Porträt: Der streitbare Diplomat

Das erstaunliche Leben des Mannes, der das Kamasutra nach Europa brachte: Sir Richard F. Burton.

Schon in seiner Kindheit zeigt sich das stürmische Temperament des Richard Burton, jenes Abenteurers, Entdeckers, Übersetzers, Schriftstellers und Diplomaten, der das Kamasutra mit einer bahnbrechenden Übersetzung auch in Europa bekannt gemacht hat: Ein Streuner ist er, ein unangepasster Vagabund, der seine Zeit gern unter Zigeunern verbringt. 1821 im britischen Hertfordshire geboren, beginnt der Sohn eines irischen Leutnants zunächst eine wissenschaftliche Ausbildung am Trinity College in Oxford. Nach nur zwei Jahren jedoch setzt seine Streitlust (er hat einen Mitstudenten zum Duell herausgefordert) der universitären Laufbahn ein abruptes Ende. Wenig später, 1842, tritt Burton der „Army of the British East India Company“ bei, nicht aus Freude am Kampf wohlgemerkt, sondern um Leben und Sprachen des Orients zu studieren. Die folgenden sieben Jahre verbringt er in Indien.

Draufgängertum. Überregionale Bekanntheit erlangt Burton 1853, mit zwei draufgängerischen Reisen nach Mekka und Medina, bei denen er, als Pilger verkleidet, bis in die heiligen Bezirke vordringen kann. 1854 ist er der erste Europäer, der die somalische Hauptstadt Harrar betritt: Vier Monate lang in der Wüste verschollen, berichtet er bei seiner Wiederkehr von einer atemberaubenden Reise: Nach einem Zusammentreffen mit dem somalischen König und einem lebensgefährlichen, zehntägigen Aufenthalt in Harrar ist der britische Abenteurer ohne Nahrung oder Wasser, verfolgt von somalischen Kriegern, quer durch die Wüste geflohen. Auch ein somalischer Angriff, bei dem er schwer verwundet wird, hält ihn jedoch nicht davon ab, 1856 mit Kapitän John Hanning Speke erneut nach Afrika zu reisen, um die bis dahin unbekannte Quelle des Nils zu suchen. 1858 entdecken Burton und Speke den Tanganjikasee und den Victoriasee.

Streitlust. Seit 1861 verheiratet, lebt Burton in den folgenden Jahren das rastlose Leben eines Konsuls in Guinea, Brasilien, Damaskus und Triest. 1863 begründet er die „Anthropological Society of London“, unter deren Dach zahlreiche seiner nicht immer unumstrittenen Schriften erscheinen. In seinen Reiseberichten findet Burton, der bis zu 29 Sprachen beherrscht haben soll, ein weiteres Ventil für sein Temperament: Die betont biederen Moralvorstellungen seiner Zeit bleiben ihm zeitlebens ein beständiges Feindbild.

Wohl auch deshalb verlegt Burton sich mit großem Eifer auf die Übersetzung exotischer Liebesliteratur, darunter das indische Ananga Ranga, die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht und das arabische Gegenstück zum Kamasutra, „Der parfümierte Garten“. 1883 erscheint seine bahnbrechende Übertragung des Kamasutra. Den zeitgenössischen Kritikern seiner erotischen Bestrebungen begegnete er mit typischer Verve: „Es kümmert mich einen feuchten Dreck, verfolgt zu werden, und wenn es zum Prozess kommt, werde ich mit meiner Bibel, meinem Shakespeare und meinem Rabelais unterm Arm in den Gerichtssaal marschieren und sie auffordern, die Hälfte daraus zu streichen, bevor sie mich verurteilen.“ Im Jahr 1886 wird der streitbare Diplomat von Königin Victoria zum Ritter geschlagen, vier Jahre darauf, im Oktober 1890, stirbt Burton in seiner Wohnung in Triest.