Patrick Pulsinger: „Alternativmusik muss man nicht mehr erklären”

Das Popfest am Wiener Karlsplatz zeigt heuer zum vierten Mal einen Querschnitt der alternativen heimischen Musikwelt. Kurator Patrick Pulsinger über den Sound der Hauptstadt, burgenländische Kaffs und das Popfest als politische Bühne.

Interview: Philip Dulle und Stephan Wabl

profil online: Viertes Popfest, zum vierten Mal eine Leistungsschau der heimischen Popszene. Wie kuratiert man ein solches Festival?
Patrick Pulsinger: Ich bin ungefähr sechs bis neun Monate exzessiv auf Konzerte gegangen, habe mir Bands angeschaut, die ich noch nicht kannte und mir viel über YouTube angesehen. Einige Bands haben sich auch beworben. Da war wirklich alles dabei: von Volksmusik bis Noise. Teilweise war ich auch in den Bundesländern unterwegs. Ich habe schon darauf geachtet, nicht nur Wiener Bands zu zeigen. Herausgekommen ist eine Verteilung von zwei Drittel Wien, ein Drittel Bundesländer. Das ist aber ganz klar: die meisten Bands und Labels sind nun einmal in Wien ansässig. Ich hatte aber überhaupt kein Problem, neue Bands zu buchen. Es gibt derzeit einfach sehr viele, vielfältige und gute Acts in Österreich.

profil online: Was verbindet die alternative Wiener Musikszene eigentlich? Gibt es wieder so etwas wie einen Vienna Sound?
Pulsinger: Musikalisch würde ich das nicht sagen, dafür sind die einzelnen Musikrichtungen in der Stadt zu heterogen. Es gibt in Wien auch viele Überschneidungen; klassisch ausgebildete Musiker spielen in Popbands, Leute, die aus dem Jazz kommen experimentieren im Elektronikbereich. Die Genregrenzen sind in den letzten Jahren fließender geworden.

profil online: Und abseits des Musikalischen?
Pulsinger: Was viele Acts allerdings schon verbindet, ist die Art sich zu präsentieren. Österreichische Bands nehmen sich bei weitem nicht so ernst wie zum Beispiel Bands aus Deutschland. Understatement und Selbstironie spielt in Österreich eine nicht unwesentliche Rolle. Zusätzlich kommt auch immer wieder ein Hang zum Aktionistischen. Den meisten Bands ist bewusst, dass sie aus einem kleinen Land kommen und der Markt hier überschaubar ist. Lange Zeit ging es auch um nichts. Da hat sich eine Underdog-Mentalität entwickelt, die nicht so verbissen ist und eher ein Selbstbewusstsein anstatt Konkurrenzdenken gefördert hat.

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profil online: Stehen sich manche Bands damit nicht selbst im Weg? Nach dem Motto: Wir kommen nur aus Österreich, was sollen wir großartig erreichen?
Pulsinger: Teilweise stimmt das. Es gibt sicher Bands, die es sich in Wien zu gemütlich machen und mehr aus ihrer Musik herausholen könnten. Bei anderen Bands wie Ja, Panik! oder Gin Ga ist das jedoch überhaupt nicht der Fall. Bauchklang wäre auch so ein Beispiel. Die haben es in den letzten Jahrzehnten geschafft, relativ unaufgeregt aber mit ständiger Arbeit, neuen Alben und konstanten Touren die Fäden selbst in der Hand zu halten und erfolgreich zu sein. Das muss jede Band für sich selbst entscheiden, wie hart sie an die ganze Sache herangehen will. Aber ich muss heute niemandem mehr erklären, dass es großartige Alternativmusik aus Österreich gibt. Das ist selbstverständlich geworden.

profil online: Haben Städte heutzutage überhaupt noch die Zeit, sich über gewisse Locations, Labels und Bands einen spezifischen Sound zu erarbeiten?
Pulsinger: Im Vergleich zu den 1990er Jahren hat sich durch das Internet vieles geändert. Du kannst heute im letzten Kaff im Burgenland wohnen und trotzdem eine internationale Fangemeinde haben. Bands und Musiker werden immer weniger mit gewissen Städten oder Ländern assoziiert. Das hat sich in den letzten Jahren stark verwässert. Wenn Dorian Concept international spielt, dann nehmen ihn die Zuseher nicht als Österreicher war oder kennen ihn über österreichische Medien, sondern über YouTube, Facebook und Twitter. Affine Records zum Beispiel wird im Ausland sicher nicht als österreichisches Label wahrgenommen, sondern als gutes, angesagtes Elektroniklabel, das auch viele Artists aus Österreich veröffentlicht. Wien hat sich lange in einer kreativen Blase befunden, ungefähr von Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er. Das war sehr gemächlich und man konnte sich Zeit lassen. Aber so funktioniert Öffentlichkeit nicht mehr – weder im Pop noch sonst wo. Der Vorteil ist, als Musiker musst du heute nicht mehr den nationalen Weg gehen, um später international erfolgreich zu sein. Diesen Weg kann man heute direkt nehmen. Das kann aber andererseits auch bedeuten, dass sich die Besonderheiten einer Stadt in der Musik nicht mehr widerspiegeln und alles gleich klingt. In Szenen wie Dubstep oder Trap ist es mittlerweile egal, ob die Leute aus Sofia oder Los Angeles kommen. Das ist bis auf wenige Unterschiede ein und derselbe Sound.

profil online: Nicht nur Bands sondern auch Städte kämpfen um Aufmerksamkeit. Das Popfest soll laut SPÖ-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny Wien als Musikstadt stärken. Läuft man als Kurator nicht Gefahr, sich vor den Karren des Wien-Tourismus und der Politik spannen zu lassen?
Pulsinger: Diese Gefahr besteht immer, wenn man für eine Organisation arbeitet, der man selbst nicht angehört. Das ist bei mir auch der Fall, wenn ich für den Steirischen Herbst oder Wien Modern arbeite. Nehmen wir an, dass Popfest etabliert sich in den nächsten Jahren als attraktives Zugpferd mitten in der Stadt und wird zunehmend zum Tourismusfaktor. Natürlich wird sich die Politik den Erfolg auf ihre Fahnen heften. Das ist für mich auch in Ordnung, denn so funktioniert eben Kulturpolitik. Kulturpolitik welcher Couleur auch immer ist per se nichts Schlechtes und wird außerdem ständig hinterfragt. Hätte ich damit ein Problem, dann würde ich es ganz einfach nicht machen. Du musst dir halt die Frage stellen, wo deine persönliche Schmerzgrenze verläuft.

profil online: Die Gratisfestivals haben in den letzten Jahren stark zugenommen, siehe Donauinselfest, Donaukanaltreiben, Gürtel Nightwalk und nun auch das Popfest. Kommt nach der Gratismusikkultur im Internet nun die Gratiskonzertkultur? Und schadet das nicht den Bands und den Clubs?
Pulsinger: Ich bin der Meinung, solange es der Band hilft und der Musiker nicht ausgebeutet oder missbraucht wird für ein Geschäftsmodell, ist es vertretbar. Die meisten Festivals sind heute kaum mehr durchführbar ohne große Sponsoren im Hintergrund. Ich bin auch kein Fan von Logofriedhöfen, aber für die Musik sehe ich diese Entwicklung nicht so negativ. Für die Bands sind Live-Auftritte in den letzten Jahren als Einnahmequelle viel wichtiger geworden als CD-Verkäufe. Konzerte bei Festivals und in Clubs sind daher im Moment viel stärker umkämpft als noch vor ein paar Jahren. Das hat den Effekt, dass sich Bands mittlerweile genauer überlegen, wie sie auftreten, ihre Show gestalten und mit dem Publikum interagieren. Das performative Element hat an Bedeutung gewonnen. Hierbei wird experimentiert und es entsteht Neues - und das sehe ich positiv.

profil online: Ihr Vorgänger als Kurator, Robert Rotifer, hat vor kurzem im profil die Frage gestellt, wie die Politik so spurlos aus der Popmusik verschwinden konnte. Österreichische Musiker melden sich zu politischen Themen nur selten zu Wort. Hat die alternative Musiklandschaft hierzulande kein Interesse an Politik?
Pulsinger: Tendenziell setzt sich Popmusik weniger mit politischen Gegebenheiten auseinander. Aber in Österreich klingen sehr wohl politische Themen in der Musik mit und das nicht nur im Singer-Songwriter Bereich. Vielleicht muss man einfach genauer hinhören. Viele Musiker stellen sich außerdem in den Dienst von politischen Initiativen, spielen etwa für Ute Bock. Das ist eine Geste, die man nicht unterschätzen sollte. Allgemein kann man sicher den Vormarsch des Konformismus beklagen. Sich politisch zu engagieren wird einem in Zeiten von Korruption und Machtmissbrauch nicht unbedingt mehr schmackhaft gemacht. Das betrifft aber wirklich nicht nur die Popmusik, das ist ein allgemeiner Trend.

profil online: Darf das Popfest auch eine politische Bühne sein?
Pulsinger: Ja, natürlich. Es gibt keinen Vertragspunkt in dem steht, Sie werden gebeten, politische Statements zu unterlassen. Jeder kann diese Stunde auf der Bühne nach seinem Ermessen nützen. Wir haben heuer kleine Initiativen gesetzt, wie das Kunstmobil der Brunnenpassage, das vor allem Migrantinnen und Migranten über Workshops zum Musikmachen einlädt. Die Frage ist immer, handelt es sich um eine plakative Annäherung oder finde ich tatsächlich ein Publikum vor, das mit einem bestimmten Anliegen etwas anfangen kann. Für mich läuft hier auch viel über die Sprache, dann erst folgt die Realität.

profil online: Das Festival ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Die heimische Poplandschaft hat aber ihre Grenzen. Wie kann es weitergehen ohne sich zu wiederholen?
Pulsinger: Ich fände es sehr gut, wenn es jedes Jahr einen anderen Kurator gebe. Ich habe für mich beschlossen, das Festival vorerst nur dieses Jahr zu kuratieren. Ich fände es spannend, wenn es nächstes Jahr eine Frau machen würde. Nicht wegen der Quote, sondern weil es genügend Frauen in Österreich gibt, die das machen könnten. Eine Kuratorin hätte sicher wieder einen ganz anderen Blick auf die heimische Popszene. Das wäre ein wichtiger Schritt, damit das Popfest so abwechslungsreich, frisch und offen wie möglich bleibt und sich nachhaltig von den anderen Festivals unterscheidet.

Zur Person
Patrick Pulsinger (*1970), Produzent, DJ, Kurator und Mitbegründer des Labels Cheap Records, war mitverantwortlich für das Wiener Techno-Wunder der frühen 1990er-Jahre. Er produzierte neben heimischen Acts wie "Bauchklang", "Killed by 9V Batteries" oder "Elektro Guzzi" auch internationale Größen wie "Pet Shop Boys" und "Hercules and Love Affair". Er betreibt zudem das Tonstudio "Feedback" in Wien und ist regelmäßig Host bei FM4.