Österreichs Paralympics-Teilnehmer im Endspurt

Sabine Weber-Treiber

Wolfgang Schattauer

Während die Welt gebannt auf die Olympischen Spiele in London schaut (und ­Österreich auf Markus Rogan), bereitet sich die heimische Behindertensportelite auf die Paralympics vor. Schon jetzt ist garantiert: Es werden die spektakulärsten Spiele aller Zeiten. Und die ungerechtesten.

Nase folgt Hand. Noch einmal. Nase folgt Hand. Manche Dinge fallen leichter, wenn sie in prägnante Formeln gegossen werden, und noch leichter, wenn man sie immer wieder wiederholt: Nase folgt Hand. Peter Tichy trainiert eine neue Variante seiner Wendetechnik, sein Coach Alexander Keck steht, mit festem Schritt in lockeren Badeschlapfen, am Beckenrand des Wiener Stadionbads und nickt zufrieden. Sein Schützling lernt schnell, Tichys Nase folgt Tichys Hand, das wird ein paar Hundertstelsekunden bringen, wenn er Anfang September im Londoner Aquatics Center um Medaillen kämpft. Tichy ist einer von drei österreichischen Athleten, die sich für die Schwimmbewerbe der 14. Paralympischen Spiele qualifizieren konnten. Tichy, 20, ist von Geburt an schwer sehbehindert, schemenhaft kann er zwar die Wendemarke am Beckenboden ausmachen, nicht aber die Fähnchen über dem Becken, die Rückenschwimmern den Wendepunkt anzeigen. Deshalb wird ihm sein Trainer im entscheidenden Moment mit einem Stöckchen auf die Badehaube klopfen müssen, das werden sie noch trainieren, kann aber auch bis London warten. Heute ist anderes wichtiger, die Zeit drängt: In einer halben Stunde werden die ersten Badegäste auftauchen, dann müssen die Olympiateilnehmer ihre Bahnen räumen, die sie nur von sechs bis neun Uhr Früh benutzen können. Medaillenchancen rechnet sich Tichy keine aus, die internationale Konkurrenz ist zu stark. Das liegt insbesondere auch daran, dass die internationale Konkurrenz, oder zumindest deren Elite, sich voll auf die Paralympics-Vorbereitung konzentrieren kann, Tichy aber in ein paar Minuten zur Arbeit muss, er absolviert eine Ausbildung zum Heilmasseur und macht nebenbei auch noch die Abendmatura. Das ist trainingstechnisch gesehen eher suboptimal, ökonomisch aber leider notwendig. „Sonst könnte ich gleich hier am Beckenrand ein Zelt aufschlagen, eine Wohnung ginge sich dann finanziell leider nicht mehr aus.“ Tichy nimmt es gelassen, das Stadionbad ist kein Ort zum Jammern, im Stadionbad rennt der Schmäh, es wird geflachst und geflucht, Coach Keck führt ein halbstrenges Regiment. Auch Andreas Onea, dem nach einem Autounfall schon als Kleinkind der rechte Arm abgenommen werden musste, grinst, wenn er ein ernstes Thema anspricht: „Von der Leistung her sind wir Vollprofis. Von der Bezahlung her, na ja.“ Onea, 20, lebt noch bei seinen Eltern. Alternative: siehe oben.

Rund 4200 Athleten aus 150 Nationen werden vom 29. August bis zum 9. September in 20 Sportarten um paralympisches Gold kämpfen, darunter auch 32 österreichische Spitzensportler. Während die halbe Welt die Spiele in London verfolgt (und ganz Österreich die Interviews der heimischen Schwimmerintelligenzija), erreicht die Behindertensportelite die entscheidende Vorbereitungsphase für ihr Saisonhighlight. Diesmal geht es nicht nur um Medaillen, es geht um die Zukunft des Behindertensports. London 2012 wird wegweisend sein. Nach medialen Maßstäben werden es die spektakulärsten Paralympics aller Zeiten, ARD und ZDF übertragen 60 Stunden live aus London, selbst der ORF bringt zum ersten Mal tägliche Berichte von den Spielen. Die öffentliche Wertschätzung des Behindertensports wächst. Und mit ihr die Probleme für die Athleten.

Donauinsel, Mittwochvormittag. Wolfgang Schattauer hat gerade seine tägliche Trainingsrunde absolviert, 45 Kilometer auf der immer gleichen Viereinhalbkilometerrunde („Da weiß ich bei jedem Stein, wie schnell ich bin“), das Gesicht glüht, er atmet schwer und plaudert trotzdem frisch drauflos, bespricht mit seinen beiden ehrenamtlichen Trainingsbegleitern noch ein paar Streckendetails („Alles voller Scherben. Wer macht so was?“) und geht en ­detail auf die Vorzüge von elektrischen Schalthebeln, geklebten Reifen und tiefergelegten Rennrädern ein („Du musst nur aufpassen, dass du in der Kurve nicht mit dem Ellenbogen streifst“). Sein Handbike steht an der Uferpromenade, das vierzehn Kilo schwere Hightechgerät aus Kohlefaser ist mit Sponsorenlogos übersät. Vor den Paralympics wird Schattauer die Aufkleber entfernen müssen, das Internationale Paralympische Komitee hat zu diesem Thema klare Vorgaben. Der Behindertensport professionalisiert sich, nähert sich dem olympischen Sport an und damit auch dessen Marketinggesetzen.

Schattauer, 52, posiert unter knallender Sonne mit bemerkenswerter Gelassenheit fürs Foto, sein Begleiter, Herr Karl, pensionierter Transportflieger, informiert einen staunenden Zaungast: „Weißt du eigentlich, wer das ist?“ Es ist: einer der erfolgreichsten Handbiker der Welt, sechsfacher Weltmeister, Weltbestzeithalter im Handbike-Marathon, Paralympics-Sieger von Peking 2008, querschnittgelähmt seit einem Verkehrsunfall vor genau 13 Jahren. Am 30. Juli 1999 stieg der Ministerialbeamte auf sein Rennrad und brach zum frühmorgendlichen Triathlontraining auf. Drei Wochen später erwachte er aus dem künstlichen Tiefschlaf. Ein bis heute nicht identifizierter Autofahrer hatte ihn von der Straße gedrängt, die Folgen des Unfalls: acht gebrochene Wirbel, Serienrippenbrüche und ein Aneurysma, das Schattauer nur knapp und dank seiner überdurchschnittlichen Konstitution überlebte. Vor seinem Unfall war er einer der erfahrensten Triathleten des Landes, fünffacher Ironman-Hawaii-Finisher, Marathon-Bestzeit: 2:50 Stunden. Einmal Sportler, immer Sportler: Am Tag nach seiner Entlassung aus der Rehaklinik fuhr er zum ersten Mal hierher, auf die Donauinsel. „Ich bin mit dem Rollstuhl einfach auf und ab gefahren, auf und ab.“ Ziemlich genau ein Jahr nach seinem Unfall stieg Schattauer dann erstmals auf ein Handbike, 2002 absolvierte er die ersten internationalen Rennen. 2006 folgte der erste WM-Titel, in den Saisonen 2008/2009 gewann er 48 von 50 Rennen (und wurde zweimal Zweiter). Dass er ­seinen Olympiatitel von Peking verteidigen kann, bezweifelt Schattauer trotz seines stattlichen Trainingspensums von 18.000 Kilometern pro Jahr (das er sich nur dank eines flexiblen Arbeitgebers ­leisten kann: Schattauer arbeitet, wie gut 90 Prozent der österreichischen Paralympics-Teilnehmer, Vollzeit) und auch sonst perfekter Vorbereitung. Die niedrige Erwartungshaltung hat organisatorische Gründe: Das Klassifizierungssystem der paralympischen Sportarten und Bewerbe, das unterschiedliche Behinderungen und Behinderungsgrade ausdifferenzierte und möglichst ausgeglichene Wettkampfbedingungen herstellte, wurde für die Spiele von London grundlegend vereinfacht. Der Fernsehzuschauer, und um diesen geht es diesmal mehr denn je, dürfe nicht durch allzu viele Klassen verwirrt werden, meinen die Veranstalter. Und lassen deshalb Schwer- und Leichtbehinderte um dieselben Medaillen kämpfen. Schattauer macht das, nicht nur aus persönlicher Betroffenheit, nachdenklich. „Die Schwerbehinderten bleiben über. Der Grundgedanke des Behindertensports geht verloren.“

Erstmals formuliert wurde dieser Gedanke kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 28. Juli 1948 fanden, parallel zu den Londoner Sommerspielen, die ersten organisierten Wettkämpfe für Behindertensportler statt. Bei den „Stoke Mandeville Games“ traten 16 Männer und Frauen im Rollstuhlbogenschießen gegeneinander
an, angeregt von dem deutschen Neurochirurgen Leo Guttmann, der am süd­englischen Stoke Mandeville Hospital mit Kriegsversehrten arbeitete und sich von dem sportlichen Wettkampf vor allem therapeutische Effekte erwartete. Aus dem medizinisch-technischen Projekt wurde rasch leistungssportlicher Ernst: 1960 ­fanden die ersten internationalen Behindertensportspiele in Rom statt, damals noch als „Internationale Weltspiele der ­Gelähmten“ (welche übrigens, nicht ganz barrierefrei, in einstöckigen Pfahlbauten ohne Lift und Rampe wohnten), seit Seoul 1988 werden die Paralympischen Spiele parallel am Austragungsort der Olympischen Spiele ausgetragen und vom Internationalen Olympischen Komitee mit Sitz in Düsseldorf ausgerichtet.

Stadionbad, Wien, halb acht Uhr Früh. Während Peter Tichy zur Arbeit hetzt, erzählt Sabine Weber-Treiber, 33, von ihrem Traum. Seit einer Rückenmarkinfektion vor drei Jahren ist die Bankangestellte und Mutter eines Fünfjährigen querschnittgelähmt. Die Aufregung über das bevorstehende Großereignis ist ihr ins Gesicht geschrieben, sie strahlt, es sprudelt aus ihr heraus, es ist eine fast schon naive Freude am Sport, die da aus ihr spricht, eine Begeisterung, die nichts von der Doppel-, Drei- und Vierfachbelastung merken lässt, unter der sie steht. „Im Rehazentrum haben wir eine Doku über das US-Rollstuhlrugbyteam bei den Paralympics gesehen. Ich habe gesagt: Da will ich auch hin! Die anderen meinten: Träum weiter. Du kannst ja noch nicht einmal selber aufs Klo.“

Glockenhelles Lachen am Beckenrand. Anfang September wird sich Weber-Treibers Traum erfüllen, dafür trainiert sie 25 Stunden pro Woche. Daneben 30 Stunden in der Bank, Autofahrt hin, Autofahrt her, davor, danach und rundherum der kleine Otto. Wie geht sich das alles aus? „Mit einem straffen Zeitmanagement. Aber wenn die Oma einmal ausfällt, wird es schon recht kompliziert.“ Eine Medaille liegt in London für Weber-Treiber wohl außer Reichweite: „Die Dichte im Freistil ist sehr hoch. Vor allem in Deutschland und Holland arbeiten sie richtig professionell. Dort gibt es aber ganz andere Strukturen im Behindertensport.“

Die Strukturen des österreichischen Behindertensports verlaufen quer durch das Büro von Andrea Scherney. Die Sportdirektorin des Österreichischen Behindertensportverbands, vielfache österreichische Behindertensportlerin des Jahres und 2008 selbst noch Goldmedaillengewinnerin in Peking (Weitsprung), definiert das Hauptproblem ihrer Kader-Athleten: „Unsere Sportler haben keine Zeit für den Sport. Und die können wir ihnen nicht kaufen, auch wenn die Fördersituation im Grunde keine schlechte ist.“ Der Haken hängt anderswo.

Behindertensportlern ist die Aufnahme in den Heeressport, der den Großteil des heimischen Spitzensports finanziell und strukturell trägt, prinzipiell verwehrt, und zwar gleichheitsgrundsätzlich: Jeder Heeressportler muss Stellung und Grundausbildung positiv erledigen, Ausnahmen sind kategorisch ausgeschlossen. Athleten, die durch paralympische Erfolge („Das ist das Einzige, was im Behindertensport zählt. Ob du Weltmeister wirst, interessiert kein Schwein“, weiß die 25-fache Weltmeisterin Scherney) für Sponsoren interessant genug werden, um ihren Sport zumindest kostendeckend auszuüben, sind in Österreich die seltene Ausnahme. Und eine bedrohte Art: „Mit den neuen Klassifizierungen wird zwar die Wertigkeit von Medaillen erhöht, die Ungerechtigkeit aber auch. Viele erfolgreiche Athleten haben ihre Karriere beendet, weil sie das neue System schwer benachteiligt. Unser Sport ist so weit zusammengeschrumpft, dass er auf der Kippe steht.“

Ein prominentes Beispiel: Eineinhalb Jahre vor den Londoner Spielen erfuhr Thomas Geierspichler, Paralympics-Sieger, Weltrekordler im Rollstuhlmarathon und einer der ganz wenigen echten Profis im österreichischen Behindertensport, dass seine Disziplin für London nicht mehr vorgesehen sei. Seither trainiert der Langstreckenspezialist für die Sprintrennen. Ein Wahnsinn, eigentlich. „Stell dir vor, Haile Gebreselassie dürfte nur noch im 100-Meter-Rennen starten“, sagt der 36-Jährige und versucht, es trotzdem sportlich zu nehmen: „Das Leben ist halt generell immer wieder einmal ungerecht“ (siehe Interview). Dass mit den neuen ­Regularien seine Existenzgrundlage als Profisportler bedroht ist, sagt er nicht. Immerhin: Als Motivationsredner hat sich Geierspichler ein zweites Standbein (seine Worte) geschaffen, es wird auch nach London weitergehen, auch ohne Medaille.

Wie es für Henriett Koósz nach London weitergeht, weiß sie noch nicht genau. Die 32-Jährige, seit einem Autounfall vor 15 Jahren querschnittgelähmt, wird das Rollstuhltennisturnier bestreiten. Vor zwei Jahren verschrieb sie sich spontan dem paralympischen Projekt, gab ihren Job als Medizinproduktberaterin bei einem Reha­spezialisten auf: „Jetzt bin ich Profi. Auf eine Art.“ Auf eine Art heißt: vier bis fünf Trainings pro Woche (je nachdem, ob Sparringspartner und Plätze verfügbar sind), größere internationale Turniere spielen (je nachdem, ob die Reisekosten erschwinglich sind), selbstständig auf Sponsorensuche gehen, nicht zu viel an später denken. „Meine Perspektive ist derzeit auf den 1. September gerichtet. Wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich weitersehen.“ Und erst einmal ein paar Wochen etwas weniger trainieren, vorsichtshalber: „Ich bin so ehrgeizig, ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel mache.“

Stadionbad, kurz vor neun Uhr Früh. Die ersten Pensionisten strömen zum Becken, Andreas Onea muss schnell wieder ins Wasser, um seine Bahn kämpfen. „Sonst machen die sich noch breiter.“ Und das kann Onea jetzt partout nicht brauchen, ein paar Längen fehlen ihm nämlich noch auf sein Vormittagspensum von 4,8 Kilometern. Am Nachmittag macht er noch 5,6 Kilometer, aber das ist, wie er versichert, ohnehin schon eine entspannte Trainingsphase. Onea gilt als einer der heißesten österreichischen Medaillenanwärter. Coach Keck rechnet vor: „Wenn er die 100 Meter Brust in 1:10 schafft, hat er den dritten Platz fix.“ Und läge damit, nur nebenbei, nicht einmal zwölf Sekunden über dem Weltrekord, den Cameron van der Burgh gerade in London aufgestellt hat. Mit beiden Armen.

Mitarbeit: Salomea Krobath

Fotos: Philipp Horak für profil