Porträt: Der Präsident

Veit Sorger, der Chef des Papierkonzerns Frantschach, wird neuer Präsident der Industriellenvereinigung. Er gilt als talentierter Manager und begnadeter Networker.

Am Donnerstag, den 17. Juni, ist Wahltag. Um neun Uhr werden sich die rund hundert Mitglieder des Bundesvorstandes der Industriellenvereinigung (IV) im Haus der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz einfinden. Dann werden die Manager und Unternehmer bedeutender österreichischer Industrieunternehmen ihre Stimmzettel ankreuzen, diese in ein Kuvert stecken und zur Wahlurne schreiten.

Um elf Uhr wird das Wahlergebnis offiziell bekannt gegeben. Die Interessenvertretung mit rund 4700 Mitgliedern wird dann einen neuen Präsidenten haben.

Ein etwas seltsam anmutendes Ritual angesichts der Tatsache, dass der IV-Präsident schon längst feststeht: Er wird Veit Sorger heißen.

Sorger, Chef des Papierkonzerns Frantschach AG, ist der einzige zur Wahl stehende Kandidat und gilt obendrein in der Interessenvertretung als absolut unumstritten. Dementsprechend siegessicher gibt sich der 62-Jährige: „Ich glaube“, meint Sorger, „dass ich eine gute Akzeptanz finden werde.“

Wird er. Denn Veit Sorger bringt so ziemlich alle Eigenschaften mit, die von einem Präsidenten der Industriellenvereinigung erwartet werden: Er hat den Ruf, ein hervorragender Manager zu sein. Er gilt als begnadeter Networker, der beste Beziehungen zu vielen Managerkollegen und Politikern hat. Und er ist ein gediegener Konservativer – zwar parteibuchlos, aber lautstarker Befürworter der schwarz-blauen Regierung.

I.) Der Manager

Die Wahl zum Präsidenten der Industriellenvereinigung ist so etwas wie eine Zäsur für Veit Sorger. Nicht, dass es Bedingung für die neue Funktion wäre – aber Sorger wird zum Jahresende als Chef des Frantschach-Konzerns ausscheiden und sich in den Aufsichtsrat zurückziehen.

In der Papierindustrie ist Sorger seit Anfang 1970 tätig. 17 Jahre verbrachte er in der Salzer-Gruppe (zuletzt als Alleinvorstand), dann wechselte er zu Frantschach, wo er 1992 den Vorstandsvorsitz übernahm. Über seine Managerqualitäten wird nur Gutes berichtet. Claus Raidl, Chef des Edelstahlkonzerns Böhler-Uddeholm, bezeichnet Sorger als „einen der erfolgreichsten österreichischen Manager. Er hat die Internationalisierungsstrategie bei Frantschach hervorragend umgesetzt.“

„Als Sorger seinerzeit zu Frantschach wechselte, war das Unternehmen ein lokaler Laden“, erinnert sich Alfred Heinzel, ÖIAG-Aufsichtsratspräsident und jahrzehntelanger Freund und Weggefährte des künftigen Industrie-Präsidenten. Unter Sorger wurde aus dem einstigen Familienunternehmen Frantschach ein international tätiger Konzern, der mittlerweile zur Gänze der südafrikanischen Mondi-Gruppe gehört (siehe Kasten Seite 55). Sorger selbst kann einen gewissen Stolz nicht verbergen: „In Osteuropa waren wir rascher vertreten als andere. Keiner hat so offensiv und flächendeckend akquiriert wie wir.“

Wiewohl seine Karriere nicht ausschließlich reibungslos verlief: Als Sorger bei der Salzer-Gruppe begann, stellten sich alsbald Probleme ein – zwei Tochtergesellschaften mussten wegen finanzieller Engpässe liquidiert werden. Dann, im Jahr 1986, kam es beim Papiergroßhändler Europapier (damals noch eine Salzer-Tochtergesellschaft, später von Frantschach erworben) zum Debakel: Ein Buchhalter mit einem Faible für Rennpferde hatte 253 Millionen Schilling veruntreut, Sorger musste das darniederliegende Unternehmen sanieren. „Das waren sicherlich keine angenehmen Herausforderungen“, erzählt Alfred Heinzel, „aber als Manager hat er dabei viel gelernt.“

Was der Frantschach-Boss, so Heinzel, über die Jahre ebenfalls gelernt hat: „Er hat die Fähigkeit, zu motivieren und gute Leute zu rekrutieren.“ Im Konzern selbst wird das allerdings ein wenig differenzierter gesehen: Wohl sei Sorger eine charismatische Persönlichkeit, die uneingeschränkte Autorität genieße. „Aber viele Mitarbeiter haben auch Angst vor ihm“, heißt es. Das einzig Berechenbare am Chef sei das Unberechenbare: Bei kleineren Problemen könne er richtiggehend in Rage geraten, gröbere Zores hingegen würden von ihm bisweilen mit einem „Schwamm drüber“ quittiert.

Sorger pflegt einen durchaus patriarchalischen Führungsstil. Er selbst bezeichnet ihn als „nicht immer demokratisch. Aber irgendwann müssen ja Entscheidungen getroffen werden.“ Im Haus kursiert jedenfalls folgendes Bonmot: „Bei uns wird alles einstimmig entschieden. Weil es nur eine Stimme gibt.“ Dennoch umgibt sich Sorger gerne mit jungen, ehrgeizigen Leuten, denen er nach der entsprechenden Bewährung auch vergleichsweise großen Gestaltungsspielraum gewährt. Im Gegenzug wird freilich voller Einsatz erwartet.

Sorger geht da durchaus mit gutem Beispiel voran. „Er arbeitet wirklich viel“, erzählt ein Mitarbeiter, „er ist fast ausschließlich für den Konzern da.“ Dass er so lange in ein und demselben Unternehmen tätig war, begründet Sorger so: „Natürlich hat es über die Jahre Angebote von anderen Unternehmen gegeben, und die Versuchung zu wechseln, war oft groß. Aber wenn man die Gelegenheit hat, ein Unternehmen so stark zu prägen, geht man nicht so leichtfertig.“ Den Dank für seine Loyalität bekommt er bei seinem Ausscheiden als Frantschach-Chef: Er wird Anteile an einem Tochterunternehmen erhalten.

II.) Der Konservative

Werte wie Loyalität und Verlässlichkeit hält Sorger generell sehr hoch. Seiner Meinung nach ist das auch der Grund für die harmonische Zusammenarbeit mit den einstigen Frantschach-Eigentümern, den Familien Hartmann und Kaufmann. „Solche Eigenschaften werden in Familienunternehmen sehr geschätzt“, sagt Sorger. So gesehen ist es wohl auch kein Zufall, dass der Frantschach-Boss auch Aufsichtsratsmitglied der Constantia-Iso AG, der Spanplattengruppe der Familie Turnauer, ist.

Den stark ausgeprägten Familiensinn hat Veit Sorger von frühester Kindheit an mitbekommen. Der Sohn eines Richters und einer Rechtsanwältin wuchs in Graz auf, als eines von drei Kindern, „sehr behütet“, erzählt er. Ihm und seinen Brüdern „standen alle Möglichkeiten der schulischen Ausbildung offen“. Auch seinen drei Kindern, mittlerweile erwachsen, fehlt es diesbezüglich an nichts.

Sorger betont, keiner Partei anzugehören. Freunde berichten, dass er traditionell ÖVP-Wähler ist. Wegen seiner Freundschaft zu Thomas Prinzhorn wurde dem Frantschach-Chef wiederholt FPÖ-Nähe nachgesagt. Er habe damit kein Problem gehabt, sagt er, „schon eher meine Kinder“. Ebenso der südafrikanische Frantschach-Eigentümer, der sich im Jahr 2000 – als Sorger Mitglied des ÖIAG-Aufsichtsrates wurde – erkundigte, wie er zu der „right wing party“ stehe. Sorger gab Entwarnung: Er sei auf einem ÖVP-Ticket in das Gremium berufen worden.

III.) Der Networker

Sorger verfügt über exzellente, in manchen Fällen auch freundschaftliche Beziehungen zur Managerelite des Landes – und zu zahlreichen Politikern. Als Chef eines Großunternehmens ergeben sich solche Kontakte fast zwangsläufig. Sorger pflegt sie freilich besonders geschickt. Er gilt als kompetenter Gesprächspartner, der zudem über Charme und Esprit verfügt. In den vergangenen vier Jahren war er Vizepräsident der Industriellenvereinigung, was den Draht zu Managern anderer Branchen verstärkt hat. Und sein Aufsichtsratsmandat in der ÖIAG hat dazu beigetragen, den Kontakt zur Politik zu intensivieren.

Jedenfalls erklärt Sorger, über bestes Einvernehmen mit Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein zu verfügen. Was irgendwie logisch ist: Sorger ist ein überaus vorsichtiger Mensch, der öffentlich kaum je mit kritischen Bemerkungen aufgefallen ist. Budgetpolitik? Super, sagt Sorger. Steuerreform? Einwandfrei, befindet der Frantschach-Chef. Auch über die Homepage-Affäre rund um den Finanzminister verlor der IV-Vize nie ein böses Wort. Als in der Interessenvertretung Kritik über die gespendeten 283.000 Euro für Grassers Website laut wurde, meinte Sorger bloß: „Es bringt doch nichts, zu streiten.“

Dass seine Freunde und guten Bekannten nahezu allesamt dem schwarz-blauen Lager angehören, ist natürlich kein Zufall. Grünen und sozialdemokratischen Idealen kann er kaum etwas abgewinnen. Seine weltanschauliche Abneigung gegen Rotes und Grünes tut er allerdings nur im intimen Kreis kund – dort aber sehr dezidiert. Ansonsten gibt er sich freilich durchaus verbindlich. OMV-Betriebsrat Leopold Abraham, der als Arbeitnehmervertreter ebenfalls im Aufsichtsrat der ÖIAG sitzt, kann jedenfalls nur Gutes über Sorger berichten: „Er ist immer um Konsens bemüht und hat auch schon öfter zwischen Arbeitnehmern und Kapitalvertretern im Aufsichtsrat vermittelt.“

Freundschaften pflegt Sorger über sein Hobby, die Jagd. Nicht selten begibt er sich mit engen Freunden wie Alfred Heinzel, Thomas Prinzhorn oder Noch-IV-Präsident Peter Mitterbauer auf Pirsch. Dort wird dann – unter Männern – über Gott und die Welt geplaudert.

Solche Freunde, „auf die man sich verlassen kann“, sind Sorger sehr wichtig, sagt er. Wiewohl es ihm angeblich eher schwer fällt, sich selbstlos am Waidmannsheil eines Freundes zu erfreuen. Alfred Heinzel schmunzelt: „Sorger ist ein passionierter Jäger. Aber schießen kann er nicht.“