Das war Peter Westenthaler

Herbert Lackner über den Abgang eines Politikers, dem seine Freunde immer gern die Drecksarbeit überließen. Und der sie auch machte.

Jetzt ist er praktisch jedes Wochenende unten im Südsteirischen. Im Mai haben sie sich in der Nähe von Gamlitz ein kleines Haus gekauft - 120 Quadratmeter auf zwei Geschoßen -, nächstes Jahr will die Gattin einen Gemüsegarten anlegen, "es könnten ja schlechte Zeiten kommen“. Ein paar Weinstöcke stehen auch auf seinem Grundstück, die bewirtschaftet vorerst noch der Nachbar. Aber, wer weiß, vielleicht wird daraus noch eine kleine Weinlandwirtschaft. Daneben wär’ ja etwas zu pachten. Jetzt kann man im Freien nicht mehr viel anfangen, aber Peter Westenthaler sitzt auch gern mit den Leuten im Wirtshaus.

Ja, Peter Westenthaler ist es, der sich da ins ländliche Idyll zurückgezogen hat. Derselbe Peter Westenthaler, der in den neunziger Jahren wie ein Irrwisch zwei Schritte hinter Jörg Haider das Land mit Wahnwitz überzogen hatte, der mehr als 5000-mal via Parteipressedienst Linke und Ausländer, Antifa-Aktivisten und unbotmäßige ORF-Redakteure streng abgemahnt hatte. 1249-mal kam Westenthaler in seinen 22 Politikjahren in profil vor, davon 120-mal bei Rainer Nikowitz.

Bei sechs Nationalratswahlen war er ganz vorne dabei, einmal sogar als Spitzenkandidat. Ohne Peter Westenthaler ist Haiders Aufstieg nicht denkbar, dem kleinen HTL-Ingenieur aus einem unnoblen Teil des absolut unnoblen Wiener Gemeindebezirks Favoriten hatte er mehr zu verdanken als jedem anderen in seiner Entourage.

Jetzt hat Peter Westenthaler genug.
Bei der nächsten Wahl will er nicht mehr kandidieren. Da sein BZÖ die für Mandate nötige 4-Prozent-Hürde voraussichtlich ohnehin nicht überspringen wird, ist das Opfer nicht allzu groß.

Westenthaler, am Dienstag wird er 45, leidet unter Politikverdruss: "Es wird doch alles nur noch lächerlich und schlechtgemacht.“ Und das nicht einmal ohne Grund: "Das Parlament, hat - so wie es derzeit ist - seine Funktionsberechtigung verloren. Die roten und schwarzen Abgeordneten sind nur noch eine Knopfdruck-Abstimmungsmaschine, und die Opposition ist selbstverliebt.“ Ein Drittel der Abgeordneten wäre außerhalb der Politik nur schwer vermittelbar: "Da gibt es Leute, die am Rednerpult nicht einmal zehn Zeilen fehlerfrei ablesen können.“

Und das sagt ausgerechnet Peter Westenthaler? Der Mann, der weder sein Bubengesicht noch seinen Ruf als ewiger Taschlträger Jörg Haiders je loswurde ("Westentaschler“ nannten sie ihn in der Wiener SPÖ)?

Er sagt es tatsächlich, und das nicht ganz ohne Berechtigung: Peter Westenthaler war immer ein famoser Redner, der nie vom Blatt las. Was er zu sagen hatte, brach aus ihm heraus. Im politischen Tagesstreit zog er schneller blank als ein Pistolero in Wildwest, aber er dachte auch immer drei Züge im Voraus. In Haiders Buberlpartie war er immer das bubenhafteste Buberl - aber wenn zum Angriff geblasen wurde, war er stets der Verwegenste, oft weit vor der eigenen Truppe fechtend. Die ließ, wenn es einmal heiß wurde, gerne dem eifrigen Peter den Vortritt. Wie damals im Juni 1994, als zwei Drittel der Österreicher gegen den Rat der FPÖ für einen EU-Beitritt gestimmt hatten: Die für die FPÖ-Kampagne zuständigen Generalsekretäre Walter Meischberger und Gernot Rumpold kamen am Abstimmungsabend erst gar nicht in die von Journalisten belagerte Parteizentrale und ließen Pressesprecher Peter Westenthaler allein den Bauchfleck kommentieren.

Westenthaler nahm es hin, weil er oft nur das sah, was er sehen wollte. Das machte die Sache etwas einfacher:

So stand der Sprössling einer erzsozialdemokratischen Familie etwa nie unter Verdacht irgendwelcher Sympathien für NS-Spinnereien. Aber er heuerte just in jenen Tagen des Jahres 1988 bei der FPÖ an, in denen profil ein Geheimtreffen zwischen Haider und dem österreichischen Neonazi-Chef Norbert Burger aufgedeckt hatte.

1990 hatte er als Chef des Wiener Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ) tapfer einen "Übernahmeversuch“ einer Rechtsaußen-Truppe unter dem Kommando eines gewissen Heinz-Christian Strache auf das RFJ-Kellerlokal in der Wiener Reichsratstraße abgewehrt. Aber als sein Idol Haider fünf Jahre später leibhaftigen SS-Deppen in Krumpendorf Honig um die Mäuler schmierte, verteidigte er das wortreich.

Haiders antisemitische Spitzen gegen Michael Häupls amerikanischen Berater in Wiener Wahlkampfveranstaltungen ("Der Herr Greeeeenberg von der Ostküste“) hatte er 2001 nicht schlimm gefunden: "Ostküste steht doch in jedem Reiseführer“. Gleich darauf zeigte er aber den SPÖ-Abgeordneten Rudolf Edlinger wegen NS-Wiederbetätigung an, weil der eine Nationalratsrede der FPÖ-Scharfmacherin Helene Partik-Pablé mit dem Zwischenruf "Jetzt fehlt nur noch das, Sieg Heil‘“ quittiert hatte. Westenthaler in treuherziger Begründung: "Er hat, Sieg Heil‘ gesagt. Wenn es nicht in ihm drinnen gewesen wäre, wäre es nicht herausgekommen.“

In der entscheidenden Stunde war er auf der richtigen Seite. Der Putsch von Knittelfeld im September 2001, bei dem Haider den rechten Flügel der Partei gegen die eigenen Leute in der Regierung hetzte, schockierte ihn: "Ich nehme den Hut und sage Adieu.“

Westenthaler ging nach der Abschieds-Pressekonferenz zu Frank Stronach, Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer zu Wüstenrot und Karl-Heinz Grasser zurück ins Büro, um die Buwog zu verkaufen.

Der Einzige, der auch noch im Rückzug in Gefechte verwickelt war, war wieder einmal Peter Westenthaler: Er mache die FPÖ kaputt, warf er seinem einstigen Übervater Jörg vor: "Er selbst sollte erkennen, dass seine Zeit vorbei ist. Die Nach-Haider-Ära muss jetzt beginnen.“ Er wolle Westenthaler nie mehr in der Partei sehen, plärrte Haider aus Kärnten.

Ergriffen überreichte Nationalratspräsident Andreas Khol Westenthaler 2005 das Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern. Die von Khol dabei gerühmten Eigenschaften "Handschlagqualität, brillante Rhetorik, Fleiß und Witz“ sind Westenthaler tatsächlich kaum abzusprechen. Dass seine Erhöhung zum Elder Statesman aber vielleicht doch etwas voreilig war, zeigte sich schon 2006, als ihn Jörg Haider, huldvoll vergebend, zum Spitzenkandidaten des neuen BZÖ machte. So als sei man noch immer in den wilden Neunzigern, legte Westenthaler ungestüm los, forderte die Abschiebung von rund 300.000 Ausländern, befürchtete Halbmonde statt Gipfelkreuzen auf Österreichs Bergspitzen und stapfte durch einen Wahlkampf, der zu guten Teilen von der Telekom und den Casinos Austria bezahlt wurde, wie heute aktenkundig ist.

Westenthaler beteuert einigermaßen glaubwürdig, nichts davon gewusst zu haben: "Ich schwöre es - und ich soll tot umfallen, wenn das nicht stimmt.“

Der Wahlkampf war pannenreich verlaufen, BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger war wenige Wochen vor der Wahl aus der Partei ausgetreten, und das Ergebnis sah entsprechend aus: Nur wegen des guten Resultats im Haider-Land Kärnten schaffte das BZÖ die 4-Prozent-Hürde.

Logisch, dass die Stimmung im BZÖ-Stammlokal am Wiener Alsergrund am Wahlabend weit unter den Nullpunkt sank, als Gastingers Pressesprecher die Kneipe betrat. Fast ebenso logisch, dass es zu recht schrillen Dissonanzen kam. Und ganz logisch, dass sich die Herren Scheibner, Rumpold et al. verdünnisierten und Peter Westenthaler und seinen Leibwächter wieder einmal allein im Gemetzel zurückließen, als es heftig wurde. Der Pressesprecher trug Prellungen und Abschürfungen davon.

Peter Westenthaler trägt an diesem Mittwoch vergangener Woche einen lachsfarbenen Kapuzen-Sweater, Termine verlegt er gern in die Konditorei im Kurpark Oberlaa. Unweit von hier steht das Haus seiner kleinen Familie, dort hat er jetzt sein Büro. In einem Jahr will er eine eigene Firma haben: gewerbliche Immobilien. Die Prüfung hat er schon. Im Moment arbeitet er "mit einem kleinen Maklerbüro im Süden von Wien“ zusammen, "das gehört einem netten alten Herrn“.

Ein anderer alter Herr ruft ihn in letzter Zeit wieder öfter an und holt sich Tipps für TV-Interviews. Dass Westenthaler dennoch kein Mandat im "Team Stronach“ will, liegt vor allem an BZÖ-Chef Josef Bucher, dem vielleicht einzigen Politiker des Landes, von dem Westenthaler immer noch große Stücke hält: "Das würde ich ihm nie antun. Aber wenn Frank mich um Rat fragt, dann kriegt er ihn.“

Es wird dunkel in Oberlaa, Westenthaler muss zur Sportlerehrung. Ob er sich noch erinnern könne, wie damals im März 1990 der Titel seiner allerersten Presseaussendung lautete? Es ging darin um die Rechte von Jungärzten, und Westenthaler forderte: "Die Sklaverei muss ein Ende haben.“

Das wären doch auch ganz gute letzte Worte, meint er.