Peter Rehberg: „Vinyl ist ein Fetisch“

Peter Rehberg, Noise-Musiker und Betreiber des Wiener Independent-Labels Editions Mego, über gefährdete Presswerke, Sammlermentalität und den boomenden Nischenmarkt der Vinylalben.

Interview: Thomas Edlinger

profil: War Vinyl nicht schon einmal so gut wie tot?
Peter Rehberg: Vinyl war nie ganz weg. Seit 2010 produziere ich vermehrt Vinylalben, weil der Wunsch von Kunden- und Musikerseite unüberhörbar wurde. Noch vor fünf Jahren war das Verhältnis CD zu Vinyl vier zu eins. Inzwischen ist es umgekehrt.

profil: Seit wann bieten Sie die heute gängige Kombination Vinyl plus Download an?
Rehberg: Downloads biete ich seit 2006 an. Zu Vinyl gibt es nun auch den Downloadcode als Zugabe, obwohl ich das eigentlich nicht ganz richtig finde. Früher hat man ja auch nicht zur Platte eine Audiokassette bekommen.

profil: Inwiefern wirkt sich das gesteigerte Interesse an Vinyl auf das Programm eines auf internationale Elektronik-Avantgarde spezialisierten Labels wie Editions Mego aus?
Rehberg: 2009 habe ich begonnen, Acts wie die Vintage-Synthie-Spezialisten Emeralds oder Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never zu produzieren. Die waren damals Mitte 20 und lehnten die CD als Tonträger der Elterngeneration ab, während Vinyl für sie schon wieder einen Charme hatte.

profil: Editions Mego ist ein global agierendes Label für experimentelle Musik. In welcher Höhe bewegen sich die verkauften Stückzahlen?
Rehberg: Ich habe letztes Jahr 64 Vinyl-Tonträger produziert. Das meiste geht nach wie vor in die USA, nach Japan und Westeuropa – Osteuropa ist eher schwach. 2012 hat Editions Mego rund 50.000 Einheiten produziert und 38.000 davon verkauft. Die noisig-sperrigen Alben werden mit 500 bis 1000 Stück kalkuliert, kleine Hits wie die Emeralds oder das Projekt „Sunn O))) Meets Nurse With Wound“ verkaufen durchaus 3000 bis 5000 Einheiten.

profil: Ihr Label zeichnet sich durch ein oft abstrakt-minimalistisches, meist eher objekt- als porträtzentriertes Artwork aus. Wie kommt das zustande?
Rehberg: Ganz verschieden. Es gibt seriell vorgegebene Gestaltungsmuster, wie sie zum Beispiel Michael Pollard für unser Sublabel Spectrum Spools anfertigt. Manchmal beauftrage ich für einzelne Alben auch Künstlerinnen, etwa Tina Frank. Und manchmal ist es den Musikern auch egal, dann machen wir halt selbst ein Cover.

profil: Wo werden die Platten für Ihr Label gepresst?
Rehberg: Wir pressen in Deutschland, da gibt es nur noch zwei gute Presswerke zur Auswahl. Viele der anderen Fabriken sind in desolatem Zustand. Die heute benutzte Technologie ist 40 bis 50 Jahre alt und kann kaum noch repariert oder adaptiert werden. Trotz des derzeitigen Wachstums des Vinylsektors kann es also gut sein, dass Vinyl in fünf Jahren tot ist, weil die Produktion nicht mehr funktionieren wird.

profil: Ist das ein nicht eher regionales Problem?
Rehberg: Nein. In den USA ist die Situation besonders schlimm. Deshalb sind viele US-Künstler froh, wenn sie auf einem europäischen Label veröffentlicht werden. Schuld daran sind auch die Major-Labels, die ihre eigenen Presswerke schon vor 20 Jahren verkauft haben oder verkommen ließen.

profil: Viele neue Musikproduktionen nutzen das Knistern und Kratzen der Nadel, das Rauschen des Vinyls als nostalgische Soundeffekte. Wie ist das Fehlerhafte am Tonträger LP so attraktiv geworden?
Rehberg: Vinyl ist ein Fetisch. Das Goldene Zeitalter der Musik-industrie waren die Jahre zwischen 1960 und 1990. In jenen Tagen kaufte jeder Vinyl, danach wurde die CD dominant. Sie hat keine Funktion mehr, weil man die WAV-Dateien heute in besserer Qualität bekommt als CDs. Ich habe längst keinen CD-Player mehr, kopiere Files immer sofort in den Computer.

profil: In den digitalen Spiellisten ist die Bereitschaft, sich auf ein Album als Ganzes einzulassen, verloren gegangen. Ist die jüngste Vinyl-Renaissance ein Indiz dafür, dass das Album doch noch nicht ganz tot ist?
Rehberg: Ich glaube schon. Alle sollten wieder ganze Alben hören! Der Bedeutungsverlust des Mainstream-Albums liegt aber auch in der Marketingstruktur: Online-Shops wie der iTunes-Store bieten eben vor allem Tracks, nicht so sehr Alben zum Download an.

profil: Regalwände mit tausenden Platten: Ist das die Wohnzimmerausstattung des neuen Bildungsbürgers?
Rehberg: Klar, sehen Sie die Wand hinter mir? Ich bin jetzt 45, kaufe seit meinem elften Lebensjahr Platten, und ich bin immer noch Techno-Fan. Da kommt schon was zusammen.

profil: Techno hatte ursprünglich eine industriell standardisierte und extrem reduzierte Verpackungsform. Wie kann so etwas zum Fetisch werden?
Rehberg: Früher Techno ist ex-trem kodiert. Allein die fortlaufenden Katalognummern etwa der „Basic-Channel“-Serie, die man gerne vollständig besäße, regen zum Fetischisieren an.

profil: Wie wichtig war die in den 1990er-Jahren aufkeimende DJ-Culture für das Überleben von Vinyl?
Rehberg: Die DJs waren die neuen Rockstars. Statt einer Gitarre haben sich junge Männer damals lieber zwei Technics-Plattenspieler gekauft – und das Vinyl so mitgerettet.

profil: Welches ist Ihr Lieblingscover im Plattenschrank?
Rehberg: Als ich jung war, mochte ich das „Unknown Pleasures“-Cover von Joy Division sehr. Überhaupt liebte ich das Artwork der musikalisch gar so nicht aufregenden Platten von Factory Records und das Design im Indie-Sektor von 1978 bis 1985, besonders auf Labels wie Mute oder Industrial Records. Da steckte richtige Anstrengung dahinter.

profil: Platten sind endlos produzierbar; dennoch wird, heute mehr denn je, mit limitierten Editionen das Angebot künstlich knapp gehalten, um den Wert für Sammler zu steigern.
Rehberg: Ich bin gegen diese Sammlermentalität. Wir veröffentlichen jetzt zum Beispiel französische Musique-Concrète-Klassiker wieder. Die Originalpressungen aus den 1970er-Jahren werden auf Online-Plattformen inzwischen um 300 Euro und mehr gehandelt. Ich finde, jeder sollte solche Platten um 20 Euro kaufen können. Und wenn die Nachfrage nach 500 Stück mehr von einer alten Pierre-Schaeffer-Platte da ist, pressen wir sie einfach.

profil: Ein Indie-Label kann also auch sozial wirken?
Rehberg: Genau. Natürlich sind viele Sammler auf mich sauer, weil ich ihnen die Preise ruiniere. Es gibt in Belgien Nerds, die in der Hoffnung auf Wertsteigerung gleich fünf Stück von bestimmten Veröffentlichungen kaufen. Die behaupten dann Dinge wie: „Ich brauche unbedingt noch eine Kopie für meinen Bruder, der leider keinen eigenen Paypal-Account hat.“

Foto: Sebastian Reich für profil