Partnerwahl. Wer mit wem und warum: Die neuesten Forschungserkenntnisse

Aktuelle Studien widerlegen uralte Mythen: Männer sind weit romantischer als bisher angenommen, der Drang, sich zu verlieben, ist ein Trieb wie Hunger oder Sex. Plus: Experten beleuchten die Gesetze der Partnerwahl.

Liebe ist kälter als das Kapital“ nennt der deutsche Dramatiker René Pollesch eines seiner 150 Theaterstücke und bezeichnet sich selbst als einen „großen Anti­romantiker“. Denn dauerhafte Liebe, die sich gleich einer Naturgewalt einstelle, entspreche einem anachronistischen Ideal und sei mit den Anforderungen der Gegenwart nicht mehr kompatibel. Liebe entspringe nun einmal dem bloßen Zufallsprinzip.

Die Autorin Sibylle Berg geht sogar noch einen Schritt weiter und betrachtet in ihrem letzten Roman „Der Mann schläft“ die Liebe als bloßen Vorwand, „um nicht mehr allein sein zu müssen in dieser ekelerregenden Welt“. In ihrem jüngsten Stück „Herr mit Sonnenbrille“ lässt die 27-jährige österreichische Dramatikerin Gerhild Steinbuch ihre Protagonistin nach einem erstem Mal den postkoitalen Seufzer ausstoßen: „Der Geschlechtsverkehr mit dir ist Schwerarbeit – ohne Aussicht auf was Großes!“

Die Wissenschaft will sich jedoch mit dem desillusionierenden Blick der jüngeren Literatur, in der Autoren wie Berg, Pollesch, Steinbuch oder der Oberösterreicher Ewald Palmetshofer die Zweisamkeit als trostlose Einsamkeit zu zweit thematisieren, nicht abfinden. Ganze Legionen von Evolutionsbiologen, Verhaltensforschern, Anthropologen, Neurologen, Soziologen, Psycho- und Paartherapeuten versuchen mit ungebrochenem Ehrgeiz, die Dynamik von Paarungsritualen, die Gesetze des Ver- und Entliebens, die Ursachen für dauerhafte Partnerschaften und die Selektionsprinzipien der Partnerwahl zu dechiffrieren – mit der Konsequenz, dass in der Liebesforschung interdisziplinär ständiger Kriegszustand herrscht. Während die darwinistisch geprägten Evolutionsbiologen daran festhalten, dass am Ende noch immer die Frauen mit den größten Brüsten, dem richtigen Taille-Hüfte-Verhältnis und den symmetrischen Gesichtern an jene Männer kommen, welche die kuschligsten Höhlen und damit die beste Versorgungsgarantie für den Nachwuchs zu bieten haben, wehren sich Psychotherapeuten, darunter vor allem die Psychoanalytiker, gegen die Paarungsschemata aus dem Neandertal. Schließlich hätten die Pille, die durch die Simulation einer Schwangerschaft das weibliche Selektionsverhalten stark beeinflusst, die wachsende finanzielle Unabhängigkeit der Frauen und die Fortschritte der Fertilitätsmedizin die weiblichen Paarungsmotive „stark vernebelt“, so die Liebesforscherin Helen Fisher, Anthropologin mit starkem Hang zur Neurobiologie. Das eigene biografische Handgepäck, so die Psychotherapie- und Psychologiefraktion, wiege schwerer als das darwinistische Modell. Das Unbewusste agiere bei der Partnerwahl als dominierender Navigator, letztlich lande jeder Mensch bei jenem Partner, der dem gegengeschlechtlichen Elternteil am nächsten komme und mit dem er in der Folge die Beziehungsszenarien seiner Erzeuger nachstellen könne. Die Psychotherapie sei eine, wenn nicht die einzige Möglichkeit, aus diesen oft zerstörerischen Rollenmustern auszubrechen.

profil durchforstete die jüngsten Forschungsergebnisse im Bereich menschlicher „Paarungsstrategien“, so der nüchterne Terminus der Darwinisten, und befragte Experten, wie Liebe aus dem Blickwinkel ihrer Disziplin funktioniert. Conclusio: Jeder fachspezifische Zugang hat seine Berechtigung, findet jedoch in jedem Menschen in unterschiedlichen Dosierungen und Überlagerungen seinen Niederschlag. „Das spezifische Liebesverhalten der Menschen ist so einzigartig wie die Ausformungen der Depression bei psychisch Kranken“, erklärt der US-Depressionsforscher Andrew Solomon. „Biografische Prägung, körperchemische Prädispositionen und der soziokulturelle Kontext vermengen sich bei jedem zu einem einzigartigen Resultat.“ Nachzusehen auf dem Magazinboulevard. Die eben in die Brüche gegangene Paarung zwischen Hollywoodstar Sandra Bullock und dem promisken Super-Proll Jesse James kann nur mit psychoanalytischen Motiven erklärt werden. Das 23-jährige Model Jesus Luz litt an einem Oma-Komplex. Madonna ist mit ihren 51 so alt wie dessen Großmutter.

Männer – das romantische Geschlecht

Das männliche Geschlecht, dem man gemeinhin Gefühlsarmut und im Vergleich zu den Frauen ein defizitäres Romantik­bedürfnis unterstellt, wurde kürzlich, basierend auf mehreren, voneinander unabhängigen Experimenten als weitaus hingebungsfähiger als bisher angenommen klassifiziert.

Forschungsbasis für die Studien, die das Balzverhalten der Männer in neuem Licht zeigen, war die Institution des „Speed-Datings“. Das Fast-Forward-Anbahnungsprinzip wurde vor zwölf Jahren von dem kalifornischen Rabbi Yaccov Deyo entwickelt, der mit der Methode, paarungswillige Männer und Frauen in verschiedenen Konstellationen für ein paar Minuten an einem Tisch zu vereinen, versuchte, strenggläubige Orthodoxe mit ihresgleichen zu verkuppeln.

Der US-Psychologieprofessor Skyler Place ließ im vergangenen Herbst mehrere Speed-Dating-Sessions in Deutschland aufnehmen und an der University of Indiana analysieren. „Ich wollte, dass sich die Beobachtungen rein auf die nonverbale Kommunikation konzentrieren“, erklärt er. „Speed-Dating zeigt verdichtet und schnell, was ­ohnehin bei einem ersten Treffen passieren würde.“ Fazit des Experiments: Männer agieren weitaus selektiver, zielgerichteter, ehrlicher und hingebungsvoller als Frauen. Während 80 Prozent der Probandinnen sich auch dann in koketten Flirtposen inszenierten, wenn sie gar kein erotisches Interesse an ihrem Gegenüber hegten, hielten sich Männer mit solchen Höflichkeits-Camou­flagen nicht auf, sondern beschränkten sich intensiv und unverhohlen auf eine weit geringere Zahl von Kandidatinnen.

„Männer verlieben sich leichter als Frauen“
, bestätigt auch das kalifornische Psychologenduo Andrew Galperin und Martie Haselton nach einem ähnlichen Experiment an der University of California. „Sie agieren auch deswegen ungehemmter und nicht so pseudoverschüchtert wie Frauen, weil sie im Falle des Scheiterns einer Partnerschaft noch immer weniger zu verlieren haben als das andere Geschlecht.“ Zwar kannte Sigmund Freud das Prinzip des Speed-­Datings nicht, aber gemäß seiner Theorie, dass die libi­dinöse Zielgerichtetheit des Aggressors
vor allem durch rivalisierende Mitbewerber ­stimuliert wird, erweist sich das System aus weiblicher Sicht als idealer Angelpunkt für hoch motivierte Herren. Beide Studien ­waren ein weiterer Beweis für die „Zehn-Sekunden-Wahrheit“, die bei Männern, so Place, „noch offenkundiger ist als bei Frauen, was auch damit zusammenhängt, dass sie sich weniger verstellen. Der prägende Eindruck entsteht innerhalb dieser Zeitspanne, nach 30 Sekunden hat keiner der Versuchspersonen angegeben, ihn verändert zu haben.“

Die größere Hingabefähigkeit der Männer bei einem ersten Treffen lässt sich auch durch ihre physischen Aktivitäten erklären. Der britische Verhaltensforscher Roy Baumeister, der ebenfalls mittels Speed-Dating-Analysen die Verbindung zwischen Begierde und emotionalem Bindungswillen untersuchte, fand heraus, „dass allein durch die Tatsache, dass der Mann aktiv herumgeht, während die Frau in der passiven Warteposition ist, der Wille zu einem ‚positiven Abschluss‘ weit höher ist“. Diese These bestätigte sich, als Baumeister die Rollen tauschte: Sobald die Frauen den aktiven Part übernahmen, reagierten sie so wie die Männer.

Verliebtsein macht alle gleich

Auch in vergangenen Jahrhunderten rief das Rätsel Liebe bereits Forscher auf den Plan. Nicolas Venette, ein französischer Arzt, dachte schon 1696 darüber nach, „welches von beiden Geschlechtern der verliebteste und geilste Teil sei“. Die Antwort erfolgte jüngst mit über 300 Jahren Verspätung. Im Zustand des Verliebtseins herrsche das ansonsten so schwer zu realisierende Prinzip der Gleichstellung, wie ein italienisches Hormonforscher-Team der Universität Pisa herausfand. Während bei Männern im Zustand der „grenzenlosen Überschätzung einer einzelnen Person gegenüber dem Rest der Menschheit“ (George Bernard Shaw) ein sinkender Testosteronhaushalt festgestellt wurde, stieg bei Frauen das für den ­Libidopegel verantwortliche Sexualhormon. „Es scheint, als ob die Natur in diesem für die Fortpflanzung so wichtigen Stadium alle wichtigen Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausmerzen will“, so die Studienleiterin Donatella Marazziti. Diese hormonell bedingte Harmonie hält jedoch nicht lange an: Maximal zwei Jahre nach der ersten Messung hatten sich die Testosteronwerte selbst bei den verliebtesten Männern und Frauen wieder auf den geschlechtsüblichen Normalzustand eingependelt. Damit lässt sich auch erklären, ­warum Männer, die in der ersten Beziehungsphase durchaus zu verbalen Gefühlsausbrüchen und Liebesbekenntnissen fähig sind, nach Normalisierung ihrer Werte wieder zu kommunikativer Verhaltenheit neigen. Als Fußnote dazu der Witz, in dem eine Frau ihrem Mann vorwirft, nie mehr über seine Gefühle zu reden. Dessen Antwort auf den Vorwurf lautet: „Okay, Liebling, ich habe das Gefühl, dass ich gleich ziemlichen Hunger kriege.“

Triebprinzip Romantik

„Mit wem werden Sie tanzen?“ – „Mit Ihnen, wenn Sie mich dazu auffordern.“ Geplänkel auf dem „Fleischmarkt“, wie die britische Pfarrerstochter Jane Austen in ihren posthumen Millionensellern „Stolz und Vorurteil“ und „Sinn und Sinnlichkeit“ die als Eheanbahnung dienenden Bälle der Regency-Periode bezeichnete. In Austens Romanen waren die Liebesdilemmata der meistens aus minderbemittelten Verhältnissen stammenden Protagonistinnen durch einen einfachen Zwiespalt gekennzeichnet: Verstand oder Gefühl. Das Konzept der wahren Liebe zeichnete sich durch ein schicksalhaftes Füreinanderbestimmtsein aus, das nur durch die Überwindung gesellschaftlicher Widrigkeiten zu einem Happy End ­geführt werden konnte. Die US-Liebesforscherin Helen Fisher widerlegte in Zusammenarbeit mit einem neurobiologischen Forschungs-
team und entsprechenden ­Gehirn-Scannings unlängst dieses System, das bis heute als Grundlage vieler Hollywood-Plots dient und entsprechend tief in den Köpfen der Menschen sitzt. Der Drang, sich zu verlieben, funktioniert laut Fisher nach dem gleichen Triebprinzip wie Hunger, Durst und die Libido: „Es geht nicht um den Tänzer, sondern um den Tanz. Das hat mit der Dopaminproduktion zu tun, die einen Zustand des Verlangens hervorruft. Wenn keine Belohnung eintrifft, wird die Produktion erhöht. Und wer dann das Radarsystem kreuzt und einigermaßen passt, in den verliebt man sich.“ Als „Romanzen-Junkie“ ­enttarnte sich unlängst Pamela Anderson, die ihre Neigung gewohnt plastisch formuliert: „Ich bin eine Suchtperson. Aber ich trinke nicht und nehme keine Drogen. Deswegen muss ich mich ständig verlieben.“

Keine Typenfixierung

Boris Becker ist ein Einzelfall. Die Typenfixierung „Bobeles“, die sich von seiner ersten Frau Barbara bis zur aktuellen Lilly nachzeichnen lässt, wird in der Populärwissenschaft häufig fälschlicherweise als Beweis dafür angeführt, dass Menschen bei ihrer Partnersuche immer auf die gleichen optischen Kriterien abonniert sind. „Es gibt viel mehr Wandel in der Wahl der Partner als Konstanz“, so der deutsche Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck, der seine lang­jährigen Paarforschungen in dem Buch ­„Warum wir aufeinander fliegen“ zusammen­fasste. Besonders nach schmerzhaft ge­scheiterten Beziehungen suchten Männer wie Frauen „nach einem neuen Gegenüber, das sich auch optisch 180 Grad von dessen jeweiligem Vorgänger unterscheidet“, wie der New Yorker Psychiater Paul Dobransky in seinem Werk „How We Fall In Love“ schreibt: „Aber abgesehen von der Ausblendung der möglichen Schmerzassoziation, suchen sich Menschen vor allem im etwas fortgeschrittenen Alter Partner aus, die
sie in ihrer Entwicklung weiterbringen könnten.“

Fleischmarkt Facebook
Online-Partnerschaftsvermittlungen, die sich in den vergangenen Jahren für berufstätige Singles nach dem Arbeitsplatz als wichtigste Anbahnungsbörse etabliert haben, werden in Zukunft der 40-plus-Generation vorbehalten sein. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Xing sind bereits jetzt „der Fleischmarkt“ (in Jane Austens Sinn) von Teenagern und jungen Erwachsenen, denen die Erstellung eines Parship-Profils oder das Wildern auf Dating-Foren mittlerweile so zeitgemäß wie Kommunikation via Brieftauben erscheint.

Die Ethnologin Julia Dombrowski, Autorin des Buchs „Eine Ethnologie des Online-Datings“: „Soziale Netzwerke sind eben weit unverfänglicher; außerdem kann man dort viel länger die Verhaltensweisen der möglichen Partner beobachten. Online-Partnerportale umgibt immer etwas von Verzweiflung, Restposten-Tristesse und natürlich Torschlusspanik.“ Und Verzweiflung – darin sind sich die Wissenschafter quer durch alle Disziplinen einig – ist das wirksamste Anti-Aphrodisiakum schlechthin.