ORF-Online-Direktor Thomas Prantner: Der letzte Mohikaner

Online-Direktor Thomas Prantner ist der letzte Unversehrte aus der Startaufstellung von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Dabei hatte man gerade ihm die geringsten Chancen eingeräumt.

Wer lange genug in den Diensten des ORF bleibe, kenne den Effekt aus eigener Erfahrung oder zumindest aus der Beobachtung von Kollegen, heißt es am Wiener Küniglberg: Man wittere Intrigen, wo keine sind, registriere argwöhnisch Kantinenfreundschaften und fürchte Machtwechsel wie der Teufel das Weihwasser.

Thomas Prantner, 46, ist schon lange im Unternehmen. Vor 26 Jahren hat er erstmals als freier Mitarbeiter bei den TV-Magazinen angeheuert, und in einer so langen Zeit "lernt man schon zu überleben“, sagt Prantner nicht ohne Stolz. "Er ist wirklich ein Steher“, wundert sich ein anderer ORF-Grande, der nicht immer zu den Bewunderern von Prantners Aktivitäten gezählt hatte.

Quietschfidel
Thomas Prantner ist der letzte einigermaßen Unversehrte aus jenem Team, mit dem Alexander Wrabetz am 1. Jänner 2007 angetreten war: Peter Moosmann, der Techniker, ist im Vorjahr an Krebs gestorben, Radiodirektor Willy Mitsche zog sich nach einer schweren Erkrankung zurück, Finanzchefin Sissy Mayerhoffer wurde nach politischer Rochade ausgetauscht, Informationsdirektor Elmar Oberhauser von Generaldirektor Wrabetz gefeuert, und Programmdirektor Wolfgang Lorenz ist nach einem profil-Interview schwer in Ungnade gefallen ("Du kannst es wieder einmal nicht lassen, das Unternehmen anzubrunzen“, so der Generaldirektor in einem Mail). Nur Thomas Prantner ist quietschfidel.

Dabei wäre es ihm schon fast an den Kragen gegangen. 2009 wollte ihn Wrabetz, von der roten Regierungsspitze selbst unter Druck gesetzt, zu TW1 wegloben und den Posten einsparen, wie dies der Rechnungshof empfohlen hatte. Prantner blieb hart: Er sei für fünf Jahre gewählt. Wer ihn los sein wolle, müsse ihn abwählen lassen.

Und das wäre gar nicht so leicht. Denn trotz seines vergleichsweise kleinen Reichs - gerade etwa 100 Mitarbeiter zählt seine Online-Direktion - ist Prantner ein Faktor in den Machtspielen um den ORF: Er ist der Verbindungsmann zum "dritten Lager“, also zu FPÖ und BZÖ, die im Stiftungsrat über drei der 35 Sitze verfügen.

„Regenbogenkoalition”
Prantner sei mit seinen Kontakten einer der wichtigsten Architekten der "Regenbogenkoalition“ zwischen SPÖ, FPÖ, BZÖ und Grünen gewesen, die 2006 Alexander Wrabetz auf den Chefsessel des ORF gehievt hatte, heißt es. Was so nicht stimmt: Finalisiert wurde der Deal im Juli 2006 am Rande des Beachvolleyball-Turniers an den Gestaden des Wörthersees, wo Wrabetz und Oberhauser Jörg Haider und Peter Westenthaler von den Vorzügen der Wende im ORF überzeugt hatten. Bei Westenthaler war das nicht schwer: Er war seit Mai 2006 als BZÖ-Spitzenkandidat für die Nationalratswahlen designiert und fuchsteufelswild, weil ihn Wolfgang Schüssel nicht anstelle von Hubert Gorbach als Vizekanzler in die Regierung nehmen wollte. Der ÖVP noch knapp vor den Wahlen eine Niederlage zuzufügen schien ihm eine gerechte Strafe.

Nachvollziehbarer ist Prantners Vermittlertätigkeit im Tauziehen um das neue ORF-Gesetz im Sommer des Vorjahrs. Dafür war eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat nötig, die die Koalition ursprünglich mit den Grünen erreichen wollte. Als diese absprangen, trat Prantner in Erscheinung und organisierte die Stimmen der FPÖ.

Dabei ist der umgängliche Niederösterreicher aus der Hinterbrühl bei Mödling alles andere als ein Kind des dritten Lagers. Sein kurz vor Weihnachten 2010 verstorbener Vater Robert war Sekretär des Staatsvertragskanzlers Julius Raab gewesen, Nationalratspräsident Alfred Maleta (ÖVP) ging im Hause Prantner ein und aus. Robert Prantner wandte sich später völlig der Religion zu, wurde Theologe und profilierte sich so nachhaltig als Speerspitze der Konservativen, dass ihm die katholisch-theologische Fakultät der Wiener Universität die Prüfungsbefugnis aberkannte. Als Mitglied des berüchtigten "Engelswerks“ kokettierte er sogar mit antisemitischen Ritualmordlegenden.

Thomas Prantner, Jahrgang 1964, genoss seine schulische Ausbildung folgerichtig im Jesuitenkolleg Kalksburg, einer gefürchteten Kaderschmiede des Konservativismus, mit der André Heller, selbst ein ehemaliger Zögling, im Vorjahr in einem Buch bitter abrechnete.

Trotz der nicht eben von modernem Geist gezeichneten Erziehung erwies sich der junge Thomas als durchaus lebenstüchtig. Mit 15 schrieb er als Volontär bei den "Niederösterreichischen Nachrichten“, wechselte mit 19 zum Zeitgeist-Magazin "Wiener“ und danach zur Boulevard-Postille "Basta“.

Im ORF, wo er 1988 angestellt wurde, zog es ihn zuerst zu den Roten: Seine wichtigsten Förderer waren der spätere Generalintendant Gerhard Zeiler und der damalige Chef der Öffentlichkeitsarbeit, Andreas Rudas. Prantner werkte als Pressesprecher des Informationsintendanten Johannes Kunz, eines früheren Kreisky-Sekretärs. Als Kunz 1994 mit Gerhard Zeiler um den Posten des Generalintendanten ritterte, schlug sich Prantner auf die Seite Zeilers.

Privat blieb man im Hause Prantner konservativ: Thomas Prantners erste Ehe wurde bei Fackelschein in der malerischen Seegrotte bei Mödling geschlossen, die Braut stand auf einem Nachen, die Messe las der päpstliche Nuntius.

Einige Wesensmerkmale seiner Sozialisation seien bis heute deutlich erkennbar, meinen ORF-Kollegen: Prantner sei ehrgeizig, ein Kontrollfreak, denke hierarchisch und lege großen Fleiß und bemerkenswerte Disziplin an den Tag, um sich in neue Themen einzuarbeiten.

Meistgenutztes Informationsportal
Gemessen an den Ergebnissen, zählt er ohne Zweifel zu den Erfolgreicheren in der stark dezimierten ORF-Führungscrew. ORF-Online ist das mit Abstand meistgenutzte Informationsportal Österreichs mit 44 Millionen Visits im Jänner 2011 - etwa ebenso vielen, wie die Websites aller Tageszeitungen insgesamt verzeichneten. Die Zahl der Besuche auf orf.at steigt immer noch jährlich um rund zehn Prozent. Trotz der von der EU verfügten Werbebegrenzung - die Einnahmen aus dem Web dürfen nur drei Prozent der Gebühreneinnahmen ausmachen - erwirtschaftet der Online-Bereich jährlich 15 Millionen Euro. Zur Einordnung: Der Gesamtumfang der Online-Werbung liegt in Österreich bei 130 Millionen, wobei allerdings die Hälfte auf Google entfällt.

Ein Coup gelang Prantner im November 2009 mit der Einführung der ORF-TVthek. Die Möglichkeit, die vom ORF produzierten Sendungen bis zu sieben Tage nach ihrer Ausstrahlung herunterzuladen, nützt derzeit eine Viertelmillion Fernsehteilnehmer täglich.

Seit vergangenem Dezember ist die TVthek über iPhone und iPad mobil abrufbar. Bis Ende März sollen auch andere Smartphones und Tablets das TV-Archiv nutzen können. Die am öftesten abgerufene Sendung ist übrigens eher bodenständige Kost: "Wenn die Musi spielt“ führt mit großem Abstand.

Diese durchaus herzeigbare Bilanz kann wohl dennoch nicht verhindern, dass Prantner seinen Direktorenposten Ende dieses Jahres wieder los ist. Laut neuem ORF-Gesetz wird die Zahl der Direktorenposten von derzeit sechs auf vier reduziert. Der Online-Bereich wird voraussichtlich der Radiodirektion zugeschlagen. Und dass Prantner ohne Hausmacht bei einer der beiden Regierungsparteien auch in einem reduzierten Direktorium seinen Platz hätte, widerspricht der Österreichs Medienpolitik innewohnenden Logik.

Verständlich also, dass er gegen die Eingliederung der ORF-Online-Agenden in ein anderes Ressort agitiert: "Online wird die am stärksten wachsende Sparte des ORF sein. Was wäre denn das für ein Zukunftssignal?“

Darum ging es bei ORF-Entscheidungen allerdings nie.

Die Geschichte ist am 7.3.2011 in profil 11/2011 erschienen.