<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Gleiches Recht für Islam-Lehrer!

Sie sollen an der Schule so wenig wie katholische oder evangelische Religionslehrer „Glauben“ unterrichten dürfen.

Gemeinsam mit dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft Anas Schakfeh hat Ministerin Claudia Schmied „Maßnahmen“ ausgearbeitet, die moslemische SchülerInnen vor ungenügend ausgebildeten Islam-Lehrern schützen sollen. „Ungenügend ausgebildet“ umschreibt dabei nobel, dass die Betreffenden Probleme haben könnten, den Islam als vereinbar mit „Demokratie“ oder „Menschenrechten“ anzusehen, wie das angeblich bei einem Viertel der islamischen Religionslehrer der Fall ist. In Zukunft müssen sie Deutsch können, sollen eine Hochschule absolviert haben und nach einem neuen Lehrplan unterrichten. Selbst der islamische Religionspädagoge Ednan Aslan bezweifelt, dass das ausreicht: „In der Praxis wird sich niemand daran halten … Wir können nur abwarten, bis bestimmte KollegInnen aufhören zu arbeiten.“

Ich behaupte, dass es grundsätzlich nicht funktionieren kann: Religion ist ihrer Natur nach Glaubenssache, und der Islam wird immer genauso fundamentalistisch wie liberal auslegbar sein. Während es beim Katholizismus wenigstens eine „herrschende“ Auslegung durch den Papst gibt, gibt es beim Islam nicht einmal das: Niemand kann eine fundamentalistische Auslegung zur „falschen“ oder eine liberale zur „richtigen“ erklären. Das spiegelt sich unter anderem darin, dass auch die Legitimation der Islamischen Glaubensgemeinschaft höchst umstritten ist: Ein ­liberaler Islam-Lehrer, der ihr vorwarf, die Integration junger Moslems in Österreich zu vernachlässigen, wurde von Schakfeh kurzerhand entlassen. Denn Österreich überlässt die Bestellung der Religionslehrer ausschließlich der Glaubensgemeinschaft – obwohl es sie bezahlt. Den Religionen wurden Rechte eingeräumt, die mit der Trennung von Kirche und Staat in Wahrheit unvereinbar sind – dem Islam will das Volk diese Rechte nur weniger gönnen.

Das lässt sich nicht damit begründen, dass er von Natur aus intoleranter, demokratie-, frauen- oder judenfeindlicher wäre, als es die christlichen Religionen die längste Zeit gewesen sind, sondern dass er lebendiger ist. Wenn man sich jetzt (zu Recht) darüber empört, dass ein islamischer Religionslehrer empfohlen hat, nicht bei Juden einzukaufen, so sollte man sich daran erinnern, dass katholische Religionslehrer die Juden noch bis vor Kurzem des Gottesmordes beschuldigt haben und der Papst sie bis heute bekehren will. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat die Kirche rundum autoritäre Regime gestützt. Und natürlich entspricht auch das, was sie zur Stellung der Frau vorbringt, nicht unbedingt dem Gedanken ihrer Gleichberechtigung. Das Christentum ist durch die Aufklärung und den Lauf der Zeiten nur sehr viel mehr als der Islam geschwächt – nicht aber von Grund auf demokratischer oder toleranter.

Österreich drückt sich nur, in gewohnt schlampiger Weise, um klare Verhältnisse: Weder der Islam noch die katholische (oder evangelische oder jüdische) Religion hat in der Schule etwas zu suchen. Religion hat ihren Platz ausschließlich im Geschichts- oder in einem konfessionsfreien Ethikunterricht: Natürlich soll man wissen, was das Christentum zur abendländischen Kultur beigetragen hat – aber auch, wie sehr es die Wissenschaften behindert hat. Natürlich soll man wissen, dass Jesus wie Mohammed Frauen-Befreier waren – aber auch, welchen Anteil ihre Nachfolger an der Diskriminierung der Frauen haben. Auch dass die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ihr Vorbild in der Gleichheit aller Menschen vor Christus und Allah hat, sollte man wissen. Es geht mir nicht um eine Abwertung der Religionen, sondern um ihre vorurteilslose, wissenschaftliche Bewertung – denn nur die hat die Schule zu vermitteln, nicht Glauben.

Alles andere kann nur zu Konflikten führen: Wie soll ein katholischer (oder islamischer) Religionslehrer Homosexuelle wie Heterosexuelle betrachten, wenn sie für ihn schwere Sünder sind? Wie soll er die Straffreiheit der Abtreibung akzeptieren, wenn er glaubt, dass dabei „ein Mensch“ getötet wird? Wie soll er sexuelle Aufklärung von 13-Jährigen bejahen, wenn er vorehelichen Geschlechtsverkehr als sündhaft ansieht? Für keine dieser durchaus aktuellen Fragen gibt es eine vernünftige Antwort. Trotzdem bleibt Österreich beim staatlich geförderten, de facto unausweichlichen Religionsunterricht.

In seinem Interview mit Ednan Aslan wollte der „Standard“ wissen, was eine Islam-Lehrerin einer Schülerin auf die Frage „Soll ich fasten oder nicht?“ sagen solle.

Aslan: „Sie sollte das Kind befähigen, dass es diese Entscheidung eigenständig treffen kann.“ „Standard“: „Das Fasten ist aber eine Säule des Islam.“
Aslan: „Ja, aber wenn ich merke, dass das Kind leidet, dann kann das nicht der Wille Gottes sein. Wenn Sie auf Reisen sind, dann müssen Sie nicht fünfmal beten, dann reicht dreimal. Es ist eine Voraussetzung in der Lehre, dass man Religion im Kontext immer wieder neu definiert. Ich will keinen Gott, der sich freut, wenn ich leide.“

Das ist eine Antwort, wie ich sie mir von einem katholischen Religionspädagogen nicht sympathischer vorstellen könnte. Trotzdem gehört sie nicht an die Schule: In der Schule haben die Kinder zu lernen, dass sich die Fastengebote der Wüstenreligionen daraus ergeben haben, dass man in dieser Region besonders oft (und vor allem in Kriegen) sehr lange ohne Essen auskommen musste – nichts sonst.

peter.lingens@profil.at