Daft Punk: Zurück zur Natur

Daft Punk haben, ganz nach Plan, das größte Album des Jahres produziert. Dafür kommen sie, ganz professionell, mit sehr vielen kleinen Nennern aus.

Am Anfang waren die Hunde. Ihnen folgten die Astronauten. Inzwischen haben wir es wahrscheinlich mit leibhaftigen Menschen zu tun, die aber ihre Raumfahrerhelme partout nicht ablegen wollen. Nur ihr Bühnenoutfits stammen mittlerweile von Saint Laurent Paris, aber Daft Punk stammen ja nicht umsonst aus der französischen Hauptstadt. Im bürgerlichen Leben heißen sie Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo und weigern sich seit fast 20 Jahren beharrlich, unmaskiert vor die Öffentlichkeit zu treten. Früher verbargen sie sich hinter Hundemasken, seit Ende der 1990er-Jahre bevorzugt unter blickdichten Weltraumhelmen. Es handelt sich nicht um Spinnerei oder Marketinggetöse, zumindest nicht in erster Linie, sondern vielmehr um eine Art Manifest. Es besagt: Dem Menschen hinter dem Künstler mangelt es an künstlerischer Bedeutung, Daft-Punk-Musik stammt nicht vom Genie, sondern aus der Maschine, kann nur mit Maschinen entstehen, weil Maschinen eben mehr sind als nur Werkzeuge und auch Menschen erst als Synthesizerbediener oder Vocoderstimmensänger wirklich zu sich kommen.

Daft Punk funktionieren ein bisschen wie Madonna: Sie haben nichts neu erfunden, aber sie sind mit dem, was sie gefunden haben, ganz neuartig umgegangen, gleichermaßen zugänglich und rätselhaft geblieben, und sie haben dabei auch noch drei, vier Jahrhunderthits geschrieben. Diese hießen "Da Funk“, "Around The World“, "One More Time“ oder "Harder, Better, Faster, Stronger“ und setzten auf stampfenden House mit Zug zur Zukunft, cleveres Sampling, Filtereffekte und Vocoderstimmen. Mit ihrem dritten Album erklärten sich Bangalter und Homem-Christo allerdings zu "Human After All“, was Madonna zum Beispiel nie im Leben machen würde, und zwar aus gutem Grund.

Daft Punk begannen, sich verstärkt in Los Angeles aufzuhalten, fielen kurz als Soundtrack-Lieferanten für "Tron Legacy“ auf und bastelten fünf Jahre lang an ihrem vierten Album. An der Marketingkampagne dazu dürften etliche PR-Büros ähnlich lang gesessen sein; seit Monaten heizen YouTube-Clips, seltsame Interviews und noch seltsamere Kurzauftritte die Vorfreude auf "Random Access Memories“ an - erfolgreich, wie man seit der Veröffentlichung der Single "Get Lucky“ weiß, die in 11 Ländern zum Nummer-1-Hit avancierte. Gleichzeitig erschienen die ersten ausführlicheren Interviews mit den beharrlich Behelmten. Darin klangen sie, als hätte sie die Arbeit mit echten Musikern und echten Instrumenten echt fasziniert. Immer wieder kam die Sprache auf die Einzigartigkeit von Studiosessions, die Magie von Momenten und die Sterilität von Computersounds. Das war entweder sentimentaler Quatsch oder ein Witz, beruhte aber leider auf Tatsachen.

Tatsächlich haben Daft Punk, deren erstes Album "Homework“ (1997) hieß, auf "Random Access Memories" die Handarbeit entdeckt und fünf lange Studiojahre mit Studiomusikern und Gaststars wie Giorgio Moroder, Pharrell Williams oder Nile Rodgers verbracht. Ersterer erzählte von der guten alten Zeit, also den 1970er-Jahren in München, Zweiterer sang in ein Vocoder-Mikrofon, Letzterer schüttelte seine berühmte funky Zitterhand über die Gitarre. Das Ergebnis klingt nach guter alter Zeit, die gern neue Zeit wäre. Möglicherweise ist aber auch das nur ein Statement. "Random Access Memories“ heißen nicht nur Elemente aus dem Computerarbeitsspeicher, sondern auch: Zufallserinnerungen. Schnipsel, die irgendwo gespeichert sind und an anderer Stelle wieder auftauchen. Remix-Reste. Sample-Spuren. Kulturkritiker würden vielleicht von "kulturellen Archetypen“ sprechen, Psychologen von "kollektivem Unbewussten“. Wie man es auch nennt, es funktioniert: funky Gitarrenriff, Fingerschnipsen, progressiver Siebziger-Jahre-Disco-Synthesizer - Tanzfläche gefüllt.

Die Vorabsingle gibt den Weg zum Glück vor, er führt durch die Nacht und bis zu deren Ende: "We’re up all night to get lucky“, erklärt Pharrell das Grundprinzip, das "Random Access Memories“ in gut 75 Minuten durchdekliniert, dabei allerdings mehr dem rosaroten Sonnenaufgang zuneigt als dem Discokugelglitzern, sprich: eher auf Ambient-Disco als auf Dancefloor-Ekstase einstimmt. An den ruhigeren Stellen von "Random Access Memories“ bleibt Zeit zum Nachdenken. Über Menschen, Maschinen und die Frage, wo und wie sie zusammenwachsen. Ob man eigentlich noch einen Tag ohne Smartphone überstehen würde, ohne unsichere Informationen nachzugooglen, ohne mit weit Entferntem Kontakt aufzunehmen. Die Antwort liegt buchstäblich auf der Hand. Daft Punk waren einmal Hunde und sind jetzt iPhone.