ORF: Kritik der Kulturszene an Wrabetz verschärft sich

ORF: Kritik der Kulturszene an Wrabetz verschärft sich

Der ORF taumelt zwischen ­massiven Kultur-Spardrohungen und glühendem Bekenntnis zur Kunst. Dem Prestige des Leitmediums tut die dabei entfachte Debatte nicht gut.

Der Kapitän kalmiert. Grund zur Unruhe? Nicht doch. „Die Kulturmaschine ORF brummt“, ließ Alexander Wrabetz am Dienstag vergangener Woche wissen. So reagierte der ORF-General auf die weit über Österreichs Grenzen hinaus laut gewordene Kritik an jenen harten Sparmaßnahmen, die er selbst angedroht hatte – und die vor allem Kulturelles betreffen sollten: die Filmförderung, den Bachmannpreis, einzelne ORF-Kultursendungen. Zwei Tage später erhöhte Wrabetz das Niveau der Gegenpropaganda: Es sei „der falsche Eindruck“ entstanden, der ORF wolle bei der Erfüllung seiner Sparvorgaben „den Kulturbereich unverhältnismäßig stark belasten“. Das Gegenteil sei der Fall. Es werde „auch bei Unterhaltungsformaten, Showevents, Dokusoaps usw. zu spürbaren Einschnitten kommen“, die Kultur jedoch „war, ist und bleibt eine Kernaufgabe des ORF“. Man werde das Radio-Symphonieorchester (RSO) erhalten, Ö1, FM4 und ORF III unangetastet lassen, zur Beteiligung an 3sat stehen. Der „Kulturmontag“ bleibe ebenso bestehen, wie man „die umfassenden Kulturaktivitäten der ORF-Landesstudios“ fortsetzen werde.

+++ Alexander Wrabetz über „Handshakes“ und Sparpläne +++

Alles bestens also? Leider nein. Denn stolze 80 Millionen Euro werden dem ORF 2014 fehlen, die er durch Immobilien- und Wertpapierverkauf, Personal- und Strukturmaßnahmen sowie einschneidende Kürzungen im TV- und Radioprogramm kompensieren will. Die Veräußerung der traditionellen ORF-Filmstudios am Wiener Rosenhügel ist hier nur der erste Schritt. Hintergrund: Die Regierung hält eisern an ihrem Plan fest, die auf vier Jahre limitierte Refundierung jener Gebühren, von denen mittellose TV-Konsumenten befreit werden, nun wie geplant auslaufen zu lassen. 160 Millionen Euro wurden in diesen vier Jahren in den ORF gespült. Mit dem drohenden Ende dieser Zuwendung brechen auf dem Küniglberg härtere Zeiten an. In seinem Kampf um eine Fortsetzung der Gebührenrefundierung griff Wrabetz daher zu ungeahnten Mitteln: Er listete kühl auf, was unter solchem Druck mutmaßlich nicht mehr finanzierbar sei – und wählte wohl nicht zufällig den Kulturbereich als Hauptschauplatz seines potenziellen Kahlschlags. Denn mit der Ankündigung, ein paar US-Vorabendserien einzustellen und einen „Musikantenstadl“ weniger senden zu wollen, hätte er nicht einmal einen Bruchteil jenes medialen Getöses erzeugt, das sich nun zuverlässig einstellte.

„Rettet den Bachmannpreis“
Mit einer Mischung aus Betroffenheit und Wut quittierte die Kulturszene insbesondere die ORF-Ankündigung, sich den Bachmannpreis womöglich nicht mehr leisten zu können. Bei der in Villach abgehaltenen „Nacht der schlechten Texte“, einer die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ satirisch flankierenden Veranstaltung, gab es vergangene Woche kaum ein anderes Thema als das drohende Aus des seit 1977 alljährlich abgehaltenen Wettlesens. In Kärnten selbst wird dessen mögliche Einsparung als Affront gegen das Bundesland verstanden. Kuriose Allianzen haben sich gebildet – Team Stronach und BZÖ, IG-Autorinnen-Autoren-Chef Gerhard Ruiss und Vorjahressiegerin Olga Martynova. Und die Literatur hat es ausnahmsweise ganzflächig auf die Titelseiten regionaler Zeitungen geschafft: „Rettet den Bachmannpreis“, forderte die „Kleine Zeitung“ vor wenigen Tagen. Die Veranstaltung selbst, die am Mittwoch dieser Woche mit einer von Michael Köhlmeier gehaltenen Rede eröffnet wird, steht unter keinem guten Stern: „Wir werden vor lauter Sorge Mühe haben, den Teilnehmern und ihren Texten gerecht zu werden. Aber wir werden das schaffen“, versprüht Jury-Präsident Burkhard Spinnen Zweckoptimismus: „In meinem ersten Jahr in Klagenfurt hatte der Bewerb gerade unter den abschätzigen ­Bemerkungen des damaligen Landeshauptmanns Haider zu leiden. Auch ­damals gelang die Konzentration auf die Literatur.“ In Köhlmeiers Eröffnungsstatement wird die aktuelle Causa keine große Rolle spielen: „Meine Rede wird sich um den Schriftsteller Jörg Fauser drehen, den ich vor 30 Jahren in Klagenfurt kennengelernt habe“, kündigt der Autor an: „Es ist mir viel wichtiger, über Fauser zu sprechen als über Wrabetz. Nichts, gar nichts kann mich davon abhalten, eine Hommage auf Fauser zu halten.“

Wer zahlt mir den Bachmannpreis?
IG-Autorinnen-Autoren-Chef Ruiss ortet in der ORF-Ankündigung, ausgerechnet den renommierten Bachmannpreis aufgeben zu wollen, „ein geändertes Geschäftskonzept: Der ORF ist auf der Suche nach Geld. Die Absicht, die dahintersteckt, lautet: Wer zahlt mir den Bachmannpreis? Wer zahlt all das, was der ORF canceln will?“ Krisenzeiten rufen stets auch Spaßmacher auf den Plan: Ein Waldviertler Wodka-Hersteller nützte am vergangenen Mittwoch die Gelegenheit zur Selbstpromotion – der Getränkeproduzent erklärte, den ORF „von seinem Kulturauftrag zu entbinden“ und die Kosten für den Bachmannpreis 2014 zu übernehmen. Die Wiener Universität für angewandte Kunst ließ indes verlauten, die Bachmann-Trophäen würden künftig im Rahmen einer „Nacht der österreichischen Literatur für wirklich wertvolle Gebrauchsliteratur“ vergeben.

Gerhard Ruiss nimmt die Sache deutlich ernster: „Es war von Beginn an offensichtlich, dass der ORF um die Refundierung pokern würde. Aber bereits die ­Absichtserklärung ist als Drohung einzustufen. Budgetpläne darf man nie gelassen nehmen.“ Der ORF scheint übrigens länger schon ein Problem mit der Klagenfurter Literaturshow zu haben: 2012 wurde die langjährige Bachmannpreis-Organisatorin Michaela Monschein in einer Hauruck-Aktion ihres Postens enthoben. Es war überdeutlich, dass die Abberufung nicht einvernehmlich verlief. Monschein, die keineswegs Amtsmüdigkeit gezeigt hatte, wurde nicht offiziell verabschiedet – keine Blumen, keine Würdigung, keine Danksagung. Und die von ORF-Landesintendantin Karin Bernhard kolportierte Summe von 350.000 Euro, mit denen sich der ORF am Wettbewerb beteilige, ist bislang eine bloß behauptete Zahl ohne Belege: Den Großteil der Reise-, Übernachtungs- und Preiskosten übernehmen Stadt und private Sponsoren.

„Nicht genügend! Setzen! Fünf!“
Es ist bis heute nicht bekannt, wie der ORF seine Klagenfurter Lesewochenkosten in Sachleistungen und Sendezeiten aufschlüsselt. Für Gerhard Ruiss ist die Diskussion um das Kärntner Wettlesen ohnehin nur Symptom, Teil eines größeren Ganzen: „Kultur wird vom ORF längst nicht mehr als Auftrag, eher als Luxus verstanden: Erst wenn wir Kohle und Quote gemacht haben, widmen wir uns dem Kunstaufputz. Kultur ist am Küniglberg nur ein Kostenfaktor, ein Publikumsvertreibungsfaktor.“ Ähnlich argumentiert Köhlmeier: „Die Kosten für den Bachmannpreis stehen in keinerlei Relation zur angerichteten Rufschädigung“, meint der Vorarlberger Schriftsteller: „Eine unsägliche PR-Leistung des Generaldirektors. Nicht genügend! Setzen! Fünf!“ Auch wenn Wrabetz seine Drohung möglicherweise zurücknehmen werde: „Der Schaden ist angerichtet – und es wird allmählich evident, wie ernst Wrabetz seinen Kulturauftrag nimmt. Ein Abwägen von Für und Wider findet nicht mehr statt, mit fatalen Folgen: Knickt der Kulturauftrag, kann die Anstalt gleich zusperren.“

100 Millionen Euro für Sportrechte
Seit der Gegenwind, der Wrabetz nun von allen Seiten zu ereilen scheint, zu heftig geworden ist, wird eilig zurückgerudert: Man wolle in den kommenden Tagen „zahlreiche Gespräche“ über die Erhaltung des ORF-Bachmannpreis-Engagements führen. Der Nachsatz lässt tief blicken: „Als Generaldirektor des ORF hätte ich mich gefreut, wenn all jene, die jetzt öffentlich ihrer Besorgnis Ausdruck verleihen, schon bisher, ebenso lautstark, für die Refundierung eingetreten wären.“ Um die 350.000 Euro, die man sich in Klagenfurt sparen könnte, dürfte es jedenfalls nicht eigentlich gegangen sein. Denn der ORF ist de facto alles andere als arm. Allein für die Sportrechte 2014, für Olympia- und Fußball-WM-Übertragungen, machte Wrabetz 100 Millionen Euro locker.

„Anschluss an das großdeutsche Medienreich“
Die seit Jahren (nicht nur vom ORF) unterdotierte Filmbranche fürchtet indes die Konsequenzen einer neuen Sparpolitik. ORF-Fernsehfilmchef Heinrich Mis erkennt die Angst, vermisst aber den effizienten öffentlichen Aufschrei: Wenn die Alpine-Affäre ausbreche, „läuft die Republik zusammen. Wenn die Filmbranche zu tönen versucht, ist das viel weniger wirksam. Leider.“ Natürlich könne man das Feld der starken deutschen Medienbranche überlassen, sagt Mis. Klug sei das nicht. „Dann haben wir bald wirtschaftliche Hegemonie deutscher Konzerne – und inhaltlich den Anschluss an das großdeutsche Medienreich. Letztlich wäre dies die Preisgabe der mühsam erarbeiteten österreichischen Identität.“ Für die Sichtbarkeit des heimischen Serien- und Spielfilmprogramms gebe es eine kritische Masse. „Die ist jetzt gefährdet.“ Kinofilm und Fernsehwirtschaft seien eng verflochten. „Die mobilen und besten Kräfte werden abwandern.“ Noch gebe es im Kinobereich keine echte Krise, meint Mis, für 2013 sei das Zutun des ORF an der Filmförderung ohne Kürzungen gesichert. Aber: „Mögliche geringere Finanzierungsanteile des ORF schwächen das Ganze. Aus einem stabilen Sessel wird ein wackeliges Stühlchen und am Ende ein dreibeiniger Hocker.“

In der ORF-Zentrale übt man sich derweil in blankem Optimismus. Sogar die Frage, welche der vielen zur Disposition gestellten Kultursendungen des ORF im Ernstfall eingestellt werden müssten, kann die Pressestelle auf dem Küniglberg nur mit Eigenlob beantworten: Der mit dem berühmten RSO, den Kultursendern Ö1 und ORF III, mit der 3sat-Beteiligung und seinen vielen Kulturmagazinen ausgestattete ORF, heißt es da erstaunlich selbstsicher, „ist und bleibt nicht nur die größte Kulturinstitution Österreichs“, sondern sei „in seiner Vielfalt, Breite und Akzeptanz das erfolgreichste öffentlich-rechtliche Medienunternehmen in Europa“. All das werde auch 2014 so bleiben. Es sei aber ein „Faktum, dass der ORF in finanziell schwierigen Zeiten zu überlegen hat, welche Angebote zum Kerngeschäft eines Medienunternehmens gehören“. Vor dem Budgetbeschluss im November 2013 sei mit Kommentaren zu einzelnen Sendungen nicht zu rechnen. Es könne jedoch „festgehalten werden, dass der Beitrag des ORF zum österreichischen Filmschaffen nicht geschmälert werden soll“. Die heimische Musikszene scheint da weniger wichtig zu sein: Lapidar gab der ORF vergangene Woche dem Österreichischen Musikfonds die Streichung seiner Förderung bekannt.

Den schönen Reden müssten Taten folgen. Inzwischen ist der Lärm vernehmlich geworden. Wenn seine Kulturmaschine weiterhin so gefährlich brummt, sollte der ORF einen Motorschaden nicht mehr ausschließen.