fällt Ihre Wahl auf Martin Traxl?
Lorenz: Ich war voll der Vorurteile, als ich ihn vor eineinhalb Jahren kennen lernte – und zwar deswegen, weil ich nicht ihn, sondern nur seinen Hausruf kannte. Und der war nicht berauschend. Aber wie so häufig ist dieser Ruf in keiner Weise gerechtfertigt. Traxl ist fantasievoll, gebildet, kompetent.
profil: Auch angstfrei? Eine Charaktereigenschaft, die Sie besonders schätzen sollen.
Lorenz: Auch das. Wenn er sich nicht einmal vor mir fürchtet, muss er angstfrei sein. Ich habe ihn schätzen gelernt, weil er sich bei so komplizierten 3sat-Partnern wie ARD, ZDF oder den Schweizern sofort ein unglaubliches Standing erworben hat. Er hat außerdem den Vorteil, der nächsten Generation anzugehören.
profil: Die Kultur wird Teil einer großen Programmreform. Der von Ihnen einst ins Leben gerufene „Treffpunkt“ soll gekürzt werden, der Kulturappendix der „ZiB 1“ soll verschwinden.
Lorenz: Kultur ist ein Lebensmittel einer zivilisierten Gesellschaft und darf deswegen im Fernsehen nicht ständig als Sonderfall daherkommen, der sich mit dem Etikett „Achtung Kultur“ auszuweisen hat. Es ist mein lebenslanges Projekt, Kultur nicht zu ghettoisieren, sondern als besondere Qualität unseres Lebens zu betrachten. Daher gibt es auch die Überlegung, die noch mit Elmar Oberhauser abzusprechen ist, in der „ZiB 1“ auf den Kulturpräsentator zu verzichten. Ich bin dafür, dass Kultur gleichberechtigt neben Wirtschaft, Sport, Innenpolitik in der Gesellschaft steht.
profil: Die Kultur-News sollen also in den Nachrichtenfluss integriert werden?
Lorenz: Wir sind noch nicht so weit, aber es könnte sich Kultur auch darüber neu definieren, dass sie ganz selbstverständlich daherkommt. Es macht keinen Sinn zu glauben, dass wir im Zusammenhang mit Kultur immer besonders gut riechen müssen. Auch Kultur kann stinken. Das ist doch ganz normal. Wenn sich Kultur schon beim Auftritt entschuldigt – frei nach dem Motto: „Jetzt kommt eigentlich etwas, das gar nicht für Sie bestimmt ist, weil wir nämlich etwas Besseres sind“ –, dann ist eigentlich schon alles verschissen. Deswegen glaube ich, dass man den Auftritt der Kultur normalisieren soll.
profil: Aber Ihre Erfindung, der „Treffpunkt Kultur“, hatte doch seit jeher etwas von einem Ghetto …
Lorenz: Zum Start vor zehn Jahren nicht. Heute schon. Daher möge er auch verändert werden.
profil: Können Sie uns Details verraten?
Lorenz: Nein. Ich bin ja gerade ein paar Stunden im Amt und will diese Geschichte mit den beteiligten Leuten planen und konzipieren. Aber so, wie es ist, wird es nicht bleiben. Möglicherweise wird die Sendung verkürzt, um eine Fläche zu schaffen, die am Montag ab 22.30 Uhr bis open end läuft, da könnte der „Treffpunkt“ beispielsweise in Kombination mit Dokumentationen, Features, Essays oder Artfilmen stehen.
profil: Als Sie sich für die ORF-Generalintendanz bewarben, verwendeten Sie extensiv den Begriff „Leitmedium“, um Ihre ORF-Idealvorstellung zu erklären. Was muss ein Leitmedium können?
Lorenz: Die Aufgabe des ORF ist es nicht, eine Institutionsbefriedigungsmaschine zu sein und im Fall der Kulturberichterstattung glückliche Bachlers, Holenders und Seipels zu erzeugen. Der ORF muss wieder themenführend werden und nicht den Zeitungen hinterherberichten, wie das leider lange der Fall war. Das war eine der Hauptschwächen der letzten Zeit. Und der ORF hat die Aufgabe, per se am Gesellschaftsbild dieses Landes mitzuwirken.
profil: Das ist ein hoher Anspruch. Sucht die breite Masse der TV-Konsumenten ihr Glück nicht eher im Eskapismus?
Lorenz: Eskapistisches Fernsehen ist nicht meines. Ich will nicht, dass sich die Büglerin in Judenburg einbildet, dass sich das wahre Leben in „Reich und schön“ abspielt und sie von dieser Art von Leben für immer ausgeschlossen sein wird.
profil: Aber die Cornwall-Idyllen aus dem Hause Rosamunde Pilcher bringen nun einmal deprimierend hohe Quoten.
Lorenz: Soll sein. Aber man muss ja nicht gegen Pilcher sein, um für Elisabeth Scharangs „Mein Mörder“ zu sein. Wenn die Menschen ORF-Programme konsumieren, soll es ihnen nachher möglichst besser gehen. Fernsehen soll Mut machen und Ermunterung bewirken.
profil: Das klingt nach Lebenshilfe. Das Fernsehen als Super-Nanny.
Lorenz: Lebenshilfe klingt so herablassend. Nennen wir es Coaching für ein besseres Leben. Ich bin nun einmal ein Verfechter des Gedankens, dass der ORF die Funktion eines elektronischen Lagerfeuers haben sollte, um das sich die ganze Familie versammelt. Wir müssen wärmer werden, der Sender ist ingesamt zu kalt und zu technokratisch geworden. Wir müssen mit unserem Publikum auf Körpertemperatur gehen. Wir brauchen gegenseitige Zuwendung.
profil: Generationsübergreifend wird heute kaum noch ferngesehen.
Lorenz: Das ist richtig. Aber wir können es uns auch nicht leisten, ständig Alt gegen Jung auszuspielen und umgekehrt. Die Positionierung der beiden Programme nach dem bisherigen Prinzip „ORF 1 ist strikt jung und urban, ORF 2 strikt älter und rural“ ist so nicht mehr haltbar. Deshalb werden wir auch die Zielgruppen neu definieren. Sonst bleibt in der Mitte eine Generation, vielleicht sogar zwei, übrig, die weder mit dem einen noch mit dem anderen Programm etwas anzufangen weiß.
profil: Die Missachtung der Generation 50 plus seitens der Werbewirtschaft hat ja auch ein Ende gefunden: Schließlich sind die Alten so jung und kaufkräftig wie nie zuvor.
Lorenz: Es war eines der Verdienste der Ära Lindner, dieses Thema von Anfang an hochzufahren. Sehen Sie nur mich an: Wer wäre früher mit 62 noch Fernsehdirektor geworden? Da ist extrem viel im Umbruch. Und in gewisser Weise sind wir ja auch Menschenbildhändler und können das Bild von dieser Generation entscheidend beeinflussen. Ganz abgesehen davon, dass in dieser Altersgruppe unsere treuesten Seher sind, weil sie nicht beliebig auf dem elektronischen Boulevard lümmeln.
profil: Exgeneralintendantin Monika Lindner hat den „Standard“-Redakteur Harald Fidler sowie den Online-„Standard“ verklagt, weil ihre Bewerbungsunterlagen ins Netz gestellt wurden. Die Klage wurde später zurückgezogen. Auch Ihr Bewerbungspapier konnte man sich herunterladen. Warum haben Sie nicht geklagt?
Lorenz: Man hat auch mich gefragt, ob ich klagen möchte, ich habe es aber unterlassen.
profil: Schließlich müssen Sie ja auch noch fünf Jahre mit den Journalisten leben.
Lorenz: Ich habe immer ein sehr gutes Verhältnis zu Journalisten gehabt. Manchmal wird man eben g’haut, aber das ist ganz normal in diesem Geschäft. Wenn jemand ordinär werden sollte, dann werde ich auch ordinär. Ich war damals höchst verblüfft, dass ich die Unterlagen, die ich bei einem Notar abgegeben hatte, wenig später im Internet gefunden habe. Dann habe ich es eher bedauert, die Chance verpasst zu haben, ein paar Gemeinheiten hineinzuschreiben.
profil: Die Emotionen im Zuge der GD-Wahl im vergangenen Sommer standen jenen rund um die Nationalratswahlen nur wenig nach.
Lorenz: Ich würde sogar sagen, dass die ORF-Wahlen als spannender empfunden wurden. Da stimmt doch etwas nicht. Insgesamt fällt auf, dass dem ORF eine Beachtung zuteil wird, die unserer Bedeutung gar nicht entspricht.
profil: Der von „ZiB 2“-Moderator Armin Wolf entfachte Diskurs um die journalistische Unabhängigkeit und der Untersuchungsausschuss gegen Chefredakteur Werner Mück hatten im Vorfeld bereits die Weichen für eine Ausnahmesituation gestellt.
Lorenz: Ja, das war eh alles ganz witzig. Trotzdem halte ich die Überschätzung der handelnden Personen insgesamt für kontraproduktiv. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass wir Dienstleister sein sollten und keine Selbstdarsteller. Rund um die Wahl des GD trat vor allem wieder eine Eigenschaft dieses Landes hervor, die nichts mit ehrlichem Interesse zu tun hat. Da ging es doch nur um die Bestimmung der Fallhöhe.
profil: Wie unangenehm ist Ihnen die Vorstellung, dass Sie dem Gesinnungswandel des BZÖ indirekt Ihren neuen Job zu verdanken haben?
Lorenz: So sehe ich das nicht. Da haben andere Komponenten mitgespielt.
profil: Die Stimmen des BZÖ galten aber allgemein als Zünglein an der Waage für die Bestellung von Alexander Wrabetz. Peter Westenthaler intervenierte ja bereits knapp nach der Wahl bezüglich eines besseren Sendeplatzes für seine TV-Konfrontation. Erlauben Sie uns die naive Frage: Kann es einen politisch unabhängigen ORF überhaupt geben?
Lorenz: Einen politisch unabhängigen ORF kann es schon deshalb nicht geben, weil sich der ORF in seiner Grundverfassung der Politik verdankt. Die Politik ist ja auch die Voraussetzung für unseren Bestand. Aber es gibt im ORF auch politisch völlig unabhängige Personen, die es trotzdem zu etwas gebracht haben.
profil: Sie selbst werden dem liberalen Flügel des bürgerlichen Lagers zugeordnet.
Lorenz: Es stimmt, dass ich diesem Lager zugeordnet werde, aber auch nur deswegen, weil man ohne Zuordnung in diesem Land heillos verdächtig wird. Ich bin durchaus bürgerlich, und zwar in dem Sinn, dass ich mich den Bürgern verpflichtet fühle. Aber Sie haben es tatsächlich mit einem leibhaftigen Unabhängigen zu tun.
profil: Ist das nicht sehr anstrengend?
Lorenz: Man muss nur rechtzeitig lernen, Nein zu sagen. Nein, ich will nicht Freimaurer werden. Nein, ich möchte dem Cartellverband nicht beitreten. Dann ist das eigentlich schon erledigt.
profil: Alexander Wrabetz hat in einer Laudatio für Monika Lindner angemerkt, dass es nur einmal eine reibungsfreiere Amtsübernahme gegeben habe: als Bacher an Bacher übergeben hat.
Lorenz: Das war wirklich ein guter Witz. Ich habe sehr gelacht. Die Menschen draußen glauben ja, dass es am Küniglberg wie in einer transsilvanischen Festung zugeht. Dieses Image muss man wegbringen. Die Unternehmenskultur in dieser Institution muss sich dringend ändern. Der ORF ist eine ganz normale Ansammlung von Menschen mit Stärken und Schwächen. Solange man mich als Chef akzeptiert, bin ich sehr für demokratische Systeme. Ich will den Leuten die Angst nehmen. Der ORF-Mitarbeiter neigt ja gerne dazu, sich als Opfer zu fühlen. Wir sind aber alle Täter.
profil: Die neue Offenheit hat Roland Düringer in seiner Wrabetz-Parodie „Super-Alex“ in Dorfers „Donnerstalk“ bereits demonstriert.
Lorenz: Na, war das nicht super? Wenn ein Unternehmen in der Lage ist, diese Art von Selbstironie zu kultivieren, finde ich das großartig. Außerdem: Wenn wir nicht gut aufgelegt sind, legt unser Programm auch nicht gut auf.
profil: Am 10. April soll die neue Programmreform auf Sendung gehen.
Lorenz: Die hundert Tage muss man uns schon gönnen. Die sind in unserer Branche ohnehin sehr wenig. Die Leute werden sich wahrscheinlich trotzdem beschweren, weil wir zwar schon eine Woche im Amt sind und das Programm sich noch immer nicht voll geändert hat.
profil: Ein sehr kostenintensiver Programmpunkt ist die im Vorabend von ORF 1 platzierte Daily Soap, die im April starten soll. Das Format läuft bereits in Holland und wurde vom ORF beim Produzenten John de Mol eingekauft. Wie verträgt sich das mit Ihrem oftmaligen programmideologischen Bekenntnis zur österreichischen Identität?
Lorenz: Richtig ist, dass wir bei de Mol einen Stock von Büchern gekauft haben, der die erste Phase des Projekts abdeckt. Ab einem gewissen Zeitpunkt werden wir dann selbst schreiben. Mit einer Daily Soap ist der ORF alleine derzeit logistisch überfordert. So etwas wurde hier noch nie gemacht. Deswegen greifen wir hier auf die Erfahrung von Profis auf diesem Gebiet zurück und eröffnen keine eigene Bastelstube. Das wäre so, als wollte ich mir den Blinddarm selbst herausoperieren. Es gibt Ärzte, die das machen. Das Produkt wird jedenfalls nicht fremdeln. Das ist durch und durch österreichisch generiert.
profil: Große Quotenerfolge wie „Dancing Stars“ und „Starmania“ stammen aus dem Labor der Entwicklungsabteilung, die Sie abschaffen wollen. Will der ORF sich keinen Think-Tank mehr leisten?
Lorenz: So wie das kommuniziert wurde, klingt das tatsächlich ungemein undankbar. Ich halte von den Leuten dort sehr viel, aber ich halte nichts davon, dass Kreativität ghettoisiert wird. Sollen die anderen etwa nicht nachdenken? Die, die dort arbeiten, müssen in andere Zusammenhänge gebracht werden, zum Beispiel in die langfristige Programmplanung einbezogen werden.
profil: „Starmania“-Kommentator Markus Spiegel hat im profil die Idee geäußert, das „Starmania“-Prinzip ins Opernmilieu zu transponieren.
Lorenz: Danke, aber das wissen wir schon. Vielleicht wird dieses Projekt schon eher realisiert, als Sie glauben.
profil: Einem großen Relaunch soll auch das in die Jahre gekommene Erfolgsformat „Seitenblicke“ unterzogen werden.
Lorenz: Nur weil es erfolgreich ist, muss es nicht so bleiben. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass die „Seitenblicke“ eine virtuelle Gesellschaft spiegeln, die es so gar nicht mehr gibt. Das Ganze wirkt wie ein wild gewordenes Kammerspiel und hat einen gewissen Grad der Lächerlichkeit erreicht. Um besser zu werden, müssen die „Seitenblicke“ komischerweise länger werden. Jetzt werden ja nur „short cuts“ geliefert, in denen nichts erzählt wird. Ich persönlich halte mich ja in dieser „Seitenblicke“-Gesellschaft nicht auf.
profil: Das behaupten alle.
Lorenz: Das stimmt, dass das alle behaupten, nur bei mir entspricht es auch der Wahrheit. In jedem Fall muss man jene, die die Sendung machen, in die journalistische Freiheit entlassen. „Seitenblicke“ kann nicht mehr so ein Interventionsstadl sein, wo ein Prominenter einen anderen Prominenten hineininterveniert. Unser Geschäft heißt Vielfalt. Wir hoffen auch, durch das neue Szenemagazin, das wir für ORF 1 planen, ein neues Gleichgewicht in der Gesellschaftsberichterstattung zu schaffen.
profil: Mit dem Vorabend-Szenemagazin „25“ hat der ORF schon eine ordentliche Bauchlandung hingelegt.
Lorenz: „25“ war ein Missverständnis ab ovo. Etwas, mit dem man Jugendliche ansprechen will, „Jugendmagazin“ zu nennen, ist das Schlimmste, was man machen kann. Mit „Szene“ meine ich die Auseinandersetzung mit jenen Talenten, die sich in unserem unglaublich begabten Land bewegen – aber bisher jenseits der Wahrnehmungsschwelle des ORF.
profil: Woran krankt es Ihrer Meinung nach beim österreichischen Film? Da gibt es zwar auch vereinzelt große Begabungen, die sich aber eher in Festivalpreisen als in Publikumserfolgen niederschlagen.
Lorenz: Der österreichische Filmschaffende bewegt sich im Wesentlichen zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Dazwischen entsteht sehr oft auch Mittelmaß. Wenn die Filmszene der Meinung ist, dass Talent im Überfluss vorhanden ist, aber es nur noch an weiteren hundert Millionen fehlt, dann ist das ein Missverständnis. Wir haben oft Schwierigkeiten, unser Geld auszugeben – mangels entsprechender Stoffe. Hypes wie „Feed The Word“ und „Die fetten Jahre sind vorbei“ bilden leider die Ausnahme.
profil: Der Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ unter der Regie des Österreichers Hans Weingartner wurde ausschließlich mit deutschem Geld finanziert.
Lorenz: Ich kann Ihnen auch sagen, warum: Uns wurde der Film nicht einmal angeboten, die haben uns vergessen. Noch schlimmer allerdings wäre es gewesen, wenn man uns eine Koproduktion angeboten, wir sie aber abgelehnt hätten. Beim nächsten Weingartner-Film sind wir jedenfalls dabei.
profil: Ihre Idee war es auch, eine Neuauflage des „Club 2“ zu versuchen.
Lorenz: „Club 2 1/2“ heißt das bei uns ironisierend als Arbeitstitel, denn das Format ident wiederzubeleben wäre lächerlich. Genaueres kann ich aber noch nicht sagen, weil ich bei Alexander Wrabetz um dieses Format noch bis Mitte Jänner mit Elmar Oberhauser rittern werde. Und hoffentlich gewinnen werde.
profil: Wie kann man sich die gähnende Langeweile von Diskussionsrunden wie „Offen gesagt“ erklären?
Lorenz: Die ist unerklärlich. Vielleicht am ehesten noch damit, dass der Österreicher keine Diskussionskultur hat und zum Stammeln neigt.
profil: Sie gelten als Anti-Amerikanist, was Serien betrifft. Kann es sich der ORF leisten, „Desperate Housewives“ nicht im Programm zu haben?
Lorenz: Nein. Aber wir können nicht als Abspielstation von nahezu ausschließlich amerikanischen Serien herhalten, die man auf allen anderen Sendern auch sehen kann. Wir müssen unverwechselbar sein und Österreich atmen. Sonst können wir den Laden zusperren.
profil: Als Kultmarken zutiefst österreichischen Fernsehens gelten „Ein echter Wiener geht nicht unter“ und „Kottan“. Fällt diese Ikonisierung unter nostalgische Verklärung?
Lorenz: Ich war damals bei beiden Formaten involviert. Den „Mundl“ habe ich damals am Bacher vorbei ins Programm geschummelt. Wenn ich dem Bacher gesagt hätt: „Du, wir machen eine Sendung über Wiener Proleten!“ – nun, mehr hätt ich nicht gebraucht.
profil: Das klingt herrlich anarchisch. Aber wie konnte Bacher so etwas übersehen?
Lorenz: Er hat es hingenommen. Und ehe etwas eskalieren konnte, haben sie ihn ohnehin leider rausgeschmissen. Damals pflegte der ORF aber nicht nur die Provokation nach außen, sondern auch die nach innen. Spätestens seit aber an der Burg in Schlingensiefs „Bambiland“ ein 15 Meter hoher Penis unter voller Publikumsakzeptanz auf einer Leinwand erigieren durfte, weiß ich: Der Aktionismus ist vorbei, in dieser Gesellschaft kannst du durch nichts mehr provozieren. Außer vielleicht dadurch, dass man sich selber nicht so wahnsinnig ernst und wichtig nimmt.
profil: Sie sind Maler – Sonntagsmaler, oder ist das ein wichtiges Paralleluniversum?
Lorenz: Es ist ein Teil von mir. Wenn ich länger nicht male, werde ich depressiv. Gibt es eigentlich etwas Schlimmeres als einen malenden Programmdirektor, der 62 ist, seinen ungefähr 18. oder 19. Job hat und dabei so tut, als ob es sein zweiter wäre?

Interview: Angelika Hager, Sebastian Hofer