Paul Preuß: Vor 100 Jahren verunglückte der „Philosoph des Freikletterns”

Paul Preuß: Vor 100 Jahren verunglückte der „Philosoph des Freikletterns”

Vor 100 Jahren stürzte der Wiener Paul Preuß, der bedeutendste Alpinist seiner Zeit, am Dachstein in den Tod. Seine Ideen vom puren Bergabenteuer bleiben umstritten - auch wenn den „Philosoph des Freikletterns” heute niemand mehr kennt.

Großes Hallo am Langkofel, Grödner Dolomiten, August 1911. Ein 18-jähriger Bergführer aus der Gegend namens Luis Trenker sitzt glücklich am Gipfel, blinzelt in die Sonne und staunt: "Er kam, während ich mit einem Freund bei schönstem Wetter die Aussicht genoss, über die Nordostwand herauf, trug sich in das Gipfelbuch ein und eilte, ohne sich zur Rast zu setzen, gleich weiter. Sein Begleiter hatte sichtlich Schwierigkeiten, ihm zu folgen.“ Der junge Trenker war erheblich beeindruckt, schließlich hatte er gerade den berühmten Paul Preuß vorbeirasen gesehen, den Wiener Vordenker des reinen Alpinismus, den womöglich talentiertesten, ganz bestimmt aber wortmächtigsten Kletterer seiner Zeit. Und den mit Abstand unermüdlichsten. Warum Preuß keine Zeit hatte, um mit Trenker die Aussicht zu genießen, erschließt sich aus seinem Tourenbuch. In den zwei Wochen, die der damals 25-Jährige im August 1911 in den Dolomiten verbrachte, bestieg er nicht weniger als 30 Gipfel. Insgesamt stand der junge Mann mit dem strengen Seitenscheitel und der maßgeschneiderten Ausseer Tracht - inklusive farbiger Seidenkrawatte - zwischen 23. Juni und 23. Oktober jenes Jahres auf 93 Bergspitzen. Als ob er gewusst hätte, dass ihm nur noch wenig Zeit blieb.

"Kein anderer Alpinist hat für unser Tun eine größere Bedeutung als Paul Preuߓ, schreibt Reinhold Messner in seiner Preuß-Monografie "Der Philosoph des Freikletterns“. Im Gespräch mit profil wird er noch deutlicher: "Es gab in seiner Zeit ähnlich gute Bergsteiger, aber keiner hatte die geistige Dimension des Paul Preuß. Zu seinen Fähigkeiten als Kletterer kamen seine Intelligenz und seine Fähigkeit, philosophisch hinter die Kulissen zu schauen. Eben das macht seine Einmaligkeit aus.“

„Spieler in Gedanken”
Schon seit Jahrzehnten müht sich Messner, diesem Idol zu gebührendem Andenken zu verhelfen, widmete ihm Aufsätze und 1986 die erste deutschsprachige Biografie. Zum 100. Todestag präsidiert Messner nun als Schirmherr über die Ausseer Paul-Preuß-Tage (ab 28. Juni in Gosau, Grundlsee, Bad Aussee und Altaussee), ohne weitere Umstände kommt er ins Schwärmen. Über den Menschen Paul Preuß: "Er war so lustig, er war so lebensfroh. Er war ein Spieler in Gedanken. Und er hat diese Gedanken in die Realität umgesetzt mit seinen Touren.“ Über die Schönheit dieser Touren: "Er hat sie ganz genau der Natur angepasst. Preuß ist in den Bergen gehockt, hat diese Wände angeschaut und aus der Struktur der Felsen genau herausgelesen, wo er mit seinen Fähigkeiten hinklettern kann, und dabei stets die eleganteste, die klarste Route gefunden.“ Über den Philosophen Preuß: "Er wollte ein selbstverantwortliches Unterwegssein in der Unwegsamkeit der Natur. Ihn hat aber vor allem die Menschennatur interessiert: Wie der Mensch tickt und was mit dem Menschen passiert, wenn er sich einer 1000 Meter hohen Wand stellt und keine Sicherung verwendet, kein Seil.“

Mit anderen Worten: Dieser Mann hat den Alpinismus geprägt wie kaum ein anderer. Trotzdem kennen ihn heute nur noch Alpinhistoriker. Im modernen Klettergarten ist Preuß höchstens eine Herkunftsangabe. Wer weiß schon, dass der wichtigste Alpinist des frühen 20. Jahrhunderts am 19. August 1886 in Altaussee zur Welt kam, als Sohn des Wiener Klavierlehrers Eduard Preuß und dessen Gattin Caroline, geborene Lauchheim? Dass er mit sechs Jahren nach einer polioartigen Infektion monatelang an den Rollstuhl gefesselt war und sich erst langsam, auf langen Wanderungen in der Sommerfrische von der Lähmung erholte? Dass er als Kind am Wiener Franz-Josefs-Kai Tür an Tür mit dem gleichaltrigen Hermann Broch lebte und später unter anderem mit Sigmund Freuds Sohn Martin die Berge des Salzkammerguts erstieg? Dass seine legendäre Solo-Durchsteigung der 600 Meter hohen Totenkirchl-Westwand am 22. Juli 1911 Ödön von Horváth zu einem Text inspirierte? Dass er noch später, als promovierter Botaniker und Universitätsassistent, von München aus in flammenden Artikeln und Lichtbildvorträgen eine neue, alte, philosophische Form des Bergsteigens predigte, die zu seiner Zeit für eminentes Aufsehen sorgte, aber erst Jahrzehnte später praktische Relevanz bekommen sollte? Und dass er - dazwischen, danach und währenddessen - die schönsten, spektakulärsten, schwierigsten Routen erschloss, von seinen Zeitgenossen für sein Geschick und seine Kühnheit bewundert, fast immer ohne Seil, fast immer ohne Haken, oft im Alleingang?

Dass man das nicht weiß, hat zwei Gründe. Der erste liegt in den dunklen Jahrzehnten der österreichischen und deutschen Alpenvereine, in denen diese einen ganz besonders eifrigen Antisemitismus pflegten und den Nationalsozialismus ganz besonders begeistert antizipierten. Paul Preuß, der Ende 1909 in München zum evangelischen Glauben konvertierte, war für die Protagonisten der alpinen Herrenmenschelei doch ohne Zweifel: ein Jude. Der notorische Antisemit Eduard Pichl, in den 1920er-Jahren Obmann der Alpenvereins-Sektion Austria, unterließ nichts, was das Andenken an Preuß verringern hätte können. Der Anschlag aufs Vermächtnis gelang. Noch im Jahr 1995 wurde in der Festschrift "100 Jahre Sektion Bayerland“ das Bayerland-Mitglied Preuß nur am Rande erwähnt. Ein zweiter Grund ist eher philosophischer Natur. Paul Preuß stand an einer Weggabelung des Alpinismus. Die Richtung, die er vorschlug, wurde theoretisch gelobt. Praktisch nahm das Bergsteigen einen anderen Weg.

"Gerade eben habe ich einen Kurs für angehende Übungsleiter gehalten“, erzählt Walter Würtl, Innsbrucker Alpinwissenschafter und Ausbildungsleiter des Österreichischen Alpenvereins: "Als ich die Kursteilnehmer gefragt habe, wer Paul Preuß kennt, hat genau einer die Hand gehoben. Na ja, zumindest der Name ist ihm bekannt vorgekommen.“ Würtl selbst steht nicht an, die Leistungen des Freikletterpropheten zu preisen. Dass ihnen im modernen Bergsteigen keine große Bedeutung mehr zukommt, lässt ihn aber auch nicht verzweifeln: "In den Alpen sind heute buchstäblich Millionen unterwegs. Bergsteigen ist ein Familiensport geworden, es ist eben nicht mehr so exklusiv wie vor 100 Jahren, als das gebildete Bürgertum geklettert ist und sich den Luxus der Reflexion geleistet hat.

Das waren auch Kinder ihrer Zeit, die für eine größere Idee alles in die Waagschale geworfen haben, auch das eigene Leben, um aus dem Abenteuer als neue Menschen herauszukommen. Aber den Alpinismus in dieser puren Form hält heute nur noch eine kleine Elite hoch, für die restlichen 99 Prozent spielt alpinistische Ethik überhaupt keine Rolle mehr. Sie suchen einfach ein schönes Erlebnis, ganz entspannt und ganz flexibel.“

Sport oder Tourismus
Der Preuß-Biograf und Alpin-Purist Reinhold Messner sieht das strenger: "Ich komme gerade vom Everest zurück, und es wird dort immer klarer, dass sich das Bergsteigen absolut von den Vorstellungen des Paul Preuß wegentwickelt hat. Es wird entweder als Sport oder als Tourismus betrieben . Dem ist auch nichts entgegenzusetzen, solange sich die Akteure selbst als Sportler oder Touristen betrachten. Aber mit dem, was Paul Preuß als Klettern verstanden hat, hat das nichts mehr zu tun.“ Was Paul Preuß seinerzeit als Klettern verstand, berührte einen Streit, der fast so alt ist wie der Alpinismus. Die Grundfragen, über die diskutiert wurde und wird: Geht es am Berg um die reine Leistung oder um den Weg dorthin? Geht es um Sport oder um Ethik? Um die charakterliche Größe des Bergsteigers oder die Leistungsfähigkeit seines Materials? Um Sicherheit oder um Risiko? Preuߑ Sicht der Dinge war klar: "Mit künstlichen Steighilfen habt ihr die Berge in ein mechanisches Spielzeug umgewandelt. Schließlich werden sie kaputtgehen oder sich abnutzen, und euch bleibt dann nichts anderes übrig, als sie wegzuwerfen.“

„Lieber zu Hause bleiben”
In seinem Aufsatz "Künstliche Hilfsmittel auf Hochtouren“, publiziert im August-Heft 1911 der "Deutschen Alpenzeitung“, brachte Preuß seine Ansichten letztgültig auf den Punkt. Wer sich auf Steighilfen oder Sicherungshaken verlasse, wer Wände versuche, denen er allein nicht gewachsen ist, der verpasse den eigentlichen Alpinismus. Preuß, der Free-Solo-Kletterer avant la lettre, formulierte es so: "Ich verstehe weder den Wert der Gefühle noch den Wert der Leistung, wenn man sich so über eine Wand hinaufschwindelt. (…) Wenn man an steilen Wänden mit absoluter Sicherheit nur turnen will, etwa an dreifachen Seilen oder aber einem aufgespannten Sprungtuch, dann soll man doch lieber zu Hause bleiben und seine Geschicklichkeit im Turnverein erproben. (…) Nicht nur ‚dass‘ man auf Berge hinauf- und wieder hinunterkommt, möge von Bedeutung sein, sondern auch ‚wie‘! Wenn beim Trabfahren ein Pferd galoppiert, wird es wegen unreiner Gangart disqualifiziert. Die unvernünftigen Tiere zwingen wir zur Reinheit des Stiles; bei denkenden Bergsteigern sollte alles erlaubt sein?“

Schon diese wenigen Zeilen verdeutlichen, wie fein der studierte Botaniker seine Feder führte. Hysterisches Eiferertum lag ihm dabei fern. Im persönlichen Umgang war Preuß, wie auch seine Gegner im "Mauerhakenstreit“ gern zugaben, ein brillanter Unterhalter, ein Charmeur und - nicht zuletzt - ein Frauenschwarm. Dem Journalisten, Mitbegründer der ORF-Reihe "Land der Berge“ und Preuß-Kenner Lutz Maurer vertraute Klaus Maria Brandauers Großmutter Maria anlässlich des 100. Geburtstags von Paul Preuß eine Geschichte aus ihrer Ausseer Jugend an: "Angst um ihn haben wir keine gehabt, denn er war ja immer lustig und fidel. Nie, dass wir ihn mit einem traurigen Gesicht gesehen hätten. Darum haben wir ihn alle so gern gehabt. Wir haben halt immer seine Mutter gefragt: Wann kommt denn der Pauli wieder heim?“ Zur Frage der "Damenkletterei“ erklärte der Pauli anno 1912: "Ein gütiges Schicksal hat es mir verliehen, mit 17 jungen Damen in feste Verbindung - durch das Seil - zu treten.“

Reiche Erfahrung stand also vor der Erkenntnis: "Armer Goethe! Du hast Friederiken und Frau von Stein nicht inmitten einer starren Felswildnis deine Huldigungen dargebracht! Um dies zu wissen, braucht man deine Biographie nicht zu kennen, denn aus deinen Werken kann man es lesen. Wie hättest du denn sonst im Faust die kühne Behauptung aufstellen können: ‚Das ewig Weibliche zieht uns hinan!‘ Mir wird schwarz vor Augen.“

Viele der gut 1200 Touren, die Preuß in den wenigen Jahren seiner Kletterkarriere ging, unternahm er mit seiner Bergfreundin Emmy Eisenberg, später Emmy Hartwich-Brioschi, oder mit seiner älteren Schwester Mina. Deren Mann Paul Relly, ebenfalls langjähriger Kletterpartner Preuߒ, erinnerte sich an eine typische Begebenheit: "Auf der äußersten Kante einer abgesprengten Platte auf den Zehenspitzen balancierend, unterzog Preuß diese ‚haarige‘ Stelle einer gründlichen Untersuchung, bevor er sich mit dem gewohnten ‚Achtung, Tiger!‘ von dem sichern Boden abstieß …“

„Kalter Schrecken”
Am 3. Oktober 1913 verließ Preuß die Sicherheit. Bei einem Alleingang an der Nordkante des Mandlkogels im Dachsteinmassiv verlor er den Tritt und stürzte in die Tiefe. Erst zehn Tage später wurde sein Leichnam gefunden. Kurz darauf fuhr dem immer noch jungen Luis Trenker "beim Lesen der Deutschen Alpenzeitung der kalte Schrecken durchs Herz. Paul Preuß war abgestürzt! Paul Preuß, so ein feiner, bescheidener Mensch, der beste Bergsteiger, den wir hatten.“