Peter Rosegger und der eiserne Besen

Blind für Grautöne? Die Literatur­wissenschafterin Daniela Strigl ­widerspricht der in profil erschienenen Demontage von Peter Rosegger.

Es ist gewiss ein ehrenwertes Unterfangen, das Bild einer Dichterlegende zu revidieren. Aber dieses wird nicht unbedingt schärfer, wenn die Revision mit solcher Gehässigkeit geschieht wie bei Christa Zöchling. Sie hat den Mythos mit dem Bade ausgeschüttet. Dass Peter Rosegger ein klassischer Aufsteiger war, ist keine Entdeckung: Das war ja der „Waldbauernmythos“.
Seine kindliche Armut machte Rosegger freilich nicht zum Heiligen, sie war vielmehr der Motor seines Ehrgeizes. Genauso wenig war er aber der Teufel, als den ihn der profil-Artikel zeichnet. Was immer heute dazu geeignet ist, Rosegger in üblem Licht erscheinen zu lassen, wird hier erwähnt, alles, was zu seinen Gunsten spräche, wird verschwiegen: dass er, der Katholik, unter Anfeindungen die Errichtung einer evangelischen Pfarrkirche in Mürzzuschlag durchsetzte; oder dass er den Bau der „Waldschule“ für die Kinder der Alpl-Bauern ermöglichte. In seinen Büchern warb er für eine ländliche Schule ohne totes Wissen.

Rosegger war ein konservativer Gesellschaftskritiker mit aufklärerischen Ambitionen. Wie sein Freund Ludwig Anzengruber wandte er sich gegen die Kirche und deren Sexualmoral, gegen den Materialismus, die Ausbeutung der Natur, die kapitalistische Geldvergötzung, gegen den Militarismus und die Willkür der Obrigkeit wie der Grundherren.

Rosegger wurde zum Kultautor der Heimatkunstbewegung, weil er die Ängste seiner Zeitgenossen authentisch formulierte: die Furcht vor der Industrialisierung, der Entwurzelung, der Landflucht, der Großstadt und dem Aufstand der Massen. Er sah den Bauernstand als modellhaft für die Zukunft der Gesellschaft – und die sozialen Umbrüche, später auch die höhere Bildung, als Bedrohung. Der Kapitalismus seiner Zeit hatte vor allem ein jüdisches Gesicht. In Roseggers Literatur findet sich keine antisemitische Aussage. Der von Zöchling zitierte böse Forstmeister Ladislaus aus „Jakob der Letzte“ ist mitnichten „galizischer“, sprich: jüdischer, Abstammung (ein jüdischer Förster?!), sondern, auch nicht nett, ein Pole aus dem Reich. Und in der Geschichte „Wie ich mit dem Thresel auszog und mit dem Maischel heimkam“ geht es Rosegger gerade um die Bloßstellung des Vorurteils: Der Händler Maischel erweist sich als herzensguter Mann.

Im sich zuspitzenden Sprachenstreit der Monarchie rückte der Dichter vom Kosmopolitismus ab. Er rief sehr erfolgreich zu Spenden für den liberalen „Deutschen Schulverein“ auf, dem auch Viktor Adler angehörte. Und er unterstützte den völkischen „Verein Südmark“, der nicht, wie Zöchling schreibt, „rein deutsche Schulen in Böhmen und Mähren“, sondern in der mehrheitlich slowenischen Untersteiermark finanzierte.

Im Briefwechsel mit seinem Freund, dem – jüdischen – Schriftsteller Anton Bettelheim, zeigt Rosegger sich entsetzt über Karl Luegers antisemitischen Wahlkampf. Seine eigenen judenfeindlichen Aussagen als Publizist verdanken sich dem Druck seiner zunehmend extremen Anhängerschaft. Mit den rabiaten Grazer Burschenschaften prozessierte Rosegger, nachdem er ein Duell abgelehnt hatte. Auf die politische Gretchenfrage, wie er zu den Plänen stehe, in Mainz ein Heine-Denkmal zu errichten, antwortete Rosegger, er kenne weder Mainz noch Heinrich Heine gut genug, um das beurteilen zu können. Das kann man feig nennen, es ist aber auch eine Weigerung, sich vor den Karren der Antisemiten spannen zu lassen.
Roseggers Invektiven gegen die „Geld- und Zeitungsjuden“ und die „jüdischen Laster“ lassen sich nicht rechtfertigen, aber erklären. Viele jüdische Intellektuelle hatten eine ähnliche Stoßrichtung, nicht nur deutschnationale Juden (ja: die gab es!), auch ein Geistesgigant wie Karl Kraus schrieb haarsträubende Sätze. Es gehörten Mut und Eigensinn dazu, sich dem Zeitgeist zu entziehen: Marie von Ebner-Eschenbach war Mitglied des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“. Was sie nicht hinderte, im Sinne des Realismus, durchaus kritische Porträts von Juden zu zeichnen.

Wer Roseggers literarisches Werk unvoreingenommen liest, wird zugestehen, dass es von christlichem Ethos, Humor und einer Utopie vom einfachen, naturnahen Leben geprägt ist. In „Jakob der Letzte“ triumphiert ein radikaler Pessimismus. Dass die Nazis Rosegger liebten, ist ein Totschlagargument. Der Dichter der Waldheimat sprach kollektive Gefühle an. Schon Ernst Bloch (Jude und Kommunist!) hat die Linke getadelt, weil sie das Irrationale vernachlässigt und die „Massenphantasie unterernährt“ habe.

Nicht nur im Fall Rosegger ist kritiklose Verehrung genauso dumm wie zeitgeistige Verteufelung. Ambivalenz muss man aushalten können. Historische Relativierung auch. Antisemitismus war schon 1880 Verblendung; er ist aber mit dem Antisemitismus während und nach der Shoah nicht einfach gleichzusetzen. Wer die Vergangenheit in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse einteilt, ist blind für Grautöne und zählt sich selbst immer zu den Guten. Der zunehmende Drang, in der österreichischen Geistesgeschichte mit dem eisernen Besen der politischen Korrektheit aufzuräumen, führt zu der ernüchternden Erkenntnis, dass dann kaum jemand übrigbleibt. Der reine Held, die makellose Heldin sind nicht zu finden, auch nicht unter Juden, auch nicht unter Linken. Kunst ohne Widerhaken ist aber ohnehin langweilig.

Daniela Strigl, 48, geboren in Wien, ist Germanistin an der Universität Wien, Literaturkritikerin, ­Essayistin und Bachmannpreis-Jurorin.