Pop ab Hof

Musikindustrie. Gerade erst hatten sich die großen Labels mit dem Online-Geschäft angefreundet – und schon beginnen die neuen Business-Modelle mit der Rezession wieder zu bröckeln. Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

Von Robert Rotifer

Unter den Popmusikern dieses Planeten gibt es kaum einen begabteren Agitator als Billy Bragg. Als einer, der schon vor 25 Jahren vor streikenden britischen Minenarbeitern spielte, weiß der britische Protest-Songwriter sein Publikum beim Schopf zu packen – selbst wenn dieses aus Stars wie Robbie Williams, Nick Mason von Pink Floyd, Ed O’Brien von Radiohead, Fran Healy von Travis, dem Ex-Clash-Gitarristen Mick Jones oder jüngeren Semestern wie den Futureheads und den Klaxons besteht. „Ich glaube, es ist Zeit, diese Frage einer Abstimmung zu unterziehen“, donnerte Bragg vom Podium. „Wer von uns stimmt für folgendes Statement? Wir wollen nicht, dass unsere Fans für den Konsum von Downloads kriminalisiert werden.“
Pikanterweise hatte so manche bei diesem einstimmigen Votum am 11. März in London gehobene Hand bei einem jener Major Labels unterschrieben, die unter Berufung auf das geistige Eigentum ihrer Künstler just illegale Downloads verfolgen. Aber dieser Widerspruch war auch der zentrale Anlass zur Gründungssitzung der „Featured Artists Coalition“ (einer Art autonomer Popstar-Gewerkschaft) in einem dunklen, katakombenartigen Club unterhalb der Charing Cross Station. Wie Dave Rowntree, Schlagzeuger von Blur, Jurist in Ausbildung und aktives Mitglied der Labour Party, feststellte, war dies ein vertrauliches Meeting ohne Zugang für die Presse (der Autor dieses Textes war als Musiker geladen) – „aber sobald ihr diesen Raum verlassen habt, könnt ihr natürlich nach Herzenslust darüber bloggen und twittern“.

„Innovative“ Deals. Im digitalen Zeitalter ist die alte Popstar-Prämisse, nichts ohne Rücksprache mit dem Manager zu tun, ganz offensichtlich Geschichte. Die neue Ära hat aber nicht nur neue Freiheiten, sondern auch zahlreiche „innovative“ Deals hervorgebracht: Ganze Musikkataloge werden inzwischen beim Ankauf von Mobiltelefonen als Draufgabe angeboten. Die Abrechnungen gestalten sich entsprechend undurchsichtig. Kein Wunder also, dass die „Featured Artists Coali­tion“ sich von der „protektionistischen Abzocke“ der Musikindustrie (Rowntree) emanzipieren will. Die Aufteilung des Musikmarkts dürfe nicht kampflos Google und den Majors überlassen werden, erklärte Billy Bragg: „Sonst könnten wir in zehn Jahren vor der Tatsache stehen, dass unsere Musik nichts mehr wert ist.“ Der Satz hinterließ ungewisses Schweigen im Saal. Nicht wenige sehen diesen Punkt wohl jetzt schon erreicht. Tatsächlich erscheint die Taktik der neuen Pop-Koalition, sich mit den Fans zu verbünden, ein wenig optimistisch.
Ein ganzes Jahrzehnt ist vergangen, seit der Student Shawn Fanning mit seiner Filesharing-Site Napster online ging und den vereinten Zorn des Pop-Establishments auf sich zog. Die darauf folgenden Anti-Piraterie-Kampagnen konnten nicht verhindern, dass eine Generation von Musikkonsumenten aufgewachsen ist, die das Anrecht auf Gratismusik zu ihrem zentralen Subversionsgestus erklärte. Ein wachsender Teil des zu „Usern“ mutierten Publikums betrachtet mittlerweile selbst gewöhnliche Urheber-Verwertungsrechte als Relikt der Vergangenheit: Zu diesem Schluss muss kommen, wer sich etwa das Leser-Forum zu einem YouTube-Blog anlässlich des eskalierten Konflikts zwischen der 2006 von Google erworbenen Video-Website und der britischen Verwertungsgesellschaft PRS (Performers Rights Society) durchliest. Da scheiden sich die Geister feinsäuberlich in die über YouTubes Geiz empörten Musiker und die Konsumenten, welche die vermeintliche Habgier der Verwertungsgesellschaft beklagen.
Anfang März verkündete YouTube eine Sperre aller offiziellen Musikvideo-Streams, nachdem Verhandlungen über eine Vertragserneuerung mit der PRS gescheitert waren. „Die PRS hat von uns verlangt, dass wir viel, viel mehr für unsere Lizenz zahlen als zuvor“, schrieb Patrick Walker von YouTube in seinem Statement. „Diese Kosten sind für uns unerschwinglich. Unter den von der PRS vorgeschlagenen Bedingungen würden wir mit jedem Playback eine Menge Geld verlieren.“ In der Zwischenzeit hat sich der Konflikt auf Deutschland ausgeweitet, wo Ende März nach dem Verhandlungsabbruch zwischen YouTube und der deutschen Verwertungsgesellschaft GEMA ebenfalls alle offiziellen Musikvideos aus dem Verkehr gezogen wurden. Der deutsche Verband unabhängiger Musikunternehmer (VUT), zu dessen Mitgliedern respektierte Kleinlabels wie Disko B, Trikont oder Glitterhouse zählen, warf YouTube eine „gezielte Verbreitung von Fehlinformationen“ und „unakzeptable Verhandlungstaktiken“ vor: „Bisher hat kein Autor in Deutschland einen Cent für die milliarden­fache Nutzung von Musik auf YouTube erhalten.“

Rechtewirrwarr. Auch österreichische YouTube-Benützer können derzeit offizielle Musikvideokanäle – unter dem Verweis auf örtliche Restriktionen – nicht empfangen. „Wir binden uns gerade selbst in die Verhandlungen zwischen GEMA und YouTube ein“, meint Ursula Sedlaczek, Direktorin der Austro Mechana. Die internationale Verwertung von Online-Rechten sei derzeit völlig unübersichtlich, nicht zuletzt dank einer EU-Empfehlung, „nach der die Rechteinhaber sich de facto selbst aussuchen sollen, wer ihre Rechte auswertet. Dabei entstehen reichlich unüberschaubare Rechtebündel, zugleich werden die Verwertungsagenturen über Nacht von Partnern zu Konkurrenten. Und mit den zwei österreichischen Verwertungsgesellschaften Austro Mechana und AKM sind wir in Europa sozusagen der kleinste Zwerg im Märchenwald.“
Gestritten wird dabei ohnehin um Krümel: 95 Prozent der Downloads sind nach wie vor illegal, und was den aktuellen Anlassfall angeht, ging die GEMA mit der Forderung von einem Cent pro Videostream in die Verhandlungen mit YouTube. Ein prominenter Insider der britischen Online-Musik-Branche sieht den Konflikt von einer anderen Seite: „Die Verwertungsgesellschaften können einem leidtun. Die haben nichts angestellt, aber sie kommen in einem verdeckten Machtkampf zum Handkuss.“ Die Sperre der Musikvideos habe mit den Verwertungsrechten in Wahrheit nichts zu tun: „Es ist ein Kräftemessen zwischen Google und der Musikindustrie. Die Frage ist: Wer braucht eigentlich wen mehr? Wenn sich herausstellt, dass YouTube durch diese Sperre nichts an Boden verliert, hat Google den Trumpf gegenüber den Majors in der Hand.“
Hinter dem Konflikt stecken harte ökonomische Realitäten. Selbst der dank seiner Schlager- und Klassik-Fixierung sehr formatkonservative österreichische Markt schrumpfte vergangenes Jahr um acht Prozent auf 185 Millionen Euro. Trotz einer Wachstumsrate von 14 Prozent macht der digitale Markt hierzulande immer noch nur sechs Prozent des Gesamtumsatzes aus. „Umsatz ist nicht alles, es geht auch um die Rentabilität“, gibt sich Franz Medwenitsch, Geschäftsführer des Branchenverbands Ifpi Austria, dennoch optimistisch und verweist auf internationale Erfolge: „Weltweit werden bereits mehr als 20 Prozent der Um­sätze mit Online- und Mobile-Angeboten gemacht.“ Die viel zitierten „neuen Geschäftsmodelle“ der Musikvermarktung konzentrieren sich trotzdem schon seit einiger Zeit nicht mehr auf den Verkauf legaler Downloads, sondern auf das hochdotierte obere Ende des Livekonzert-Markts, Sponsoring oder Lizenzen für die Verwendung von Musik in Film, Werbung und Videospielen (siehe auch Kasten links). Die daraus entstehende Abhängigkeit von anderen Wirtschaftszweigen macht solche Modelle aber alles andere als krisensicher.

Spekulantengelder. Niemand will öffentlich Schwäche zeigen, aber im Büro einer als Vorreiterin des neuen Modells geltenden Londoner Musikmanagement-Firma werden alle Rechnungen bereits zweimal überprüft. „Wer weiß, wie lange das alles hier noch steht?“, sagt einer der Mitarbeiter. Er betreut eine Band, die voriges Jahr mit
1,5 Millionen Pfund Budget von einem Investor aus der Bankenbranche lanciert wurde und damit immerhin einen lukrativen Werbedeal für ein Unterhaltungselektronikprodukt und amerikanische Fernseheinsätze erreicht hat. Der Fluss frischer Spekulantengelder aus der Londoner City ist allerdings eingetrocknet.
Als die Internetradio- und Musik-Community-Website Last.fm vor knapp zwei Jahren um kolportierte 280 Millionen Dollar vom US-Medienriesen CBS gekauft wurde, schienen die Vermarktungsmöglichkeiten noch endlos. Jenseits ihrer Kernmärkte USA, Großbritannien und Deutschland fand Last.fm aber bis heute keinen Weg, die proportional zum User-Verkehr steigenden Lizenzkosten über Werbung zu finanzieren. Ende des vergangenen Monats kündigten die Betreiber daher einen monatlichen Abo-Preis von bescheidenen drei Euro für werbefreie Musikübertragung an. Die erzürnte Community drohte mit dem massenhaften Abwandern zu ähnlichen Sites wie Spotify oder dem von Anti-Copyright-Aktivisten betriebenen schwedischen Filesharing-Portal Pirate Bay. Im Widerhall der Proteste hat Last.fm die Gebührenpflicht vorerst auf die lange Bank geschoben.
Persönlich bevorzugt der in Oberösterreich geborene Last.fm-Mitbegründer Martin Stiksel (siehe Interview Seite 102) der Klangqualität wegen übrigens immer noch traditionelle Tonträger. Darin trifft er sich mit den Vorlieben der Musiker. Wie Markus Lidauer vom (neben dem Österreichischen Musikfonds als Finanzierungsgrundlage für heimische Popmusik immer wichtiger werdenden) SKE-Fonds der Austro Mechana bestätigt, werden die meisten Förderanträge immer noch für CD-Produktionen gestellt: „Wir haben den Eindruck, dass es den wirklichen Ersatz für den physischen Tonträger einfach noch nicht gibt, auch wenn wir keineswegs an dem Plastikteil hängen.“ Ironischerweise steigt auch der Anteil teurer Vinyl-Produktionen gerade im Independent-Sektor, wo die Aussichten auf Wirtschaftlichkeit ohnehin schon die geringsten sind.
„Vielleicht werden wir uns einfach darauf einstellen, dass es in der Musik nie wieder so viel Geld geben wird wie früher“, sagt Stiksel. „Sondern dass es mehr was für Liebhaber ist.“ Damit befindet sich der Internetpionier wiederum in Einklang mit Harald Tautscher von dem – auf ausgesuchte Nischenprodukte spezialisierten – österreichischen Kleinvertrieb Lotus Records: „Ich sehe mich inzwischen als Delikatessen­händler, der ab Hof verkauft.“ Die biedere Marktaufteilung in wässrigen Diskontschinken für die Massen und feinsten Prosciutto für die Connaisseure entspreche nicht dem alten, egalitären Versprechen, das die Popkultur in den Glanzzeiten des Tonträgerzeitalters – also noch vor wenigen Jahren – abgab. Derzeit weist dennoch alles in genau diese Richtung.

Mitarbeit: Sebastian Hofer