Pop: Pathos-Pathologie

Die irische Band U2 veröffentlicht nach vier Jahren Pause ihr neues Album „How To Dismantle an Atomic Bomb“: ein weiterer verzweifelter Versuch, mit der belastenden eigenen Vergangenheit fertig zu werden.

Wir werden dem Monster den Rücken brechen“, singt Bono Vox in „Love and Peace or Else“. Es ist die beste Nummer auf „How To Dismantle an Atomic Bomb“, dem neuen U2-Album, das kommende Woche erscheint. Natürlich spricht Bono von Liebe und Frieden oder sonst was, aber es ist nicht ganz falsch, wenn man die Zeilen auf die Situation der irischen Band bezieht. Wir werden dem Monster den Rücken brechen, das könnte auch heißen: Als Stadionrocker wollen wir nicht alt werden.

Das Cover der 2000 veröffentlichten U2-CD „All That You Can’t Leave Behind“ zeigt die Band in einer Flughafenhalle; die vier Musiker stehen herum und warten. Bono liest in einem kleinen Buch, Adam Clayton schaut ihm zu. The Edge starrt in ein Nirgendwo, seine Gitarre vor sich am Boden. Larry Mullen fokussiert über Bonos Schulter hinweg offenbar die Anzeigentafel: Vielleicht sucht er einen Hinweis darauf, ob der Flug, der U2 ins neue Millennium bringen soll, dort auch tatsächlich aufscheint – oder ob er nicht doch gecancelt wurde.

Wurde er nicht. U2 kamen mit dem neuen Album sicher im neuen Jahrtausend an, ohne Turbulenzen: „All That You Can’t Leave Behind“ war ein hervorragendes, erwachsenes Album; unzynisch, vorpreschend, das unvermeidliche U2-Pathos überschaubar eingetütet. Vor allem aufgrund des gut ausgeschöpften Hitpotenzials von „Beautiful Day“ schaffte es das Album auf Platz drei der amerikanischen Billboard-Charts – und verkaufte sich weltweit elf Millionen Mal.

Dann Pause. Vier Jahre Pause. Die Fertigstellung von „How To Dismantle an Atomic Bomb“ dauerte mindestens ein Jahr länger als geplant, und die Band beschäftigte dafür etwa fünf Produzenten mehr als bei einer normalen Produktion üblich: Beides ist ein Hinweis darauf, dass das Album ein Kampf war. Dass die Suche nach einem mehrheitsfähigen Mainstream-Sound, in dem man würdig älter werden kann, ohne dabei alt auszusehen, für die Band noch nicht abgeschlossen war. Es ist das Dilemma aller einstigen Protagonisten des juvenilen Pop-Rebellismus, dass sie vor den Augen von Fans alt werden müssen, die weniger Jahre am Buckel haben als die Band selbst, die ihr eigenes Erbe verwalten muss, während sie ums Überleben kämpft. Das Monster, mit dem U2 raufen, ist die eigene Geschichte.

Singender Tankstellenwärter. Die begann 1976 in einer Highschool in Dublin, wo der 14-jährige Schlagzeuger Larry Mullen einen Zettel am schwarzen Brett anbrachte: Musiker für eine Band gesucht. Es meldeten sich ein paar, darunter ein singender junger Tankstellenwärter namens Paul Hewson. Man gründete die Band Feedback, die sich später in The Hype umbenannte und noch später in U2, deren Sänger sich dann Bono Vox nannte. Man fand einen Manager, bekam einen Plattenvertrag, veröffentlichte eine EP, eine Single, 1980 schließlich das Album „Boy“. 1981 folgte „October“. Danach ging’s richtig los.

U2 sind Iren, Iren sind katholisch, Katholiken sind pathetisch, Pathetiker brauchen Inhalte, die sie mit ihrem Pathos aufladen können und die ihrem Pathos Sinn und moralische Berechtigung geben. U2 fanden diese Inhalte zunächst im Nordirland-Konflikt und machten ihr drittes, 1983 veröffentlichtes Album „War“ zum massentauglichen Pamphlet gegen den Bürgerkrieg. Die Single „Sunday Bloody Sunday“ war die Hymne der Kriegsgegner und all jener, die noch nicht so recht wussten, wogegen sie sein könnten. „War“ war der Durchbruch. Alles passte zusammen: Der Gitarrensound von The Edge etablierte eine neue Faulheit im Rock ’n’ Roll, nach dem Prinzip, möglichst nur einen einzigen Ton pro Song zu verwenden, den aber oft – eine stark vertrauensbildende Maßnahme dem Publikum gegenüber, bei dem damit ein verlässlicher Mitsing-Wunsch ausgelöst wird. Und über allem das Vokal-Brimborium von Sänger Bono Vox, der seine Kleiner-Mann-Defizite in einen messianischen Gestus samt theatralisch geschwungener weißer Fahne verwandelt hatte, konterkariert mit zu hohen Absätzen und hinten zu langen, zu schwarzen Haaren.

Dem Erfolg von U2 schadete das nicht, im Gegenteil: Sie füllten die Hallen in Europa, Amerika, Asien und Australien. 1984 erschien „The Unforgettable Fire“ mit „In the Name of Love“, dem ersten Top-40-Hit von U2 in den USA. Im selben Jahr partizipierten sie an der Band-Aid-Benefizsingle „Do They Know It’s Christmas?“, nahmen am Live-Aid-Konzert im Wembley-Stadion teil, und Bono Vox reiste nach Äthiopien, um sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. U2 waren auf der Single „Sun City“ der „Artists against Apartheid“ zu hören. Im Sommer 1986 traten sie als Headliner der „Conspiracy of Hope“-Festivaltour von Amnesty International auf. Es war alles sehr brav und wurde in der pathosgeschwängerten Gutmenschenattitüde dann alles sehr peinlich.

1987 erschien „The Joshua Tree“ und machte aus einer der bereits erfolgreichsten Rockbands der Welt endgültig Superstars. „With or without You“ – „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ – „Where the Streets Have No Name“: Das hat man auch nach mehr als fünfzehn Jahren noch stabil in die Gehörgänge implantiert.

Gegen die eigene Legende. „Scheißband“, nannte damals der deutsche Popkritiker Diedrich Diedrichsen U2. Scheißband: Das fanden die meisten anderen seriösen Rezensenten auch, die es unverzeihlich fanden, dass das Hörervolk dies nicht so sah. Scheißband: Das fand dann aber auch irgendwie die Band selbst, vor allem, nachdem ihr Album „Rattle and Hum“ und der dazugehörige prätentiöse Selbstbeweihräucherungsfilm bei den Kritikern zu Lachsalven geführt hatte. U2 pausierten sich dann einfach mal in die Neunziger hinein. 1991 veröffentlichten sie „Achtung Baby“, ein Album, das Bono in einem Interview mit den Worten „Four men chopping down the Joshua Tree“ beschrieb: die eigene Legende niederreißen.

Die U2-Pathos-Dekade war vorüber, es begann das Jahrzehnt der Ironie, das Jahrzehnt, in dem U2 es sich leisteten, über sich selbst zu grinsen, das Jahrzehnt von „Zooropa“ und „Pop“ und der dazugehörigen, knallbunten Multimedia-Monster-Stadionspektakel „Zoo TV“ und „Pop Mart“, die U2 zweimal um die Welt führten. Danach hatten sie wieder Lust auf ein bisschen Politik: 1993 holte Bono Vox den verfolgten Schriftsteller Salman Rushdie auf die Bühne des Londoner Wembley-Stadions; er engagierte sich für die Organisation Jubilee 2000 (die heute Drop the Debt heißt) und machte sich für die Entschuldung der ärmsten Entwicklungsländer stark. Diese Mission führte ihn im Lauf der Jahre unter anderem zum World Economic Forum in Davos, zum Papst, zu Bischof Tutu und ins Weiße Haus; nebenbei hieß er Jacques Chirac im Rahmen der Verleihung eines seiner insgesamt 14 Grammys unverblümt einen „Wichser“. „Wir waren immer der Meinung, dass Musik die Welt verändern kann“, sagte Vox in einem Interview.

All das ist keine geringe Bürde, wenn man als Band relaxt in ein neues Jahrtausend hineinwachsen soll. Und offenbar war der Kampf mit „All That You Can’t Leave Behind“ noch nicht gewonnen, das Monster noch nicht ganz besiegt. Offenbar tut sich U2 mit einer Sache richtig schwer: eine ganz normale Rockband zu sein.

All das hört man dem neuen U2-Album an und – Überraschung: Es klingt trotzdem gut. Man hört das gern, man lässt sich davon gern mitreißen, auch wenn man spürt, dass gerade das Mitreißende, das Vorpreschende harte Arbeit war – und vermutlich auch ein aufreibender Kampf zwischen den beiden Band-Chefs The Edge und Bono: Der Gitarrist wollte es noch mal so richtig krachen lassen, während Bono sich mittlerweile doch lieber wieder in Balladen ausruht. Diese beiden Pole auf gehobenem Charts-Niveau zusammenzuführen war die Aufgabe einer Produzentenelite, bei der eine Legende die andere ablöste: Erst werkte Chris Thomas, der schon die Beatles, Roxy Music und die Sex Pistols produziert hatte. Dann ließ man die beiden Genies Daniel Lanois und Brian Eno und drei weitere Produzenten ran, schließlich ging Steve Lillywhite noch mal drüber und passte auf, dass das Ding auf keinen Fall ins Avantgardistische abdriftete.

Klingeling-Gitarren. Herausgekommen ist more of the same: Songs, die sich als klare Fortsetzung des Vorgänger-Albums präsentieren, wie die Single „Vertigo“, die hörbar als Chartslokomotive im Stil von „Beautiful Day“ angelegt ist – Gas geben, vorpreschen, während „Miracle Drug“, „Sometimes You Can’t Make It On Your Own“ und „Crumbs from Your Table“ die achtziger Jahre zitieren, voll gepackt mit Edges Klingeling-Gitarren und Vox’scher Stimmgewalt. Mit „City of Blinding Lights“ und „All Because of You“ gedenkt man der unbeschwerten Neunziger, „A Man and a Woman“ kommt wie ein George-Michael-Song daher und zitiert die Beatles. Und „One Step Closer“ ist eine erstaunlich zurückhaltende Ballade, bei der hörbar Lanois die Hand an den Hall-Reglern hatte.

Inhaltlich beschränkt sich Bono weitgehend auf die Verarbeitung von Liebesleid und Vaterverlust. Nur ganz wenige der neuen Songs wagen etwas Neues, Ungewohntes, von U2 bislang nicht Gehörtes: „Yahweh“ etwa, wo Bono auf sympathische Weise die Grenzen seiner vokalen Fähigkeiten auslotet. Vor allem aber „Love and Peace or Else“, der einzige Song, in den Bono ein wenig von seiner politischen Haltung hineinwachsen ließ, die er derzeit auf Labour-Parteitagen und im Kampf gegen Aids in Afrika auslebt. „Love and Peace or Else“ profitiert von Brian Enos Kunst und deren Verankerung in den Glam-Rock-Seventies, und U2 verkleiden sich darin als eine Art Nick Cave mit anderen Mitteln, was erstaunlich vorteilhaft wirkt. Mehr solcher Songs, und das Monster der alles überstrahlenden Vergangenheit lässt sich vielleicht besiegen. Noch regt es sich.