Politsatire: Lachkrampf der Kulturen

Borat, fiktiver Antiheld eines gleichnamigen Films, provoziert die kasachische Regierung mit anarchischem Witz. Und die „US und A“ kommen auch nicht eben gut weg.

In Kasachstan, sagt der hinterwäldlerische TV-Reporter Borat Sagdiyek stolz, rangieren Frauen in der Hierarchie der Lebewesen nur knapp hinter Männern, Pferden und Hunden – und noch vor Ratten. Waffen, Prostitution und das Nationalgetränk (fermentierter Pferdeurin) gibt es in der Kinofiktion „Borat“ über den jungen Staat im Überfluss, und auch der Antisemitismus wuchert ins Grotesk-Monströse: So huldigt man einem an Pogrome gemahnenden Volkssport, bei dem riesige Judenpuppen durchs Dorf gejagt werden.

Das offizielle Kasachstan konnte über derlei Derbheiten freilich gar nicht lachen. Die Regierung startete Imagekampagnen, sperrte die kasachische Internetadresse Borats, legte diplomatischen Protest in Kanada ein, wo „Borat“ im September seine Premiere hatte, und wurde angeblich sogar im Weißen Haus vorstellig.

Ohne Erfolg. Denn der britische Schauspieler und Borat-Darsteller Sacha Baron Cohen, der in Cambridge Geschichte studierte und in seiner Abschlussarbeit über das Verhältnis von Juden und Schwarzen reflektierte, reagierte stets postwendend: in seiner Rolle als Borat. So verdammte er zunächst die angeblichen Gerüchte über seine Heimat, laut denen Frauen gleichberechtigt seien und jegliche Religion toleriert würde. Das seien nichts als „widerliche Lügenmärchen“. Nun treibt Borat alias Cohen das Verwirrspiel weiter: Angeblich habe die kasachische Regierung bereits den nationalen Komikerhelden Jantik zur Filmpremiere am 2. November nach London entsandt, um seinen Bruder Borat heimzuholen.

Albtraum. Borat ist – neben dem Möchtegern-Gangsta-Rapper Ali G und dem schwulen österreichischen Modejournalisten Bruno – die dritte Knallcharge, die Cohen in seiner weltweit erfolgreichen „Da Ali G Show“ verkörperte. Der Film „Borat“ (Kritik siehe Kasten) verdichtet nun dessen Anschläge auf Moral und Doppelmoral zu einem irrwitzigen Roadmovie. Darin entpuppt sich der Schnauzbartträger mit dem lebenden Huhn im Gepäck als infantilster, zotigster, vor allem aber lustigster Albtraum der Zivilisation, seit es Political Correctness gibt.

Angeblich vom kasachischen Fernsehen mit einer Reportage über den American Way of Life beauftragt, reist der reine Tor aus dem wilden Osten durch die „US and A“ und tritt dabei verlässlich von einem Fettnäpfchen ins nächste. Doch wenn Borat die repressive Toleranz von republikanischen Debattierklubs ausreizt oder beim Rodeo den zunächst heftig applaudierenden Rednecks in einer unversehens in brutale Mordfantasien kippenden Rede zum Krieg gegen den Terror im Irak gratuliert, dann entblößt der Narr auch den schmutzigen Kern der amerikanischen Seele. In solchen Momenten schulterklopfender Kumpanei wird Borat zum Till Eulenspiegel des Bush-Amerika mit seinen heiligen Waffennarren und bigotten Tugendwächtern. Mit sichtlicher Freude am Dumm-Stellen teilt er in alle Richtungen aus und lässt so die westlichen Klischees über den rückständigen Osten mit dem westlichen Dünkel über dessen kulturelle und geistige Überlegenheit kollidieren.

Nur in einem versteht Cohen offenbar keinen Spaß. Selbst Jude, überzeichnet er den hirnrissigen Antisemitismus Borats derart, dass kein Zweifel an Cohens solider Gegnerschaft dazu bestehen kann – auch wenn sich etwa die Jewish Anti Defamation League über mögliche gegenteilige Lesarten des Films im Vorfeld besorgt zeigte.

Von Thomas Edlinger