ORF: Sendungsbewusstsein

Generaldirektor Alexander Wrabetz startet die größte Programmreform in der Geschichte des Rundfunks. Der neue ORF soll Quote mit Qualität versöhnen. Notwendige Schockkur oder Harakiri mit Anlauf?

Das sechsstöckige ORF-Zentrum auf dem Wiener Küniglberg bietet fantastische Aussichten. Aus den Büros im Norden und Osten geht der Blick über das Schloss Schönbrunn und die Innenstadt, im Süden und Westen reihen sich grüne Villenbezirke aneinander. Doch die Bürofenster eröffnen nicht nur ein hübsches Panorama; sie ermöglichen auch einen besonders innigen Kontakt mit den Naturgewalten. Der Wind pfeift durch die alten Aluminiumrahmen, und an manchen Stellen regnet es herein. Weder Wände noch Fenster wurden fachgerecht isoliert; im Winter muss auf Hochtouren geheizt werden, im Sommer rumpelt eine antike Klimaanlage, die wiederum viel zu stark kühlt.

Das 1974 nach den Plänen von Stararchitekt Roland Rainer gebaute ORF-Zentrum entspricht längst nicht mehr den Erfordernissen eines modernen Bürogebäudes. Das wird von niemandem ernsthaft bestritten. Unklarheit gibt es allerdings über die weitere Vorgangsweise. Seit Jahren wird debattiert und abgewogen, ob der ORF das Haus sanieren oder lieber gleich an einen anderen Standort umziehen soll. Der neue Generaldirektor Alexander Wrabetz hatte eine Entscheidung im ersten Quartal 2007 angekündigt. Aber die Frist verstrich ungenützt. „Wir haben gerade wieder 100 Löcher bohren lassen, um den Zustand der Bausubstanz festzustellen“, sagt ORF-Kommunikationschef Pius Strobl und unterdrückt einen Seufzer. „Umbauen oder umziehen ist im Fall des ORF leider auch eine ideologische Frage.“

Rekord. Die überlange Planungsphase passt gut zum gängigen Klischee vom trägen, unbeweglichen Quasimonopolisten. Doch auf einer anderen Baustelle beweist der ORF derzeit, dass er auch ganz anders kann. Exakt 100 Tage nach der Amtsübernahme von Alexander Wrabetz wird am 10. April die größte Programmreform seit 1995 starten. Fast 30 neue oder zumindest runderneuerte Formate wurden in dieser kurzen Zeit fertig gestellt. Das ist Rekord in der ORF-Geschichte. Noch nie begann ein Generaldirektor seine Amtszeit mit einem vergleichbaren Kraftakt.

Nebenbei wird im – laut Eigenwerbung – „neuen ORF“ noch ein Dogma entsorgt, das in der Tradition der Anstalt einen ähnlichen Rang einnimmt wie die Heilige Dreifaltigkeit in der katholischen Kirche: Die Durchschaltung der „ZiB“ um 19.30 Uhr ist ab Dienstag nächster Woche Geschichte. Statt die Österreicher wie bisher auf beiden Kanälen mit Nachrichten zu versorgen, läuft auf ORF 1 künftig die selbst produzierte Sitcom „Mitten im Achten“. Erst um 20 Uhr gibt es auch für das ORF-1-Publikum die Neuigkeiten des Tages in der Kurzzusammenfassung „ZIB 20“. Das Publikum scheint den Abschied von der doppelten „ZiB“ leicht zu verkraften. Laut einer Umfrage des OGM-Instituts im Auftrag von profil halten 61 Prozent das Ende der Info-Doppelshow für „eine gute Idee“.

Erfolgsdruck. Dieser erste Reformschritt (dem noch zwei weitere folgen werden) kostet rund zehn Millionen Euro, ein angesichts des 434 Millionen Euro schweren Fernsehbudgets durchaus vertretbarer Zusatzaufwand. Zwei Drittel der Summe fließen in die Produktion der täglichen Sitcom, die damit unter erheblichem Erfolgsdruck steht. Sollte das Format floppen, ist die neue ORF-Führung nachhaltig beschädigt.

Auch unter den übrigen Neuerungen gibt es einige, die getrost als riskant eingestuft werden können. Die Sendung „Wie bitte?“ etwa, ein tägliches Jugend-Info-Magazin auf ORF 1, tritt die Nachfolge des vor ein paar Jahren gescheiterten Formats „25 Das Magazin“ an und könnte bald mit den gleichen Problemen wie der Vorgänger kämpfen. Die Zielgruppe „jung, aber nicht kindisch“ ist für öffentlich-rechtliche Sender erfahrungsgemäß schwer zu bedienen. Aufgegeben wird hingegen „Willkommen Österreich“, ein lange Zeit sehr erfolgreiches Format, das zuletzt an Quotenschwund litt. Trotzdem könnte das Publikum die Demontage des gemütlichen Fernseh-Wohnzimmers übel nehmen und sich am Nachfolger („Heute in Österreich“) rächen. Auch im eigenen Haus war man sich nicht immer einig. Wegen der neuen Diskussionsrunde „Extrazimmer“ – eine Art „Club 2“-Nachfolge – soll es zwischen Programmdirektor Wolfgang Lorenz und Infochef Elmar Oberhauser recht heftig gekriselt haben.

Alexander Wrabetz weiß, dass ihm selbst im besten Fall ein paar schwierige Wochen bevorstehen: „Wir müssen allen neuen Sendungen auch eine gewisse Zeit geben, sich zu entwickeln.“ Doch letztlich werde der ORF besser dastehen als heute. „Wir können nur gewinnen.“

Schieflage. Ein Euphemismus, in Wirklichkeit steht der ORF an der Kippe zwischen Sein und Nichtsein – Zeuge: Alexander Wrabetz. In seiner Bewerbung für das Amt des Generaldirektors im August vergangenen Jahres sah er den ORF „vor den schwerwiegendsten wirtschaftlichen Herausforderungen seiner Geschichte“. Wrabetz’ Schreckensszenario: „Werden Fragestellungen – von der Programmentgelt-Legitimierung bis zur für die Werbewirtschaft entscheidenden Positionierung – nicht konsequent und strategisch richtig adressiert, könnte der ORF in eine ökonomische Schieflage geraten, die unweigerlich eine existenzielle Gefährdung für das Unternehmen in seiner derzeitigen Breite und Form darstellt.“

Tatsache ist, dass die Eile, mit der diese Programmreform durchgezogen wurde, nicht nur auf den Ehrgeiz des neuen Generaldirektors zurückzuführen ist. Der ORF musste auch deshalb schnell handeln, um seine Position als öffentlich-rechtlicher Gebührensender halbwegs abzusichern. Als warnendes Beispiel dienen ARD und ZDF in Deutschland, denen kürzlich von EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes unangenehme Auflagen gemacht wurden. Die beiden Sender müssen künftig ihren Programmauftrag konkreter fassen und kommerzielle Tätigkeiten in der Buchhaltung von gebührenfinanzierten Aufgaben trennen. Neue Geschäftsideen etwa im Internet- oder Telekombereich müssen von den Aufsichtsgremien der Stationen genehmigt werden. Der ORF würde sich Ähnliches gerne ersparen, weshalb Wrabetz derzeit bei jeder Gelegenheit von „public value“ und „öffentlich-rechtlichem Mehrwert“ spricht. Das internationale Vorbild: die BBC. Ab nächstem Jahr will Wrabetz den „Mehrwert“ sogar operationalisieren, messen und in den Geschäftsbericht schreiben.

Die erhöhte Zahl von Eigenproduktionen sollte die gestrenge Frau Kommissarin gnädig stimmen, falls sie sich Österreich und den ORF als Nächstes vorknöpft. Wrabetz: „Ich bin überzeugt, dass unser neues Programm Jubel in Brüssel auslösen wird.“

Ebenfalls Teil der neuen Selbstdarstellung sind die ORF-Schwerpunkte – bisher zu den Themen Klimawandel und Ernährung –, mit denen der Sender seinem Bildungsauftrag nachkommen will. Den Erfolg beider Schwerpunkte ließ sich der ORF umgehend mittels Umfragen bestätigen: Jeweils über 80 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Rundfunkgebühren für Sendungen dieses Zuschnitts sehr gut eingesetzt seien. Frau Kroes wird das sicher gerne hören.

Mit seiner Programmreform geht Wrabetz ein hohes unternehmerisches Risiko ein. Fernsehzuschauer sind scheue Gewohnheitstiere. Große schockartige Änderungen können sie leicht überfordern und vertreiben. Überdies ist das Timing der Reform gewagt, weil gegen den Publikumstrend: Lehrbuchmäßig würden die meisten TV-Sender eine Programmreform im Herbst starten, wenn die Abende länger werden und die Zuseher mehr Zeit vor den Bildschirmen verbringen. Frühlingszeit und warmes Wetter vertreiben erfahrungsgemäß die Kundschaft.

Quotenverlust. Doch Wrabetz schlägt bereits nach drei Monaten im Amt zu. Er setzt auf den „Überraschungseffekt“ – für Zuseher und Konkurrenz. In den vergangenen Jahren verlor der ORF sukzessive Marktanteile an rund 50 private Mitbewerber, die ihm neben der Programm-Konkurrenz auch mit eigenen Österreich-Fenstern im Werbeblock zusetzen. Wrabetz’ Gegenstrategie: Qualität. Doch die kostet vorerst weitere Quote. Der Ziel-Tagesmarktanteil wurde in den ORF-Planungen bereits von 43 auf 41 Prozent gesenkt. In der für die Werbung wichtigsten und teuersten Zeitzone zwischen 19 und 20.15 Uhr, auf die auch die jetzige Programmreform abzielt, sollen die Marktanteile dagegen steigen – von 55 auf 57 Prozent.

Peter Huemer von der Initiative SOS ORF, die sich im Vorjahr für die Ablöse von Wrabetz’ Vorgängerin Monika Lindner starkgemacht hatte, sieht die Reform mit gemischten Gefühlen. Er halte das Ende der „ZiB“-Durchschaltung nach wie vor für falsch, sagt er. „Aber ich wünsche mir sehr, dass ich Unrecht habe.“ Dafür dürften allerdings die „ZiB“-Quoten nicht signifikant zurückgehen, und die neue Sitcom müsste ein Erfolg werden. „Alles andere wäre ganz schlimm für die neue Geschäftsführung.“

Wenn der ORF-General fast mantra-artig Qualität und öffentlich-rechtlichen Mehrwert des neuen Programms beschwört, steckt mehr dahinter als Marketing für die bevorstehenden Programmänderungen. Subtil fährt Wrabetz damit bereits jetzt eine Rechtfertigungsstrategie für eine einschneidende Maßnahme im kommenden Jahr: die Erhöhung der Rundfunkgebühren. Offiziell will zwar niemand darüber sprechen, doch dürfte es so gut wie fix sein, dass Wrabetz 2008 oder 2009 einen entsprechenden Antrag an den ORF-Stiftungsrat, das Aufsichtsorgan des ORF, stellt. Mit den Mehrkosten für die Fußball-EM und die Olympischen Spiele in Peking hätte Wrabetz sogar zusätzliche Argumente für die Erhöhung der 2004 zuletzt angepassten Gebühren. Medienministerin Doris Bures, SPÖ, signalisierte Mitte März bereits Verständnis – wohl nicht ohne Absprache mit dem Bundeskanzler.

Dass mit Alfred Gusenbauer nun ein roter Duzbruder von Wrabetz Regierungschef ist, macht das Leben des ORF-Generaldirektors nur bedingt leichter. Das SPÖ-ÖVP-Koalitionsübereinkommen geriet für die ORF-Führung zumindest vorläufig zur Enttäuschung. Der Wunsch nach einer Ausdehnung der Werbezeiten und Lockerungen bei den so genannten Sonderwerbeformen wird vorerst unerfüllt bleiben. Zwar sprach sich die SPÖ in den Koalitionsverhandlungen für Lockerungen aus, doch die Volkspartei und ihr früherer Mediensprecher, Vizekanzler Wilhelm Molterer, legten sich quer. Schließlich war es Wolfgang Schüssel höchstpersönlich gewesen, der im Jahr 2001 mit dem neuen ORF-Gesetz die wirtschaftliche Dominanz des ORF zugunsten heimischer Privatsender einschränken wollte. Zumindest die Forderung des ORF nach einer Aufwertung von TW1 zum Informations-Spartensender traf auf rot-schwarzen Konsens. Weitere ORF-Spartenkanäle, mit denen Wrabetz die Rundfunkanstalt weiter ins digitale Zeitalter puschen will, lehnte die ÖVP ab. Von einer Abschaffung der Werbesteuer will auch die SPÖ nichts wissen.

Der schwarze Freundeskreis im Stiftungsrat des ORF steht den Reformen skeptisch gegenüber. Die Niederlage der schwarzen Kandidatin Monika Lindner bei der Wahl des Generaldirektors gegen eine von Wrabetz geschmiedete rot-grün-blau-orange Allianz wirkt spürbar nach. Der unabhängige Stiftungsrat und Caritas-Präsident Franz Küberl ist dagegen optimistisch: „Der ORF hat die Zeichen der Zeit erkannt und richtig reagiert.“

Alexander Wrabetz – Motto nach eigenem Bekunden: „Wer wagt, gewinnt“ – ist mit Stichtag 10. April auch ein gewisses persönliches Risiko eingegangen. Der ORF-Generaldirektor hat die Auszahlung seiner Bonus-Prämie an den Erfolg der Reform im Vorabendprogramm geknüpft.
Von Gernot Bauer und Rosemarie Schwaiger