Porträt: Der Flamingo

Der Skandal rund um die EU-Kunstplakate verschaffte ihm ungewollte Berühmtheit: Georg Springer ist Österreichs mächtigster Kulturmanager – oder könnte dies zumindest sein.

Georg Springer ist es nicht gewöhnt, auf der Straße angepöbelt zu werden. Er trägt stets flott geschnittene Designerkleidung, wird von Freunden als äußerst umgänglich beschrieben, hat perfekte Manieren und meist Schöngeistiges im Kopf. Es traf ihn unvorbereitet, als unlängst ein Passant im Vorübergehen feststellte: „Was Sie mit unserem Steuergeld machen, ist eine Sauerei.“

Springer blieb verdutzt stehen: „Ich rede mit Ihnen gerne in meinem Büro, lasse mich aber nicht auf der Straße anpöbeln.“ – „Mit jemand wie Ihnen rede ich nicht“, lehnte der Passant entschieden ab und machte sich davon.

Drei Kunstplakate hatten in der ersten Jännerwoche einen Skandal ausgelöst, der nicht nur über Österreich, sondern auch über Springers Leben wie ein Hurrikan hinweggefegt war. „Ich wurde sowohl telefonisch als auch via E-Mail sehr persönlich und untergriffig beschimpft“, erzählt der dünnhäutige Dandy, der im Unterschied etwa zu Streithähnen wie Claus Peymann oder Gérard Mortier derartige Aufregungen um seine Person keinesfalls genießt, sondern vielmehr sichtlich darunter leidet.

Als Leiter der Projektgruppe „25 Peaces“ hatte Springer gemeinsam mit Wolfgang Lorenz 75 Künstler eingeladen, Plakate zum Thema Europa zu entwerfen. Der Spanier Carlos Aires setzte drei nackten Menschen die Masken von Jacques Chirac, George W. Bush und Queen Elizabeth auf und bat sie, Sexsze-nen nachzustellen. „Es war weder geplant noch beabsichtigt zu provozieren, ich war überzeugt, wir sind 2005 einfach schon weiter“, betont Springer. Doch die hohe Politik tobte ob der „Porno-Plakate“, und Sponsoren drohten unverhohlen, dem Projekt die finanziellen Mittel zu entziehen. „Wir standen und stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck und mussten im Interesse des Gesamtprojekts reagieren“, bittet Springer um Verständnis – diesmal für die Entscheidung, die Plakate nach 48 Stunden wieder abgehängt zu haben.

Harmonie. Springer ist ein Alchemist des Konsenses. Kaum eine Argumentation ist dem studierten Juristen zu verwinkelt, um sie ins Treffen zu führen, und keine Meinungsverschiedenheit zu groß, um sich mit Kontrahenten nicht auf eine gemeinsame Position einigen zu wollen. Seit 1991 steht der ehemalige Beamte aus dem Bundesverfassungsdienst dem Burgtheater, der Staats- und Volksoper vor: zuerst als Generalsekretär, seit 1999 als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding. „Die zentrale Aufgabe dieser Funktion besteht darin, Konflikte intern und extern zu vermeiden und den Konsens zu erreichen“, beschreibt Springer seine Aufgabe.

Der Job verschafft ihm einen Platz in allen wichtigen Gremien der Kunstrepublik: Springer, von den Kollegen als geschickter Verhandlungspartner geschätzt, sitzt im Aufsichtsrat des Burgtheaters, der Volks- und Staatsoper sowie im Kuratorium der Salzburger Festspiele. Er kennt heikle Budgetzahlen, weiß auch sonst über jede noch so kleine Regung des gehobenen österreichischen Kulturbetriebes Bescheid und ist in die Bestellung und Demission von Intendanten involviert. „Herr Direktor“, ließ er Volksopernchef Dominique Mentha im April 2002 am Telefon wissen, „wir werden Staatssekretär Morak empfehlen, Ihren Vertrag ausschreiben zu lassen.“

Springer ist Österreichs mächtigster Kulturmanager – oder könnte dies zumindest sein, hätte er in Staatsoperndirektor Ioan Holender nicht einen machtbewussten Kontrahenten, der erst vergangene Woche (profil 3/06) die Notwendigkeit der Holding öffentlich infrage gestellt hat. „Welchen Sinn die Holding-Konstruktion hat, weiß ich nicht“, griff Holender seinen Konzernchef frontal an. In der Auseinandersetzung geht es ums Geld: jene 5,6 Millionen Euro Gewinn, welche die Staatsoper in der Spielzeit 2003/04 erzielen konnte, während die Direktoren des Burgtheaters und der Volksoper nicht mehr wissen, wie sie ihre Budgetlöcher stopfen sollen.

Weisung. Als Konzernchef könnte und müsste Springer den Gewinn umverteilen und somit die dramatischen Finanzprobleme seines Theaterkonzerns zumindest kurzfristig lösen – hätte ihm Holender nicht gekonnt einen Strich durch die Rechnung gemacht: Der Impresario erwirkte bei Bundeskanzler Wolfgang Schüssel eine schriftliche Weisung, die Georg Springer eine Umverteilung ausdrücklich untersagt. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundestheater-Holding.

Dabei ist Springer selbst ein meisterhafter Taktierer, der über hervorragende Kontakte und angeblich mehr Duzfreunde als Harald Serafin verfügt. Seine Schulfreunde vom Gymnasium in Mödling beschreiben ihn als einen jugendlichen Bonvivant, dem Wein und den Mädchen zugetan, musikalisch begabt, aber leider ohne Stimme. „Ich sah mich schon in der Kantine eines kleinen deutschen Opernhauses sitzen, verzweifelt darüber, dass ich über die deutsche Spieloper nicht hinausgekommen bin“, begründet er heute seine Entscheidung, statt Gesang lieber Jus zu studieren.

Am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht hatte sich ein kleiner Kreis begabter Studenten zusammengefunden, zu dem auch Springer bald stoßen sollte. Manfred Matzka zählte dazu, heute Sektionschef im Bundeskanzleramt, außerdem der spätere UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak und Clemens Jabloner, nunmehr Präsident des Verwaltungsgerichtshofs.

„Kontakte sind zeitsparend und wichtig“, sagt Springer und macht kein Geheimnis daraus, ausgiebig von ihnen Gebrauch zu machen. „Jeder, der sagt, er sei ein einsamer Wolf, liegt falsch. Es ist eine Frage der Vernunft, die sich ergebenden Netze zu nutzen.“ Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen, hatte Springer viele: Als Generalsekretär der Bundestheater war er bis 1999 dazu verpflichtet, den Opernball auszurichten.

Springer ist, neben dem Maler Christian Ludwig Attersee, der garantiert wildeste Partylöwe der Kunstszene. Seine angeblichen Liaisons füllen Pausengespräche ebenso wie die Klatschspalten, bereitwillig gibt er Auskunft über Krawatten („sie müssen modisch würdig sein“), über Turnschuhe („zum passenden Outfit gibt es nichts Bequemeres“) und seine Hautpflege: Der Kosmetik-Profi schwört auf das blaue, entspannende Gesichtswasser der New Yorker Firma Kiehl’s.

Antichambrieren. Das Ausschreiben von Kulturposten, seit 1998 in Österreich Pflicht, passt folgerichtig nicht in die Theaterwelt, wie Springer sie sieht: „Die Idee, Institutionen wie die Josefstadt oder das Burgtheater öffentlich auszuschreiben, ist Unsinn“, polterte er 2004. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich große Persönlichkeiten einem solchen Verfahren aussetzen.“

Springer löst Probleme, indem er zum Telefonhörer greift, Absprachen trifft und mit seiner sonoren Bassstimme gelegentlich sogar Journalisten um einen kleinen Gefallen bittet. Doch wer die Kunst des barocken Antichambrierens gut beherrscht, hat auch viele Seil- und Freundschaften zu verlieren. Springer bewegt sich entschieden im Bereich des Sowohl-als-auch. Obwohl er eng mit Franz Vranitzky und Rudolf Scholten zusammenarbeitete, trat er nie der SPÖ bei. Er besitzt aber auch kein Parteibuch für Wolfgang Schüssels und Franz Moraks ÖVP, die seinen Vertrag bis 2009 verlängert haben.

Gerade weil das Erzielen von Konsens die zentrale Strategie seiner eigenen Karriereplanung ist, löst Springer auch die Probleme der Bundestheater-Holding stets amikal: Nach dem spektakulär bösartigen „Zeit“-Interview von Burgtheater-Direktor Claus Peymann (1988) kalmierte er die tobenden Betriebsräte (unter anderen Franz Morak), er vermittelte 1999 im Streit der Theaterdirektoren um die Verteilung der Subventionen und nähert sich in der aktuellen Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft (siehe Kasten) schrittweise einer Lösung an.

Seinen Wunsch nach Dramatik erfüllt sich Springer hingegen an den Wochenenden. Die Samstage und Sonntage beginnen seit Jahren mit Musik von Queen.

Von Peter Schneeberger