Kathrin Zechner: „Manche überfordert mein Tempo“

ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner über die Schwierigkeiten der Programmreform, den Umgang mit Politinterventionen, die Affäre Niko Pelinka und ihre früheren Fehler.

Interview: Gernot Bauer, Angelika Hager

profil: Der Online-Meldung einer Tageszeitung zufolge sollen Sie kürzlich mit Polstern um sich geschlagen haben.
Zechner: Das ist absolut lächerlich! Bei einer Studiobegehung habe ich auf einer Couch drei Blümchenpolster entfernt, weil ich der Meinung war, dass das Studio weniger vollgeräumt, sondern klarer wirken sollte.

profil: Dennoch hört man, die aktuellen Budgetverhandlungen mit dem kaufmännischen Direktor seien besonders hart.
Zechner: Ich würde sie als intensiv bezeichnen.

profil: Das zusätzliche Budget, das Sie für die neue Programmgestaltung eingefordert haben, ist, so Richard Grasl in einem Interview, „einfach nicht vorhanden“.
Zechner: Dass Geld nicht vermehrbar ist, wissen sowohl der kaufmännische Direktor als auch ich. Ein Budget wie derzeit von 320 Millionen Euro ist sehr viel Geld. Wir verhandeln darüber, welche Marken wir pflegen, welche wir neu erfinden wollen. Wir gehen von einem Pool von Ideen aus, die wir nach Prioritäten reihen. Da werden Hauptabend und Vorabend vorn rangieren und das Frühstücksfernsehen eher nicht. Nichts zu tun ist keine Option. Wir müssen neue Produkte auf den Markt bringen, um attraktiv zu bleiben. Mit Effizienzsteigerung und Budgetprioritäten wird das gelingen.

profil: Die Differenz zwischen Richard Grasls Vorgaben und Ihren Programmwünschen liegt bei 80 Millionen Euro.
Zechner: Diese Zahl stimmt so nicht, weil die geplante Reform nicht in einem Durchgang, sondern in einem Stufenprogramm umgesetzt wird. Mit welchen Formaten wir zu welchem Zeitpunkt „on air“ gehen, ist eben auch Verhandlungssache. Sollten wir nicht auf einen grünen Zweig kommen – wovon ich nicht ausgehe –, werden Richard Grasl und ich mit unseren unterschiedlichen finanziellen Vorstellungen zum Generaldirektor gehen, und dann werden wir uns zu dritt einigen.

profil: Sie könnten eigentlich gleich in Ihrem Büro bleiben, weil der Generaldirektor sich Herrn Grasl anschließen wird.
Zechner: Da habe ich bereits andere Erfahrungen gemacht. Ich habe diesen Budgetprozess im vergangenen Jahr schon einmal erfolgreich hinter mich gebracht. Der finanzielle Spielraum ist natürlich eng, aber deswegen prüfe ich ja auch, wie ich meinen Bereich insgesamt effizienter gestalten kann. Ein Beispiel: Die neue Informationssendung „heute mittag“ gestalten wir dank Restrukturierung und reformierter Arbeitsprozesse mit der Vorabendmannschaft. Im Ergebnis schaffen wir eine Dreiviertelstunde täglich mehr Programm mit kaum Mehrkosten. Im Management prüfen wir aber auch die Priorisierung in anderen Direktionen – mit neuen trimedialen Arbeitsbildern. Das funktioniert bei den Auslandskorrespondenten und in den Landesstudios, warum nicht auch in der Zentrale.

profil: Aus den Fernsehinformationsredaktionen dringen in diesem Zusammenhang Beschwerden, dass man mehr Programm mit gleich viel oder weniger Leuten machen soll.
Zechner: Ich glaube nicht, dass die Mehrheit unzufrieden ist. Schließlich habe ich die Programmreformen ja nicht von oben verordnet, sondern mit den Teams gemeinsam entwickelt.

profil: Im Haus herrscht aber schon auch ein gewisser Frust. Es heißt, die Direktorin Zechner motiviere alle, neue Konzepte zu entwickeln, und wenn dann etwas vorgelegt werde, gebe es kein Geld dafür.
Zechner: Das stimmt schlicht nicht. Wir haben sehr viel Geld zur Verfügung. Wir setzen jetzt im Herbst fünf neue Formate um plus zwei neue Formate im Spartenkanal, das ist ja nicht nichts. Natürlich kann man nicht alles realisieren. Gleichzeitig werde ich natürlich mit aller Professionalität, Hartnäckigkeit, Härte, Überzeugungsarbeit und Leidenschaft für mehr Mittel eintreten, egal, woher sie kommen.

profil: Alexander Wrabetz wird knausrig bleiben – bei aller Leidenschaft, die Sie aufbringen.
Zechner: Ich hatte eben auch Härte erwähnt.

profil: Sie besitzen als erste Fernsehdirektorin nicht einmal Personalhoheit. Ärgert Sie das?
Zechner: Alexander Wrabetz ist per Gesetz alleiniger Geschäftsführer und hat die Letztentscheidung über Personal, Finanz und Inhalt. Aber jede Personalentscheidung, die in den vergangenen acht Monaten gefällt wurde, wurde von den entsprechenden Redaktionen und mir mitgetragen. Es gab keine einzige Intervention bezüglich personeller Entscheidungen.

profil: Als Fernsehdirektorin sind Sie erstmals für Information und Unterhaltung zuständig. Gab es von den „Aktuellen“ ­einen entsprechenden Misstrauensvorschuss für eine Chefin, die vorher noch nie etwas mit Information zu tun hatte?
Zechner: Ich war bei meinem Antritt überrascht, von welcher Neugier, gepaart mit Respekt, die Haltung der Redaktionen mir gegenüber geprägt war. Es gab von Anfang an einen sehr intensiven Diskurs in Sachfragen. Diese Herausforderung hat meinen sportlichen Ehrgeiz geweckt und war ein Grund, warum ich diesen Job übernommen habe.

profil: Bei Ihrem Amtsantritt im vergangenen Jänner war ge­rade die Causa um SPÖ-Stiftungsrat Niko Pelinka virulent, der Büroleiter des Generaldirektors werden sollte. Sie haben sich zu diesem Fall bedeckt gehalten.
Zechner: Das passierte zu einem Zeitpunkt, als ich gerade begonnen hatte, und daher habe ich mich in Distanz geübt.

profil: Wie standen Sie zu dem Protestfilm, in dem einige ORF-Moderatoren und -Redakteure ihre Empörung über diese Verletzung der Unabhängigkeit öffentlich publik machten?
Zechner: Differenzen nach außen zu tragen ist für mich indiskutabel. Konflikte jeder Art sind ausschließlich intern zu diskutieren. Dabei ist es aber auch ganz wichtig, dass der interne Diskurs dann so offen und ehrlich geführt wird, dass es gar nicht notwendig ist hinauszugehen. In den vergangenen Wochen und Monaten ist von den Diskussionen nichts nach außen gedrungen – weil die Kollegen eben merken, dass hart geführte interne Diskussionen auch von uns durchaus erwünscht sind.

profil: Andererseits ist der ORF nun einmal kein Privatunternehmen, sondern öffentlich-rechtlich. Hat die Öffentlichkeit nicht auch ein Recht, von diesen internen Vorgängen und Konflikten in Kenntnis gesetzt zu werden?
Zechner: Ich kann mich nur wiederholen: Ich kann nicht akzeptieren, dass interne Konflikte nach außen getragen werden. Und inzwischen wollen die Redaktionen das selbst nicht. Vor einiger Zeit gab es einen Zwischenfall, bei dem Interna nach draußen gedrungen waren. Ob des Datenschutzes waren uns die Hände gebunden, aber die betroffene Redaktion hat sich freiwillig bereit erklärt, die Computer zu öffnen und ihre Vorgesetzten Einsicht nehmen zu lassen. Da brauchte es keinen Betriebsrat und keine Freigaben.

profil: Wäre eine solche öffentliche Protestaktion seitens eines Redakteurs unter Ihrer Führung ein Kündigungsgrund?
Zechner: Ob ich das als Kündigungsgrund ansehe, ist dann aus der konkreten Situation heraus zu entscheiden.

profil: Programmdirektor Wolfgang Lorenz sagte knapp vor seiner Pensionierung in einem profil-Interview, für das Alexander Wrabetz ihn danach maßregelte, dass die politische Einflussnahme im ORF noch nie so groß war wie jetzt und er sich wünschte, dass man den Politikern viel öfter die Tür weise.
Zechner: Natürlich gibt es Interventionen. Die Frage ist nur, wie man reagiert. Wenn es eine Form der Intervention ist, die in einer konstruktiven Anregung daherkommt oder auf eine falsche Information aufmerksam macht, sollte man sich damit auseinandersetzen. Aber wenn interveniert wird, um politisch zu steuern, muss man einfach ein klares Nein entgegenhalten.

profil: Und die Politik schluckt das?
Zechner: Ja, dann ist re­lativ schnell Ruhe. Ich habe ja auch schon hinlänglich bewiesen, dass Unabhängigkeit für mich kein Begriff ist, der nur auf dem Papier existiert, sondern den ich auch lebe. Ich musste aus diesem Grund auch schon zweimal einen Job verlassen. Da die eigene Mannschaft sehr wohl gemerkt hat, dass die Chefin Deckung gibt, wenn man sich gegen versuchte Einflussnahmen zur Wehr setzt, hat sich das Klima gewandelt. Es ist einfach viel anstrengender, mühsamer und argumentativ aufwändiger geworden, vor einer verschlossenen Tür zu intervenieren als bei einer weit geöffneten.

profil: Im Alter von 31 Jahren wurden Sie erstmals Programmintendantin des ORF. Hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Frauen in Machtpositionen, die dann auch gern als die schlimmeren Männer diffamiert werden, inzwischen positiv verändert?
Zechner: Es gibt sie nach wie vor, die Wertkonservativen, die ein äußerst fragwürdiges Frauen- und Männerbild vor sich her tragen. Aber inzwischen kümmere ich mich nicht mehr darum zu analysieren, ob ich einen eher weiblichen oder mehr männlichen Führungsstil pflege. Ich genieße, dass ich die Persönlichkeit Kathrin Zechner bin und entsprechend agiere. Und wenn mich manche Journalisten besorgt fragen, wie ich denn diese Verantwortung überhaupt bewältige, kann ich nur antworten: Es ist unglaublich toll, so viel Verantwortung anvertraut zu bekommen und so viel gestalten zu können.

profil: Sie wurden früher auch dafür kritisiert, auf Partys wild getanzt und sich sehr schräg angezogen zu haben. Sind die wilden Jahre vorbei?
Zechner: Ich bin jetzt 49, damals war ich 30. Mein Benehmen hatte sicher auch etwas mit einer gewissen Trotzreaktion zu tun. Ich dachte mir: Ich arbeite so hart, ich liefere ab, ich bin hochprofessionell, ich bin aber auch erst 30 und will dementsprechend leben. Die Erkenntnis, dass das oft nicht unbedingt ideal war und ich mir einiges davon hätte sparen können, war Teil meines Entwicklungsprozesses.

profil: Eines der neuen Formate, die im Zuge der Programmreform umgesetzt werden, ist eine „Versteckte Kamera“-Sendung mit Mirjam Weichselbraun. Mit Verlaub: Dieses Format ist nahezu so alt wie das Fernsehen selbst.
Zechner: Es gibt einfach Standards, die gut sind – genauso wie es den Vespa-Roller seit fast 70 Jahren gibt, den braucht man nicht neu erfinden. Der Mittwochabend wird mit Eigenproduktionen durchgestrippt.

profil: Der ORF hat zwar nicht mehr die Champions-League-Rechte, überträgt aber die Europa League, die beinahe ohne österreichische Beteiligung abgelaufen wäre. Dass Rapid nicht gegen Saloniki aus dem Bewerb flog, muss aus TV-Quotensicht eine große Erleichterung für Sie gewesen sein.
Zechner: Sagen wir so: Nach dem Schlusspfiff ist auf meinem Handy ein SMS-Gratulationssturm von ORF-Kollegen eingegangen.

profil: Sie sind auch dafür bekannt, dass Sie in einem Höllentempo arbeiten. In einem sehr behäbigen Unternehmen wie dem ORF, in dem auch sehr viel Energie in Intrigen und hierarchischen Hickhack verschwendet wird, überfordern Sie damit sicher auch manche Mitarbeiter.
Zechner: Es stimmt, dass ich das Tempo einfordere, das ich selbst vorlebe. Das reibt sich manchmal an der Behäbigkeit ministerieller und verbeamteter Strukturen. Manche begrüßen das und tragen mein Tempo mit, manche überfordert mein Tempo. Dann kommen die üblichen Sätze wie „Die ist zu laut“, „Die ist zu cholerisch“ oder „Die ist zu schnell“. Was ich aber jederzeit unterschreiben würde, ist, dass ich sehr ungeduldig bin. Nur: In meiner Job-Description steht nicht, dass ich von allen geliebt werden muss. Um meine Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu animieren, werde ich ihnen auch schon einmal auf die Nerven gehen müssen. Das ist nun einmal kein Streichelzoo, sondern ein Fernsehsender.

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Kathrin Zechner , 49
Die gebürtige Grazerin und studierte Juristin übernahm unter dem damaligen ORF-Generalintendanten Gerhard Zeiler 1995 erstmals die Funktion der Programmintendantin. Sie setzte Formate wie den Dauerbrenner „Barbara Karlich“ und den Reality-Quotenfeger „Taxi Orange“ auf Schiene und betrieb erstmals eine sanfte Boulevardisierung des ORF. Unter Gerhard Weis legte Zechner noch eine ­Periode nach. Mit dem Antritt von Monika Lindner musste sie ­gehen. Nach einer Pause, in der sie freiberuflich für das Fernsehen arbeitete, übernahm die Mutter von zwei Söhnen 2004 die ­Direktion der Vereinigten Bühnen Wien, wo ihr unter anderem mit „Ich war noch niemals in New York“ und „Rebecca“ Publikumshits gelangen, sie aber auch Misserfolge wie „Rudolf“ verzeichnen ­musste. Seit 1. Jänner 2012 amtiert sie als ORF-Fernsehdirektorin.

Fotos: Sebastian Reich für profil