Pate noster: Die Camorra verkauft in Österreich angeblich gefälschte Waren

In Wien und Baden verkauft die Camorra gefälschte Waren, behauptet ein italienischer Mafia-Experte – das seien bloß haltlose Gerüchte, entgegnet das Bundeskriminalamt.

Wenn es stimmt, was auf diesen Karten zu sehen ist, dann hat die italienische Mafia Europa fest im Griff: Frankfurt, Amsterdam, Paris, London, Genf, Madrid, Rom, Belgrad und Bukarest – in fast allen Großstädten haben sich Familienclans der neapolitanischen Camorra, der sizilianischen Cosa Nostra und der kalabrischen ’Ndrangheta ausgebreitet.
Und: Alle nationalen Regierungen leugnen das hartnäckig, sie schieben die alleinige Verantwortung auf Italien.

Der Mann, der das behauptet, dürfte mit der Materie vertraut sein: Francesco Forgione, Autor des eben veröffentlichten Buchs „Mafia-Export“, ist nicht nur Mitglied der sizilianischen Anti-­Mafia-Kommission in Palermo – 2006 bis 2008 war er auch ­Vorstand der parlamentarischen ­Anti-Mafia-Behörde. In „Mafia-­Export“ warnt er eindringlich vor dem weltweiten Netzwerk der italienischen Mafia-Paten, das nur auf internationaler Ebene bekämpft werden könne.

Die Thesen Forgiones sind nicht neu.
Der ehemalige profil-Autor Misha Glenny ­recherchierte bereits 2008 über die „Grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens“. Der italienische Journalist Roberto Saviano schleuste sich zwei Jahre lang in Clans der neapolitanischen Camorra ein und zeichnet in seinem Bestseller „Gomorrha“ ein ähnliches Bild.

Neu für den heimischen Leser dürfte hingegen sein, dass auch Österreich von der Mafia infiltriert sein soll. Auf Seite 265 heißt es in „Mafia-Export“ wörtlich: „Personen, die mit der so genannten Allianz von Secondigliano in Verbindung stehen“, seien zwischen Wien und Baden aktiv und „verkaufen gefälschte Markenprodukte“.

Die Allianz von Secondigliano ist eines der gefährlichsten Camorra-Bündnisse Italiens, benannt ist sie nach einem Stadtteil im Nordosten Neapels. Ihre Einnahmequellen: Drogen- und Waffenhandel, Zuhälterei. Und: Verkauf von gefälschten Waren.

Konkreter wird Forgione in seinem Buch nicht.
Da ändert es wenig, wenn man den ehemaligen Politiker der Rifondazione Comunista persönlich anruft: „Ich habe lediglich öffentlich zugängliche Akten der italienischen Justiz zitiert, mehr kann ich zu ­Österreich nicht sagen“, wehrt Forgione ab.
Nur so viel: Bei den gefälschten Produkten handle es sich um elektronische Produkte, aber auch Modeartikel: „Diese Waren werden in Neapel und Umgebung hergestellt und wandern oft direkt in die Geschäfte. Als Kunde habe ich also keine Chance zu erkennen, welche Produkte von der Mafia hergestellt worden sind und welche nicht.“

Wie viele Mafiosi sind in Wien aktiv?
Wo genau? Welche Waren verkaufen sie? Sind die Behörden in Wien und Baden informiert? All das kann oder will Forgione nicht beantworten. „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist das Netzwerk der Mafia in Österreich gering. Ich schließe aber nicht aus, dass es noch in viel mehr Städten Mafia-Aktivitäten gibt“, sagt er.

Das klingt vage, aber doch einigermaßen alarmierend. Ernst Geiger, Chef der Ermittlungsabteilung im Bundeskriminalamt (BK), hält Behauptungen wie diese jedoch für haltlos. „In Österreich hatten wir nie Probleme mit den Italienern, weil es hierzulande auch kaum italienische Gastarbeiter gibt“, so Geiger. Sein Resümee: „Der Verkauf von gefälschten Waren wird von den Chinesen dominiert. Derzeit sind uns keinerlei Aktivitäten der italienischen Mafia in Österreich bekannt.“

Mordanschlag.
Der letzte Fall, in dem Österreich eine marginale Rolle in einer Mafia-Untersuchung geführt habe, reicht 20 Jahre zurück. Damals hatte sich ein hochrangiges Camorra-Mitglied kurzfristig in Wien aufgehalten, auf ihn wurde von einem rivalisierenden Clan ein Mordanschlag verübt.

Mafia-Experte Forgione sieht in Österreich aber noch eine zweite Gefahr: Das Land sei zwar als Binnenstaat ohne Hafenzugang für den Drogenschmuggel unbrauchbar: „Ein Anreiz für die Verbrechersyndikate ist aber das Bankgeheimnis, das es in den meisten anderen europäischen Ländern nicht mehr gibt.“

Zumindest das ist nicht von der Hand zu weisen: Im März 2010 wurde der bisher größte Fall von Geldwäsche in Italien aufgedeckt. Für die kalabrische Mafia­organisation ’Ndrangheta sollen die Telekommunikationsunternehmen Fastweb und Telekom Italia 2,2 Milliarden Euro gewaschen haben – wie profil berichtete, vorwiegend über Konten bei österreichischen Banken.