Panik, Koma, Hybris

Über das Österreich-Lob eines deutschen Magazins.

Nur wenige Kolumnisten werden die Cover-Story des aktuellen „manager magazins“ (Ausgabe 3/2005) links liegen lassen. Ich schon gar nicht. Die anmutige Arbeit der deutschen Kollegen befriedigt mein Bedürfnis nach Rechthaberei. Man bot „Good News“ zu Österreich. „Österreich: das bessere Deutschland?“, wurde weiß auf rot gefragt.

Fünf Seiten später wusste man: Ja, Österreich ist für Wirtschaftsbetriebe der weitaus bessere Standort, ohne Wenn und Aber. Henner Lüttich, Geschäftsführer der Standort-Beratungsfirma Contor und Autor jener Standortstudie, die diesem Artikel zugrunde liegt, wird wie folgt zitiert: „Wir waren von den Ergebnissen zunächst überrascht … bei näherem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass Österreich gerade anspruchsvollen Produktionsunternehmen ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet.“ Ich will nicht zu viel zitieren und den geschätzten Kollegen die Wurst vom Brot ziehen. Sie sollen viele Exemplare dieses Heftes verkaufen. Gerade als Co-Herausgeber des „trend“ und damit als Marktkonkurrent liegt mir an einer schönen Verbreitung dieser Titelgeschichte. Diese ist auch komplett und kostenlos unter www.contor.org erhältlich. Etwas Besseres kann der österreichischen Wirtschaft gar nicht passieren. Ausländisches Lob macht high.

Wir Österreicher, darunter viele Manager und Unternehmer, brauchen die harte Droge deutschen Beifalls, um eine Ur-Befindlichkeit aus Masochismus, Wehmut und Selbstzweifel zu überwinden. Österreich gilt nicht grundlos als Land der Schwarzmaler und Jammerer. Schlechte Urteile, ob aus dem Ausland oder Inland, führen zu wollüstiger Panik. Gute Nachrichten aus österreichischer Hand, wie sie beispielsweise vierzehntäglich aus dieser Good-News-Kolumne fließen, führen bestenfalls aus der Panik in ein mildes Koma. Wirkliche Freude kommt erst mit fremdem Applaus, und da wieder bevorzugt deutschem Applaus. Aus gutem Grund: Trotz aller Emanzipationsbestrebungen sind wir immer noch schicksalhaft verknüpft mit dem Erfolg der deutschen Wirtschaft. Daher ist es wichtig, dass wir auf das kultische Lob dieser Standort-Studie richtig reagieren.

Ich empfehle Folgendes: drei Tage Hybris, Selbstüberschätzung und lustvolle Trunkenheit. Wer nicht weiß, wie man Feste feiert, geht auch der guten Arbeit verloren. Danach drei Tage stiller Freude. Danach ein ernsthafter Versuch, die Fehler, die unsere deutschen Freunde grosso modo machten, nicht zu wiederholen: im Siegesrausch unsympathisch zu werden. Meine modernen deutschen Freunde, die längst nicht mehr dem preußischen Pickelhaubentypus entsprechen, geben zu, jenes polternde Junkertum verachtet zu haben, das viele Unternehmer zeigten, die unter der Fahne „Made in Germany“ durch die Welt reisten, um diese am deutschen Wesen genesen zu lassen. Wirtschaftsgeschichtlich war dies 25 Nachkriegsjahre lang erfolgreich. Deutschland wurde zu einem siegreichen Kriegsverlierer. So wie andere Verlierernationen (Japan, Österreich) war man zum Glück gezwungen, mit neuen Maschinen wieder anzufangen. Die D-Mark (parallel zu ihr der tapfere österreichische Schilling) wurde hart wie Stein. Die Managementtechniken blieben wesentlich militärisch: anschaffen & gehorchen.

Ab 1968–70 war dies vorbei. Das Autoritär-Diktatorische wich dem Demokratischen. Witzigerweise weit stärker in der Wirtschaft als in den politischen Parteien, die bis heute Shakespeare’sche Königshäuser blieben. Aus der Vogelschau darf man sagen: Je flacher die Hierarchien wurden, desto schwieriger wurde es für altdeutsche Charaktere, umso leichter für flexible Österreicher.

Heute, nach 35 Jahren eines stetigen Prozesses, sind die Österreicher um zwölf Prozent reicher als die Deutschen. Sie sind auch um einiges fleißiger. Sie arbeiten länger und streiken weniger. Die Unternehmer zahlen weniger Ertragsteuern. Wirtschaftswachstum und Investitionen liegen über dem deutschen Niveau. Statt neun Prozent Arbeitslosigkeit verzeichnet man sechs Prozent. Das alles bei günstigerer, wenn auch nicht befriedigender Staatsgebarung: Bilanzdefizit in Österreich 1,5 Prozent, in Deutschland vier Prozent. Ein Bild als Resümee: Deutschland sitzt groß und hoch in einem MAN-Lkw, Österreich klein und tief in einem BMW-Z4 (beide Firmen arbeiten heute gerne in Österreich). Sportautos sind die feinste Möglichkeit, von unten auf andere herabzuschauen.

Genau das aber dürfen wir niemals tun. Wir dürfen nicht auf Deutschland und seine Malaise herabblicken. Wir sind zu klein dazu. Und hoffentlich zu intelligent, den Fehler unserer Nachbarn im Westen zu wiederholen: Hoffärtigkeit. Außerdem hatten wir nie die Belastung einer Wiedervereinigung zu ertragen, die Deutschland größer und zunächst schwächer machte. Nur: Wie können wir der deutschen Wirtschaft, deren Windschatten wir brauchen, helfen? Antwort: gar nicht. Jeder Hilfe-Gestus würde als jovial und demütigend empfunden werden.

Atmosphärisch hingegen steht uns alles offen. Wir könnten die deutschen Freunde, die uns geschäftlich oder privat anvertraut sind, aufrichten und motivieren. Wir könnten sie persönlich lockern, was ihnen zumindest nicht schadete. Wir könnten, nachdem sie jahrzehntelang bei uns hunderte Milliarden Euro als Touristen ausgaben, unsererseits die Schönheiten Deutschlands erkunden.

Ich werde symbolisch den Anfang machen. Eine Motorbike-Tour (natürlich auf der schwersten deutschen BMW K 1200 LT mit großen Koffern und Stereo-Musik) wird vom Königssee bis zu den Brandenburgischen Auen des Theodor Fontane führen. Mein Reisebericht wird enthusiastischer ausfallen als die Geschichten über Südafrika und Tibet.