Palästina: Arafats langes Sterben

In seinem Dahinscheiden steht der Palästinenserführer wieder im Zentrum der Weltpolitik.

Jassir Arafat kann es nicht gewusst haben, als er Ende vergangener Woche in der Intensivstation eines Militärkrankenhauses in Paris lag – aber er war dort, wo er sich in den vergangenen dunklen vier Jahren, in denen er zunehmend isoliert war, hingeträumt hatte: im Zentrum der Weltpolitik.

War der palästinensische Führer tot, lag er im Sterben, im Koma? Unklare und sich widersprechende Nachrichten über Arafats Gesundheitszustand, der Anfang der vergangenen Woche in seinem halb zerstörten Hauptquartier in Ramallah zusammengebrochen und nach Paris transportiert worden war, geisterten ab Donnerstag durch die internationalen Medien.

Einen letzten Besuch hat dem schwer kranken Mann, der vierzig Jahre die Geschicke der Palästinenser geleitet hat, der französische Staatspräsident Jacques Chirac Mitte der Woche abgestattet. Aber auch von diesem Treffen waren nur unklare Berichte an die Öffentlichkeit gelangt. Nach einem Kommuniqué des Élysée-Palastes hätte Chirac Arafat „gesehen“. Jassir Arafat hat dem Franzosen zugelächelt, dieser hätte die Hand des kranken Palästinensers ergriffen, wurde von palästinensischer Seite berichtet. Und das Armeespital gab bekannt: „Der Präsident ist eine halbe Stunde im Zimmer geblieben. Er hat Arafat die Hand gehalten.“

Unbestritten ist, dass US-Außenminister Colin Powell angerufen hat, um zu erfahren, wie es um Arafat steht. Der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker gab Donnerstagnachmittag, sich auf Fehlberichte israelischer Zeitungen stützend, den Tod Arafats bekannt – um sich dann für seinen „Irrtum“ zu entschuldigen.

Gesicherte Erkenntnis zu unserem Redaktionsschluss war: Arafat schwebt zwischen Leben und Tod, und eine Untersuchung hat keine Hirnströme mehr feststellen können. Eine Erholung ist nicht mehr zu erwarten.

Es schien klar, dass der Zeitpunkt des Dahinscheidens Arafats letztlich eine politische Entscheidung sein wird. Offenbar wollen die Palästinenser den Strom in der Intensivstation so lange nicht abschalten, solange nicht einige brisante Fragen geklärt sind: Soll Jassir Arafat in Paris sterben oder doch in Palästina? Wie könnte ein Transport organisiert werden? Vor allem aber: Wo soll er begraben werden?

Begräbnisstreit. Arafat selbst, der – so erfährt profil aus verlässlichen Quellen – kein Testament hinterlässt, hat seinen Vertrauten mitgeteilt, er wünscht seine letzte Ruhestätte nahe der Jerusalemer Al-Aksa-Moschee. Israel ist absolut dagegen. Justizminister Tommy Lapid sagte Freitag forsch im Fernsehen: „Jerusalem ist die Stadt, wo die Juden ihre Könige begraben. Einen arabischen Terroristen und Massenmörder wollen wir da nicht begraben.“

Die israelische Regierung schlägt als Alternative zu Jerusalem Gaza oder Ramallah vor. Ursprünglich dachte man auch an Abu Dis, einen Vorort von Jerusalem. Die Idee wurde aber verworfen. Abu Dis ist in Sichtweite vom Tempelberg, keine zwei Kilometer von der Stadtmauer der für das Judentum und den Islam heiligen Stadt. Was, wenn zehn- oder sogar hunderttausende Palästinenser versuchen sollten, mit dem Sarg Arafats gen Jerusalem zu ziehen, und dabei die Checkpoints durchbrechen?

Arafats Frau Suha und seine engsten Mitarbeiter bestehen darauf, dass das Begräbnis in Jerusalem begangen wird. Hinter den Kulissen wurde am Wochenende jedenfalls hektisch zwischen Amerikanern, Ägyptern und Palästinensern über diese explosive Frage verhandelt. Eine Frage, die noch weitere Implikationen hat: Wo Arafat begraben wird, beeinflusst auch, welche Staatsmänner und hohe Politiker der Zeremonie beiwohnen werden. Georg Joffe vom Centre for International Studies in Cambridge meint, dass viele Würdenträger von Arafat Abschied nehmen wollen, aber nicht akzeptieren, dass Israel darüber entscheidet, ob sie das können oder nicht. Vor allem „wollen sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie die israelische Autorität über die besetzten Gebiete anerkennen“. So könnte es sein, dass damit die Anzahl der Leute, die aus arabischen und islamischen Ländern kommen, stark reduziert sein würde. Auch europäische Staatsmänner könnten betroffen sein: „Einige von ihnen würden nicht kommen, weil die Israelis sie nicht einreisen lassen“, sagt Joffe.

Auf jeden Fall herrschen in den letzten Stunden und Tagen des Jassir Arafat Hochspannung und allgemeine Nervosität. Die israelische Armee ist seit Tagen in Alarmbereitschaft. Man will nicht ausschließen, dass die Begräbnisfeierlichkeiten zu einem allgemeinen Aufstand ausarten. Beruhigend für die israelischen Sicherheitskräfte sind freilich die Berichte aus den besetzten Gebieten, die darauf schließen lassen, dass sich die Trauer um Arafat in Grenzen halten könnte. So interpretiert Amira Hass, die Korrespondentin der israelischen Zeitung „Haaretz“, das Faktum, dass sich nur wenig Menschen um das Hauptquartier in Ramallah sammelten, als Arafat noch da im Krankenbett lag, als Zeichen dafür, dass die Gefühle für den „Vater der Palästinenser“ doch nicht mehr so stark sind. „Ein Teil der palästinensischen Öffentlichkeit hat sich von ihm entfernt, obwohl sie ihn nicht direkt für das Elend, in dem man da lebt, verantwortlich macht.“

Trotzdem: Die Situation wird allgemein als unberechenbar angesehen. Auch von den palästinensischen Behörden. Als vergangenen Donnerstagabend hohe Vertreter aller palästinensischen Fraktionen – von der Fatah Arafats bis zur Islamisten-Gruppe Hamas – in Gaza City zusammenkamen, um über die Post-Arafat-Ära im Allgemeinen und die kommenden Trauerfeierlichkeiten im Besonderen zu beraten, wurde von allen Zweigen der palästinensischen Sicherheitskräfte die Alarmstufe eins ausgerufen.

Mohammed al-Hindi vom Islamischen Dschihad, der radikalsten Islamisten-Organisation, sagte vor dem Meeting zu Reportern: „Wir sind hier, um unsere nationale Einheit zu demonstrieren und zu zeigen, dass wir nicht bloß zersplitterte, sich gegenseitig bekämpfende Stämme sind.“