Porträt: Der Freischwimmer

Claus Raidl, Generaldirektor des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm, hat sein Ziel erreicht: Als erstes Großunter- nehmen der alten Verstaatlichten ist Böhler nun vollständig privatisiert und an der Börse.

Ist dieser Mann nie müde? Nie überlastet? Generaldirektoren von Unternehmen mit zehntausend Mitarbeitern, zumal solche, die sich – einfach weil ihr Unternehmen weltweit agiert – auch viel auf Reisen befinden, vermitteln meistens den Eindruck, sie seien ausgelastet. Niemals gestresst, aber ausgelastet.
Anders Claus Raidl. Raidl ist viele Wochen im Jahr zwischen Stockholm, Sydney und Rio de Janeiro unterwegs und führt den österreichischen Edelstahlkonzern Böhler-Uddeholm (Böhler). Böhler ist erfolgreich, macht auch in der Flaute Gewinne und beschäftigt über den Globus verstreut zehntausend Mitarbeiter. Das Unternehmen hat dieser Tage eine Wendemarke in seiner Geschichte passiert: Der ehemals staatliche Stahlkocher steht jetzt zu hundert Prozent in privatem Eigentum. Die ÖIAG hat sich von ihrem 25-Prozent-Paket an Böhler-Aktien verabschiedet. Damit ist Böhlers Nabelschnur zum Staat endgültig durchschnitten, die Gruppe wurde zum ersten Unternehmen der alten Verstaatlichten, das komplett über die Börse verkauft worden ist.

Triumph. Claus Raidl freut sich wie ein Schneekönig. Er hat diesen Tag herbeigesehnt. Kaum hatte der ÖIAG-Aufsichtsrat das „Go!“ zum Börsenverkauf ausgesprochen, schwang sich Raidl schon in den nächsten Flieger, um die Finanzplätze vornehmlich der angelsächsischen Welt nach Investoren abzuklappern: Mit seinem Team startete er zur so genannten Road-Show. Bei einer solchen treten Repräsentanten des zur Börse strebenden Unternehmens im Stundentakt vor immer neue Kaufintessenten, zum Beispiel vor Vertreter von Investmentfonds. Die nehmen sie professionell und hart ins Kreuzverhör, um danach zu entscheiden, ob sie Aktien kaufen werden oder nicht. Raidl ist dieses anstrengende Spiel mittlerweile gewohnt. Böhler notiert seit 1995 an der Börse.

Die aktuelle Road-Show erwies sich als Kulminationspunkt dessen, was an zeitlicher Belastung in zehn Tagen, die schließlich auch für Raidl nicht mehr als 24 Stunden haben, möglich erscheint. Denn der Böhler-Chef konnte für die kurzfristig fixierte Werbereise vornehmlich in die angelsächsische Finanzwelt zwar die meisten Termine, die er zuvor in seinem Kalender stehen hatte, stornieren. Aber eben nicht alle. Vor allem wollte er seinen Auftritt beim großen ÖVP-Kongress im „Hangar Sieben“ des Salzburger Flughafens am Freitag vorvergangener Woche nicht absagen. Dort würde Bundeskanzler Wolfgang Schüssel seine Partei auf die wirtschaftlichen Perspektiven der Ära nach 2010 einschwören, und Raidl hatte eine wichtige Rolle in der Dramaturgie der Veranstaltung übernommen. Also kletterte er zwischen zwei Investoren-Terminen wieder ins Flugzeug und nahm in Salzburg am Podium neben dem Kanzler Platz. Und zwar mit einer Gelassenheit, als hätte er alle Zeit der Welt. Am späten Vormittag schwang er dann seine Rede als Koordinator des wirtschaftspolitischen schwarzen Think Tanks, nahm gleich darauf den Flieger und konferierte am mittleren Nachmittag bereits wieder mit der Finanzwelt. Nie macht er bei solchen Aktionen den Eindruck, physisch oder psychisch an seine Grenzen zu stoßen.

Claus Raidl kennt man kaum anders als ansprechbar, locker und immer aufmerksam und wach. Dabei gehört er weder in seinem Hauptberuf (Böhler), noch in seinem Nebenjob (Vorsitzender des Fachhochschulrates), noch in seiner Rolle als de facto wirtschaftspolitscher Chefberater Wolfgang Schüssels und der ÖVP zu den „Drüberfliegern“. Man weiß, er arbeitet hart, konsequent, oft lang bis in die Nächte, und er vertieft sich in viele Details.
Also: Wann ist der Mann müde?

Kokett. Vielleicht haben diese Energie und Zähigkeit wirklich was mit seiner knorrig-steirischen Herkunft zu tun. Als „einfachen steirischen Stahlarbeiter“ bezeichnet sich Raidl oft – in seinem Fall nicht ganz unwitzig, weil er so überhaupt nicht danach aussieht. Diese Selbstdefinition gibt Raidl gern auch gegenüber Investoren zum besten. Sie lautet auf Englisch: „I’m just a simple Austrian steelworker“ und findet im Nadelstreifmilieu meist großen Gefallen. Wobei sich der sonst gar nicht zur koketten Selbstbespiegelung Neigende diese kleine Eitelkeit leisten kann: Raidls Großvater war Stahlarbeiter und sein Vater Techniker, beide im – erraten – Böhlerwerk in Kapfenberg.

So rundet sich Familiengeschichte. Claus Raidl ist sich selber ziemlich treu geblieben. Innerlich wie äußerlich. Wären da nicht die hellgrau und schütter gewordenen Haare, er würde heute, mit 61, ebenso aussehen wie vor zwanzig Jahren. An seinem Habitus hat sich seit Menschengedenken nichts geändert. Auch in seinen Einstellungen hat er sich nie verbogen – selbst wenn das angesichts der Wandlung des jungen linken ÖAABlers zum bekanntesten österreichischen Vorkämpfer für den globalen Shareholder-Kapitalismus einigermaßen überraschen mag. „Er ist wirklich einer der Grundsoliden“, charakterisiert ihn Wolfgang Ulrich, Raidl-Gefährte früher Jahre und heute Chef der Bank Burgenland: „Einer, der so überhaupt nicht zur Gilde der wendigen Schönredner gehört.“

Aus seinem Dasein als Nachkriegskind im steirischen Mürztal, das zu Gartenarbeiten wie dem Ausgraben von Erdäpfeln und Kohlrabi angehalten wurde (weshalb er jetzt Gartenarbeit hasst), war er Anfang der sechziger Jahre begeistert ins Wiener Studentenleben hineingetaucht. In jener Epoche schlug das Herz der Jugend links. Aber Raidl – den auch seine damaligen Zeitgenossen schon als leutselig, offen und modern im Denken erlebten – verankerte sich selbst im ÖAAB. Dort, wo sich gerade ein Think Tank namens „Kummer-Institut“ am Basteln neuer Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle erprobte. In der politischen Stimmung, die damals im Lande aufkam, begannen sich Schwung und Aufbruchsgeist des Jahres 1968 langsam anzukündigen. Die Leute vom Kummer-Institut galten innerhalb der ÖVP als besonders „progressiv“ – und das, obwohl ihre Treue zu den tradierten bürgerlich-mittelständischen Werten außer jeglichem Zweifel stand.

Freund Taus. Einer der Vordenker im Kummer-Institut war der spätere ÖVP-Obmann Josef Taus. Um ihn scharten sich die begabten und engagierten Jungen, auch Raidl. Es waren nicht gesellschaftspolitische Träumereien, in denen sich die Gruppe um Taus erging. Im Grunde interessierte auch Raidl am allermeisten der Funktionsmechanismus der Wirtschaft; darüber hinaus wollte er wie Taus die Möglichkeiten der staatlichen Wirtschaftspolitik gedanklich ausloten und die Wirksamkeit wirtschaftspolitischer Instrumente praktisch erforschen.

Der Zeitgeist der Staatseuphorie wirkte so anregend, dass er auch die Denkergilde des ÖAAB erfasste. Auch Raidl, den damals „linken Etatisten“ (Eigendefinition).

Heute geniert ihn das Damals zwar nicht, aber nachvollziehen kann er es nur noch mit Mühe. Sinngemäß würde er heute dazu sagen: Die Linken haben die menschliche Natur überschätzt und überfordert. Ihr Denken ging davon aus, dass der Mensch gern für andere arbeitet, dass er lieber gibt statt nimmt, dass Menschen in Phänomenen wie Krankheit und Armut vornehmlich das „unverschuldete“ Element als Ursache sehen und darauf mit Solidarität reagieren.
Ein bisserl illusorisch halt.

Raidl durchwanderte die Institutionen, gewann bald Überblick in Führungspositionen und lernte. Von Natur aus ein Realo, mutierte er nach und nach überhaupt zu einem prononcierten Pragmatiker und wurde schließlich zum Liberalen – wirtschafts- wie gesellschaftspolitisch. Karl Sevelda, Vorstandsdirektor der RZB und ehemaliger Funktionär des LIF, erzählt, dass Raidl und er immer wieder mal das Gedankenspiel „Wir gründen gemeinsam eine neue Partei“ spielten. Sevelda: „Beim Programm hätten wir sicher keine Differenzen.“ Sonst übrigens auch nicht. Wenn sich Raidl heute mit Herbert Tumpel trifft, dem Arbeiterkammerpräsidenten und sozialdemokratischen Hardliner, dann geht es freilich im Disput hart auf hart. Trotzdem mögen sie einander. Tumpel: „Privat sind wir befreundet.“ Wahrscheinlich teilen sie letztlich die europäischen Grundwerte.

Schließlich ist Raidls Politikverständnis längst über das Theoretische hinausgewachsen. In seinen wirtschaftsliberalen Gedanken vermissen Hayekianer wie etwa der Kathrein-Banker Christoph Kraus den Hinweis auf die „Wichtigkeit von moralischen und ethischen Normen für das Geschäftsleben“. Dessen ungeachtet gerät Raidl persönlich komischerweise nie in den Verdacht, solche Normen für sich selber je über Bord geworfen zu haben: „Ich würde nur für wenige Wirtschaftsbosse die Hand ins Feuer legen“, meint einer, der die handelnden Personen kennt. „Für Raidl würd ich’s.“

Umtriebig. Raidl hat viele Freunde und offenbar seine Freude daran, alte zu treffen und neue kennen zu lernen, mit den Jahren nicht abgenommen. Feste liebt er – sowohl im Wiener Nobelambiente, als auch – wenn ihn etwa ein alter Freund einlädt – irgendwo sonst. Manchmal schreckt er selbst vor der Teilnahme an schrillen Fun-Events nicht zurück.

Böhler-Uddeholm-Präsident Rudolf Streicher neckt „seinen“ Vorstandschef bisweilen mit der Behauptung, Raidl pflege die „Kunst der flotten Sprüche“, ergehe sich in „nicht immer ganz feiner Ironie“ und übe „trockenen Sarkasmus“.

Als bevorzugtes Objekt seiner spitzen Zunge galt in den letzten Jahren die ÖIAG, manchmal auch Mitglieder ihrer Organe. Ihnen dürfte Claus Raidl wahrscheinlich nur Krokodilstränen nachweinen.