Paralleluniversum

Filmfestivals muten ihrer Kundschaft einiges zu. Die Viennale etwa setzt auf künstlerisch Spitzfindiges und Anti-Glamour. International wird sie dafür hoch geschätzt.

Um sich in den künstlichen Erlebniswelten von Filmfestivals einigermaßen zurechtzufinden, ist es dringend nötig, sich von Wirklichkeitssinn und alten Wahrnehmungsgewohnheiten zu verabschieden. Allem Anschein nach erfüllt der sanfte Realitätsverlust, den der Festspielbesucher durchlebt, tief sitzende Konsumentenwünsche. Mindestens fünf Filmfestivals werden täglich irgendwo auf der Welt eröffnet: Knapp 2000 solcher Kinoveranstaltungen finden laut aktuellen Zählungen alljährlich statt. Allein in Nordamerika soll es derzeit an die 650 davon geben, vom Studentenfilmfestival bis zur hoch spezialisierten Genre-Hommage.

Das Phänomen einer weit auseinander klaffenden Filmlandschaft verstärkt sich dabei zusehends: Das Weltkino zerfällt in Routineprodukte für den regulären Kinoeinsatz einerseits – und eine wildere Filmspezies andererseits, die erst durch möglichst spektakuläre Festivaleinsätze für den „gewöhnlichen“ Kinostart fit gemacht wird. Die ökonomische Bedeutung solcher Filme ist nicht vor allem an den Einspielergebnissen in ihrem jeweiligen Ursprungsland zu messen, sondern nur an ihren Festivalbeteiligungen. Heimische Nischenfilme wie etwa Peter Tscherkasskys Avantgarde-Arbeiten kommen auf 80 bis 100 internationale Einladungen in wenig mehr als einem Jahr – und erreichen so Zuschauerzahlen, von denen vermeintlich viel „kommerziellere“, aber regional beschränkte österreichische Filme nur träumen können.

Der globale Festivalbetrieb hat dieser Tage jedenfalls Hochkonjunktur, egal, ob Puppentheater-, Weltmusik- oder Menschenrechtsfilmfestival. Kultur vermittelt, wenn man sie zu „Ereignissen“ hochfährt und in Sonderprogrammen bündelt, nicht nur das Gefühl einer Debatte, an der gerade kein Weg vorbeiführt, sondern auch die schöne Illusion eines Überblicks. Die Angebote, die etwa das – soeben gestartete – Wiener Filmfestival Viennale zu machen hat, klingen in der Tat verlockend: Es bietet nicht weniger als ein Destillat der Weltfilmkunst in zwölf Spieltagen und 300 Vorstellungen – das internationale Gegenwartskino mit Generalpass-Garantie.

Die Viennale verfolgt diesen Anspruch mit einigem Erfolg: Nicht nur versetzt sie die cinephile Gemeinde Wiens jedes Jahr wieder in Erregung, auch die Besucherzahlen steigen kontinuierlich. 2004 wurden erstmals über 80.000 Zuschauer gezählt. (Um die stetige, politisch gut verwertbare numerische Leistungssteigerung der Viennale weiterhin zu gewährleisten, verkündete Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny unlängst die schnelle Aufstockung des – alles andere als unterdotierten – Festivalbudgets um 100.000 Euro.) Viennale-Direktor Hans Hurch, der das Festival heuer zum neunten Mal ausrichtet, hat die Programm-Unebenheiten früherer Jahre weit gehend eliminiert – und verlässt sich auf eine solide Mischung aus weltweit gefeierten Kinospezialitäten und spröden persönlichen Präferenzen. Der Erfolg der Viennale basiert aber auch auf dem glücklichen Zusammentreffen von avanciertem Angebot und kennerischer Nachfrage: In Sachen alltägliche Filmliebhaberei wird Wien allenfalls noch von Paris geschlagen.

Zudem steht die Viennale auch international bestens da. Freilich sind Filmfestivals nicht leicht miteinander zu vergleichen: Zu großen Kinoereignissen wie Cannes, Berlin und Venedig, die um Weltpremieren rittern, unterhält das Stadtfestival Viennale eine naturgemäß bloß entfernte Verwandtschaft. Auch mit gigantischen Publikumsfestivals wie Toronto oder Rotterdam, die alljährlich auf 350.000 Besucher und mehr kommen, kann die Viennale nicht mithalten. Aber in der mittleren Festivalkategorie, im Vergleich mit den Festivals von Turin, Vancouver, Thessaloniki und Buenos Aires, genießt Wiens Kinofest größten Respekt.
Ein Bemühen um touristische Verwertbarkeit kann man der Viennale nicht nachsagen. Auch an den Stars des Augenblicks, wie sie in den Paparazzi-Magazinen ventiliert werden, liegt Hurch herzlich wenig; die Prominenz, um die es ihm geht, ist die Elite des globalen Art-House-Kinos – so hat die Viennale 2005 neben Jane Birkin Leute wie Manoel de Oliveira, Lav Diaz, Romuald Karmakar und Stanley Kwan zu Gast. Das sind klingende Namen – wenn man weiß, wovon im aktuellen Autorenfilm die Rede ist.

Von der eigenen Bedeutung ist die Viennale längst überzeugt. Understatement ist nicht ihre Sache, wovon die flächendeckenden Propagandaaktionen des Festivals zeugen – von der massiven Medienkooperation bis zum persönlichen Selbstklebe-Programmplan: ein Paradies des entfesselten Marketings. Dabei beschleicht einen bisweilen der Verdacht, dass hier Filme auf eine Weise verkauft werden, die den fragilen Stilen, Bildern und Erzählungen nicht mehr entspricht. Paradoxerweise schadet das Marktgeschrei hier nicht: Das Produkt Viennale besitzt offenbar genug Substanz, um so viel geschäftlichen Ton zu verkraften.