<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Frau Borns verlorene Schlacht

Erinnerungen: Wie Alan Greenspan die Vernunft besiegte, die Weltwirtschaftskrise vorantrieb und die konkreten Warnungen einer Finanzexpertin ignorierte.

Während die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac sich neuerlich bankrott melden, meldet der Buchhandel Rekordverkäufe für die Memoiren von ­Ex-Fed-Chef Alan Greenspan, „The Age of Turbulence“ („Mein Leben für die Wirtschaft“). Das scheint mir Anlass genug, sie durch zwei Archivrecherchen zu ergänzen. Greenspan im September 2008 auf die CBS-Frage, warum er die US-Banken durch Jahre mit extrem billigem Geld versorgt habe, das sie entsprechend leichtfertig verborgten: „Es war meine Aufgabe, das US-Banksystem aufzutauen.“

Und auf die Frage, warum er nichts gegen die dubiosen Praktiken der Banken unternommen habe, den Leuten das Geld zu immer absurderen Bedingungen geradezu aufzudrängen: „Das Ausmaß dieser Praktiken ist mir bis 2007 ­unbekannt gewesen.“ Als ihm vorgehalten wird, einer seiner Gouverneure habe ihn auf dieses Ausmaß aufmerksam gemacht und angeregt, „da hineinzuschauen“, entgegnet Greenspan: „Hineinschauen nützte nichts. Wir haben ja ­gewusst, dass es das gibt. Aber es ist für eine Aufsichtsbehörde kaum möglich, da einzugreifen.“

In Wirklichkeit war Greenspan ein dogmatischer Deregulierer – obwohl er gleichzeitig mit dem drastischen Senken des Diskontsatzes massive dirigistische Eingriffe vornahm. Aber dieser Widerspruch ist dem „Maestro“ (so sein Kose­name in der Wirtschaftsberichterstattung) nicht aufgefallen. Möglicherweise hat sich unser aller Schicksal in einer Aus­einandersetzung entschieden, die die „Washington Post“ im Detail recherchiert hat: Im April 1998 trafen Greenspan, Finanzminister Robert E. Rubin und Arthur Levitt Jr., der Vorsitzende des Securities-and-Exchange-Ausschusses, in ­einer von Präsident Ronald Reagan eingesetzten Arbeitsgruppe mit Brooksley E. Born zusammen, die damals Leiterin der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), der kleinsten der vier Marktaufsichtsbehörden, war; die Juristin war ursprünglich für den wichtigsten Job in der Justiz, den Attorney General, im Gespräch gewesen, dann aber „nur“ in der CFTC gelandet. (Elfriede Hammerl schriebe: „natürlich“.) Jetzt machte sie die drei Herren darauf aufmerksam, dass sich ein riesiger Sektor des Finanzwesens, der Handel mit „Derivaten“, völlig unreguliert und unbeaufsichtigt abspiele und dass dies „zur ernsten Gefahr für die Ordnung der Märkte und die gesamte Wirtschaft“ werden könnte.

Die drei Herren opponierten energisch: Sie solle sich um Soja- oder Getreide-Futures kümmern. Regulierung des Derivate-Handels sei kontraproduktiv. Wo es Regulierung gab, bauten sie sie ab: 1999 wurde unter ihrem Applaus das Glass-Steagall-Law aufgehoben, das aufgrund der Erfahrungen von 1929 verbot, dass Geschäftsbanken zugleich Investmentbanken sind, weil nicht ein und dieselbe Bank die Beträge kreditieren soll, an deren Investment sie verdient.

Inzwischen hatten die Derivate so etwas wie einen riesigen schwarzen Pool gebildet: Millionen ihrer Natur nach „privater“ Verträge wurden von den größten Firmen der Wall Street abseits jeder Aufsicht gehandelt. Insbesondere entstanden Derivate, die Wetten auf die Preisentwicklung von Häusern eingingen, die von Leuten erworben worden waren, die eigentlich nicht das Geld dazu hatten. Damit konnte jemand viel Geld damit verdienen, dass er zum Beispiel auf den Verfall dieser Preise wettete. Auch wenn dieser Preisverfall die Banken ruinieren musste, die Kredite für Hauskäufe vergeben hatten.

Born versuchte, die eminente Gefahr aufzuzeigen. Um den Vorwurf zu vermeiden, sie wolle nur mehr Macht für ihre CFTC, präsentierte sie keinen eigenen Plan der Beaufsichtigung, sondern forderte nur eine formelle Diskussion im Kongress, ob dieser Bereich Regulierung brauche. Sogleich äußerten die drei Herren öffentlich ihre „ernsten Bedenken“. Rubins Stellvertreter Lawrence Summers machte den Kongress auf die Gefahr aufmerksam, dass ein „Schatten der Ungewissheit“ auf alle Märkte fallen könnte.

Wall Street entfachte ein Lobbyisten-Trommelfeuer, um Stimmung gegen Borns Vorstoß zu machen. Im Juli 1998 kam es zu einem Hearing vor einem Senatsausschuss, und dessen republikanischer Vorsitzender forderte Born auf, öffentlich zu versprechen, weitere Aktivitäten in Bezug auf Derivate zu unterlassen. Es sei doch befremdlich, dass alle drei anderen Agenturen ihre Tätigkeit ablehnten. Born erklärte, man wolle sie ausschalten. Greenspan schoss gekonnt zurück: Eine Regulierung des Derivate-Handels würde den allgemeinen Wohlstand gefährden.

Wenig später, im September 1998, krachte der erste große Hedgefonds. Born erklärte vor dem Bankenausschuss des Kongresses, dies sei ein „wake up call“, endlich die enormen Risken des Derivate-Handels „für die Wirtschaft der USA und die Stabilität des Finanzsystems der ganzen Welt“ zu erkennen. Worauf die drei Herren Ernst machten: Sie erklärten ihr, dass ihre Agentur keinerlei gesetzliche Berechtigung besitze, sich der Derivate anzunehmen.

Dass der ganze Derivate-Handel sich außerhalb jeglicher Gesetze abspielte, beunruhigte sie nicht. Die Sorge, die der Zusammenbruch des Hedgefonds an der Börse ausgelöst hatte, beruhigte Greenspan, indem er die Zinsen noch weiter senkte und damit die E-Business-Blase zeugte. Born war endgültig isoliert und gab auf. Im Dezember erließ der Kongress ein Gesetz, das ihrer Agentur für sechs Monate jede weitere Bemühung um eine Regulierung des Derivate-Handels verbot.

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