Politiker sind wichtig

Sie werden unter ihrem Wert erschlagen - Versuch einer Ehrenrettung.

"Manche Politiker muss man behandeln wie rohe Eier. Man haut sie in die Pfanne" Didi Hallervorden

Die Österreicher sind in den Disziplinen Boshaftigkeit, Mobbing, Vorurteilsfreude und geistige Lynchjustiz keineswegs Spitze, wie sie kokett glauben. Da gibt es, wie Weltreisende wissen, viel Talentiertere, beispielsweise Italiener, Engländer, Franzosen, Spanier, Irländer, Peruaner, Texaner, Koreaner. Kurzum: Wir sind keineswegs miese Weltspitze. Aber es ist auch so schlimm genug, wie beispielsweise mit den Politikern umgesprungen wird.

Am wenigsten stört mich noch, dass die Politiker in den so genannten Sympathler-Rankings meistens auf dem letzten Platz landen. So schützen sie uns Journalisten vor der roten Laterne.

Dass Politiker, Journalisten und Anwälte in diesen Umfragen immer die Watschen kriegen, ist nachvollziehbar, man vermutet zu viel unkontrollierte Macht dahinter, vielleicht auch zu hohe Einkommen. Letzteres stimmt schon bei Anwälten nur zum Teil (dort, wo ihr Honorar absurderweise an hohe Streitwerte gekoppelt ist), gilt in der heutigen Medienkrise nur für wenige Journalisten und gilt für keinen einzigen Politiker.

Die Erfahrung lehrt aber, dass es sinnlos, weil unmöglich ist, einer zum Neid talentierten Bevölkerung klar zu machen, dass unsere Politiker zu wenig verdienen; dass sie uns billiger kämen, wenn wir sie besser bezahlten, weil dann auch bessere Leute sich diesen Beruf antun würden.

Die ewige Forderung beispielsweise, wir bräuchten weniger Beamte und mehr Leute aus der Wirtschaft im Parlament, um höheren Realismus in den Reden des Hohen Hauses zu fühlen und wirklichkeitsnähere, verständlichere Gesetze zu kriegen, ist zwar vernünftig, aber beinahe kindisch. Topmanager brauchen ein Kontinuum auf ihrem steinigen Weg nach oben. Eine Auszeit gliche dem Versuch Jan Ullrichs, mitten in einer Etappe der Tour de France ein Schäferstündchen einzulegen und trotzdem der Erste in Alpe d'Huez zu sein. Ganz zu schweigen von Unternehmern. Die riskieren mit einem Sidestep in die Politik ihr Lebenswerk. Selbst wenn sie einen gleichwertigen Stellvertreter fänden, der mit Elan das fremde Eigentum verwaltete, müssten sie ihm das Dreifache dessen zahlen, was sie selbst als Politiker verdienen.

Dass trotzdem manche, die Umsatz von Gewinn unterscheiden können, den Weg in die Politik finden, ist rätselhaft und schön, macht aber das Kraut nicht fett. Und jenen PolitikerInnen, die unsere hoch entwickelte Wettbewerbswelt nie von innen kennen lernten, den Vorwurf der Naivität zu machen, wäre unfair. Ihnen ist leider der Glaube gestattet, der Strom käme eh aus der Steckdose.

Warum Österreich trotz dieser Öko-Anämie gesundes Blut zeigte und aufschoss vom elendsten, nicht für lebensfähig gehaltenen Zwergstaat zu einem Top-Ten-Wohlfahrtsstaat, hat zwei Gründe.

Erstens geht es den Konkurrenzländern beim Politikergehaltsneid nicht besser. Überall glaubt das Volk an den Stammtischen, "die da oben" seien überbezahlt.

Zweitens erfand Österreich die Sozialpartnerschaft, eine glänzende Nebenregierung der Experten, gebildet aus gut bezahlten Abgesandten der gebundenen Interessengemeinschaften (Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer) und der freiwilligen Interessengemeinschaften (Gewerkschaft, Industriellenvereinigung). Dieses System brachte von der rechten und linken Flanke viele Bälle vors Tor. Österreich gewann alle wichtigen Matches. Die Idee, das Wunderteam aufzugeben, weil es auch zu Selbstgefälligkeiten, Filz und Proporzärger führte, war vielleicht nicht so gut. Die Vermutung, Streitkultur statt Harmonie führe zu moderneren Prozessen und besseren Ergebnissen, müssen wir schön langsam verschrotten.

Nicht ungeschickt ist der Einwand, es sei eine besondere Ehre, dem Land als Politiker zu dienen. Das ist auch so, und bewegte auch immer wieder brillante Leute, sich gegen jede natürliche Trägheit politisch zu engagieren. Selten lang. Die Motivationsstrukturen in der Politik sind letztklassig, verglichen mit der Privatwirtschaft. Sie sind sogar schlechter als die ebenfalls verschistelten Strukturen unserer Universitäten. Es gibt keinerlei seriöse Personalentwicklungspläne. Speziell vife Junge werden von eifersüchtigen Alten gebremst. Die Parteifreunde sind oft schlimmere Gegner als die Parteifeinde. Und die Politik-Journalisten sind voll damit ausgelastet, die Fehler zu tadeln. Das Funktionierende ist selbstverständlich, das Innovative grundsätzlich der Profilierungsneurose verdächtig. Ein schlechter publizistischer Gegenwert für einen familienzersetzenden 16- Stunden-Job bei inadäquatem Einkommen.

Der Vorwurf, Politiker seien spürbar anerkennungssüchtig, egoistisch und eitel, ist überwiegend korrekt, aber ein Spiegelgefecht. Das gilt für uns alle. Popper: "Selbst die Amöbe ist in jeder Sekunde auf eine Verbesserung ihrer Existenz bedacht." Lorenz: "Ohne Egoismus kein Leben." Goethe: "Achtet mir die Eitlen, sie machen sich der Sozietät angenehm."

Alles paletti also?
Nicht ganz. Nach wie vor ist unbegreiflich, dass jeder norddeutsche Mittelstürmer besser spricht als Österreichs Politiker. Und dass man mit dem historisch hohen Anteil an Dünnbrettbohrern im Parlament die Idee der repräsentativen Demokratie gar so wörtlich nahm.