Porträt: Ärztin ohne Grenzen

Schweinsbraten-Debatte statt Sachpolitik: Die neue Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky hatte einen schwierigen Start. Langfristig schaden muss ihr das nicht.

Umgebaut wird nicht, und auch die alten Möbel bleiben da. Andrea Kdolsky will ihr neues Büro nur ein wenig adaptieren. Sie hat die zahlreichen Grünpflanzen ihrer Vorgängerin nach Feng-Shui-Regeln arrangiert und die Sitzgruppe etwas umgestellt. Einen roten Teppich brachte sie von zu Hause mit, Bilder sollen in den nächsten Tagen geliefert werden. Den Stolz auf das neue Amt bezeugen zwei Pressefotos von der Angelobung, die gerahmt hinter dem Schreibtisch platziert wurden. Auf einem ist sie neben dem Bundespräsidenten zu sehen, das andere zeigt eine übermütige Kdolsky beim Herumalbern mit dem schüchtern lächelnden neuen Innenminister Günther Platter.

Noch eine Änderung war notwendig: Auf dem schwarzen Holztisch vor der Sitzgruppe steht, seit die neue Gesundheitsministerin hier einzog, ein großer Teller mit Rohkost. Kdolsky angelt immer wieder nach einem Stückchen Karotte oder Paprika und beißt krachend ins junge Gemüse. Das ist gesund und vielleicht auch ein Tribut ans Ministerimage: Wenigstens ihre Besucher wissen jetzt, dass sie sich nicht ausschließlich mit Schweinsbraten bei Kräften hält.

Es ist nicht einmal zwei Wochen her, seit die 44-jährige Kdolsky als Regierungsmitglied präsentiert wurde. Sie war die große Überraschung im ÖVP-Team. Die Ärztin und Spitalsmanagerin war bei den Spekulationen im Vorfeld nie genannt worden. Für Kdolsky gälte also im Prinzip die Quereinsteiger-Schonfrist. Sie sollte in diesen Tagen Zeit haben, sich in die Materie einzuarbeiten, ihre Mitarbeiter kennen zu lernen, die Gebräuche im Ministerium zu erforschen. Stattdessen heimste sie in ihrer ersten Arbeitswoche schon die erste Rücktrittsaufforderung ein – zwar nur vom BZÖ, aber immerhin.

Darf sie das? Die neue Ministerin für Gesundheit und Familie hat es in Rekordzeit geschafft, ihren komplizierten Nachnamen in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Noch bevor sie eine einzige sachpolitische Idee präzisieren konnte, lieferte Kdolsky bereits Stoff für Leserbriefe und Kommentare in den Tageszeitungen. Debattiert wird, in unterschiedlichen Erregungszuständen, letztlich überall die gleiche Frage: Darf eine Spitzenpolitikerin einfach drauflosplaudern und sagen, was sie denkt?

Andrea Kdolsky wollte nicht provozieren, sie hat nur ein paar Spielregeln der Branche übersehen. In ersten Interviews gab sie zu, gelegentlich zu rauchen und sich nicht ausschließlich gesund zu ernähren. „Ich bin ein leidenschaftlicher Schweinsbratenesser.“ Kritik an diesen Aussagen quittierte sie mit dem Hinweis auf ihr „Wohlfühlgewicht“, das nun einmal nicht bei 45 Kilogramm liege. Tags darauf wurden Wortspenden Kdolskys für das im Vorjahr erschienene Buch „Kinderlos, na und?“ bekannt. Die Ministerin identifiziert darin eine „politische Verklärung der Mutterschaft“ und spricht salopp über ihr eigenes Verhältnis zum Nachwuchs: „Ich bin eine leidenschaftliche Tante. Das aber schon auch, weil ich weiß, dass ich die lieben Kleinen irgendwann wieder zurückgeben kann.“ Schreiende Kinder im Flugzeug oder in einem Nobellokal würden ihr „einiges vermiesen“.

In der ÖVP kam vor allem dieser letzte Teil des Outings nicht reihum gut an. Sissy Potzinger, Obfrau des steirischen Familienverbandes, kritisierte die Ministerin als „inhaltlich völlig inkompetent“. VP-Obmann Wilhelm Molterer sah sich veranlasst, ein Machtwort zu sprechen. „Wer Kdolsky angreift, bekommt es mit mir zu tun.“

Andrea Kdolsky ist eine temperamentvolle Frau, die gerne lacht, viel redet und sich offensichtlich wohl fühlt in ihrer Haut. Worauf genau sie sich mit dem neuen Amt eingelassen hat, wird ihr aber jetzt erst klar. „Die Begleiterscheinungen dieses Jobs waren mir nicht so bewusst“, seufzt sie, „das war doch eine Überraschung.“ Die Angriffe haben sie ein wenig aus dem Tritt gebracht; die Ministerin steht offensichtlich unter Rechtfertigungsdruck. Wortreich erklärt sie, was man sich ohnehin denken kann: Dass sie selbstverständlich keine Kinderhasserin sei; dass sie als Ärztin natürlich über die Schädlichkeit des Rauchens Bescheid wisse; dass der gelegentliche Konsum von Bratenfett aus medizinischer Sicht nicht schade. Manches hätte man diplomatischer formulieren können, glaubt sie. „Aber ich möchte schon ein Mensch mit Schwächen bleiben dürfen.“ Etwas gelernt hat sie in den vergangenen Tagen auch. „Man sollte als Politiker wahrscheinlich nichts sagen, was aus dem Zusammenhang gerissen werden kann.“

Der schwierige Start muss Kdolsky nicht unbedingt schaden. In einer insgesamt eher unscheinbaren Regierungstruppe gilt sie nun als Farbtupfer. Nach dem Abschied von Karl-Heinz Grasser wäre der Budgetposten Narrenfreiheit in der Volkspartei ohnehin neu zu vergeben. Andrea Kdolsky könnte den Vorrat – auf eine sympathischere Art – für sich beanspruchen. Auch einige Kritiker räumten ein, dass die Gesundheitsministerin in ihrer Direktheit recht erfrischend sei. Wortgirlanden aus den Setzkästen der Spin-Doktoren gibt es in der Politik bekanntlich genug.

Fragt sich nur, wie lange sich diese Rolle durchhalten lässt. Unkonventionalität ist anstrengend und schafft dauernden Erklärungsbedarf. Sie freue sich schon, jetzt dann wirklich mit der Arbeit zu beginnen, sagt die Ministerin. Der eigentliche Job könne ja wohl nicht darin bestehen, über ihr Körpergewicht zu referieren.

Ehrgeiz. Kdolsky war Studentenvertreterin und später in der Medizinergewerkschaft aktiv, kennt also im Prinzip die Mechanismen der Politik. Den gängigen Branchen-Sprech musste sie aber nie pauken, das zeigt sich auch in Details. Auf die Frage etwa, wie lange sie überlegt habe, als Wilhelm Molterer ihr das Regierungsamt anbot, antwortete sie: „Ich habe mich sehr darüber gefreut und zugesagt. Ohne jede Bedenkzeit.“ Gesundheitsministerin sei nämlich genau der Job, den sie schon länger machen wollte. So viel Ehrlichkeit wird in der Politik eher selten geboten – und im Pflichtenheft für Neulinge auch nicht empfohlen. Beruflicher Ehrgeiz ist so ziemlich das Letzte, was ein Volksvertreter zugeben darf.

Doch mit übertriebener Zurückhaltung ist Kdolsky auch in ihren bisherigen Karrierestationen nicht aufgefallen. „Sie strotzt vor Selbstbewusstsein und ist eine mehr als nur dynamische Frau“, sagt Helga Krismer, Gesundheitssprecherin der niederösterreichischen Grünen. Kdolsky war seit 2005 medizinische Geschäftsführerin der niederösterreichischen Landesklinikenholding und sei dabei durchaus forsch zu Werke gegangen. Krismer kann sich vorstellen, dass Landeshauptmann Pröll die energische Dame deshalb ganz gerne in die Regierung weglobte. SP-Landesrat Emil Schabl lobt ihren pragmatischen, unideologischen Zugang und hat auch sonst keinen Grund zur Klage. „Wir sind gut miteinander ausgekommen. Man muss sich nur daran gewöhnen, dass sie manchmal drei Schritte auf einmal machen will.“

Kritik an der ÖVP. Mit der eigenen Partei ging Kdolsky nicht immer feinfühlig um. Vor fünf Jahren demonstrierte sie als Sektionschefin der Hochschullehrergewerkschaft gegen das Universitätsgesetz von Elisabeth Gehrer. Auf die Frage, was sie von der Parteifreundin halte, antwortete Kdolsky: „Wir sprechen nicht die gleiche Sprache.“ Die Volkspartei musste also wissen, dass es sich bei der Neuerwerbung um keine schüchterne Parteisoldatin handelte.

In die aktuellen Debatten ist Kdolsky ganz ungewollt geschlittert. Doch unterschätzen sollte man sie deshalb nicht. Wie man die eigenen Interessen durchsetzt, lernte Kdolsky schon während ihrer Studentenzeit. Im April 1994 erschien im profil eine Geschichte über die erstaunliche Machtposition einer Medizinstudentin namens Andrea Eisenmenger. Das damals geltende Universitätsgesetz sah vor, dass die Studenten in wichtige Entscheidungen an den Unis eingebunden wurden – und besonders geschickt stellte sich dabei Frau Eisenmenger an, mittlerweile in zweiter Ehe verheiratete Kdolsky. „Die hat tatsächlich darüber entschieden, wer Chef der Uniklinik wird“, klagte der bekannte Wiener Gynäkologe Peter Husslein damals. Sie sei in fast allen Kommissionen vertreten und verstehe es blendend, Allianzen zu schmieden.

An Hussleins Einschätzung hat sich nichts geändert. „Sie hat das Gesetz machtpolitisch maximal ausgenützt“, sagt er rückblickend. Für das Ministeramt sei sie deshalb wohl ganz gut geeignet. „Sie kennt das System, ist Ärztin und hat über weite Strecken ihres Lebens Politik gemacht.“ Kdolsky will den alten Disput nicht neu beleben. „Natürlich hatte ich eine Machtposition, keine Frage. Und dass man sich in so einer Funktion keine Freunde macht, ist auch klar.“

Ein wenig vorsichtiger ist Andrea Kdolsky bereits geworden. Noch einen Casus Belli kann sie wirklich nicht brauchen. Sie beißt in einen Karottenstreifen und sinniert über das Image, das ihr übergestülpt wurde. Schon erstaunlich, was in der Kurzfassung aus ein paar Aussagen werden könne. „Manches hat wehgetan, weil ich mich völlig falsch verstanden fühlte.“

Die Genusszigaretten werden ihr in Zukunft wohl weniger gut schmecken. Man weiß ja nie, ob nicht doch eine Kamera in der Nähe ist.

Von Rosemarie Schwaiger