Philosophie: Asket und Heiliger

Der in Elisabeth Gehrers Unterrichtsministerium ausgeheckte Plan, die umstrittene „Eliteuniversität“ nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu benennen, scheiterte aufgrund heftiger Proteste von Verwandten und Wissenschaftern. Wer war der Mann, der Österreich den Rücken kehrte?

Als Anfang vergangener Woche aus Regierungskreisen die Idee verlautete, das umstrittene österreichische Institute of Technology ausgerechnet nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu benennen, waren die Reaktionen fast durchwegs negativ. Wer sich mit der Biografie und der Lehre des Philosophen nur ein wenig auskannte, wusste, dass weder Wittgensteins originäres Denken noch sein äußerst ambivalentes Verhältnis zu Österreich der Grund für diese versuchte Namensgebung sein konnten, sondern allenfalls der Wunsch, mit einer schillernden, vor allem im angelsächsischen Raum höchst angesehenen Figur der jüngeren Geistesgeschichte für ein Renommierprojekt zu punkten. Wer aber war dieser Denker, der nicht nur als Begründer der analytischen Philosophie und als Initiator des „linguistic turn“ gilt, sondern der auch zahlreiche Künstler und Schriftsteller nachhaltig beeinflusst hat?

Ludwig Wittgenstein kam 1889 als Kind einer reichen Wiener Industriellenfamilie zur Welt. Entgegen einer verbreiteten Legende sind die Wittgensteins nicht mit dem deutschen Geschlecht der Sayn-Wittgenstein verwandt. Ludwigs jüdischer Urgroßvater Moses Meier hatte lediglich als Gutsverwalter bei dieser Familie gearbeitet und sich aufgrund einer napoleonischen Bestimmung im Jahre 1808 nach seinem Arbeitgeber Wittgenstein genannt. Schon Moses Meiers Sohn Hermann Christian, ein erfolgreicher Wollhändler, konvertierte zum Protestantismus, brach alle Kontakte zur jüdischen Gemeinde ab und verbot seinen Kindern, Juden zu heiraten. Als die Familie Mitte des 19. Jahrhunderts von Leipzig nach Wien übersiedelte, verstand sie sich selbst wohl als assimiliert.

Ludwigs Vater Karl Wittgenstein, ein durchaus rebellischer Charakter, der auch schon einmal nach New York ausriss, hatte in jungen Jahren eine Anstellung im böhmischen Walzwerk eines Verwandten gefunden, wurde bald Direktor dieses Unternehmens und baute es binnen weniger Jahre zum führenden Eisen- und Stahlkonzern der österreichisch-ungarischen Monarchie aus. Karl Wittgenstein war aber auch ein musischer Mensch und großzügiger Mäzen. Er gehörte zu den Financiers der Sezession. In seinem Haus verkehrten die bedeutendsten Musiker seiner Zeit, darunter Johannes Brahms, Gustav Mahler, Bruno Walter und der heute vergessene, blinde Komponist Josef Labor, den Ludwig Wittgenstein ein Leben lang verehrte. Die Wittgensteins gehörten damals nicht nur zu den reichsten, sondern auch zu den angesehensten Familien in Wien, Karl konnte es sich sogar leisten, ein Angebot, sich adeln zu lassen, abzulehnen, da er nicht als Parvenu gelten wollte.

Katholisch getauft. Ludwig Wittgenstein war das jüngste von acht Kindern. Seine Mutter Leopoldine, geb. Kalmus, stammte väterlicherseits aus einer bedeutenden jüdischen Familie, war aber katholisch erzogen worden, und auch Ludwig und seine Geschwister wurden katholisch getauft. Die Kinder, fast durchwegs musisch begabt, litten unter den Anforderungen und der Strenge des Vaters. Zwei von Ludwigs Brüdern begingen in jungen Jahren Selbstmord, der vierte Bruder, Paul, war ein hervorragender Konzertpianist geworden, der 1914, im ersten Kriegsjahr, seinen rechten Arm verlor. Er übte mit der linken Hand weiter und beauftragte namhafte Komponisten, darunter Richard Strauss und Maurice Ravel, ihm Stücke zu komponieren, die er mit einer Hand spielen konnte. Zu seinen drei Schwestern hatte Ludwig durchaus innige Beziehungen. Hermine, die Älteste, war so etwas wie ein ruhender Pol in der Familie. Mit Helene konnte Ludwig nach Herzenslust „blödeln“. Geistig verstand er sich am besten mit Margarete, die, selbst intellektuell ambitioniert, einen wohlhabenden Amerikaner, Jerome Stonborough, geheiratet hatte, aber hauptsächlich in Wien lebte. Gustav Klimt hat dann auch Margarete gemalt.

Die Philosophie war Ludwig Wittgenstein nicht in die Wiege gelegt worden. Der Vater hatte andere Pläne mit ihm – er sollte das Erbe des Industriekonzerns übernehmen. Ludwig bekam Privatunterricht, danach besuchte er die Realschule in Linz, jene Schule übrigens, in der zwei Schulstufen unter ihm der junge Adolf Hitler saß. Ob die beiden einander wahrgenommen haben, lässt sich nicht mehr feststellen. Jüngst geäußerte Vermutungen, dass Wittgenstein Hitler sogar beeinflusst haben könnte, sind wohl in höchstem Maße spekulativ. Wittgenstein studierte Ingenieurwissenschaften in Berlin und Manchester, wo er sich für Fragen der Logik zu interessieren begann. Im Sommer 1911 besuchte er den großen Logiker Gottlob Frege in Jena, der mit ihm, so Wittgenstein, förmlich „Schlitten gefahren“ sei, ihm aber offenbar geraten hatte, nach Cambridge zu gehen. Wittgenstein schloss sich dort Bertrand Russell an, der sich von dem ungestümen „Deutschen“, wie er ihn in Unkenntnis seiner Herkunft nannte, zuerst irritiert zeigte, aber bald erkannte, dass Wittgenstein eine außerordentliche philosophische Begabung war. Russell unterstützte Wittgenstein lange Zeit, konnte aber die Denkwege seines Schützlings nicht wirklich nachvollziehen. Der Philosophie des späten Wittgenstein hat Russell dann überhaupt nichts mehr abgewinnen können.

Seit seiner Ankunft in Cambridge im Oktober 1911 führt Wittgenstein ein ziemlich unstetes Leben: Er pendelt zwischen England, Österreich und Norwegen, wo er sich eine kleine Hütte hatte bauen lassen, in die er sich oft in vollkommene Einsamkeit zurückzog. Während des Ersten Weltkriegs meldet sich Wittgenstein freiwillig zum Militärdienst, macht entscheidende Schlachten sowohl in Galizien als auch gegen Kriegsende in Italien mit, wird mehrmals mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet, beschäftigt sich intensiv mit Tolstoi und Fragen der Religion und schreibt während dieser Zeit den „Tractatus logico-philosophicus“, der 1922 veröffentlicht wurde. Wittgenstein war davon überzeugt, damit alles gesagt zu haben, was in der Philosophie noch zu sagen war.

Volksschullehrer. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie verschenkte Wittgenstein sein Vermögen zur allgemeinen Verblüffung an seine Geschwister und beschloss, Volksschullehrer zu werden. Er unterrichtete auf eigenen Wunsch in den allerentlegensten Dörfern, die es in der Umgebung von Wien gab – in Trattenbach, in Puchberg/Schneeberg, in Otterthal. Er dürfte sein Lehramt außerordentlich ernst genommen haben; ob er seine Schüler gefördert oder überfordert hat, darüber gehen je nach Interpretation der Quellen die Meinungen auseinander. Er versuchte offenbar, theoretisches und praktisches Lernen zu verbinden, machte mit seinen Schülern Exkursionen, ließ sie Gebrauchsgegenstände nachbauen und unterrichtete begabte Schüler in Logik und Mathematik auch außerhalb der Schule – oft gegen den Widerstand der Eltern. Dieser Volksschullehrertätigkeit verdanken wir das zweite zu Lebzeiten publizierte Buch Wittgensteins: ein Wörterbuch für Volksschulen. Nachdem einer seiner Schüler nach einer Ohrfeige, die Wittgenstein ihm verabreicht hatte, ohnmächtig geworden war, musste der Philosoph den Schuldienst quittieren.

Wittgenstein kehrt nach Wien zurück und beteiligt sich am Bau eines Wohnhauses im dritten Wiener Bezirk, mit dem seine Schwester Margarete den mit Ludwig befreundeten Loos-Schüler Paul Engelmann beauftragt hatte. Wittgenstein stürzt sich mit aller Kraft in dieses Projekt, verändert die Pläne von Engelmann maßgeblich und zeichnet für die Realisierung fast allein verantwortlich. Es entsteht ein eigenwilliger Bau, der durch Klarheit, Symmetrie, Präzision und ein außergewöhnliches Bewusstsein für Proportionen besticht (siehe auch Kasten auf Seite 107).

Nach seinem Ausflug in die Architektur kehrt Wittgenstein 1929 nach Cambridge zurück, er wird dort aufgrund seines „Tractatus“ promoviert, und allmählich beginnt sich so etwas wie ein Kreis um ihn zu bilden. Er bekommt den Ruf, ein origineller, leicht verwirrter, zurückgezogen lebender, charismatischer, außerordentlich scharfsinniger, aber auch sehr ungeduldiger und kompromissloser Denker zu sein: ein Asket und Heiliger. Sein Verhalten und seine Vorlieben sind vollkommen unakademisch. Er verachtet Fachzeitschriften, liest statt philosophischer Abhandlungen lieber Kriminalromane, pflegt wenige, aber enge Männerfreundschaften, geht gern ins Kino, denkt nicht daran, auch nur irgendetwas zu publizieren, und bei einer legendären Diskussion im Moral Science Club soll er Karl Popper mit dem Schürhaken bedroht haben. Das heißt aber nicht, dass er der Philosophie insgesamt ignorant gegenüberstand. Penibel listet Wittgenstein die Denker auf, die ihn beeinflusst haben – darunter Kierkegaard und Schopenhauer, aber auch so umstrittene Figuren wie Otto Weininger und Oswald Spengler. Anfang der dreißiger Jahre spielt er mit dem Gedanken, gemeinsam mit einem Freund in die UdSSR zu übersiedeln. Nach einer Erkundungsreise in das kommunistische Land lässt er diesen Plan aber schnell fallen.

1939 wird Wittgenstein in Cambridge auf einen Lehrstuhl berufen, im selben Jahr nimmt er die britische Staatsbürgerschaft an. Während sein Bruder Paul nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland die Gefahr, die den Wittgensteins droht, da sie nach Nazi-Diktion als Juden gelten, sofort erkennt und zur Emigration drängt, wollen die Schwestern in Wien bleiben. Auch mit Unterstützung von Ludwig verhandeln sie mit Berlin, und nach vielem Hin und Her transferieren sie einen Gutteil ihres Vermögens an die deutsche Reichsbank und werden dafür von den Nazis nicht weiter verfolgt.

Wittgenstein hält seinen Lehrstuhl mit Unterbrechungen einige Jahre besetzt, bevor er ihn aus gesundheitlichen Gründen, aber auch aus prinzipiellen Zweifeln an seiner Fähigkeit als Universitätslehrer 1947 freiwillig aufgibt. In diesen Jahren hatte er sich vor allem mit der Philosophie der Mathematik beschäftigt, er hält Vorlesungen zu Fragen der Psychologie und der Ästhetik, vor allem aber arbeitet er an einem umfangreichen Manuskript, das erst nach seinem Tod unter dem Titel „Philosophische Untersuchungen“ publiziert wird. Während einer Amerikareise im Herbst 1949 verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, Wittgenstein drängt auf Rückkehr: „Ich bin Europäer – ich will in Europa sterben.“ Es bleibt ihm tatsächlich nur mehr wenig Zeit, die Diagnose lautet auf Krebs, bald braucht er eine ständige ärztliche Betreuung. Er zieht in das Haus seines Arztes in Cambridge, aber es besteht keine Hoffnung mehr. Als ihn die Frau des Arztes davon verständigt, dass seine Freunde auf dem Weg zu ihm seien, um Abschied zu nehmen, antwortet Wittgenstein, der weiß, dass er die Freunde nicht mehr sehen wird: „Sagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles Leben gehabt habe.“ Ludwig Wittgenstein stirbt am 29. April 1951.

Literaturhinweise:
Ray Monk: Wittgenstein. Das Handwerk des Genies.
Stuttgart: Klett-Cotta 2000
Joachim Schulte: Ludwig Wittgenstein. Leben – Werk – Wirkung.
Frankfurt/Main: Suhrkamp 2005

Von Konrad Paul Liessmann