<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Gleiches Geld für jedes Kind – überall!

Was bei Kindergärten möglich und sinnvoll ist, sollte auch bei öffentlichen und privaten Schulen möglich sein.

Es hat seltsamerweise der Wirtschaftskrise bedurft, um die Chancen der Frauen auf adäquate Kinderbetreuung zu erhöhen: Kindergärten schaffen Arbeitsplätze für KindergärtnerInnen. Hoffentlich bleibt es dabei, dass jedenfalls die Stadt Wien auch die privaten Kindergärten in ihr Angebot von Gratis-Kindergartenplätzen einbezieht, und im Idealfall bezahlt sie alle Kindergärten pro betreutes Kind. Das schafft einen fairen Wettbewerb und erlaubt ein differenziertes Angebot: Jene Kindergärten, die mehr bieten – etwa Englisch-Unterricht oder längere Öffnungszeiten –, können die ­Eltern zu einem zusätzlichen Beitrag verpflichten. Damit wird weiterhin auch privates Kapital aktiviert.

Wahrscheinlich wäre ein „Kindergartenscheck“ die vernünftigste Form der Abwicklung. Denn er erleichtert die vernünftigste Form des Kindergartens – den Betriebskindergarten, wie er in Frankreich seit 40 Jahren gang und gäbe ist. Die Eltern müssen nicht vor der Arbeit eilig in den Kindergarten rasen und sich nach der Arbeit fürchten, dass sie ihr Kind nicht rechtzeitig abholen, sondern es ist nebenan. Mit dem zusätzlichen Vorteil, dass man in der Mittagspause vorbeischauen kann.

Ich gehe so enthusiastisch auf diese Neuerung ein, weil ich daran eine wiederholte Frage knüpfen möchte: Warum löst der Staat nicht auch das Schulproblem nach dem ­Motto „Jedes Kind ist uns gleich viel wert“?
Die Auseinandersetzung zwischen Ministerin Claudia Schmied und der Gewerkschaft zeigt, wie fast undurchführbar jede Schulreform im gegenwärtigen staatlichen System ist: Ideologen der Gesamtschule und Ideologen „unseres differenzierten Schulsystems“ stehen einander gegenüber und im Weg, zwei Stunden Unterricht mehr sind Anlass einer Streikdrohung und provozieren eine halbe Regierungskrise. Dabei könnte man alle diese Fragen so ungleich leichter lösen, wenn man privaten Schulen für jeden betreuten Schüler genauso viel zahlte, wie man in öffentlichen Schulen für ihn ausgibt.

Ich habe schon ein paar Mal versucht, darauf hinzuweisen, dass das laut OECD pro Jahr kaum weniger ist, als ich in Spanien für eine der besten internationalen Privatschulen mit Nachmittagsbetreuung, 12-Schüler-Leistungsgruppen und Computer-Arbeitsplätzen bezahlt habe.

Warum kann man in Österreich nicht zumindest ansatzweise probieren, was in Schweden seit Jahren erfolgreich exe­kutiert wird? Dort war es zwar eine Mitte-rechts-Koalition, die das neue System eingeführt hat, aber es hat sich in den Augen der Eltern derart bewährt, dass auch die Sozialdemokraten es nicht abschaffen wollten: Der Staat zahlt jeder Schule einen bestimmten Betrag pro betreuten Schüler – „Jedes Kind ist uns gleich viel wert“ – und sorgt lediglich durch ein für alle gültiges Prüfungssystem dafür, dass ein bestimmter Standard gewahrt ist. Meines Wissens schneiden auch die Schweden bei PISA etwas besser als die Österreicher ab, wobei sie ihr noch nicht optimales Abschneiden dar­auf zurückführen, dass die Ausbildung der Lehrer bei ­ihnen noch nicht den finnischen Standard erreicht.

Ein offeneres Schulsystem hat eine ganze Serie offen­kundiger Vorteile: Ideologische Streitigkeiten – Gesamtschule, differenziertes Schulsystem, Steiner-Pädagogik, Montessori-Pädagogik, ­Religionsunterricht, Ethikunterricht usw. – entfallen: Alles kann angeboten werden, und die Eltern werden ihr Kind dorthin schicken, wo sie die beste Betreuung vermuten.

Auseinandersetzungen um die Zahl der zu leistenden Unterrichtsstunden entfallen: Jede Schule bezahlt ihre LehrerInnen so, wie der Markt und ihre Finanzlage es zulassen. Schulen, die mehr bieten, können weiterhin mehr verlangen, als der Staat abdeckt. Insgesamt, so bin ich überzeugt, würden die Gehälter vor allem der jüngeren LehrerInnen innerhalb dieses Systems ebenso steigen wie das Selbstbewusstsein aller LehrerInnen. (Denn dessen Fehlen scheint mir eines der aktuellen Hauptprobleme.)

Das System wird sich wesentlich besser an sich ändernde Bedürfnisse anpassen, denn die Eltern werden ihren Schulscheck dort abgeben, wo sie die größten Zukunftschancen für ihr Kind sehen.

Gemeinsame Standards durchzusetzen ist halb so schwer: Jede internationale Schule bringt das fertig. Es gibt normierte schriftliche Abschlussprüfungen für alle wichtigen Gegenstände, und die abgegebenen Arbeiten werden von den Klassenlehrern benotet. Danach werden sie einer zen­tralen Stelle zugesendet, die sie stichprobenartig überprüft: Stimmen die Noten des Lehrers bei diesen Stichproben mit der Beurteilung der zentralen Stelle überein, so wird angenommen, dass das auch bei den anderen Arbeiten der Fall sein dürfte. Das ist einfach und sorgt für einheitlichere Notengebung, als wir sie derzeit haben.

In Österreich ließe sich diese Neuerung jederzeit so einfach installieren wie die privaten Kindergärten neben den gemeindeeigenen. Die in Wahrheit dem Geist der Trennung zwischen Kirche und Staat widersprechende Bevorzugung der katholischen Privatschulen wird sich – ohne dass diese darunter leiden – aufhören, wenn auch andere Privatschulen öffentliche Mittel erhalten. Es wird zu einer fruchtbaren Konkurrenz zwischen öffentlichen und sehr viel mehr privaten Schulen kommen, und der Streit um zwei Unterrichtsstunden mehr wird mit Sicherheit unter Kuriositäten fallen.

peter.lingens@profil.at