Philipp Blom: „Klimt hatte Besseres zu tun“

Der Historiker Philipp Blom über den Konservativismus der Biennale, den Kampf um die österreichische Identität und das schmerzliche Fehlen eines Zeitgeschichte-Museums in Wien.

Interview: Nina Schedlmayer

profil: Österreich nimmt seit 1895, mit Unterbrechungen, an der Biennale in Venedig teil. Was sagt uns die Geschichte der heimischen Beiträge über die jeweilige Kulturpolitik?
Blom: Man sollte den Plural – Kulturpolitiken – verwenden. Letztlich folgt die Beteiligung Österreichs in Venedig eng der österreichischen Geschichte und den verschiedenen Identitäten, die Österreich seither hatte: von den fast kakanischen, etwas profillosen Anfängen bis hin zur entschiedenen Moderne und zur Tatsache, dass Josef Hoffmann nach dem Zweiten Weltkrieg zum Kommissär ernannt wurde – obwohl er sich in der Nazizeit keineswegs dem Regime verweigert hatte, sondern sogar Regierungsaufträge bekam. In diesen verschiedenen Facetten kann man vieles aus der Geschichte Österreichs gespiegelt sehen.

profil: … was auch auf das Verhältnis zu Deutschland zutrifft.
Blom: Fast allegorisch bildet es sich in der Tatsache ab, dass der österreichische Pavillon 1938 zum Verkauf angeboten, Österreich also auch in Venedig ins „Reich heimgeholt“ wurde, wie es damals ausgedrückt wurde. Österreich kann von Glück sprechen, dass sich kein Käufer fand – sonst wäre der Pavillon längst futsch!

profil: Anfänglich ließ sich Österreich vor allem durch recht konservative Künstler vertreten, obwohl durchaus schon so etwas wie moderne Austro-Kunst existierte. Wie lässt sich das erklären?
Blom: Zur konservativen Natur der ersten Ausstellungen muss man fairerweise sagen: Das war nicht nur in den österreichischen Beiträgen so. Die Biennale war ursprünglich als Verkaufsausstellung konzipiert und überaus konventionell. Sie war aus Anlass des Jubiläums des italienischen Königspaares gegründet worden – schon aus diesem Grund hatte sie von vornherein etwas Behäbiges, Staatstragendes. Daher war der österreichische Konservativismus nicht exzeptionell. Übrigens hatte man Klimt schon früher eingeladen, der aber hatte Besseres zu tun. Sein Ausstellungsraum brach 1910 mit der Ästhetik der Zeit, man kann dessen Bedeutung gar nicht überschätzen. Die Hängung der Kunstwerke war damals üblicherweise noch fast viktorianisch, sehr dicht, an dunklen Wänden. Klimt schuf mit weißen Wänden und neutralem Oberlicht eine sehr reduzierte Umgebung, in der die Werke streng geometrisch gehängt wurden. Heute sind wir diese Art der Kunstpräsentation gewohnt; damals war es hingegen eine Sensation und bewusste Provokation.

profil: Warum gelang es während der Ersten Republik so lange nicht, eigenständige Beiträge beizusteuern?
Blom: In den frühen 1920er-Jahren suchte Österreich intensiv nach einer nationalen Identität, um die zwischen sozialistischer Internationale und konservativem Katholizismus gekämpft wurde. Gleichzeitig darf man nicht die finanziellen Probleme übersehen, die das Land nicht gerade dazu trieben, eine Kunstausstellung zu sponsern. Als Österreich aber 1932 teilnahm, setzte der Kommissär Carl Moll einen dezidierten Schritt in Richtung einer neuen Identität: mit Oskar Kokoschka und Alfred Kubin, mit Künstlern also, die starke Akzente setzten und große Unabhängigkeit besaßen; jedenfalls waren sie alles andere als staatstragend im Sinne des Ständestaates.

profil: 1934 wurde in wenigen Monaten der Pavillon errichtet. Warum ging das so schnell?
Blom: Es war der politische Wille vorhanden. Das ist immer ein entscheidender Punkt. Heute gibt es etwa in Österreich kein Museum für Zeitgeschichte, in dem der Ständestaat und der Nationalsozialismus methodisch aufbereitet werden. Es fehlt augenscheinlich der politische Wille dazu, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen, sonst wäre ein solches längst gebaut worden. Man setzt sich damit nicht auseinander. Ein Land, für das der Tourismus so wichtig ist, gibt internationalen Besuchern keine Möglichkeit, seine neuere Geschichte jenseits von Sisi und Mozart zu verstehen.

Zur Person
Der 1970 in Hamburg geborene ­Historiker und Journalist studierte in Wien und Oxford. Neben zahlreichen wissenschaftlichen und ­essayistischen Werken veröffent­lichte er Romane und moderiert die Ö1-Sendung „Von Tag zu Tag“. Jüngste Publikation: „Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung“.