Porträt: Darling mit Kanten

Brigitte Ederer wird neue Chefin des österreichischen Siemens-Konzerns und damit die mächtigste Managerin des Landes.

Vor Kurzem feierte sie Hochzeit. Es handelte sich nicht um eine frische Romanze, sondern um die Formalisierung einer lange Jahre bestehenden, glücklichen Liaison mit ihrem Lebensgefährten, dem EU-Abgeordneten Hannes Swoboda von der SPÖ. Mit ihm bewohnt sie ein modern gestaltetes Dachgeschoß im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Das Paar hätte unbehelligt weiterleben können wie bisher. Wir schreiben 2005. Da schert sich keiner darum, wie Managerinnen internationaler Konzerne ihr Privatleben gestalten – wilde Ehe inklusive. Brigitte Ederer ist Vorstandsdirektorin bei Siemens Österreich und nicht Angestellte der katholischen Kirche. Dass sie ihre Beziehung jetzt „legitimiert“ hat, wie es so schön heißt, habe ausschließlich private Gründe, ließ sie die Presse anlässlich der Hochzeit wissen.
Für niemanden gab es irgendeinen Grund, dies in Zweifel zu ziehen.

Bis zum Donnerstag der Vorwoche. An diesem Tag fiel im Siemens-Aufsichtsrat ein spektakulärer Beschluss: Die in Weimar tagenden Aufsichtsräte bestellten Brigitte Ederer zur Nachfolgerin des gegenwärtigen Generaldirektors der Siemens Österreich AG, Albert Hochleitner, 65. Über diese Nachfolgeentscheidung – traditionellerweise verlassen Siemens-Manager den Konzern in exakt diesem Alter – war in den vergangenen Monaten ebenso heftig wie erfolglos gerätselt worden. Bekannt war, dass Hochleitner gerne Ederer als seine Nachfolgerin sehen wollte. Trotzdem hieß es, Ederer habe bloß Außenseiterchancen.

Nun ist die Überraschung perfekt: Hochleitners Wunschkandidatin wird den Top-Job im Dezember 2005 antreten.

Die Aufgabe ist gewaltig. Mit rund 30.000 Mitarbeitern und einem Umsatzvolumen von über sieben Milliarden Euro – einschließlich der jüngst erworbenen Tochter VA Technologie – handelt es sich bei Siemens Österreich um das nach der OMV größte Industrieunternehmen der Republik. Die österreichische Gesellschaft ist obendrein die größte Auslandstochter des weltweit agierenden Siemens-Konzerns, sie ist auch für Osteuropa zuständig. Der Vorsitzende des Österreich-Vorstands spielt innerhalb des Siemens-Konzerns traditionell eine wichtige Rolle.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass Albert Hochleitner in Österreich immer wieder als „Mr. Siemens“ personifiziert wurde und eine zentrale Stellung unter den Wirtschaftsgranden des Landes einnimmt.

Mrs. oder Ms. Künftig wird es also eine „Mrs. Siemens“ geben. In der Konzernzentrale, wo Hochleitner seit Monaten die Weichen für die Nachfolgeentscheidung zu stellen suchte, waren der Entscheidung intensive Überlegungen vorausgegangen. Alle Nachfolgekandidaten wurden unter die Lupe genommen – zuletzt auch aus privatem Blickwinkel. Nachdem Ederer zur Favoritin avanciert war, sollen konservativ eingestellte Kreise im Konzern auf diskrete Weise Unbehagen signalisiert haben: Ederer sei nicht nur eine Quereinsteigerin – sie ist erst seit 2001 bei Siemens. Sie sei auch eine „Sozialistin“ – die Ex-Politikerin ist nach wie vor als Vorsitzende der SPÖ-Bezirksorganisation Leopoldstadt politisch aktiv. Dazu unleugbar eine Frau – was bei einer Siemens-Spitzenposition das Novum schlechthin darstellt. Und zu all dem auch noch eine wilde Ehe?

Wenn schon Frau, dann – so angeblich die Haltung im konservativen Teil der Konzernführung – wäre zumindest eine „Mrs. Siemens“ einer „Ms. Siemens“ vorzuziehen.

Schwer vorstellbar, dass irgendjemand Brigitte Ederer solches zur Kenntnis gebracht haben könnte. Dennoch halten manche Konzernkenner für nicht unplausibel, dass das Thema tatsächlich im Raum gestanden sei. Teilen der Münchner Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz werden „Affinitäten“ zur CSU nachgesagt. Und die bayrischen Christlichsozialen verstehen sich seit jeher als Bollwerk gegen Libertarismen aller Art. Schließlich wird Ederer künftig nicht mehr eine x-beliebige Managerin im Siemens-Reich sein, sondern eine im Blickpunkt internationaler Wirtschaftsöffentlichkeit stehende Repräsentantin des Konzerns. Und seiner Unternehmenskultur.

Brigitte Ederer wird den Formalschritt in die Ehe wohl nicht getan haben, um bayerische Alt-Machos beruflich für sich einzunehmen. Trotzdem – seit Donnerstag wird über diese Frage in den Konzern-Couloirs gescherzt.

Pionierin. Jemand mit Signalwirkung zu sein, diese Rolle ist für Ederer nicht neu. Wo immer sie ihr bisheriger Karriereweg hinführte, war sie die erste Frau, welche die jeweilige Aufgabe übertragen bekam. „Sie hat diese Aufgaben alle blendend bewältigt“, sagt Dietmar Ecker, PR-Profi und während Ederers Zeit als Politikerin einer ihrer beruflichen Weggefährten. Allseits schätzt man nicht nur ihr „Blitzgneißertum“ und ihre hohe inhaltliche Kompetenz, beides wird von niemandem infrage gestellt. Alle preisen auch Ederers Wesen: „Liebenswert, ohne Allüren, fröhlich und offen“, charakterisiert sie Böhler-Uddeholm-Chef Claus Raidl. „Wenige, die in dieser Liga spielen, sind zu Enthusiasmus fähig“, sagt Ex-VA-Tech-Boss Erich Becker. „Aber Brigitte Ederer kann sich für Dinge wirklich begeistern.“ Und Kontrollbank-Vorstand Rudolf Scholten, seit Jahren mit Ederer befreundet, bringt den Eindruck sonniger Natürlichkeit, den alle von ihr haben, auf den Punkt: „Ich glaube, der Ausdruck ‚authentisch‘ ist für die Gitti Ederer erfunden worden.“

Dass Ederer über ein anscheinend unerschöpfliches Reservoir an Lebensfreude verfügt und dieser auch auf völlig unbefangene Weise Ausdruck verleiht, erwies sich früher beinahe als Problem: „Da kannst nicht rein, Mäderl“, soll der Portier des Parlaments zu ihr gesagt haben, als die quirlige 27-jährige Arbeiterkammer-Referentin anlässlich ihrer Angelobung als Abgeordnete ins Hohe Haus eilen wollte. Später, als Staatssekretärin mit Sonderauftrag während der Phase der österreichischen EU-Beitrittsverhandlungen, stieß sie unerwartet an eine Mauer männlicher Eitelkeiten: Sie, die einen wichtigen Beitrag zum Erfolg erarbeitet hatte, durfte ihre Unterschrift nicht unter das Beitrittsdokument setzen. Angesichts des für sie verblüffenden Bedürfnisses der männlichen Regierungskollegen, „Pfauenräder zu schlagen“, wie sie es einmal ausgedrückt hat, war sie damals ob dieses Kleingeists einfach baff und wehrte sich nicht. Geärgert hat es sie schon.

Dergleichen würde der mittlerweile 49-Jährigen nicht mehr passieren. Wie damals bedarf ihr Ego auch heute keiner Stützungsaktionen. Aber sie hat gelernt, sich auch persönlich, nicht nur in der Sache, zu behaupten. Anton Wais, Post-General und Ex-Siemens-Manager, nennt auf die Frage, was die Managerin Ederer auszeichne, zwei Eigenschaften, die solche Ich-Stärke erfordern: „Besondere Integrationsfähigkeit. Und ein Höchstmaß an Fähigkeit, im Außenverhältnis zu repräsentieren.“ Beides ist vermutlich auch Resultat ihrer gesammelten politischen Erfahrungen.

Brigitte Ederer ist keine Verbal-Feministin, aber „sie lebt die weibliche Form von Führen“, wie es eine Siemens-Mitarbeiterin formuliert. Gemeint sind nicht nur Teamfähigkeit und das Fehlen der „Pfauenrad“-Bedürfnisse, sondern auch das Bewusstsein, dass zur Verantwortung eines Managers „mehr gehört, als es diese trivialen Hire-and-Fire-Figuren, die heute oft so gefeiert werden, auf die Waage bringen“ (Dietmar Ecker). Ederer sei ihrem tiefsten Selbstverständnis nach eine „Stakeholder-Kapitalistin“, findet Ecker. Claus Raidl preist ihre Qualitäten in der „Menschenführung“.

„Schöne Sache“. Diese Fähigkeiten, gepaart mit fachlicher Kompetenz und hohem Einsatzwillen, mögen dazu beigetragen haben, dass Hochleitner sich auf sie festlegte. „Ich bin sehr zufrieden mit der Wahl“, sagte Hochleitner am vergangenen Freitag, „weil Brigitte Ederer meine Wunschkandidatin für die Nachfolge ist. Es ist immer eine schöne Sache, wenn man die Wahl seines Nachfolgers erfolgreich mitsteuern kann.“ Darüber hinaus freut sich Hochleitner auch, dass es ihm geglückt ist, den mehrmonatigen Entscheidungsprozess von äußeren Querschüssen und unschönen Begleitgeräuschen freizuhalten: „Es lief geräuschlos, die Bestellung erfolgte letztendlich schnell und zu einem guten Zeitpunkt.“ Denn die „Integration der VA Tech in den Konzern“ werde nun aktuell, und dabei werde Ederer „dringend gebraucht“.

Hatte es vor vier Jahren, als Ederer bei Siemens eintrat, noch geheißen, sie sei vornehmlich als Polit-Lobbyistin angeheuert worden, so hat sie sich seither von diesem Ruf freigeschwommen. „Wenn das heute wer sagt, kann ich das nur lächerlich finden“, meinte sie selber in einem Interview. „Um die Leute im Wiener Rathaus informell zu kontaktieren, braucht man nicht mich. Die kennen viele andere auch.“

Vor Beginn der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag waren die Würfel in Wahrheit schon gefallen. Die Räte hatten sich im Vorfeld mit dem Vorschlag auseinander gesetzt, in der Sitzung fand er einhellige Zustimmung. Christian Konrad, Raiffeisen-Boss, Siemens-Aufsichtsrat und vielleicht der einzige österreichische Manager, der mächtiger ist, als es Ederer jetzt sein wird, zeigt sich zufrieden: „Die Entscheidung ist für Siemens Österreich eine sehr gute.“

Nachsatz: „Und ich freu mich für Brigitte Ederer.“

Von Liselotte Palme