Péter Esterházy: „Wie ein Wildschwein“

Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy über ­Schreiben als Form von Faulheit, Leben und Arbeiten unter der Diktatur und seinen neuen Roman „Esti“.

Interview: Wolfgang Paterno

profil: Sie wurden mit nahezu allen wichtigen europäischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Weshalb weigern Sie sich dennoch beharrlich, als Großschriftsteller aufzutreten?
Esterházy: Diese Rolle ist längst passé, selbst in den osteuropäischen Staaten, in denen das öffentliche Auftreten vieler Autoren durch die Diktatur geprägt war: Schriftsteller gaben sich damals häufig als Experten einer Andeutungsliteratur, als Virtuosen einer Zwischen-den-Zeilen-Prosa. Inzwischen weiß man, dass zwischen den Zeilen vor allem Weißraum zu finden ist.

profil: Ihr jüngster Roman „Esti“ ist eine der Avantgarde verpflichtete Literaturspielerei. Misstrauen Sie dem klassischen Erzählen?
Esterházy: Kleist meinte sinngemäß, schlechte Schriftsteller schrieben, was ihnen gesagt werde, die guten, was sie können. Nur Herr Goethe mache, was er wolle. Ich schreibe, was ich kann. Die Bilder, die man von sich entwirft, ändern sich im Lauf der Zeit. In den 1970er-Jahren strebte man nach Wildheit, auf persönlicher wie professioneller Ebene. In der deutschen Literatur jener Epoche zeigte sich die Leidenschaftlichkeit unter anderem darin, dass man Hauptwörter klein schrieb.

profil: „Esti“ ist mit knapp 400 Seiten ein vergleichsweise schmales Opus in Ihrem Werkkatalog. Fällt Ihnen das Schreiben mit den Jahren nicht leichter?
Esterházy: Nein. Dieselbe Angst, Unsicherheit, Ausweglosigkeit, Freude. Entwickelt man allerdings zu viel Sicherheit im ­Schreiben, verwandelt es sich in eine Form der Faulheit. Sicherheit ist legitim beim Autofahren oder beim Fußballspielen. Nicht in der Literatur.

profil: Bei Ihnen klingt so viel Selbstzweifel nach Sorgen auf hohem Niveau.
Esterházy: Man muss sich selbst mit der eigenen Nicht-Begabung konfrontieren. Kürzlich sprach ich darüber mit dem Autor Péter Nádas. Wie zwei alte Strickfrauen stellten wir fest, dass wir in unserer Arbeit dieselben Fehler wie vor 40 Jahren machen – nur haben wir heute weniger Angst davor. Aber auch das stimmt nicht.

profil: Hilft Routine weiter?
Esterházy: Handwerk ist das eine. Das andere ist jener bestimmte Moment, den man hinter sich bringen muss. Natürlich will ich mich im Textgebäude meiner Bücher zurechtfinden. Was es zu wissen gilt, will ich wissen. Wenn man dazu aber nicht die Fähigkeit besitzt, die Augen zu schließen und während des Schreibens gleichsam wie ein Wildschwein durch den Text zu jagen, ist man verloren. Das benötigt Kraft, strahlt zuweilen etwas Unfeines aus. Pathetisch formuliert: Mit blitzblanken Händen kann man keinen Roman schreiben.

profil: Hegen Sie auch deshalb seit Jahrzehnten ein Faible für die sprachzentrierte österreichische Literatur?
Esterházy: Musil und Broch waren für mich wichtiger als Thomas Mann und Hesse. Anfang der siebziger Jahre las ich als Mathematikstudent die Grazer Literaturzeitung „manuskripte“. Seinerzeit eroberte ich mir neues geistiges Terrain, zumal in der ungarischen Literaturszene der Zeit kaum geistige Freunde auszumachen waren, allenfalls in der Lyrik.

profil: Am ausschweifenden Poetenleben à la Artmann waren Sie nicht interessiert?
Esterházy: Natürlich saß auch ich sturzbetrunken im Hawelka. Aber nur einmal, mehr war bei mir nicht drin.

profil: Damals lernten Sie auch das Werk Thomas Bernhards schätzen.
Esterházy: „Kalkwerk“ riss mich förmlich mit. Hat man das Glück, ein Heimatland zu besitzen, ist Bernhard Weltklasse – als Inspiration für den Umgang mit dem eigenen Staat. Meine Reflexe in dieser Beziehung sind meist milder, ich pflege häufig ein grauenvolles Einerseits-andererseits.

profil: „Mögest du in interessanten Zeiten leben“, so lautet ein chinesischer Fluch. Sie selbst durchlitten ein totalitäres Regime.
Esterházy: Dass ich 40 Jahre lang in einer Diktatur lebte, könnte man als perverses Glück bezeichnen, das einen zumindest geistige Disziplin lehrte. Vor allem war es jedoch eine Zeit der Bedrängnis. Jeden Tag mussten wir Autoren lernen, dass die Literatur, die wir ernst nahmen, nicht wichtig war, weil unsere Leben nicht wichtig waren. Literatur bot die Möglichkeit, über die verlorene Freiheit zu schreiben, indem man sich in Texten ostentativ darüber ausschwieg – was auch nicht ungefährlich war.

profil: Viele Menschen in Ungarn erlebten die undemokratischen Zustände bis zur Wende 1989 wohl als reines Unglück.
Esterházy: Mit keinem Halbsatz nenne ich die Diktatur gut. Wegen der damaligen Zustände blieben viele als Verlierer auf der Strecke, wie jene, die unmittelbar mit der Wirklichkeit zu tun hatten – Soziologen etwa, die mit der Zensur in Berührung kamen. Ich würde eine Diktatur niemandem empfehlen.

profil: Der derzeitige ungarische Regierungschef, der Rechtspopulist Viktor Orbán, sorgt regelmäßig für europaweite Negativschlagzeilen . Was ist bloß in Ihrer Heimat los?
Esterházy: Ungarn heute als Diktatur zu bezeichnen ist nicht nur falsch, sondern schlicht empörend, zumal für jene, die eine wirkliche Tyrannei durchlitten haben. Reisende aus dem Westen, die in den 1980er-Jahren das Land besuchten, verstanden zumeist nicht, was das Problem war: Wir saßen zusammen, tranken Whisky, unterhielten uns über Gott und die Welt. Was also war das Problem? Über uns schwebte der tonnenschwere Schatten der Kádár-Diktatur, der uns jede Minute umfing, der mit uns machen konnte, was er wollte. Dieses Nichtwissen, das war die eigentliche Tyrannei. In Ungarn ist derzeit eine Regierung an der Macht, die mit demokratischen Mitteln eine Politik betreibt, die in ihren Effekten undemokratisch ist. Eine sehr heikle Sache.

profil: Sie selbst wurden kürzlich Opfer der Zensur.
Esterházy: Der Vorfall ist einzig deshalb so absonderlich, weil es dabei um nichts ging. Meine Empfehlung in einem Radiobeitrag, das Nationaltheater zu besuchen, wurde nicht ausgestrahlt, aus welchen Gründen auch immer. Anschließend schaukelten sich die Ereignisse hoch. Wegen eines nicht veröffentlichten Hinweises ist das Theater nun auf Wochen hinaus ausverkauft. Ich fühle mich wie der kleine Hahn, der weiß: Sobald er kräht, geht die Sonne auf.

profil: Empfinden Sie den Vorfall tatsächlich als derart harmlos?
Esterházy: Nein. Es ging bei dem Beitrag um kein politisches Statement. Ich kann die Regierung jederzeit reinen Herzens attackieren. Das Problem ist die Selbstzensur. Ich glaube nicht, dass Listen mit Namen von ­Regierungskritikern kursieren. In den Köpfen gibt es diese sehr wohl. Selbstzensur ist ein Monstrum. Selbstzensur erzeugt nur Verlierer.

Péter Esterházy, 62, nimmt seit Jahren einen fixen Platz in der Reihe der wichtigsten zeitgenössischen europäischen Autoren ein. Esterházy debütierte als Romancier mit „Ein Produktionsroman“ (1979), einer literarischen Tour de Force, die den damaligen sozialistischen Realismus der Ostblockkunst parodistisch untergrub. 2001 erschien sein Opus magnum „Harmonia Caelestis“. In „Esti“, einem Buch gänzlich ohne Handlung, widmet sich der Autor seiner Bewunderung der literarischen Figur des Kornel Esti, der Esterházys Landsmann Dezső Kosztolányi zu Beginn der 1920er-Jahre ihren ersten fulminanten Auftritt verschaffte.

Péter Esterházy: Esti. Aus dem Ungarischen von
Heike Flemming. Hanser Berlin, 360 S., EUR 25,60