Partnerschaft: Klick mich!

Das Internet, früher vorrangig Angelpunkt für schnelle Dates und Auslebungsort verschwitzter Sexualfantasien, gilt sowohl den neuen Paarungswilligen als auch den Partnerbörsen-Betreibern als ernster Marktplatz der Hoffnung.

Diese Woche wird die Scheidungsstatistik für das Jahr 2004 veröffentlicht. Kein Happy End in Sicht: Die Scheidungsrate hat einen historischen Höchststand erreicht und bewegt sich knapp vor der 50-Prozent-Marke. Fast 40.000 Menschen mehr, die in der Ausnüchterungszelle der Liebe sitzen, aufgerieben von ihren Vorstellungen von Romantik und der desillusionierenden Realität ihrer gescheiterten Beziehung. Fast 40.000 Menschen mehr, die ein mulmiges Sonntagsgefühl entwickeln, weil dieser Wochentag, auch das ist statistisch erwiesen, für Solisten deprimierende Nebenwirkungen besitzt. Aber auch fast 40.000 Menschen mehr, die nach einer seelischen Rehabilitation in Österreich erneut auf Schatzi-Suche gehen. Denn eine funktionierende Beziehung gehört, so die Wiener Paartherapeutin Claudia Karolinsky, „zum gesellschaftlichen Statussymbolrepertoire“.

Während die Lifestyle-Kultur der achtziger Jahre den Single als autonome Lichtgestalt verherrlichte, der die Gefühle Abenteuerlust, Freiheit und Egoismus mit Stil symbolisierte, erlitt das strahlende Image der Solisten inzwischen erhebliche Abnutzungserscheinungen. Das Gros der Vorstände der in Österreich 2004 auf 1.168.0000 angewachsenen Single-Haushalte hat sich für dieses Lebenskonzept nicht freiwillig entschieden beziehungsweise empfindet es als Zwischenstadium.

Beziehungslosigkeit, so Karolinsky, würde in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als eine Facette des Versagens angesehen werden. Parallel zum steigenden Bedürfnis nach dauerhafter Zweisamkeit entwickelt der Mensch, vor allem im fortgeschrittenen Alter, einen wachsenden Widerwillen gegen die tradierten Balzrituale in der freien Wildbahn. Denn welcher Spitzenmanager im Lebensherbst möchte beim Fünfuhrtee im Volksgarten-Pavillon auf Brautschau gehen? Oder welche 45-jährige Marketing-Spezialistin hat Lust, mit ihren Freundinnen gleich einer allzu reifen „Sex and the City“-Parodie den Altersschnitt eines Passage-Clubbings um die Hälfte zu steigern?

Ende der Infantilität. Die Tatsache, dass die Bruchfestigkeit von Ehen vor allem in der Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen in den letzten Jahren drastisch abgenommen hat, kreiert einen neuen Online-Markt. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, wo der Cyberspace vor allem als Angelpunkt für schnelle Dates und unkomplizierte One-Night-Stands sowie als Auslebungsort für verschwitzte Sexualfantasien gegolten hat, gewinnt das Internet zunehmend an Bedeutung für Menschen mit dauerhaften Bindungsabsichten.

„Die infantile Phase“, kommentiert der deutsche Trendforscher Matthias Horx diesen Entwicklungsprozess, „ist überwunden. Wir sind bereits auf dem Weg zu einer reiferen Liebeskultur.“

Eine der wenigen dezidiert wissenschaftlichen Beschäftigungen mit dem Online-Flirt stellt eine Studie dar, die das Institut für Soziologie der Universität Zürich mit 4000 deutschsprachigen Online-Partnersuchenden durchführte.

So gaben die Befragten etwa an, dass das Internet zu den wichtigsten Orten zählt, an denen Beziehungen geknüpft werden können: 17,4 Prozent glaubten, dass dies am wahrscheinlichsten am Arbeitsplatz geschehe, 17,1 Prozent favorisierten jedoch bereits das Internet, das damit die herkömmlichen Ausformungen der freien Wildbahn wie Bars und Diskotheken (15 Prozent) deutlich hinter sich ließ.

Die Studie belegt auch, dass die Zielsetzung bei der Kontaktaufnahme im virtuellen Raum von weit seriöseren Absichten getragen ist: Bei 23 Prozent der Befragten ergab sich aus der Online-Begegnung eine längerfristige Beziehung. Genau das war es auch, was der Großteil (nämlich 55,5 Prozent) ursprünglich gesucht hatte. Motive wie Freundschaften zu knüpfen (32,6 Prozent), unverbindliche Dates zu arrangieren (30,5 Prozent) oder Partner für Freizeit und Hobby zu finden (21,1 Prozent) rangierten da weit hinten. Nach rein sexuellen Kontakten suchten nur knapp 17 Prozent (siehe Grafik).

Vorteil Anonymität. Den größten Vorteil sahen die Benutzer von Online-Partnerbörsen in deren Anonymität. Drei Viertel der Studienteilnehmer gaben diese als besonderes Plus an. Auch die weiteren Angaben gehen in dieselbe Richtung: Die Freiheit von Hemmungen (50,3 Prozent) und die Unverbindlichkeit des Kontakts (46,9 Prozent) werden als entscheidende Vorzüge der vernetzten Partnersuche angesehen.

Paradoxerweise wurden die Vorzüge von Anonymität und Unverbindlichkeit aber auch als entscheidender Nachteil erlebt: Über 69 Prozent beschwerten sich, dass man die Angaben nicht wirklich überprüfen könne.

Beim ersten realen Treffen mit ihrer Online-Bekanntschaft Hermann dachte sich die Grazer Journalistin Jolanthe Soyka: „Das ist eigentlich gar nicht mein Typ.“ Die dreifach Geschiedene, die zuletzt eine Solisten-Periode von mehr als sieben Jahren absolviert hatte, brauchte ein Weilchen, „um ihre Enttäuschung zu überwinden“. Inzwischen hat das E-Paar geheiratet. Die Soykas haben den Klick ins Glück auf der Partnerschafts-Onlinebörse Parship gewagt, dem Mercedes unter den virtuellen Anbahnungsinstituten. Laut einer Umfrage des Unternehmens ist jeder zehnte Österreicher gegenwärtig auf der Suche nach Zweisamkeit; 34 Prozent davon wollen die Pirschgänge online realisieren.

Über eine Million registrierte Mitglieder verfügt die Tochtergesellschaft der Holtzbrinck-Gruppe seit ihrer Gründung 2002 europaweit; 179 Euro kostet ein sechsmonatiges Abonnement, bei dessen Eintritt man einen ausgeklügelten Persönlichkeitstest auszufüllen hat.

Mittels des „Matching“-Verfahrens vergleicht das Computersystem die Eigenschaften, Wünsche und Vorlieben der eingetragenen Partnersuchenden, die über die Banalitätskriterien wie Wohnort und Hobbys hinausgehen. Übereinstimmungsparameter sind zum Beispiel oberflächlich paradox anmutende Fragen wie „Bei welcher Raumtemperatur fühlen Sie sich am wohlsten?“ oder „Wie reagieren Sie, wenn Sie auf einer Bananenschale ausrutschen?“

Der Erfinder der gigantischen Liebesmaschinerie ist ein Hamburger Universitätsprofessor für Arbeitspsychologie. Hubert Schmale, 73, grübelt seit mehr als 30 Jahren über das Rätsel Mann und Frau, inklusive der Gesetzmäßigkeiten, die das Scheitern und Gelingen von Liebesgeschichten zu bestimmen scheinen. Über ein Jahr benötigten Schmale und sein Team, um den Test und die dazugehörige Komposition von 600 Auswertungsbausteinen zu konzipieren. 40.000 vorläufige Happy Ends gehen inzwischen auf Schmales Konto, der sich den Erfolg des Prinzips damit erklärt, „dass wir den Small Talk und das übliche Balzverhalten überspringen. Denn da werden ja völlig falsche Signale vermittelt, weil man sich ja immer so präsentiert, wie man glaubt, dass der andere einen haben will.“ Weil niemand so ein Schauspiel auf die Dauer durchhalte, gingen so viele Beziehungen in die Brüche. Was sich wiederum positiv auf die Marktsituation des Online-Kuppelgeschäfts auswirke.

Wachstumsraten. In den USA, wo der Markt für Online-Partnerbörsen seine größte Expansion bereits hinter sich hat, wurden im Vorjahr fast 470 Millionen Dollar für die virtuelle Partnerfindung ausgegeben. Was das Dating-Geschäft laut einer Studie der Online Publishers Association zum größten Segment im Bereich bezahlter Webdienste macht. Seit 2002 konnten im US-Cyperspace Partnerinstitute Wachstumsraten von 450 Prozent verbuchen.

Analysten gehen jedoch davon aus, dass der Markt in den Vereinigten Staaten mittlerweile gesättigt ist und sich langfristig nur eine Hand voll großer Anbieter halten wird. In Europa wiederum scheint das ökonomische Potenzial für zwischengeschlechtliche Anbahnungsplattformen noch längst nicht ausgeschöpft. Das Marktforschungsinstitut Jupiter Research geht davon aus, dass virtuelle Partnerbörsen allein im westeuropäischen Raum derzeit rund 88 Millionen Euro pro Jahr umsetzen. Schon 2009 rechnen die Marktforscher mit Umsätzen von bis zu 400 Millionen Euro.

Gigantische Wachstumsaussichten für eine gerade erst einmal zwölf Jahre zählende Branche. Nachdem um 1993 die ersten benutzerfreundlichen Browser verfügbar geworden waren und damit den Anstoß zur rasanten Erfolgsgeschichte des Internets gegeben hatten, dauerte es nicht mehr lange, bis auch der Online-Flirt seine ersten Höhepunkte erlebte. Schon im April 1995 ging match.com, der bis heute führende internationale Partnervermittler, online. Im ersten Jahr konnten gut 60.000 Kunden gewonnen werden. Heute zählt match.com dieselbe Anzahl an Neukunden täglich. Inzwischen betreibt der Vermittlungskrösus über 30 Dating-Seiten in 18 Sprachen und hält bei insgesamt rund 15 Millionen Mitgliedern aus fast 250 Staaten.

In Österreich wurde die Partnersuche im Netz mit dem Start von love.at im Juni 1998 massentauglich. Die Seite entwickelte sich schnell zum Online-Renner und verzeichnete schon im November desselben Jahres 1,2 Millionen monatliche Seitenabfragen und 9000 eingetragene User; im April 2000 zählte man bereits 250.000 Seitenabfragen täglich. Ein Jahr später nahm die Telekom Austria die Seite unter ihre Schirmherrschaft und verpasste der – bis dato ein wenig unter dem eigenen Schmuddelimage leidenden – Kontaktplattform einen konsequenten Relaunch.

Der Tatsache, dass sich diese Gesellschaft, so der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, „zunehmend in einen gigantischen Paarlaufwettbewerb“ verwandle, trägt die E-Branche neben Qualitätsinvestments à la Parship auch durch exakte Zielgruppenorientierung Rechnung.

Erst vor wenigen Tagen ging etwa kathtreff.org ans Netz – eine in Wien beheimatete, streng katholische Partnervermittlung. Wobei „Partnervermittlung“ vielleicht das falsche Wort ist. Schließlich geht es bei kathtreff um mehr – ums heilige Sakrament der Ehe nämlich. „Wir wollen keine Partner vermitteln, die dann irgendwie zusammenleben“, heißt es auf der Homepage. Weshalb man besser kirchenrechtlich in der Lage sein sollte, auch wirklich und kirchlich zu heiraten, bevor man sich – für 70 Euro im Jahr – als vermittlungswillig registrieren lässt. Dass das neue Medium mit Gottes Willen durchaus konform geht, steht für den geistigen Begleiter der Seite, den Salzburger Weihbischof Andreas Laun, jedenfalls fest. „Um vielen Heiratswilligen zu helfen, sollte die himmlische Regie in unseren Zeiten auch das Internet zu nützen wissen“, ließ er zuletzt verlautbaren. Ganz vergessen sollte man auf bewährte Mittel deshalb aber nicht. Nicht umsonst findet sich auf der Homepage der folgende Tipp: „Begleiten Sie Ihre Suche im kathtreff und anderswo im Gebet. Beten Sie also täglich um den richtigen Ehepartner – und vertrauen Sie während Ihrer Suche ganz auf Gott.“

Nischenportale. Überhaupt scheinen glaubensspezifische Online-Kontaktseiten einen Boom zu erleben. So tummeln sich Kontaktwillige mosaischen Glaubens bei Jewish Quality Singles, während Moslems auf Muslimmatch.com oder Twomuslims.com nach Anschluss suchen. Andere Zielgruppen, denen spezielle Flirtseiten gewidmet sind: Mollige (www.voll schlank.at), Bauern (www.landflirt.de oder www.herzundhof.at), Alleinerzieher (www. moms-dads-kids.de) oder Pensionisten („Der Zweite Frühling“: www.dzf.de).

Ja sogar Neonazis suchen die große Liebe via Internet, etwa bei „Germania-Flirt“, nach eigenem Dafürhalten eine „Flirtseite für national Gesinnte“. Da sucht dann etwa André, 19, aus Niedersachsen, der ansonsten gern Musik von Stahlgewitter, Sturmwehr oder Radikahl hört, klipp und klar ein „liebes Mädchen“. Marco wiederum, Physiotherapeut aus Italien, hat schon wesentlich genauere Vorstellungen: Eine „blond-blauäugige, national gesinnte, nicht emanzipierte und nicht multikulturell eingestellte“ Freundin hätte er gern. Vergleichsweise unverdächtig sind demgegenüber Flirtangebote für Gutbetuchte. Elitepartner.at, ein Portal, das in Österreich und Deutschland operiert, hat sich voll und ganz der Vermittlung von Akademikern verschrieben – stolze 69 Prozent der User haben, nach Unternehmensangaben, einen Hochschulabschluss.

Noch ein kleines Stückerl exklusiver gibt es die amerikanische Seite www.millionairematch.com an. Die Idee dahinter: Gerade Großverdiener hätten doch Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der sie nicht bloß des Geldes wegen liebt. Ob sich aber auf einer Seite, die Neukunden als Allererstes fragt, ob sie jetzt mehr oder weniger als 100.000 Dollar im Jahr verdienen, ausgerechnet die ganz reinen und von pekuniären Absichten völlig unverdorbenen Herzen tummeln, darf doch bezweifelt werden.

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer