Pflegeskandal: Keine Zeit zum Essen

Systematische Falschdiagnosen, Medikamentenmissbrauch, kaum Kontrollen – Missstände wie in Lainz gibt es in vielen Heimen. Sie sind den Verantwortlichen seit langem bekannt.

Die zuständigen Politiker gaben sich überrascht und wirkten hilflos, als hätten sie stundenlang erfolglos nach einem Pfleger geläutet. Bürgermeister Michael Häupl war laut „Kurier“ „beschämt“ und wünschte sich nichts inniger, als „die Vorfälle ungeschehen zu machen“. Da dies naturgemäß nicht möglich ist, wolle er „wenigstens vorsorgen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passieren kann“.

Nach der Beschwerde eines Sachwalters hatte die Stadt Wien eine Abteilung des Pflegeheimes Lainz im Juni dieses Jahres unangemeldet kontrollieren lassen. Dabei wurden massive Mängel bei der Hygiene und im persönlichen Umgang des Pflegepersonals mit den Patienten festgestellt. Vor zwei Wochen gelangte der Bericht an die Öffentlichkeit.

Ganz besonders erschüttert und überrascht von den bekannt gewordenen Vorfällen zeigte sich Wiens Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann. Sie ließ den „Standard“ wissen, sie habe „der Schlag getroffen“, als sie von den Missständen im Lainzer Pflegeheim erfahren hatte, und sofort „Maßnahmen angeordnet“. Und sie fragte sich im „Standard“-Interview, „wieso das von außen aufgedeckt werden musste“.
Zumindest diese Frage lässt sich beantworten: weil auf interne Berichte über die herrschenden Mängel nicht reagiert wurde. Bereits vor zwei Jahren zeigte ein 95-seitiger Expertenbericht, der vom Magistrat der Stadt Wien und dem Krankenkassenverbund in Auftrag gegeben worden war, viele der jetzt bekannt gewordenen Missstände auf. Und dokumentiert, dass gravierende Defizite in der Führung von Altenheimen keineswegs nur in Lainz herrschen. Reagiert wurde nicht (siehe Kasten „Betreuung ist unzureichend“).

Dennoch sind die politisch verantwortlichen Personen bemüht, die Zustände in Lainz als Einzelfall darzustellen, dessen Wiederholung mit der Versetzung eines Pflegedirektors oder der Installation eines Ombudsmannes in Zukunft verhindert werden könne. Demgegenüber bestätigen zahlreiche Experten, Heimleiter und Angehörige des Pflegepersonals, dass ähnliche Zustände wie in Lainz in Pflegeheimen in ganz Österreich weit verbreitet, wenn nicht sogar die Regel sind.

Zukunftsprobleme. Und Demografen sowie Gesundheitsexperten verweisen darauf, dass die Probleme in der Zukunft noch deutlich anwachsen werden: Die ständig steigende Lebenserwartung führe zu einer stetig steigenden Anzahl alter und pflegebedürftiger Menschen, für deren sachgerechte und menschenwürdige Betreuung weder ausreichende Infrastruktur in Form von geeigneten Altenheimen noch entsprechende finanzielle Ressourcen für das notwendige Pflegepersonal vorhanden sind.

Regelmäßige Körperpflege? Persönliche Zuwendung? Das Recht, rechtzeitig auf das Klo gebracht zu werden oder so langsam zu essen, wie man kann? Oder nur dann schlafen zu müssen, wenn man müde ist? Selbst wenn in einem Heim die gesetzlich vorgegebene Anzahl qualifizierter Pfleger vorhanden ist, der so genannte „Personalschlüssel“ also eingehalten wird, ist die Einhaltung dieser menschenrechtlichen Mindeststandards innerhalb der gegebenen Strukturen kaum zu gewährleisten. Experten verweisen darauf, dass nicht zuletzt aufgrund ungenügender Betreuung die durchschnittliche Verweildauer greiser Menschen in Altenheimen kaum ein Jahr erreicht. Ingrid Lechner-Sonnek, Klubchefin der steirischen Grünen, zieht eine ernüchternde Schlussfolgerung: „Die Menschen geben auf, ziehen das Sterben vor.“

Lainz ist fast überall. Einige Beispiele zeigen, dass Zustände, wie sie in Lainz bekannt geworden sind, in Österreich weit verbreitet sind:
E Pflegeheim der Innsbrucker Sozialen Dienste: Eine Altenbetreuerin kündigte im Vorjahr, weil sie sich nach einem Nachtdienst die Frage stellte: „Was habe ich heute diesen Menschen angetan?“ Die Frau war alleine mit 30 Patienten im Haus gewesen. Zwei Drittel davon litten an einer akuten Darminfektion. „Da kann man nur noch von einem Zimmer ins andere rennen und die schmutzigen Handtücher und Windeln in die Ecke werfen“, so die Altenbetreuerin. Der Geschäftsführer der Innsbrucker Sozialen Dienste, Hubert Innerebner, bestreitet derartige Probleme keineswegs: „Bei den Nachtdiensten ist der Personalschlüssel eher grenzwertig, da kann man schon ins Schleudern kommen.“

E Seniorenhaus Melisse, Feldbach, Steiermark: Frau D. wog nur noch 23 Kilo, als sie im Vorjahr nach zehn Jahren schwerer Behinderung (Hirnschaden) im Heim starb. Ihr Mann war bis zuletzt fast täglich mehrmals bei ihr. In einem verzweifelten Tagebuch (siehe Faksimile) hat er zahlreiche „Mängel“ festgehalten, die er freilich nicht auf bösen Willen, sondern auf Überforderung des Personals zurückführt. Regelmäßig sei seine Frau stundenlang in ihren Exkrementen gelegen, sei zu selten und oft nicht fachkundig gewendet worden, sei fast nie ins Freie gebracht worden. Das Personal habe pflegerische Handlungen dokumentiert, die nicht ausgeführt worden seien. Er selbst habe seine röchelnde Frau oft absaugen müssen, weil sich kein Personal gefunden habe, das Zeit gehabt hätte. Herr D. sagt nicht, dass das Personal schlecht wäre: „Sie sind einfach zu wenig.“

Heimleiter Michael Schwölberger führt ein relativ modernes Haus, in dem vermutlich bessere Zustände herrschen als in manchen anderen. Er streitet die Vorwürfe auch nicht prinzipiell ab. Nur den der Fälschung von Dokumentationen weist er zurück. Ansonsten relativiert er die Kritik von Herrn D.: „Obwohl wir die gesetzlich vorgeschriebene Personaldichte sogar überschreiten, wünschte ich mir mehr Personal. Dass Herr D. als persönlich Betroffener subjektiv andere Eindrücke hat als wir, respektiere ich.“

E Bezirksaltenheim Linz-Leonding/Hart: Dieses Haus war in den vergangenen Jahren mehrfach Gegenstand kritischer Medienberichte. Wertgegenstände verschwanden; ein Mitarbeiter ließ sich von einem Bewohner dessen Pkw überschreiben; dem mittlerweile abberufenen früheren Heimleiter wurde vorgeworfen, nächtliche Alkohol- und Sexpartys mit nur teils willigen Schwestern abgehalten zu haben. Um Mitarbeiter los zu werden, habe man ihnen falsche oder abgelaufene Medikamente zur Verabreichung vorbereitet, um solches „Fehlverhalten“ dann „aufdecken“ zu können. Jahrelang wurde versucht, die Zustände im Haus zu normalisieren. Die Küchengehilfin Helga Schuller hat immer wieder auf Missstände hingewiesen und wurde deshalb vom Dienstgeber massiv unter Druck gesetzt. Doch die Dame ist auch heute nicht zum Schweigen zu bringen: „Die ganz schlimme Zeit ist vorbei.“ Doch geblieben seien Missstände, die in der Struktur liegen und fast überall vorkommen. Schuller: „Viele Heimbewohner beschweren sich über mangelnde Körperpflege, schlechtes Essen, zu wenig Zeit im Freien und haben Angst, das auch offen zu sagen.“ Gertraud Striegl vom verantwortlichen Sozialhilfeverband Linz-Land: „Glauben Sie uns, wir kämpfen mit allen Kräften für Besserungen und haben auch schon viel erreicht.“

E In Wien existieren 73 private Pflegeheime und acht Geriatriezentren der Gemeinde. Zustände wie die nun anhand von Lainz kritisierten sind kein Einzelfall. „In manchen ist es noch schlimmer“, sagt Johanna Ehmsen-Höhnl von der Magistratsabteilung 47. Sie führt die behördliche Aufsicht über diese Heime und hat auch den Lainz-Bericht verfasst. Bei ihrer Kontrolltätigkeit werden Ehmsen-Höhnl immer wieder ähnliche Beschwerden vorgetragen, deren Inhalt sich dann bei Kontrollen häufig bestätigt: „Die Menschen liegen zu lange in ihren Einlagen, es ist allgemein nicht sehr sauber, das Personal wirkt unfreundlich, Mängel bei der Körperpflege und kaum Kommunikation.“ Zum Essen hätten viele der Menschen wegen der Personalnot zu wenig Zeit. Es werde hingestellt und ungegessen wieder abgeräumt oder in sie „hineingeschoppt“. Manchmal sei das Essen „wirklich als Fraß“ zu bezeichnen, so Ehmsen-Höhnl. „Konservenobst, Konservengemüse, lieblos als Gatsch serviert, oft zu fett oder zu süß.“

Häufig werden bei Kontrollen durch die MA 47 Dokumentationslücken entdeckt. Ehmsen-Höhnl ortet die Ursachen für die Mängel aber nicht bloß im Personalmangel, sondern macht auch den ihrer Ansicht nach „wenig gezielten Einsatz von Ressourcen“ sowie eine oftmals ungeeignete Arbeitseinstellung des Personals verantwortlich: „Personal findet sich nachmittags häufig nur im Sozialraum. Die Vorgesetzten müssen mehr dahinter sein.“ Das Geriatriezentrum Lainz sei derzeit mit Vorwürfen konfrontiert, die in ähnlicher Weise durchaus auch andere Häuser betreffen.

Medikamentenmissbrauch. Zum Beispiel Pflegeheime in Kärnten. Die dortige Soziallandesrätin Gabriele Schaunig-Kandut gesteht unumwunden, dass besonders bei Nachtdiensten oft zu wenig Personal vorhanden und dieses überdies oft nicht ausreichend qualifiziert sei. Dass eine einzige Pflegehilfe 30 oder 40 Personen betreuen müsse, sei ein verbreiteter Zustand. Unter solchen Umständen sei es einfach nicht möglich, alle aufs Klo zu führen. Und die Landesrätin bestätigt, was anderswo energisch bestritten wird: dass auch gesunde Personen Windeln für die Nacht bekommen, um nicht zum WC gebracht werden zu müssen. Schaunig-Kandut: „Die Inkontinenz-Versorgung wird öfter als nötig angeboten.“

Um die Heimbewohner möglichst früh zu Bett bringen zu können, würde das Abendessen entsprechend früher serviert. „So entstehen sehr lange Phasen, in denen die Menschen nichts zu essen bekommen“, bemängelt Schaunig-Kandut. „Besonders bei Zuckerkranken ist das ein Problem. Und so werden eben mehr Medikamente verabreicht.“ Systematischer Medikamentenmissbrauch, um Personalknappheit zu überbrücken, sei daher an der Tagesordnung. Zudem seien die Kontrollen in Kärnten mangelhaft. „Personalreferent Jörg Haider weigert sich, Kontrolleure anzustellen“, so Schaunig-Kandut.

Mehrere Mitarbeiter und Heimleiter in verschiedenen Bundesländern verweisen im Zusammenhang mit dem „Windelproblem“ auf in vielen Häusern übliche Praktiken, die möglicherweise strafrechtliche Dimension haben. Weil die Krankenkassen je nach Größe nur drei bis fünf „Einlagen“ pro Tag bezahlen, müssten Patienten bis zu acht Stunden in ihren Exkrementen liegen. Um auch zu Einlagen für Gesunde zu kommen, „helfen Schwestern und Ärzte mit geschickten Zusatzdiagnosen“, so ein Heimdirektor im Burgenland. Sind diese Vorwürfe zutreffend, würden sie gegenüber den Krankenkassen den Tatbestand des – mutmaßlich sogar gewerbsmäßigen – Betrugs erfüllen.

Österreichweit sind derzeit geschätzte 550.000 Menschen pflegebedürftig. Bis 2030 dürfte die Zahl auf 800.000 ansteigen. Besonders die Gruppe der über 80-Jährigen wird nach Einschätzung der meisten Demoskopen signifikant anwachsen. Prognostiziert wird weiters, dass sich die Zahl der über 90-Jährigen in den nächsten 30 Jahren verzehnfachen wird. Gleichzeitig ist völlig ungeklärt, wie angesichts limitierter finanzieller Ressourcen, schwieriger Arbeitsbedingungen und mäßiger Bezahlung ausreichend entsprechendes Pflegepersonal rekrutiert werden soll.

Stein Huseboe, an der Universität Wien beschäftigter Gesundheitsexperte aus Norwegen, empfielt, dem drohenden Zusammenbruch der Altenbetreuung in Österreich mit einer Umwandlung von Krankenhausbetten in Pflegebetten gegenzusteuern. Österreich verfüge über doppelt so viele Akutbetten wie jedes andere europäische Land. Huseboe: „Es gibt in Österreich keine Stelle, wo die Menschenwürde jeden Tag so grundlegend verletzt wird wie in den Pflegeheimen.“
Dem Gesundheitsökonomen Christian Köck schwebt vor, die Altenbetreuung durch soziale Netzwerke zu entlasten: „Wir sind eine Generation ohne Kinder und Geschwister. Familienbetreuung wird es so nicht mehr geben.“ Stattdessen setzt Köck auf Zeit-Konten, auf denen ehrenamtliche soziale Dienste für die Eltern gutgeschrieben werden. „Solche Modelle gibt es bereits in den USA, damit wird eine Institutionalisierung der Pflege verhindert“, sagt Köck.

Donnerstag vergangener Woche wurde schließlich der Unfallchirurg Werner Vogt zum weisungsfreien Pflegeheim-Ombudsmann für Wien bestellt. Er möchte sich jetzt drei Monate Zeit geben, um den Ist-Zustand zu analysieren, um dann „offen zu sagen, was falsch und wie es richtig ist“, so Vogt. Generell scheine es Sinn zu machen, die häusliche Pflege wieder zu forcieren. 80 Prozent der pflegebedürftigen Alten werden nach wie vor zu Hause gepflegt. Vogt: „Denn warum soll man das Teure und Schlechte nicht gegen das Billige und Gute eintauschen?“