Paparazzi: Der goldene Schnappschuss

Sie gelten als die Bluthunde des Boulevards, die ihre Objektive in jedes Schlüsselloch stecken und Prominente zu wehrlosen Opfern degradieren. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie das Geschäft mit der Privatsphäre wirklich funktioniert.

Der Abend begann wie jeder andere. Auf den Tipp eines Informanten hin bezog Brad Diaz am 6. August Stellung vor einem Haus in Malibu. Popstar Britney Spears, hatte es geheißen, werde dort einer kleinen Party beiwohnen. Kein besonders spektakulärer Auftrag für den Paparazzo Diaz, aber einer, den man nicht sausen lässt. Schließlich ist Frau Spears, wie man seit ihrer Sauftour samt Blitzhochzeit im Jänner 2004 weiß, immer für ein gschmackiges Foto gut – und derzeit obendrein hochschwanger. Doch der Abend endete anders als erwartet: in der Notaufnahme. Unbekannte hatten Diaz mit einem Luftgewehr beschossen. Der Jäger war zum Opfer geworden.

In Hollywood herrscht Eiszeit. Die Fronten zwischen Filmstars und Paparazzi verhärten sich. Immer öfter hört man von nachmittäglichen Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagden, von blockierten Einfahrten, von rempelnden Fotografen. Anfang Juni war das Cabrio des Filmstarlets Lindsay Lohan vom Minivan eines Fotografen gerammt worden – Sekunden später waren drei andere Paparazzi zur Stelle, um die verstörte Reaktion der Mimin festzuhalten. Die Staatsanwaltschaft von Los Angeles ermittelt inzwischen wegen Bandenbildung.

Bluthunde. Aber entspricht der Eindruck, den solche Meldungen erzeugen, auch der Wirklichkeit? Sind Stars und Fotografen tatsächlich Gegenspieler, verfeindete Parteien im Krieg um den goldenen Schnappschuss? Sind Paparazzi, wie seit dem tödlichen Unfall von Prinzessin Diana 1997 in einem Pariser Straßentunnel jeder zu wissen glaubt, nichts weiter als die Bluthunde des Boulevards, die weder Rücksicht kennen noch Moral? Und würden die Bewohner der Glamourwelt einträchtig aufatmen, wenn die Paparazzi ihre Kameras für immer einpackten?

Als Tazio Secchiaroli, geboren 1925 in einem Provinznest in der römischen Campagna, gegen Kriegsende nach Rom kam, gab es noch keine Paparazzi. Secchiaroli schlug sich, wie viele seiner Altersgenossen, als Straßenfotograf durch, schoss beim Kolosseum Erinnerungsfotos für betuchte amerikanische Touristen. Doch bald erkannte Secchiaroli, dass mit unerwünschten Fotos sehr viel mehr Geld zu machen war. Er kurvte mit Vespa und Rolleiflex-Kamera durch die Straßen Roms, immer wieder auch durch die Via Veneto, in deren Gastgärten die Hoheiten der nahen Cinecittà thronten – Ava Gardner, Anita Ekberg, Frank Sinatra oder Richard Burton. Die Tratschmagazine, die bis dahin auf die offiziellen, von den Filmstudios abgesegneten Pressefotos angewiesen waren, griffen dankbar zu den neuen, ungleich lebendigeren Bildern. Ein neues Genre war geboren. Seinen heutigen Namen erhielt es freilich erst später, im Jahr 1960, als Federico Fellini dem umtriebigen (und deutlich an Secchiaroli angelehnten) Fotografen in „Dolce Vita“ seinen klingenden Namen verlieh: „Paparazzo“.

Von Beginn an gehörte eine gewisse Unverfrorenheit zu Secchiarolis Profession. In einem Zeitungsartikel beschrieb er 1958 seinen Modus Operandi: „Wir nehmen alles in Kauf – umgestoßene Tische und Kellner; dass die Polizei eingreift und dass wir jemanden die ganze Nacht hindurch verfolgen müssen. Wir lassen nicht locker.“

Zielfernrohre. Die Aggressivität der italienischen Foto-Rowdys hatte einen ganz praktischen Grund: Ihre Kameras taugten nicht für den dezenten Schuss aus dem Hinterhalt. Das Teleobjektiv, die moderne Nemesis des auf seine Privatsphäre bedachten Stars, war noch nicht entwickelt. Heute dagegen zählen armlange Foto-Zielfernrohre zur Grundausstattung eines jeden Paparazzos. Der technische Aufwand der Bilderjagd geht noch viel weiter. In seinem Buch über das Wesen und Wirken der Schnappschussjäger („Paparazzi“, siehe Kasten Seite 71) erzählt der langjährige Foto-Direktor des US-Magazins „Life“, Peter Howe, von einer bezeichnenden Begebenheit: Um Fotos von Prinzessin Diana beim Strandurlaub zu schießen, ging der Paparazzo Phil Ramey so weit, zwecks Pirschfahrt ein U-Boot zu mieten – zum Tagessatz von 16.000 Dollar. Eine krasse Fehlinvestition übrigens: Erst unter Wasser bemerkte Ramey, dass dem Tauchfahrzeug ein Periskop fehlte, durch das er sein „Opfer“ ins Visier hätte nehmen können. Zum Abschuss kam es dann, vergleichsweise altmodisch, via Helikopter.

Derart abenteuerliche Einsätze lohnen sich deshalb, weil für exklusive Paparazzi-Fotos ungeheure Summen gezahlt werden. „Paparazzi werden von anderen Fotografen zwar für das Niedrigste vom Niedrigen gehalten. Trotzdem sind sie mit Abstand die höchstbezahlten Fotojournalisten, die es gibt“, sagt Peter Howe. Der Wiener Edwin Walter, selbst ehemaliger Paparazzo und heute Leiter der internationalen Fotoagentur Photo Press Service, teilt diese Einschätzung. So seien mit dem berüchtigten Foto, das Prinzessin Fergie Mitte der neunziger Jahre im Clinch mit einem texanischen Playboy zeigte, wahrscheinlich mehrere Millionen Euro verdient worden. Aber auch so harmlose Schnappschüsse wie jener, der Brad Pitt und Angelina Jolie zuletzt samt Kindern am Strand zeigte, seien US-Magazinen bis zu 500.000 Dollar wert, berichtet Walter: „Im Idealfall zeigt ein Foto das, wovon ohnehin alle tuscheln. Das Foto bringt den Beweis. Dann kann es wirklich viel Geld wert sein.“

Freiwild Celebrity. Kein Wunder, dass immer mehr Fotografen ihr Glück im Promibusiness suchen. „In Los Angeles gab es vor 15 Jahren vielleicht 30 oder 40 Paparazzi“, erinnert sich Peter Howe. „Heute sind es über 200.“ Das erklärt zum Teil auch den Eindruck wachsender Rücksichtslosigkeit bei der Jagd der Fotografen auf das Freiwild Celebrity, meint Howe: „Paparazzi machen heute nichts anderes als früher. Es gibt nur eben mehr davon. Und eine gewisse Aggressivität ist nun einmal Teil des Berufs.“ Tatsächlich scheint es, als tobe der wahre Krieg weniger zwischen Promis und Fotografen als vielmehr unter diesen selbst. Die Konkurrenz wird immer härter, rudelweise drängen sich Fotografen täglich an den traditionellen Hot Spots der Stars. So groß scheint die Abneigung Hollywoods gegen die lästigen Knipser allerdings auch wieder nicht zu sein, dass man nicht trotzdem stets die immergleichen Lokale besuchen würde, vor denen todsicher auch die immergleichen Paparazzi lauern.

Schließlich gilt im Showgeschäft mehr als irgendwo sonst das Diktum des britischen Aufklärers George Berkeley: „Esse est percipi“ – sein heißt, wahrgenommen zu werden. Auf die modernen Mediengesetze übertragen: Die Welt ist, was im Bild ist. Und wer es nicht ins Bild schafft, hat buchstäblich ein existenzielles Problem. Eine Welt ohne Paparazzi wäre nicht unweigerlich starfrei – andererseits haben die Paparazzi eine ganz neue Star-Spezies hervorgebracht: die B-Promis, die ausschließlich dafür berühmt sind, berühmt zu sein, und nichts zu bieten haben außer einem öffentlich inszenierten Privatleben. Die Karriere von Paris Hilton etwa verdankt sich einem geglückten Joint Venture mit der Zunft der Paparazzi.

Das war nicht immer so. In der großen Zeit der Hollywood-Studios, den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, galt noch das klassische, auf Talent oder Aura beruhende Starprinzip. Dazu kam die umfassende Macht der Studios, die jedes Foto, jedes Statement ihrer Stars penibel überwachten. Mit dem Zusammenbruch des Studiosystems und dem Triumphzug des Fernsehens in den fünfziger Jahren änderte sich die Marktlage dramatisch: Das Privatleben der Stars, bis dahin streng abgeschirmt, rückte ins Zentrum des Medien- und Publikumsinteresses.

Die Stars gewannen an Freiheit – und verloren an Kontrolle. Seither versuchen sie, die Kontrolle zurückzugewinnen, mit allen möglichen Mitteln, notfalls auch juristischen. Neben dem Unfalltod von Prinzessin Diana markierte das so genannte „Caroline-Urteil“ wohl die wichtigste Zäsur im Paparazzi-Wesen der vergangenen Dekade. Caroline von Monaco zog im Rechtsstreit um Fotos, die sie samt Familie bei der fürstlichen Freizeitbeschäftigung zeigen, bis vor den Europäischen Gerichtshof – und bekam Recht (siehe Kasten).

„Öffentliches Interesse“. Damit mussten die Eckpfeiler der tratschbasierten Prominentenberichterstattung (die sich seit jeher auf das „öffentliche Interesse“ am Privatleben prominenter Personen stützt) neu verhandelt werden. Doch entgegen den Befürchtungen einiger Boulevardisten war das Schicksal von „Bunte“ oder „Gala“ damit keineswegs besiegelt. Nach wie vor tummeln sich badende Fußballer, turtelnde Filmstars und freizügige Societymädchen auf den einschlägigen Magazincovern. „Gala“-Chefredakteur Peter Lewandowski gibt sich vom Caroline-Urteil unbeeindruckt: „Dass sich Prominente gegen gewisse Fotos wehren, verstehe ich vollkommen. Aber auf üble Skandalbilder sind die Leser ohnehin nicht mehr scharf.“ Sein Magazin beruhe deshalb auf friedlicher Kooperation: „Wir wollen mit den Stars etwas machen, und nicht gegen die Stars.“ Ganz ähnlich urteilt Atha Athanasiadis, Chefredakteur des österreichischen „Seitenblicke“-Magazins: „Es geht bei uns nicht um diese großen Tragödien. Es geht einfach um lustige Schnappschüsse von Menschen, die zufällig berühmt sind. Es ist völlig uninteressant, wenn mir die Spaghetti aus dem Mund fallen. Aber wenn es dem Jack Nicholson passiert, ist es lustig.“

Menschlichkeit sells. Harmlosigkeit auch. Und auf diesem Boulevard flanieren die Stars ganz gern, zumal sie so in der Regel die Kontrolle über das eigene Bild behalten, ohne gleich die Gerichte bemühen zu müssen. Gelegentliche Grenzüberschreitungen gehören zum Geschäft. Die Promis geben den Blättern, was diese wollen: intime Einblicke. Dass Paparazzi-Fotos meist mit dem (stillschweigenden) Einverständnis der Abgelichteten geschossen werden, müssen die Leser ja nicht unbedingt wissen. „Ich würde sagen, dass fast hundert Prozent unserer Bilder gewünschte Bilder sind“, meint „Gala“-Chefredakteur Lewandowski. Agenturchef Edwin Walter doppelt nach: „Es ist nichts Besonderes mehr, wenn unser Fotograf in Los Angeles vom Pressebetreuer eines Stars angerufen wird und Bescheid bekommt, wo der heute einkaufen oder essen geht.“

Honeymoon. Österreichs derzeit berühmtestes Paparazzi-„Opfer“, Finanzminister Karl-Heinz Grasser, kündigte das Gentlemen’s Agreement mit den indiskreten Fotografen im Frühsommer kurzfristig auf. Er klagte die Illustrierte „News“ wegen der Veröffentlichung von Fotos, die ihn beim Austausch von Zärtlichkeiten am Pariser Flughafen Charles de Gaulle zeigten, und bekam vom Gericht 7000 Euro Entschädigung zugesprochen. Den jüngsten privaten Schnappschüssen nach zu schließen, herrscht jedoch wieder Honeymoon zwischen KHG und den Paparazzi.

Vielleicht hält Grasser es mittlerweile auch mit dem spanischen Schmachtbarden Julio Iglesias, der vor einigen Jahren in einem profil-Interview mit entwaffnender Offenheit zu Protokoll gab: „Ich liebe Paparazzi. Wenn es keine Paparazzi mehr gäbe, würden wir sie vermissen.“ Wie fließend die Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten sein können, demonstrierte der Genrepionier Tazio Secchiaroli seinerzeit höchstpersönlich: Nach seiner Karriere als Paparazzo trat er in den Sold von Sophia Loren – als deren Privatfotograf.

Von Sebastian Hofer
Mitarbeit: Gregor Matheis