Osteoporose wird zur Volkskrankheit

Osteoporose. Etwa 700.000 Österreicher leiden derzeit an Knochenschwund. Im Jahr 2040 könnten es doppelt so viele sein. Bringt eine neue Schutzimpfung wirklich Linderung?

Mühsam setzt die Patientin einen Fuß vor den anderen. Begleitet von ihrem behandelnden Arzt, stützt sich die 85-Jährige auf ein rollendes Gestell, das nach oben hin in Form zweier Achselkrücken ausgebildet ist. Mit den Händen klammert sie sich an die Haltegriffe, aber es schmerzt, weil ihr gebrochener rechter Unterarm die Körperlast nicht aufnehmen kann.

In den vergangenen Jahren ist sie im wahrsten Sinn des Wortes von einer Fraktur in die andere gestolpert und musste wiederholt an der Innsbrucker Universitätsklinik für Unfallchirurgie behandelt werden. Nach einem Bruch des Schultergelenks und einer Bandscheibenoperation zog sie sich im April des Vorjahres bei einem Sturz im Garten einen Oberschenkelhalsbruch zu, der mit einem Marknagel fixiert werden musste. Und im August stürzte die betagte Frau über einen Teppich und brach sich dabei den rechten ­Unterarm. Diagnose: Osteoporose, Knochenschwund.

Verdrängt. Osteoporose ist eine weitgehend verdrängte Erkrankung. Die meisten Österreicher sehen sie in weiter Ferne, dort, wo Menschen eben alt und gebrechlich geworden sind. Oder sie sehen sie als Krankheit, die bloß alternde Frauen befällt. Da würden Knochenschwund und Frakturen des Schenkelhalsknochens oder der Wirbel irgendwie dazugehören. Nur den wenigsten Menschen ist bewusst, dass die Geschichte dieser Erkrankung oft schon in jungen Jahren beginnt.

Die größte Knochendichte erreichen Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Abhängig von der individuellen genetischen Ausstattung, von der Ernährung und dem Lebensstil, setzt dann ab etwa dem 30. Lebensjahr der allmähliche Knochenabbau ein, bei Frauen nach der Menopause stärker noch als bei Männern. Aber dass die Krankheit nur Frauen beträfe, ist ebenso ein Klischee wie die vorherrschende Meinung, Osteoporose sei ein Leiden, das nur im hohen Alter auftritt.

Mit der Krankheit befasste Ärzte sehen gelegentlich von Knochenschwund betroffene werdende Mütter, die sich beim Wehenpressen Wirbel- oder Beckenbrüche zuzuziehen, oder Patienten, die oft schon vor dem 40. Lebensjahr Anzeichen einer beginnenden Osteoporose zeigen. Wenn eine Schwangere nicht ausreichend mit Vitamin D und Kalzium versorgt wird, kann es passieren, dass auch das Skelett des Fötus nicht die optimale Knochendichte bildet. Und den wenigsten Leuten ist klar, dass eine gewisse Garantie für die Entwicklung einer späteren Osteoporose oft schon in der Kindheit ausgestellt wird, nämlich dann, wenn Kinder, anstatt sich täglich möglichst an frischer Luft zu bewegen, die meiste Zeit nur daheim vor dem Fernseher hocken oder sich Videospiele reinziehen.

Denn ebenso wie für die Muskeln gilt auch für die Knochen der Spruch „use it or lose it“. Und weil die Muskelmasse auch den Knochenstoffwechsel und damit die Knochendichte bestimmt, sind Menschen, die sich regelmäßig bewegen oder Sport betreiben, bis zu einem gewissen Grad vor der Krankheit geschützt, sodass sich der Abbau an Knochenmasse, wenn überhaupt, in erheblich geringerem Ausmaß und mit großer Verzögerung bemerkbar macht.
Fortschreitender Knochenschwund hat längst die Dimension einer Volkskrankheit angenommen. Laut dem ersten österreichischen Osteoporosebericht, den die Wiener Sozialmedizinerin Anita Rieder im August des Vorjahres präsentierte, sind in Österreich derzeit etwa 700.000 Menschen – nach Schätzungen jede dritte Frau und jeder sechste Mann – von schwindender Knochenmasse betroffen, „eine Zahl, die sich bis zum Jahr 2040 durch die steigende Lebenserwartung verdoppeln und das Gesundheitssystem ernorm belasten wird“, heißt es dort.

Alterspyramide. Schon jetzt entfällt ein beträchtlicher Teil der Pflegefälle auf Patienten, die durch osteoporosebedingte Knochenbrüche immobil oder hilfsbedürftig geworden sind. Wie dieser Anteil weiter steigen wird, lässt sich leicht ausrechnen, wenn man sich die Entwicklung der Alters­pyramide vor Augen hält. Im Jahr 2050 wird bereits jeder dritte der dann lebenden rund neun Millionen Österreicher über 60 Jahre alt sein. Die Zahl der über Achtzig­jährigen wird sich bis dahin mehr als verdreifachen.

Dadurch beschleunigt sich die Zunahme so genannter „alterstypischer“ Leiden, von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-­Systems und des Bewegungsapparats über Alzheimer bis zu Krebs. Aber unter allen Erkrankungen des Bewegungsapparats des alternden Menschen gilt die Osteoporose als eine der Hauptursachen für Morbidität, Mortalität und erhöhte Behinderungsraten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO reiht die Osteoporose mittlerweile unter die zehn häufigsten und teuersten Erkrankungen weltweit.

Schon ein Verlust von zehn Prozent der Knochenmasse verdoppelt das Risiko einer Wirbelkörperfraktur, im Bereich des Hüftgelenks erhöht sich die Gefahr sogar auf das Zweieinhalbfache. Biophysikalische Studien haben gezeigt, dass die Festigkeit des hüftnahen Oberschenkelknochens beim älteren Menschen nur halb so groß ist wie beim jungen und die der Wirbelknochen sogar nur ein Viertel bis ein Achtel beträgt. Daher ist es einleuchtend, dass oft nur eine geringe Belastung genügt, dass es zu so genannten Fragilitätsfrakturen kommt, die vorwiegend die Hüfte, die Wirbelkörper und den vorderen Unterarm betreffen.

Eine Auswertung der Krankenhaus-Entlassungsstatistik 2005 ergab, dass im Laufe eines Jahres österreichweit 1382 Entlassungen von Männern und 8080 Entlassungen von Frauen mit der Hauptdiagnose Osteoporose gezählt wurden. Bei weiteren 9711 männlichen und 54.840 weiblichen Entlassenen wurde Osteoporose als Haupt- oder Nebendiagnose gestellt. Die meisten Hauptdiagnosen entfielen auf Wien, die wenigsten auf die Bundesländer Salzburg, Tirol und Vorarlberg.

Laut EU-Statistik werden in Österreich jährlich 16.000 Schenkelhalsfrakturen ­verzeichnet, bis 2040 soll die Zahl auf 25.000 steigen. Allein die Kosten für die Akutbehandlung einer hüftnahen oder Schenkelhalsfraktur liegen hierzulande bei etwa 30.000 Euro – das ist der höchste Wert innerhalb der EU. Rechnet man die Folgekosten einschließlich der Rehabilitationsmaßnahmen hinzu, kommt man auf ­Gesamtkosten von 1,2 Milliarden Euro.

Laut einer vom Osteoporosespezialisten Michael Blauth, Vorstand der Innsbrucker Universitätsklinik für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie, geleiteten Studie waren in 65 Prozent der behandelten Fälle klinische Folgeprobleme wie Lungenentzündung, Herzinfarkt, Lungenembolie und Hirnschlag noch während des Spitalsaufenthalts aufgetreten. Nur die Hälfte der Patienten konnte laut dieser Studie innerhalb von sechs Monaten wieder in die ursprüngliche Lebensumgebung entlassen werden. Die andere Hälfte war entweder verstorben oder lebte andernorts wegen vermehrter Pflege- oder Hilfsbedürftigkeit.

Vorsorge. Angesichts solcher Daten stellt sich die Frage, wie man dem wachsenden Problem Osteoporose beikommen kann. Alle damit befassten Experten plädieren in erster Linie für Vorsorge, etwa durch kalziumreiche Ernährung und körperliche Aktivität. „Die beste Frakturprophylaxe stellt ein guter Trainingszustand des Organismus dar“, sagt Hans Bröll, Präsident der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Knochen- und Mineralstoffwechsels. Studien belegen, dass so genannte High-Impact-Sportarten wie Judo, Bodenturnen, Tennis oder Squash in der Lage sind, überdurchschnittliche Knochenzuwachsraten zu erzeugen.

Zur Vorsorge kommt die Früherkennung durch eine Knochendichtemessung und eine allfällige Behandlung mit Subs­tanzen, die den Knochenabbau hemmen oder den Knochenaufbau fördern. Mit Strontiumranelat gibt es seit etwa drei Jahren einen Stoff, der beide Wirkweisen in sich vereint. Doch jenseits der derzeit angewandten Therapien tut sich ein Hoffnungsgebiet auf, das die Krankheit an ihrer Wurzel bekämpfen könnte, sofern derzeit laufende klinische Studien den gewünschten Erfolg liefern: die Osteoporoseimpfung.
Seit Jahren erforscht eine Arbeitsgruppe um den Wiener Molekularmediziner Josef Penninger, neben Forschern in den USA, die genaue Rolle eines Proteins mit der Bezeichnung „Rank-Ligand“, abgekürzt „Rankl“. Dieses Protein spielt offenbar nicht nur bei der Entstehung der Osteoporose eine zentrale Rolle, sondern auch beim Brustkrebs und dem Prostatakarzinom, die beide vorzugsweise in Knochen metastasieren, sowie bei bös­­artigen Lymphdrüsenerkrankungen. Die Hoffnung der Forscher ist, dass man, wenn man die Bildung des Rankl-Proteins blockiert, gleich mehrere Krankheitsprozesse unterbinden könnte.

Antikörper. Penningers Forschergruppe hat für das US-Pharmaunternehmen Amgen einen Antikörper gegen das Rankl-Protein entwickelt, der nun in einem letzten Durchgang vor einer eventuellen Zulassung (Phase-III-Studie) weltweit an Patienten getestet wird. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im Sommer vorliegen. Penninger gibt sich optimistisch, dass der Wirkstoff die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

Heinrich Resch, Leiter der 2. Medizinischen Abteilung am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien, der an der Multicenter Study beteiligt ist, erprobt das Medikament österreichweit an hundert Osteoporosepatienten. Vorläufig kann er nur sagen, dass bisher keine Nebenwirkungen und keine weiteren Frakturen aufgetreten sind. „Man ist bei Rankl an ein zentrales Schlüsselsystem gestoßen, das über Wachstum oder Nichtwachstum verschiedener Zellen entscheidet.“

Ähnliches berichtet auch Wolfgang Loidl, Leiter der Abteilung für Urologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz, der ebenfalls an der Studie beteiligt ist. Er setzt Rankl-Antikörper bei Patienten mit metastasierendem Prostatakarzinom ein. Loidl kann ebenfalls noch nicht sagen, was das Ergebnis sein wird, nur so viel: „Ich teile Penningers ­Optimismus.“