Plastiksackerlverbot auch in Österreich?
Umweltminister sucht nach Alternativen

Aus ökologischen Gründen wollen immer mehr Länder Plastiksackerl verbieten. Umweltminister Nikolaus Berlakovich sucht bereits nach Alternativen.

Von Martina Lettner

Der Wille war jedenfalls da. Die Kassierin schaute wohlwollend zu, als die Dame ihren gesamten Einkauf sorgfältig in zwei frisch erstandene braune Papiersackerl schlichtete, zahlte und ins Nieselwetter hinausstapfte.
Wenige Minuten später stand sie wieder im Geschäft, beide Papiersäcke eng umschlungen. Zuerst war ein Henkel eingerissen, wenig später drohten die Joghurts durch den durchnässten Boden zu rutschen. „Umweltschutz schön und gut, aber jetzt will ich ein Plastiksackerl.“

Noch gibt es die kleinen praktischen Umweltsünden überall – zumindest hierzulande. In anderen Staaten wurden sie bereits verteuert oder verbannt. Auch Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) liebäugelt schon länger mit der Idee, die aus Erdöl hergestellten Plastiksäcke gegen Taschen aus biologisch abbaubarem Biokunststoff auszutauschen. 64 Prozent der Österreicher würden mehrheitlich hinter ihm stehen, ergab eine aktuelle Umfrage für profil.

Vor rund 50 Jahren kamen die ersten Plastiksackerl in Österreich auf den Markt. Mittlerweile landen laut Altstoffverwerter ARA gut 7000 Tonnen von ihnen jedes Jahr auf dem Müll (Umweltorganisationen gehen von einem Vielfachen aus) – das sind rund 350 Millionen Beutel, wenn nicht mehr: Die dünnen und somit leichteren Plastiksäcke finden auch in Österreich immer weitere Verbreitung.

„Jute statt Plastik“ , skandierten Schlapfenträger bereits in den Siebzigern. Inzwischen ist FPÖ-Umweltsprecher Norbert Hofer der einsame Rufer in der Wüste. Seit Jahren fordert er ein Verbot. Die Wiener ÖVP hatte 2006 kurzfristig eingestimmt, die SPÖ zierte sich: „So eine Regelung wäre nur öster­reichweit durchsetzbar.“ Der damals zuständige Umweltminister Josef Pröll (ÖVP) versprach, darüber nachzudenken. Bis zum Ende seiner Amtszeit vergangenen Dezember dürfte er zu keinem Schluss gekommen sein. Sein Nachfolger Berlakovich nimmt sich des Sackerlproblems nun mit einer skurrilen Mischung aus Tatendrang und höflicher Zurückhaltung an: Er wolle auf jeden Fall etwas tun, müsse aber erst sondieren.

Große Umweltprojekte sind in Zeiten der Finanznot ohnehin nicht durchsetzbar – schon gar nicht von einem österreichischen Umweltminister: Sogar eine etwaige Plastiksackerlregelung, ein Miniprojekt, müsste in Brüssel abgesegnet werden. Doch dort mahlen die Mühlen langsam – zumindest, solange sie keine mächtige Lobby antreibt. Zuletzt war Frankreich mit einem Plastiksackerlverbot abgeblitzt. Derzeit gibt es nur in Paris, wo bisher 8000 Tonnen Tüten pro Jahr weggeworfen wurden, gewisse Einschränkungen. Dem Vernehmen nach wird es nicht der letzte Vorstoß gegen die Plastiksäcke gewesen sein: Immer mehr Mitgliedsstaaten finden Gefallen an der französischen Idee.

Außerhalb der EU ist man da schon etwas weiter: In Bangladesch verstopften die Kunststofftaschen Kanäle, weite Teile des Landes drohten im Monsun unterzugehen. Seit 2002 sind Plastikbeutel Vergangenheit. Auch in Papua-Neuguinea, Bhutan, Tansania, Ruanda und einer Vielzahl von Kleinstaaten wurde ihre Verwendung mittlerweile untersagt. Sogar in Australien, wo laut dem Vorsitzenden des Einzelhandelsverbands „Plastiktüten zu unserem Leben gehören“, sollen sie künftig Geschichte sein. Großbritannien, China und andere Länder zogen nach – nicht immer mit einem Totalverbot, aber zumindest mit höheren Abgaben. In Spanien liegen entsprechende Pläne in der Schublade. Südafrika droht Einzelhändlern, die Plastiksackerl verschenken, nun sogar mit Haftstrafen: In Südafrika sterben immer mehr Tiere an den „National Flowers“ – Plastiksackerl, die an Bäumen und Sträuchern hängen.

Auch 19 von 20 Nordseevögeln haben Plastikfetzen im Magen – durchschnittlich 44 Stück –, Fische, die auf österreichischen Tellern landen, knabbern immer öfter an Kunststoffsäcken. Eine Million Seevögel, 100.000 Seehunde, unzählige Fische und Meeressäuger verenden jedes Jahr auf diese Weise, heißt es in einem Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP. Sogar Eisbären sind mittlerweile gefährdet.

Zickzackkurs. Österreich ist freilich weder von Monsun-Überschwemmungen bedroht, noch zwingen Müllberge bummelnde Touristen zum Zickzackkurs. Es geht aber um das Image des Biovorreiterlandes und um „Green Jobs“: In Österreich stellen einige Unternehmen Biokunststoffe her (siehe Kasten). „Würde statt der Plastiksackerl auf ihre Produkte zurückgegriffen, entstünden in Österreich neue Arbeitsplätze, die Umwelt würde wegen kürzerer Transportwege und biologisch abbaubarer Produkte entlastet, und die Bauern könnten ihre überschüssige Produktion sinnvoll verwerten“, preist Berlakovich „die absolute Zukunftstechnologie mit vielen, vielen Vorteilen“. Er lässt derzeit gerade die Sackerlregelungen anderer Länder analysieren – ein Verbot könne jedoch nur EU-weit eingeführt werden.

Während sich die Österreicher mit einem Verbot durchaus anfreunden könnten, ist die Wirtschaft noch nicht restlos überzeugt. Bei der Supermarktkette Spar gibt man sich pragmatisch: Im Falle eines Verbots werde man sich darauf einstellen; bis es so weit sei, würden jedoch verschiedene Systeme – auch Biokunststoffsackerl – angeboten. Ein Einkaufskorb wie zu Großmutters Zeiten wäre für die Umwelt aber „sicher die beste und einfachste Lösung“, meint Spar-Sprecherin Nicole Bergmann.

Richard Franta von der Sparte Handel in der WKO ist gegen Verbote oder Verteuerung der Plastikeinkaufstaschen – Kunden würden auf den Preis achten, zudem wolle man ihnen die Wahlmöglichkeit lassen. Auch Christian Mayer, Sprecher der Abfallverwertung ARA (die Aktiengesellschaft gehört zu je einem Drittel Verpackungsherstellern, Abpackern und Importeuren sowie dem Handel), hält nichts von Vorstößen gegen das Plastiksackerl oder von der flächendeckenden Einführung von Biokunststoffsäcken: „Es gibt schon seit 25 Jahren eine Alternative: das Papiersackerl.“ Auf den Einwand, dass Papiertaschen selbst bei trockenem Wetter nur selten bis zur eigenen Haustüre durchhielten, meint er: „Statt einem Plastiksackerlverbot sollten die Leute lieber einmal pro Woche zu Fuß einkaufen gehen. Das ist sicher genauso gut für die CO2-Bilanz, wenn nicht sogar besser.“ Am allerbesten wäre freilich, wenn sie dann auch ein Stoffsackerl dabeihätten.