„Personale Verantwortung“

Der Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer über Kurt Krenns Umgang mit Wahrheit, Priesterausbildung und dessen mögliche Absetzung als Bischof.

profil: Herr Bischof, gibt es für Sie einen grundsätzlichen qualitativen Unterschied zwischen homo- und heterosexuell veranlagten Priestern?
Scheuer: Es gibt immer nur konkrete Menschen, die ihre Sexualität integrieren und auch ihre Not haben. Beide haben den Zölibat zu leben. Bei beiden Orientierungen gibt es auch die Möglichkeit des Missbrauchs, der Macht, der Gewalt. Homosexuell orientierte Menschen sind nicht von vornherein ungeeignet für das Priesteramt. Sie haben teilweise eine höhere Sensibilität, insofern gibt es manche Chancen, aber auch Gefahren. Es gilt genau hinzuschauen, wie die Sexualität in die Gesamtpersönlichkeit integriert ist.
profil: Wie konnte es zu den Vorfällen in St. Pölten überhaupt kommen? Was hat da versagt?
Scheuer: Ich kenne das St. Pöltner Seminar, da ich an der Hochschule als Lehrbeauftragter tätig war. Es ist nicht ein generelles St. Pöltner Problem. Die meisten Priester und sehr viele der damaligen Seminaristen haben es nicht verdient, in diesem Kontext genannt zu werden. Man hat in St. Pölten bestimmte Kriterien, die die menschliche Reife anlangen, nicht so beachtet, wie es notwendig gewesen wäre. Man hat auch eine ganze Reihe von Kandidaten aufgenommen, die in anderen Häusern schon abgelehnt wurden.
profil: St. Pölten hat sich zuletzt auch geweigert, seine Alumnen zum gesamtösterreichischen Vorbereitungsjahr nach Horn zu schicken. Ist das nicht bezeichnend?
Scheuer: Die Verantwortlichen in St. Pöl-
ten haben da einen insgesamt guten Weg verlassen, weil in Horn auch die Fragen menschlicher Reifung und biografischer Entwicklung gestellt werden.
profil: Handelt es sich bei dem Skandal um ein gesamtösterreichisches Problem für die Kirche?
Scheuer: In der Frage der Verantwortung muss unterschieden werden: Es betrifft nur bestimmte Personen in St. Pölten – es gab ja auch Verantwortliche, die rechtzeitig gemahnt haben. Dass sich auch die anderen Bischöfe diesem gesamtösterreichischen Skandal stellen müssen, bedeutet nicht, dass alle dieselbe Verantwortung zu tragen haben. Wir können zum Beispiel nicht das Priesterseminar zusperren.
profil: Es gibt wieder einmal Medienschelte aus den Reihen der Kirche. Ist es nur ein Kirchenproblem, oder geht es auch die Öffentlichkeit an?
Scheuer: Im Bereich der Sexualität gibt es kein Recht der Öffentlichkeit auf Intimes – es muss nicht in jedes Schlafzimmer reingeschaut werden. Es gibt aber ein Recht der Öffentlichkeit, zu hören, wie solche Vorfälle beurteilt werden.
profil: Anders als im Fall Groer werden diesmal von Ihnen und Ihren Kollegen die Vorfälle an sich nicht infrage gestellt. Ist bereits gewiss, dass die Vorwürfe zutreffen?
Scheuer: Die Untersuchung muss erst durchgeführt werden – mit klarem Blick und ohne Vertuschung. Ich denke, es wäre gut, wenn die Instanzen von außen kommen.
profil: Wie weit kann die Bischofskonferenz und ihre Meinung eine Instanz sein, wenn Krenn sagt, das gehe sie einen Dreck an?
Scheuer: Dieser Ausdruck befremdet mich. Es gibt eine Verantwortung auf diözesaner Ebene. Wir Bischöfe können nicht einfach in eine andere Diözese hineinregieren. Diese Verantwortung liegt bei Rom.
profil: Wie groß ist denn die Kluft – hier Krenn, da die anderen Bischöfe?
Scheuer: Bischof Krenn hat im Grunde selbst eine gewisse Opposition gezeichnet, wenn er sagt, dass es die Bischofskonferenz einen Dreck angeht.
profil: Krenn pocht immer wieder auf die Wahrheit. Wie sehr hat denn ein Bischof immer Recht zu haben?
Scheuer: Der Bischof kann sein Amt nur in der Gemeinschaft mit den anderen Bischöfen ausüben. Isoliert für sich gesehen hat er kein Recht. Was die Wahrheit betrifft: Es gibt keine willkürlich gesetzte Wahrheit, sondern der Bischof hat sich der Offenbarung unterzuordnen.
profil: Glauben Sie nicht, dass diese Grenze von Krenn überschritten wurde?
Scheuer: Ich möchte ihm nicht Zeugnisnoten verteilen, bevor ich es ihm nicht persönlich gesagt habe.
profil: Alle erwarten sich, dass Rom schnell reagiert. Was bedeutet das in vatikanischer Zeitrechnung?
Scheuer: Da das Thema in den italienischen Medien große Resonanz gefunden hat, erwarte ich mir, dass sich der Vatikan eher rasch der Causa annehmen wird. Ich denke auch, dass die klare Stellungnahme von Bischof Kapellari in Rom gehört wurde.
profil: Im Fall Groer fiel dem Vatikan die Absetzung leicht, da er die Altersgrenze erreicht hatte. Ohne die Causa Krenn zu einer Causa Groer machen zu wollen: Glauben Sie, dass Rom zu einer befriedigenden Lösung kommen wird?
Scheuer: Ich glaube, dass die Kirche aus den Neunzigern gelernt hat, was rechtliche und personale Verantwortung anlangt.
profil: Heißt dies, dass das Ausmaß der Problematik personelle Konsequenzen an der Spitze St. Pöltens rechtfertigt?
Scheuer: Das wird sich im Konkreten herauskristallisieren. Es ist zu bedenken, ob Konsequenzen vorzusehen sind.
profil: In Ihrer Diözese fand am Sonntag wieder einmal die Wallfahrt zum Anderl von Rinn statt, die von Ihrem Vorgänger als antisemitisch verboten wurde. Der Pressesprecher von Bischof Krenn sagt, solange es sich um fromme, andächtige Menschen handelt, sollte es ja kein Problem sein.
Scheuer: Die Frömmigkeit muss durch die Läuterung der Theologie gehen. Die Frömmigkeit in sich allein hat noch keinen Anspruch auf Wahrheit.
profil: Gilt das auch für Bischöfe?
Scheuer: Das gilt für jeden.