<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Illusion baldiger Erholung

2010 wird nicht die Rückkehr zum Wachstum, sondern die Verschärfung der Rezession bringen.

Österreich befindet sich also auch offiziell in einer Rezession. Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny meint, dass sie das kommende Jahr andauern, sich aber 2010 geben würde. Es ist gut, dass er das sagt, denn es verbreitet Optimismus, und wahrscheinlich sollten die Medien das auch tun. Aber diese Kolumne ist so unbedeutend, dass ich sie ohne rosa Brille verfassen kann: 2010 wird die Rezession erst so richtig in Fahrt gekommen sein. Man verkennt das Problem, wenn man es auf die „Finanz­krise“ reduziert: eine Art Krampfzustand des Geldkreislaufs, der sich geben wird, wenn man das zähflüssige Geld genügend verdünnt. Diesen Kreislaufkrampf gibt es zwar, und er ist auch dramatisch, aber das eigentliche Problem ist seine Ursache: Amerikas gigantische Verschuldung. Sie ist nicht in einem Jahr abzutragen. Auch nicht in zweien. Und in dreien auch nicht.

Es hat manchmal Sinn, das Wirtschaftsgeschehen mit den Augen einer biederen Hausfrau zu betrachten: Ihr Mann, Betreiber einer Werkstatt, die im Jahr 50.000 Euro abwirft, hat damit zu Beginn der Ehe eine 100-Quadratmeter-­Eigentumswohnung und einen VW Golf finanziert. Man hat im Winter nicht gefroren und Sonntag im Beisl gegessen. Doch seit etlichen Jahren speist man bei „fabios“, ist auf einen Porsche umgestiegen und in eine Villa mit beheiztem Swimmingpool umgezogen. Außerdem hat der Hausherr jede Woche zwei Magazine leergeschossen, weil er seinen linken und seinen rechten Nachbarn zwingen wollte, mehr Respektabstand zu ihm zu halten. Zusammen hat ihm das leider im Lauf der Jahre 150.000 Euro Schulden eingetragen.

Ich fürchte, man muss davon ausgehen, dass er die nicht in einem Jahr halbieren kann, selbst wenn er auf einen ­Renault Clio umgestiegen und in eine Kleinwohnung umgezogen sein sollte. Natürlich könnte er seine Situation erleichtern, wenn seine Werkstatt 60.000 Euro statt 50.000 Euro einbrächte. Aber leider sind seine Maschinen veraltet, und um mehr Geschäft zu machen, müsste er sie dringend erneuern. Aber woher, bei seinen Schulden und massiv gestiegenen Zinsen, das Geld dazu nehmen? Ich fürchte, man muss die USA so sehen, wie sie derzeit wirklich dastehen: ein hoch verschuldetes Land mit desolater Infrastruktur und veralteter Großindustrie.

Um sich vorzustellen, was das für die Welt bedeutet, multipliziert man den Mechaniker am besten mit 292 Millionen und macht sich klar, was es für die Banken bedeutet, dass ein Großteil davon seine 150.000 Euro Schulden jetzt lange nicht zurückzahlen kann. Vor allem aber, was es für die Weltwirtschaft bedeutet, wenn so viele Leute keine S-Klasse mehr fahren, keine Villen mehr suchen sowie ­keinen Luxus und keinen Ramsch mehr kaufen. Natürlich sind vorrangig die US-Industrie, dann die ­japanische und dann erst die europäische Industrie betroffen. Aber diese beiden Volkswirtschaften haben ein doppeltes Problem: nicht nur, dass die Amerikaner von nun an ungleich weniger bei ihnen einkaufen – sie sind es auch, die ­ihnen einen großen Teil jenes Geldes geliehen haben, das in zu großen Häusern, zu großen Autos, beheizten Pools und bewaffneten Auseinandersetzungen verpulvert wurde. Der Kaufmann, der einen Kridatar anschreiben lassen hat, ist nicht so viel besser als dieser dran. Es ist vermessen zu glauben, dass Europa dieses doppelte Problem in einem Jahr zu lösen vermag. Vor allem glaube ich nicht, dass es sich dadurch lösen lässt, dass wir jetzt mehr konsumieren, indem wir selber Schulden machen. John Maynard Keynes hat nicht behauptet, dass man beliebig Schulden machen kann – er hat nur erklärt, dass es in gewissen Phasen sinnvoll sein kann, sich kurzfristig zu verschulden, um eine schrumpfende Wirtschaft wieder in Gang zu bringen – und selbst diese Behauptung ist umstritten.

Natürlich musste man verhindern, dass der Geldkreislauf zusammenbricht. Die Banken müssen auf die bereitgestellten Milliarden zurückgreifen können. Das Geld ist nur zu einem Teil – eben dem von europäischen Banken in den USA verpulverten Teil – verloren, der Rest sollte auf mittlere Sicht erhalten bleiben. Für einen schweren Fehler halte ich es dagegen, wenn jetzt einzelne Industrien von Staats wegen gestützt werden: etwa die deutsche Autoindustrie durch Erlass der Mehrwertsteuer. Warum gerade die Autoindustrie und nicht die Papier-, die Textil- oder die Uhrenindustrie? Nur weil die Autoindustrie so groß ist? Vielleicht ist eben das ihre Schwäche: dass sie zu groß ist und sich eigentlich redimensionieren sollte. Jedes Stützen bestimmter Industriezweige birgt die Gefahr der Fehlallokation von Mitteln in sich. Der einzige Nutzen einer Wirtschaftskrise besteht darin, dass sie die Wirtschaftsstruktur normalerweise verbessert. Wenn Europa jetzt eben diese Verbesserung unterbindet, indem Politiker entscheiden, wer zu stützen ist, begeht es einen gefährlichen Fehler, der sich rächen muss.

Natürlich gilt das noch viel mehr für die US-Autoindustrie. Sie muss sich drastisch gesundschrumpfen, und es wird daher die massiv gestiegenen Arbeitslosenraten geben, die diese Gesundschrumpfung zwangsläufig nach sich zieht. Ich möchte es wieder auf das Hausfrauenniveau bringen: Dass die Amerikaner in den letzten zwanzig Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben, muss dazu führen, dass es ihnen längere Zeit deutlich schlechter als bisher geht. Und uns, die wir ihnen Luxusgüter verkauft und Geld geliehen haben, ­leider auch.

peter.lingens@profil.at