Phänomen Geliebte: Der Duft der Zweitfrauen

Ihre Hochzeit mit Prinz Charles macht Camilla Parker-Bowles zur Hoffnungsträgerin für all jene Frauen, die in der Grauzone der Legalität lieben müssen. Das Psychogramm eines Frauentypus, der so alt ist wie die Zivilisationsgeschichte.

Die pensionierte Trivialromancière Rosamunde Pilcher, Fachfrau für die Klippen der Liebe und jene des Herzogtums Cornwall, legte das Jätwerkzeug kurz aus der Hand und appellierte vergangene Woche in einem Zeitungsaufruf an das Volk: „Wünscht Camilla und Charles Gottes Segen! Jetzt kann das kleine Schiff ihrer Liebe nach einer stürmischen Reise in einen sicheren Hafen segeln. Es war eine Reise, die alle Beteiligten allzu oft an die grausamen Klippen der Katastrophe geführt hat.“

Erstaunlicherweise hatten das britische Volk und das Sprachrohr seiner Befindlichkeiten, die Boulevardpresse, nach der offiziellen Verkündigung des für den 8. April anberaumten Hochzeitstermins auf Schloss Windsor ohnehin mit Wohlwollen reagiert. Camilla Parker-Bowles, nach dem Unfalltod von Lady Di ein personifizierter Super-Gau für jeden PR-Experten, hatte sich durch ihre Beharrlichkeit, Diskretion und schier unerschöpfliches Dulder-Potenzial den milden Respekt des Inselreichs erobert. Diffamierende Spitznamen wie „Rottweiler“, „ranziges Sahneschnittchen“ oder „Prinzessin Lederstrumpf“, die jahrelang zum Fix-Vokabular der Gossenmedien gehörten, scheinen inzwischen so verjährt wie die Tampon-Affäre. Als „Königin der Schmerzen“ geht die zukünftige Herzogin von Cornwall nun in die Geschichte jener Monarchie ein, die europaweit den höchsten Unterhaltungswert besitzt – zumindest seit Edward VIII. zugunsten der Amerikanerin Wallis Simpson, die Kurtisanendienste in einem Hongkonger Bordell geleistet hatte, 1936 auf den Thron verzichtete.

„Wie eine triumphierende Katze, die ihrem Besitzer den angefressenen Kadaver eines Eichhörnchens hinwirft“, schreibt Eleanor Herman in ihrem anekdotenreichen Buch „Im Bett mit dem König“ (bei Krüger), „hatte Edward seiner Mätresse das heilige Geschenk der Abdankung in den Schoß geworfen.“

Auch Charles, in seinem 56. Lebensjahr ältester Thronfolger der Welt und dementsprechend zermürbt, hätte für die Frau, als deren Monatshygieneartikel er laut MI-5-Abhörprotokollen gern reinkarniert worden wäre, auf den Regenten-Job verzichtet. Diese Gewissheit mag Königin Elizabeth II., die von ihrem Gatten in zärtlichen Momenten „das Würstchen“ genannt wird, dazu bewogen haben, grünes Licht für das seit 34 Jahren währende Konkubinat zu geben. Da das Ende ihrer nunmehr 52-jährigen Regentschaft für die 78-jährige Monarchin absehbar ist, muss sich Charles – jedenfalls offiziell – für die Übernahme der Amtsgeschäfte wappnen. Und ein König, der bar jeder Vertuschungsbemühungen in einem „schlampigen Verhältnis“ lebt, scheint selbst für die auf dem Skandalsektor weiß Gott abgebrühte Nation indiskutabel.

Durch den medialen Paukenschlag, den die Verkündigung der Trauung auslöste, sind die Windsors ihrem öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag wieder um einiges näher gekommen. Denn längst fungiert das Herrscherhaus nicht mehr als Projektionsfläche für Kleinbürgerträume vom märchenhaften Leben, sondern stellt das Personal für eine Reality-Soap, die das eigene triste Dasein effektvoll sublimiert.

Der Triumph der Liebe gegenüber einem grausamen System, das in seiner Ehepolitik noch immer von Standesdünkel sowie Fertilitätsdenken geprägt ist, hat für die Volksseele zusätzlich beruhigende Wirkung. Die Tatsache, dass ein 56-jähriger Mann eine 57-jährige Frau von irritierend irdischem Aussehen ungebrochen lieben kann, ist Balsam für Millionen von Frauen – vor allem, wenn sie zugunsten eines jüngeren Modells ausgetauscht worden sind oder ein Camilla-ähnliches Schicksal in der Warteschleife zum Glück durchleben.

Das Phänomen der Geliebten ist so alt wie die Geschichte der Zivilisation. Schon Gaius Julius Cäsar ließ sich Kleopatra, in einen Teppich gerollt, ins Boudoir servieren. „Wenn Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist“, so Eleanor Herman, „dann ist die hohe Kunst, eine Mätresse zu sein, das zweitälteste.“ Die mächtige katholische Kirche drückte beim Ehebruch über Jahrhunderte hinweg ein Auge zu, solange die Gespielinnen der Regenten vor den Augen der Öffentlichkeit sorgsam versteckt blieben.

Offizieller Job. In die Salonfähigkeit wurden die Mätressen – der Begriff stammt vom französischen Wort „maîtresse“, was so viel wie Herrin und Meisterin bedeutet – im ungeniert verruchten Frankreich des frühen 16. Jahrhunderts überführt. Franz I. von Frankreich war der erste König, der seine Nebenfrau offiziell „Maîtresse en titre“ nannte. In den folgenden zwei Jahrhunderten erlebte die Mätresse als solche am französischen Hof einen für ganz Europa beispielgebenden Machtaufschwung. Selbst in den von tiefer Lustfeindlichkeit geprägten deutschen Fürstentümern wurde das System der öffentlich respektierten Nebenbuhlerin mit gebührender Verspätung aufgegriffen, da Frankreich bis zu seinem Schicksalsjahr 1789 als stilbildende Supermacht galt, was Sitten, Moden und Gebräuche betraf. Zu einer veritablen Ikone ihrer Branche avancierte Madame de Pompadour (siehe Kasten), die Ludwig XV., den krankhaften Melancholiker, 19 Jahre lang bei Laune hielt und dafür bei Hof mit einem Ausnahmestatus honoriert wurde, der ihr den Ruf der „Versailler Regen- und Sonnenscheinmacherin“ eintrug. Mit der Königsgattin verband sie ein höfliches Nichtverhältnis, das sich der Legende nach auf einen Austausch von insgesamt zwölf Sätzen beschränkte.

Dass die dem dritten Stand entsprungene Pompadour ihren Gebieter durch ihre Boudoir-Begabung gefügig halten konnte, ist laut Forschungsstand jedoch stark zu bezweifeln. In einem Briefwechsel klagt sie über ihr „leider sehr kaltes Temperament“ und äußert die Angst, dem König deshalb „nicht angenehm“ sein zu können. Ihre politisch desinteressierte Nachfolgerin, die ehemalige Edelprostituierte Madame du Barry, hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit der Revolution: Sie endete nach dem Tod ihres früheren Arbeitgebers 1793 auf dem Schafott.

Der Sittenkodex der streng katholischen Habsburger zeichnete sich seit jeher durch Flexibilität in Beziehungsgeflechten aus – mit dem Unterschied, dass in der Herrscherdynastie nie versucht wurde, die Geliebten am Hof unterzubringen (siehe Kasten S. 92). Da Liebe in der Heiratspolitik der Habsburger eine vernachlässigbare Kategorie darstellte, konnten die Hoheiten nur in ihren außerehelichen Verhältnissen echte Gefühle entfalten. Romantisches Beispiel par excellence: die 33 Jahre währende Liaison von Kaiser Franz Joseph mit der Burgmimin Katharina Schratt. Kaiserin Sisi, deren Interesse an ihrem „Franzl“ schon wenige Jahre nach der Hochzeit zugunsten von Diäten, Pferden und diversen „Wolkenkraxeleien“, wie sie ihre mannigfaltigen Spleens zu beschreiben pflegte, stark zu schwinden begann, soll das Verhältnis initiiert und forciert haben. Ihre Unterstützung ging so weit, dass sie die Nebenbuhlerin sogar mit den Rezepten der kaiserlichen Lieblingsmehlspeisen versorgte.

Das Bürgertum hielt sich, beschwingt vom Geist der Aufklärung, erst einmal vornehm fern von Konkubinaten, wie sie in den Lotterbetten des Adels gepflegt wurden. Im 18. Jahrhundert, als der dritte Stand sich noch nicht gegen die herrschende Elite durchzusetzen vermochte, stand die ungezügelte Verfügbarkeit über den Geschlechtstrieb für Freiheit und Selbstbestimmung.

Sexmarionetten. Nach Meinung der „Citoyens“ benahmen sich die Aristokraten „gleich Sexmarionetten – ausschweifend und überhitzt “, so der Wiener Sexualhistoriker Franz Eder. Der bürgerliche Mann könne durch die Vermeidung solcher „samenvernichtender Exzesse“ den Untergang des Adels beschleunigen. Im 19. Jahrhundert erfasste das Tauwetter der Liberalisierung auch das zuvor streng reglementierte Triebleben des Bürgertums – allerdings nur für den Mann, denn die Aufklärung hatte eine Autonomie des Begehrens für Frauen nicht vorgesehen. In einer regen sexuellen Subkultur, in der Prostitution erstmals offiziell von einer Sittenpolizei administriert wurde, die Pornografie variantenreiche Blüten trieb und die von Arthur Schnitzler als „süßes Mädel“ klassifizierte Proletarierin in die Städte und Grauzonen des Horizontalgewerbes drängte, konnte der neue Bürger den ehelichen Repressionen systematisch entgegensteuern. Sigmund Freud gab der männlichen Experimentierfreudigkeit Schützenhilfe, indem er zu Beginn des 20. Jahrhunderts die sexuellen Triebe als „mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit“ feierte. Der Familienpatriarch Freud, der sich mit seinem Schüler C. G. Jung auch deswegen zerstritt, weil er dessen Ansicht, dass der Mensch an sich „polygam veranlagt“ sei, nicht teilen mochte, liebte die Schwester seiner Frau Martha, Minna, heimlich viele Jahre lang.

Aphrodisiakum Macht. Dass sich die delikatesten Dreiecksgeschichten heute, wie vor 500 Jahren, in den Schaltzentralen der Macht entfalten, ist mit dem Henry-Kissinger-Bonmot „Macht ist noch immer das wirksamste Aphrodisiakum“ einfach zu erklären. Das Leben der Männer an der Spitze ist geprägt von permanenter Wachsamkeit, diplomatischer Verstellung und ewigen Revierkämpfen. In dieser Monomanie verkümmert die Fähigkeit, Interesse für die seelische Intimität anderer Menschen zu entwickeln. Sex ist für dieses Manko ein idealer Kompensator, „weil er nicht zeitaufwendig, kolossal entspannend und rauschhaft wie eine Wahlrede ist“, so der deutsche Arbeitspsychologe Jens Corssen.

Legendärstes Beispiel ist John F. Kennedy, der angeblich 1600 Geliebte, darunter Marilyn Monroe, hatte und diese Tatsache lakonisch so zu begründen pflegte: „Wenn ich nicht jede halbe Stunde Sex habe, bekomme ich Kopfweh.“ Seine Gattin Jackie erstickte ihren Ehefrust in Shopping-Orgien. Und brach wiederum indirekt das Herz der Operndiva Maria Callas, die Onassis zugunsten der Glamourwitwe 1968 nach Jahren des Konkubinats entsorgt hatte.

Einen würdigen Nachfolger fand JFK in Bill Clinton, der im Zuge der Lewinsky-Affäre so nackt in der Öffentlichkeit stand wie kein anderer Präsident in der US-Geschichte. Seine Frau Hillary trug die Demütigung mit Tapferkeit und fragte die Nation trocken: „Wollt ihr einen Präsidenten oder einen Heiligen?“

Mit welcher Leidensfähigkeit die Ehefrauen solcher „Alpha-Tiere, um deren Hosenbunde Frauen wie Motten ums Licht kreisen“ (Erica Jong), ausgestattet sein müssen, ist schwer nachvollziehbar. Um die Fassade zu wahren, arrangieren sie sich oft über Jahre in Dreiecksbeziehungen – wie die Witwe des 1996 verstorbenen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand. Über zwanzig Jahre musste sich Danielle Mitterrand ihren Mann mit Anne Pingeot, der Mutter seiner unehelichen Tochter Mazarine, penibel teilen. Am Sarg des Präsidenten standen die beiden Witwen, in Begleitung ihrer Kinder, traut vereint.

Mit diesem Schicksal wollte sich Edith Klestil nicht abfinden. Als die Affäre des Präsidenten mit seiner Mitarbeiterin Margot Löffler 1994 ruchbar wurde, zog sie die Konsequenzen und verließ den Abtrünnigen: „Das war der letzte Schritt, um nicht unterzugehen“, erklärte sie später. „Ich wollte kein Leben führen, das auf einem ununterbrochenen Wegschauen basiert, und vielleicht zu drastischeren Mitteln wie Alkohol und Tabletten greifen.“

Aktuellste hiesige prominente Verliererin im Kampf mit der jüngeren Rivalin ist Sonja Klima, die das öffentlich gelebte neue Familienidyll ihres Ex-Mannes Viktor mit den Worten kommentierte: „Der Treuebruch hat mich stark gemacht.“

Statistisch betrachtet ist Monogamie in Österreich kein Fremdwort. Laut einer profil-Umfrage aus dem Jahr 2000 achten 70 Prozent der Österreicher Treue zum Partner als oberstes Gebot: Jedenfalls wollten so viele ihren aktuellen Lebensgefährten noch niemals betrogen haben. 20 Prozent der Männer bekannten sich jedoch zumindest zu einem Seitensprung, weitere 22 Prozent wollten zu dem Thema „keine Angaben“ machen. Frauen tendieren deutlich weniger zum Sex außerhalb der Beziehung: Nur acht Prozent der österreichischen Frauen hörnten ihren aktuellen Lebensgefährten, 86 Prozent waren immer treu. Doch eine aktuelle Scheidungsrate von 43,2 Prozent lässt Zweifel an diesem Treuebekenntnis aufkommen. Trotzdem differenziert die Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar scharf zwischen den Geschlechtern: „Frauen trennen sich von ihren Männern vor allem, weil sie den Couch-Potato in ihrem Wohnzimmer nicht mehr ertragen – und zwar ohne Aussicht auf eine neue Beziehung. Männer verlassen ihre Hemdenbüglerin erst dann, wenn eine neue Hemdenbüglerin in der Warteschleife kreist.“