Philosophie: Was für ein Glück!

Epikur hielt das Glück für den Sinn des Lebens, Schopenhauer betrachtete es als Wahnidee, Freud als die Befriedigung einer libidinösen Regung.

In der Antike erschien das Glück in unterschiedlichen Gestalten. Einmal trat es als Göttin Tyche auf, die, das Gewand vom Wind gebauscht, der sie einmal hierhin, einmal dorthin trieb, mit verbundenen Augen ihr Füllhorn ausschüttete. Bei den Römern mutierte Tyche zu Fortuna. Ihr zu Ehren wurden im ganzen Reich Tempel errichtet, Fortunas Bildnis wurde auf Eingangstüren gemalt, auf Münzen geprägt und in Stein gemeißelt. Im christlich-religiös geprägten Mittelalter verkamen die Glücksgöttinnen zu dubiosen Frauenzimmern, die am Schicksalrad drehten und dem einen gaben, während sie dem anderen nahmen, ohne Ansehen von Rang und Namen.

Neben dem Zufallsglück kannten die Griechen auch das Glück des Loses (gr. „daimon“) und das Glück als unerbittliches Naturgesetz – ein Gedanke, der etwa im muslimischen Kismet (das von Allah bestimmte, unabwendbare Schicksal) fortlebt. Auch im Christentum wurden die mächtigen Glücksgöttinnen zum schicksalhaften Glück objektiviert – „divina providentia“. Wer sich in sein Schicksal fügte, durfte – spätestens im Jenseits – mit dem Wohlwollen der Götter rechnen. Als dritte Glücksmacht kannten die Griechen schließlich einen alles durchdringenden Weltlogos (gr. „pneumos“), der das individuelle mit dem kosmischen Geschehen verbindet und bis heute die Geschäftsgrundlage der Sterndeuter-Zunft darstellt.
Die Anhänger des griechischen Philosophen Epikur (341 bis 271 v. Chr.) betrachteten das Streben nach Glück als Sinn des Lebens schlechthin – Schmerzfreiheit und Seelenruhe als höchste Lust. Sobald den Menschen keine Schmerzen mehr plagten, war seine Lust auch nicht mehr zu steigern. Nur die Unwissenden und Unbelehrbaren völlerten und hurten nach Herzenslust herum. Epikur hingegen, der Urahn der „Simplify your life“-Gemeinde, predigte Selbstgenügsamkeit: Nicht eine ununterbrochene Folge von Trinkgelagen und Festessen und erotischer Genuss von Knaben und Frauen, nicht der Genuss von allem, was eine luxuriöse Tafel bietet, schaffe das lustvolle Leben, sondern nüchternes Nachdenken über die Lust.
Dieser Ansatz kam den Stoikern, die Sittlichkeit und Vernunft hochhielten und die Glückseligkeit der Pflicht unterordneten, sehr entgegen. Seneca (4 v. Chr. bis 65 n. Chr.), einer der wichtigsten Vertreter dieser antiken Philosophenschule, forderte von seinen Mitmenschen vor allem Einsicht und Beherrschung, weil sie den Charakter festigten und den Menschen zur Ruhe führten. Wer gelassen sei, kenne keine Traurigkeit, und wer keine Traurigkeit kenne, sei glücklich.

Auch der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) scheute sich, die Glückseligkeit dem Zufall zuzuschreiben. Er beschrieb das Glück als Lebenskunst und bürgerliche Tugend, die Maximierung des Glücks als oberstes Gebot. Dieser eudämonistische Gedanke (griech. „eu“ = gut; „daimon“ = Schicksal) tauchte sowohl in der hedonistischen als auch in der utilitaristischen Ethik auf. Im Lager der Hedonisten (gr. „hedone“ = Lust) standen die Egoisten den Altruisten gegenüber: Während Erstere – unter ihnen Epikur – primär die Befriedigung der eigenen Lust im Sinn hatten, behielten die altruistisch Gesinnten – etwa Aristoteles – die Bedürfnisse der Mitmenschen im Auge.

Jahrhunderte später führte Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) beide Denkschulen zusammen, indem er den Menschen grundsätzlich als ein von Wünschen und Trieben gesteuertes Wesen definierte. In der Regung des Mitleids jedoch erlebe er, dass alle Lebewesen ähnlich empfinden. Lust hielt Schopenhauer für eine Illusion, für eine kurze Unterbrechung des Leids. Zwar wusste Schopenhauer eine Pfeife oder ein Glas Wein nach getaner Arbeit durchaus zu schätzen, in seinen Schriften redete er solche Genüsse jedoch klein – sie als beglückend zu empfinden sei lediglich „ein Wahn“. Der Schopenhauer’sche Mensch pendelt zwischen Not und Langeweile, Rettung versprechen nur Religion, Kunst, Philosophie und Nächstenliebe.

Dreißig Jahre zuvor hatte der englische Philosoph Jeremy Bentham (1748 bis 1832) das aristotelische Prinzip des Eudämonismus zur utilitaristischen Ethik, einer der populärsten philosophischen Richtungen des Industriezeitalters, weiterentwickelt. Ihr höchstes Ziel war das „größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl von Menschen“. Nur Handlungen, die das Glück der Allgemeinheit fördern, ließ Bentham als moralisch richtig gelten.

Johann Gottlob Fichte wiederum glaubte weder an das Glück der Allgemeinheit noch an das des Einzelnen. Er schimpfte jeden, der sich auf Erden Glück erhofft, einen „ahnungslosen Tor“ und qualifizierte sich damit als einer der „großen Pessimisten“, für die etwa Ludwig Marcuse, Vordenker der 68er-Generation, später nur Spott und Hohn übrig hatte. Sie wären, urteilte Marcuse, „nicht so unglücklich gewesen, wenn ihnen das Glück nicht so strahlend erschienen wäre. Ihre trübe Lehre stammte aus der Sehnsucht nach einem Glück, das ihnen auf dem Weg ihres Alltags unerreichbar war.“

Der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, erkannte die Wurzeln des Glücks in der Sexualität. Dem Lustprinzip entsprechend ist Glück für Freud die Befriedigung libidinöser Regungen. Doch sei „die Absicht, dass der Mensch glücklich ist, im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“. Letztlich bleibe das Programm des Lustprinzips unerfüllbar.