Porträt: Der Strom-Leiter

Wie der Wiener Karl Kordesch in den USA zum Pionier der internationalen Energieforschung wurde – und warum ohne seine Erfindungen kaum ein modernes elektronisches Gerät funktionieren würde.

Ohne den Mann läuft gar nichts. Mit dem Walkman in der U-Bahn Musik hören? Nicht ohne Karl Kordesch. Die Taschenlampe anknipsen? Nur durch seine Vorleistungen möglich. Strandradios, Diktiergeräte, Reisewecker – nichts davon würde ohne Kordesch funktionieren. Den Grund dafür kennt unter Produktnamen wie „Duracell“ oder „Varta“ nahezu jedes Kind, die Person dahinter fast nur die Fachwelt: Karl Kordesch, 82 Jahre alt, gebürtiger Wiener, amerikanischer und österreichischer Staatsbürger, ist der Erfinder der Alkali-Batterie.

„Die Erfindung hat gut zur beginnenden Elektronik gepasst“, sagt Kordesch und untertreibt damit gehörig. In Wirklichkeit hat sein „Patent 3,042.732: Anodes for Alkaline Cells“ aus dem Jahr 1959 die Nutzung vieler moderner elektronischer Konsumgüter überhaupt erst ermöglicht. Denn dieser Batterietyp erbrachte jene Stromdichte und Ausdauer, die für den längeren Betrieb solcher Geräte nötig sind.

Eitelkeit zählt jedoch nicht zu den prägenden Charakterzügen von Professor Karl Kordesch, Inhaber von rund 150 Patenten, Erfinder der Alkali-Primärbatterie und der wiederaufladbaren Alkali-Batterie, Konstrukteur des ersten Wasserstoff-Luft-Brennstoffzellen-Autos, des ersten Brennstoffzellen-Motorrades und eines der ersten Hybrid-Fahrzeuge.

Wer zum Beispiel über ihn, sein Leben, seine Forscherkarriere berichten möchte, erhält zunächst eine Schilderung über die akademischen Leistungen seiner Familie, seiner vier Kinder und sieben Enkelkinder: seinen Sohn Martin, der als Professor an der Ohio State University Physik unterrichtet und mit der US-Weltraumbehörde NASA kooperiert; seine Tochter Katharina, die in Eugene, Oregon, als Ärztin für Kindermedizin arbeitet; seine Tochter Johanna, Professorin für Medizingeschichte in Glasgow; seinen Sohn Albert, der Leiterplatten entwickelt und zurzeit in Malaysia lebt; über seine Frau Erna, eine „fanatische Botanikerin“ (Kordesch), mit der er ein Gutteil der Zeit in seinem Haus in Ohio verbringt.

Meilensteine. Kordeschs eigenes Wirken würdigen Weggefährten dafür umso mehr: Der Mann zähle zu den bedeutendsten Wissenschaftern Österreichs, bei all seinen Erfindungen handle es sich um Pionierleistungen, um Meilensteine der Energieforschung. „Er ist wirklich einer der großen, tief schürfenden Leute“, sagt Walter Toriser, Professor am Institut für Sensor- und Aktuatorsysteme der Technischen Universität Wien und seit gut zwanzig Jahren ein enger Freund von Kordesch. „Er ist die Autorität schlechthin, wird richtig verehrt und als Vorbild betrachtet.“

Günter Simader von der Wiener Energieverwertungsagentur, der in Graz technische Chemie bei Kordesch studierte, erinnert sich an eine Konferenz in den USA, bei der ihm Kordeschs Stellenwert richtig bewusst geworden sei. „Mir war schon vorher klar, dass er dort ein berühmter Professor ist“, sagt Simader, „aber dann ist bei praktisch jedem Vortrag auf seine Grundlagen verwiesen worden. Er gilt als Batterie- und Brennstoffzellenpapst.“

„Er ist ein international sehr anerkannter Mann“, bestätigt Viktor Hacker, Leiter des Christian-Doppler-Labors für Brennstoffzellensysteme an der Technischen Universität Graz. „Er ist das Aushängeschild der Brennstoffzellenforschung.“

Talentsuche. Der derart Gewürdigte wurde 1922 als Sohn seines aus Siebenbürgen stammenden Vaters und einer Niederösterreicherin in Wien geboren und studierte Chemie sowie Physik an der Universität Wien. Während des Krieges musste er einrücken, wurde nach zwei Jahren an der Ostfront schwer verwundet und durfte in der Folge seine wissenschaftliche Tätigkeit in der Heimat fortsetzen. Am Chemischen Institut der Uni Wien verfasste er seine Dissertation über Aminosäuren und forschte dann an Luft-Sauerstoff-Batterien.

Mitglieder der US-Besatzungskräfte hatten laut Kordesch damals die Aufgabe, gezielt österreichisches Know-how aufzuspüren. „Die US Army hat nach Patenten gesucht“, berichtet Kordesch, „man wollte die Leute und die Technologien nach Amerika holen.“ Derart sei man auch auf ihn und seine Batterieforschung gestoßen.

Weil es in der Besatzungszeit nicht möglich gewesen wäre, einfach aus Österreich zu emigrieren, ersann die Army einen Plan: Man arrangierte 1953 eine Urlaubsreise nach Deutschland, und von dort wurde der Transfer in die USA organisiert. Kordesch reiste gemeinsam mit seiner Frau, den ersten beiden Kindern und rund 60 weiteren Forschern. Die Möbel würden nachgeliefert, hätte man ihm zugesichert.

Das Reiseziel war das US Signal Corps in New Jersey, eine Abteilung des Militärs, die unter anderem technische Labors betrieb. Dort begann Kordesch, ausgestattet mit einem Einjahresvertrag, als Batterietechniker zu arbeiten. Nachdem der Vertrag zuerst um ein Jahr verlängert wurde und schließlich doch ausgelaufen war, wechselte Kordesch 1955 zur Union Carbide Corporation nach Parma, Ohio – einem Chemiekonzern, der durch einen gravierenden Chemieunfall im indischen Bhopal im Jahr 1984 weltweit in die Schlagzeilen geriet und heute eine Tochtergesellschaft des Chemie- und Kunststoffkonglomerats Dow Chemical Company ist.

Vertragsforschung. Bei Union Carbide, so Kordesch, habe eine Zeit höchster wissenschaftlicher Kreativität begonnen. „Eine so gute Zusammenarbeit hat es nie wieder gegeben“, sagt Kordesch. Union Carbide hatte Verträge mit der NASA, der Army, mit Automobilkonzernen, und Forscher wie Kordesch erhielten für jedes Patent einen Dollar, später zwei Dollar.

„Das war üblich“, so Kordesch, „die Leute waren ja angestellt.“ Und konnten sich in Ruhe der Forschung widmen: Die Planungszeiten seien, anders als heute, großzügig bemessen gewesen, die Jobs galten als sicher, Kostendruck sei kaum ein Thema gewesen. Nach fünf Jahren erhielt Kordesch die US-Staatsbürgerschaft, weil er sonst nicht an Regierungsprogrammen hätte mitwirken können.

Ein Schwerpunkt seiner Arbeitsgruppe bestand in der Weiterentwicklung von Batterien. Damals gab es lediglich Zink-Kohle-Batterien, und Kordesch plante zunächst deren Verbesserung. Doch dann konzentrierte er sich auf eine Technologie, deren Prinzip schon seit 1912 bestand, den praktischen Anforderungen aber nie genügt hatte: die alkalische Batterie. Kordeschs Entwicklung war im Wesentlichen eine Umkehrung der Konstruktion früherer Batterien, wobei Kordesch nun Zinkpulver als Anode in der Mitte anbrachte. Wichtigste Merkmale der neuen Patente waren eine bisher unerreicht hohe Energiedichte und hoher Dauerstrom – damit ist die Alkali-Batterie die bis heute leistungsfähigste billige Primärbatterie. Rund 40 Milliarden Einwegbatterien werden heute pro Jahr weltweit verbraucht, in der westlichen Welt sind gut 70 Prozent davon Alkali-Batterien.

Viele Batteriehersteller hätten die Bedeutung des neuen Patents sofort erkannt, so Kordesch. „Die Firmen haben Patentlizenzen erworben und untereinander ausgetauscht.“ Andere hingegen hätten sich gegen die Innovation gesträubt, Lizenzen dann später zu deutlich höheren Preisen erwerben müssen – einige seien deshalb Bankrott gegangen.

Zukunftstechnik. Eine zweite Forschungsinitiative zielte auf eine Energiequelle ab, die heute als Zukunftstechnologie schlechthin gilt – und langfristig das dominierende Antriebssystem im Straßenverkehr werden könnte, wenn die fossilen Energiereserven zur Neige gehen. Karl Kordesch befasste sich mit der Entwicklung der Brennstoffzelle, in der durch die elektrochemische Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff Strom erzeugt wird, welcher einen Elektromotor antreiben kann.

Kaum ein Autokonzern, der heute nicht hoch dotierte Programme zur Konstruktion von Brennstoffzellen-Fahrzeugen betreibt, und kaum ein namhafter Politiker, der nicht Bekenntnisse zur milliardenschweren Förderung einer ressourcen- und umweltschonenden Wasserstoffwirtschaft abgelegt hätte.

Einer der Väter dieser Entwicklung ist Karl Kordesch. „Als andere über solche Brennstoffzellen nachzudenken begannen, hatte er sie schon längst gebaut“, sagt TU-Forscher Walter Toriser. Wichtigster Kunde war zunächst die US Army.

Auch die US Navy und die NASA, vor allem aber Autokonzerne nutzten Kordeschs Expertise. Für General Motors konstruierte sein Team bei Union Carbide 1965 die Brennstoffzellen für das Fahrzeug „GM Electrovan“. Der Wagen sei „überall rumgeführt worden“, erinnert sich Kordesch, „wir hatten große Öffentlichkeit“. Das Projekt habe Millionen Dollar verschlungen, aber am Ende „ist GM froh gewesen, dass es rein ökonomisch nicht praktikabel war. Denn so konnte GM seine gewohnten Autos weiter verkaufen, und wir konnten weiterforschen.“

Motiv Begeisterung. Diese Haltung sei typisch für Kordesch, meint Energieexperte Günter Simader. „Ihn treibt die Begeisterung für die Forschung“, so Simader. „Ihn interessiert jeder neue Gedanke, der eine Umwälzung bringen kann“, sagt Toriser. „Wenn etwas Sinn gemacht hat, hat er es einfach gebaut.“

Auf diese Weise konstruierte Kordesch ab 1965 auch das erste Brennstoffzellen-Motorrad. 1967 erregte der Erfinder einige Aufmerksamkeit, als er damit durch New York fuhr – nach Abschluss einer entsprechenden Versicherung. „Versichert war allerdings nicht das Motorrad“, so Kordesch, „versichert war ich dagegen, dass ich nicht jemandem über die Zehen fahre.“ Zurzeit ist das Gefährt im Wiener Technischen Museum ausgestellt.

Anfang der siebziger Jahre zog sich Karl Kordesch in seiner Freizeit gern in seine Garage zurück und bastelte dort an einem Austin A-40, Baujahr 1961. Den Wagen hatte er günstig von einem Nachbarn erworben, welcher den Motor ruiniert hatte. Kordesch montierte rote Skuba-Diving-Zylinder am Dach und eine etwas klobige Apparatur im Kofferraum – welcher damit belegt war. Im Inneren des Wagens fanden jedoch immer noch vier Personen sowie Kordeschs Hund Coco Platz.

Als der umgebaute A-40 Kordeschs Garage verließ, rollte damit das erste Hybrid-Batterie-Brennstoffzellenauto über die Straße – ein Vierteljahrhundert bevor die Autokonzerne entsprechende Entwicklungen präsentierten. Im Kofferraum des Austin befand sich die Brennstoffzelleneinheit, am Dach der Wasserstoffspeicher, vorne über einem Elektromotor waren Bleibatterien eingebaut. Die Reichweite betrug 300 Kilometer, die Spitzengeschwindigkeit 70 Stundenkilometer. Drei Jahre lang nutzte Kordesch den Wagen, und er sei, sagt er, „sehr schön und dauerhaft gefahren“. Theoretisch, so Kordesch, „hätte ich damit den Kontinent überqueren können. Bloß hätte mir ein Lastwagen mit Wasserstoff-flaschen für die Betankung folgen müssen. Aber leider wollte Union Carbide nicht die Versicherung für das große Abenteuer übernehmen.“

Rückkehr. Nach 22 Jahren bei Union Carbide schied Kordesch im Wege eines „Early Retirement“, einer frühzeitigen Pensionierung, aus dem Unternehmen. Er erhielt Angebote aus Wien und Graz und entschied sich für eine Professur an der Grazer Technischen Universität. Die Rückkehr sei ihm nicht besonders schwer gefallen: Zum einen habe er die folgenden 15 Jahre für Pensionsansprüche benötigt, zweitens habe er als ordentlicher Professor automatisch die österreichische Staatsbürgerschaft wiedererlangt, und schließlich arbeite man als Professor „mit jungen, begeisterungsfähigen Menschen“ und habe „ein relativ gutes Leben“.

Was Kordesch darunter verstand, beschreibt Simader folgendermaßen: „Ich habe seinen Arbeitsalltag gesehen, als ich bei ihm am Institut war. Er hat Montag Früh angefangen und Sonntagabend aufgehört.“

Als Professor am Institut für Chemische Technologie Anorganischer Stoffe kümmerte sich Kordesch vor allem um den Nachwuchs. „Er hat die Eigenschaft, Leute mitreißen zu können“, sagt Vikor Hacker von der TU Graz. „Beeindruckend ist die Aufgeschlossenheit, die er den Menschen entgegenbringt.“ Mit „amerikanischer Lockerheit“, meint Simader, habe Kordesch „mit jungen Leuten sehr unkonventionell gearbeitet. Er hat sie an die Weltspitze geführt.“

Dies zum Beispiel in seinen eigenen Unternehmen. 1986 gründete Kordesch gemeinsam mit einem kanadischen Geschäftsmann Battery Technology Incorporated (BTI) in Nova Scotia. Geschäftszweck war die Weiterentwicklung seiner Batterien. Kordesch mochte nicht einsehen, dass pro Jahr bis zu 40 Milliarden Stück davon weggeworfen werden – und erfand deshalb die wiederaufladbare Batterie. Bei Union Carbide war diese Idee auf wenig Begeisterung gestoßen – schließlich verdiente der Konzern gutes Geld mit den Wegwerfbatterien. Kordesch: „Die haben nur gesagt, um Gottes willen.“

Zweiter Versuch. Mit seiner Gründung erlitt Kordesch nach 14 Jahren Schiffbruch – die Erhaltung der Patente verschlang mehr Geld, als Verkäufe und Lizenzen einbrachten. Nach der Pleite des Unternehmens wurde das Konzept jedoch im Rahmen der neuen Gesellschaft Energy Vision Incorporated mit Sitz in Ontario weitergeführt – und mit Tochtergesellschaften, etwa in Südkorea, in denen Kordeschs Studenten heute als Betriebsleiter fungieren. „Wir wollen, dass das Wegwerfen endlich eingeschränkt wird“, sagt Kordesch.

Oft habe man sich kaum vorstellen können, dass er seine Ideen tatsächlich in die Tat umsetzt, sagt Simader, „aber dann ist man in einen Supermarkt in den USA gegangen, und dort gab es die fertigen Produkte zu kaufen“. Genau so, meint Simader, „sollte Wissenschaft auch in Österreich funktionieren, von der Forschung bis zur Markteinführung“.

1992 emeritierte Kordesch, arbeitete jedoch weiter: kümmerte sich um den Vertrieb der wiederaufladbaren Batterien in Malaysia, Australien, Südafrika; kooperiert bis heute mit dem Unternehmen Apollo Energy Systems in Florida im Zusammenhang mit Brennstoffzellen; arbeitete für die Europäische Raumfahrtagentur ESA. „Mit seinen über 80 Jahren tritt er jetzt schon ein bisschen leiser“, sagt Hacker, „aber bis vor drei, vier Jahren war er permanent an der Uni.“

Und Kordesch selbst, der sich als Amerikaner und Österreicher sieht und dreimal pro Jahr zwischen Ohio und Graz pendelt, will sich demnächst überlegen, an welchem Ort er künftig bleiben will. „Das Wandern werde ich wohl aufgeben müssen, man wird ja langsam alt.“