Parallel-Universum Web 2.0.

Mit der neuen Generation des Internets tritt eine fundamentale Änderung der Nutzung ein: Emanzipierte Anwender sind nicht länger bloße Empfänger, sondern aktive Gestalter medialer Inhalte. Immer mehr junge Unternehmen schaffen Plattformen für die Online-Angebote zum Mitmachen.

Montag, 1. Jänner 2007, 0.00 Uhr: Die Austria Presse Agentur (APA) sendet eine „Vorrang“-Meldung: „Innenministerin Liese Prokop gestorben“. 23 Minuten später läuft die nächste Meldung über den APA-Ticker. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll nennt Prokops Ableben einen „schweren Schlag“. Weitere 13 Minuten später zieht der damalige SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos nach: „Eine Politikerin mit Herz und Seele.“ Schon wesentlich früher, um 0.08 Uhr, sickert durch, dass Prokop an einem Riss der Aorta gestorben ist – exklusiv nachzulesen in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Erst 46 Minuten später informiert auch die APA über die Todesursache der Innenministerin. Österreichs führende Nachrichtenagentur wurde von 15 Internetanwendern, die in der Silvesternacht an der Prokop-Biografie im Cyberspace arbeiteten, im Rennen um größtmögliche Aktualität geschlagen.

Der Vorsprung der Online-Autoren könnte als Symbol für eine mediale Zeitenwende gedeutet werden: Nie zuvor war es einfacher, mit einem Mausklick tausende Menschen zu erreichen oder mit Gleichgesinnten zu konferieren. Das Internet hat die globale Kommunikationskultur verändert: In den USA geben kritische Autoren in Weblogs die Themen der politischen Agenda vor; von Musikkonzernen als untalentiert abgeschriebene Bands erobern die Charts mithilfe virtueller Fannetzwerke; in Südostasien publizieren Bürgerjournalisten Reportagen im Internet und umgehen so die staatliche Zensur. Das Zeitalter des Web 2.0 hat begonnen.

Von einer zweiten Version des Internets zu sprechen ist allerdings zu unscharf – geändert hat sich die Art der Nutzung. Anfang der neunziger Jahre, in den Pioniertagen des World Wide Web, waren die Benutzer mit einem simplen Sender-Empfänger-Verhältnis konfrontiert: Sie bezogen Informationen, die von Website-Betreibern zur Verfügung gestellt wurden. Nunmehr wird die Feedback-Funktion der User als Kernkompetenz des Web 2.0 definiert, wie der Internetpionier Tim O’Reilly in seinem richtungsweisenden Aufsatz zum Thema festhält: „Man kann Web 2.0 als eine Ansammlung von Prinzipien und Praktiken visualisieren, die ein regelrechtes Sonnensystem von Seiten zusammenhalten. Das Web ist eine Plattform.“

Jugenddominanz. Eine Plattform, die von jungen Unternehmen wie YouTube, MySpace und flickr dominiert wird und deren Hauptklientel ebenso jugendlich ist. Wie eine Studie des Sozialforschungsinstituts GfK Austria belegt, ist das mediale Interesse der 12- bis 24-Jährigen am Internet mit 63 Prozent wesentlich größer als der Wunsch, durchs TV-Programm zu zappen (siehe Grafik Seite 80). Günter Kienitz, früher Fotograf und nun Autor von Jugend- und Erwachsenenliteratur zum Thema Internet, glaubt zu wissen, weshalb: „Gerade im Web 2.0 werden Parallelwelten aufgebaut, die für Jugendliche interessant sind, weil sie sich so darstellen können, wie sie sich selbst sehen. Zum anderen ist lineare Informationsbeschaffung nicht mehr zeitgemäß. Die Jugend holt sich das, was sie braucht, von dort, wo sie es bekommt.“
Für mehr als 57 Prozent der Jugendlichen hat dabei der Download von Musik oberste Priorität, wie die Studie „elf/18“ des österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung ergab. Internetradio hören knapp 37 Prozent, und fast ein Drittel unterhält eine eigene Homepage. Ein Viertel der jungen User nutzt Internetplattformen wie MySpace oder YouTube. Ein für Pädagogen und Eltern alarmierendes Signal dürfte indessen sein, dass fast die Hälfte der Schüler Inhalte aus dem Web in Schulaufgaben kopiert.

Dass die neuen, nach leistungsfähigen Verbindungen gierenden Web-Angebote überhaupt angenommen werden können, liegt zum einen an der rasanten technischen Entwicklung des Internets: Die Zahl der Breitbandanschlüsse in Österreichs Haushalten hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Zugleich haben sich auch die technischen Voraussetzungen im Web gewandelt. „Die alten, schlichten Websites waren nicht dümmer“, sagt Gertrude Kappel von der Technischen Universität Wien (TU). „Die neuen Entwicklungen sind bloß wesentlich intelligenter konstruiert. Mittlerweile wird nicht nur von einem Artikel zum nächsten verlinkt, sondern Information auch eingeordnet. Binnen zehn Jahren ist im Internet eine Strukturierung entstanden, die bei der bisherigen Aufbereitung der Information mehrere hundert Jahre gedauert hat.“

Mitmach-Web. Auch die Einbindung des Benutzers gilt als zentrales Web-2.0-Element. Dass die Interaktivität erst jetzt richtig einsetzt, erklärt Hilda Tellioglu, Universitätsassistentin an der TU, mit der Evolution des Internets: „Die Grundform der Interaktivität gibt es bereits seit zehn Jahren. Bloß waren damals die Tools für die Benutzer recht primitiv. Jetzt haben sich die technischen Werkzeuge weiterentwickelt, und das Bewusstsein der Benutzer für ihre Möglichkeiten ist auch gewachsen.“ Der Anwender hat sich gegenüber den Anbietern von Internetdiensten emanzipiert, wie Tina Brunauer, wissenschaftliche Projektleiterin beim sozialwissenschaftlichen Institut Sora, bestätigt: „Web 2.0 funktioniert dialogorientiert. Die Anwendungen orientieren sich am Nutzer und nicht mehr umgekehrt.“
Für die Betreiber der erfolgreichsten Web-2.0-Sites hat sich die Orientierung am Benutzer bereits gelohnt. Junge Unternehmer sorgten mit ihrem unbekümmerten Auftreten nicht nur für Aufsehen in der elitären Welt der Risikokapitalgeber, welche die Start-ups finanzierten. Einige wurden mit dem Verkauf ihrer Unternehmen auch ziemlich rasch ziemlich reich: 2005 übernahm der Konzern des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch das Portal myspace.com um 580 Millionen Dollar. Dessen Gründer, Tom Anderson, ein unscheinbarer Absolvent der Universität von Los Angeles, wurde dadurch bloß zwei Jahre nach Gründung der Online-Community steinreich. Die Videoplattform YouTube wechselte im vergangenen Jahr gar um 1,31 Milliarden Euro den Eigentümer. Die Gründer, Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim, ehemals Mitarbeiter des Bezahl-Service PayPal, wurden auf einen Schlag zu überaus wohlhabenden Mitaktionären des neuen Mutterkonzerns Google. Anfang Jänner wiederum übernahm das deutsche Medien- und Verlagshaus Holtzbrinck („Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“, „Die Zeit“, parship.de, buecher.de) die deutsche Studentenplattform StudiVZ um vergleichsweise günstige 55 Millionen Euro (weitere 33 Millionen werden bei Erreichen festgelegter Wachstumsziele fällig).

Zielgruppe. Die Web-2.0-Investoren erhoffen sich mit der Übernahme bestehender Netzwerke nicht bloß satte Erträge aus dem Geschäft mit auf den Plattformen werbenden Unternehmen. Für die Nutzer werden individuell zugeschnittene Werbeeinschaltungen mit konzerneigenen Produkten zusammengestellt. Schließlich werden nicht nur Millionen inhaltsleere User-Accounts übernommen: Die Benutzer haben auch umfangreiche Profile angelegt, in denen sie ihre Hobbys, Vorlieben und Interessen verraten. Kein Marktforschungsinstitut könnte die umworbene Zielgruppe besser abbilden als die Betroffenen selbst.
Das Vertrauen der Web-2.0-Nutzer in die neuen Services wird dabei durchaus kritisch hinterfragt: Datenschützer warnen vor allzu freizügigem Umgang mit privaten Angaben. Allerdings: Vor fünfzehn Jahren, erinnert sich TU-Professorin Kappel, seien derartige Befürchtungen deutlich ausgeprägter gewesen: „Wir wären damals fast auf die Straße gegangen, weil wir wegen neuer Computerprogramme um unsere Persönlichkeitsrechte gefürchtet haben.“ Damaliger Stein des Anstoßes: Die ersten modernen Textverarbeitungsprogramme hatten die Buchstabenzahl der Arbeiten aufgezeichnet.

Von Mario Wally