Porträt: Die vierte Dimension der Hoffnung

Vor einem Jahr wurde der Wiener Menschenrechtler Manfred Nowak zum UN-Sonderberichterstatter für Folter ernannt. Seine Arbeit gilt als Bravourstück im Grenzgebiet zwischen Diplomatie und Unnachgiebigkeit.

Manfred Nowak ist ein angenehmer Mensch. Er schaut sanft drein, lächelt höflich und redet freundlich. Sein kleines Arbeitszimmer, vis-à-vis dem Wiener Juridikum, wirkt liebenswürdig uneingerichtet. So stellt man sich den Elfenbeinturm eines Intellektuellen vor. Wenn man zwischen den Mappen auf seinem Schreibtisch einen Platz für die Kaffeetasse gefunden hat und sich verstohlen umblickt, fragt man sich, ob es einen zweiten Herrn seines Namens gibt: Wo ist denn der wilde Kerl, der in die berüchtigsten Gefängnisse hineinmarschiert? Der unerschrockene Feldforscher, der die Wunden von Folteropfern fotografiert und sie den Mächtigen unter die Nase reibt?

Vielleicht hat ihn genau diese Mischung so erfolgreich gemacht: nachgiebig in der Form, konsequent in der Sache.

Seit einem Jahr ist der Menschenrechtsexperte Manfred Nowak UN-Sonderberichterstatter für Folter. Vier Länder hat er in dieser Zeit erkundet (siehe Kasten). Einen notorischen Vielarbeiter nennen ihn Weggefährten. Spätestens seit seiner jüngsten Mission ist er außerdem ein international gefeierter Pionier: der erste UN-Inspektor der Geschichte, der in China Gefängnisse besuchte, ohne sich vorher anzumelden. Die Behörden hatten seine Arbeit boykottiert. Anfang Dezember kehrte Nowak zurück und rapportierte nüchtern, Folter sei in China „weit verbreitet“.

Die Reise wurde zum Bravourstück im verminten Grenzgebiet zwischen Diplomatie und Unnachgiebigkeit. Fast ein Jahrzehnt lang hatten UN-Vertreter diesen Durchbruch eingefädelt, bis zum Schluss standen die Gespräche an der Kippe. So sahen es die Chinesen ungern, dass sich Nowak in Genf mit einer bekannten Feministin aus der Provinz Xinjiang Uiguren treffen wollte. Die Frau war vor Jahren verhaftet worden, als sie einer Delegation des US-Kongresses Material über Menschenrechtsverletzungen übergeben wollte, und erst auf internationalen Druck hin freigekommen.

Und? – Natürlich hat er die Regimekritikerin getroffen. Und er hat das Gefängnis besucht, in dem sie in Isolationshaft saß.

Es war ein Austesten von Grenzen. „Hätte ich im Vorfeld zu sehr eskaliert, hätten die Chinesen Stopp gesagt.“ Und es ist gut gegangen. Wieder einmal ist der Professor mit dem imposanten Schnurrbart wohlbehalten in seine mit Büchern voll gestellte Höhle zurückgekehrt: „Ich bin frei“, habe er den Behörden erklärt. „Ich kann reden, mit wem ich will – in Wien, in Genf oder auch in China.“

Zweimal renne er mit dem Kopf gegen die Wand – wenn er dann nicht durchkomme, suche er nach einer neuen Tür, sagen Kollegen über ihn. „Wenn es der Sache dient, kann ich sehr hart sein“, sagt er selbst.

Ziegenbart und Schlabberpullis. Unkonventionell war er schon immer. 1973 begann Nowak als Assistent des Menschenrechtsprofessors und ÖVP-Abgeordneten Felix Ermacora. Es war die Zeit, als die Uni in der Hand des Cartellverbands war, Hemd, Pullunder und Faltenrock dominierten im Auditorium. Am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht hatte sich ein Kreis begabter Juristen zusammengefunden, der dank Nowaks Ziegenbärtchen und Schlabberpullis aus dem Rahmen fiel: Manfred Matzka, heute Sektionschef im Bundeskanzleramt, zählte dazu, außerdem der spätere Bundestheater-Chef Georg Springer und Verwaltungsgerichtshof-Präsident Clemens Jabloner.

Nach dem Chile-Putsch 1973 traf Nowak in Österreich einen Flüchtling, der von Pinochets Schergen gefoltert worden war. Damals infizierte ihn das Praxisvirus. Zwar widmete sich Nowak weiter hingebungsvoll einer Habilitation über politische Grundrechte. Doch nebenbei engagierte er sich für Demokratie und Entwicklung in Lateinamerika, unternahm erste Fact-Finding-Missions für „International Alert“ oder „amnesty international“. Trotz erstklassiger Ausbildung – „er hält mit bei den Spitzen der Wissenschaft“, konzediert Verwaltungsgerichtshof-Präsident Clemens Jabloner – hielt es ihn nie lange in geheizten Räumen. „Er hat sich immer hinaus auf das gefährliche Gelände begeben“, sagt Jabloner.

1987 ermöglichte ihm eine Professur in Utrecht den Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis: In den Niederlanden beschäftigte man sich mit der Frage, wie Menschenrechte in der Außenpolitik umgesetzt werden können. Als Wissenschafter – zu seinen Werken zählt ein Kommentar zum UN-Pakt über die bürgerlichen und politischen Rechte – kam er mit den Vereinten Nationen in Kontakt. Er wurde Mitglied der österreichischen Regierungsdelegation der UN-Kommission für Menschenrechte und lernte, den begrenzten Spielraum auszureizen: Zugeständnisse zu machen, zum richtigen Zeitpunkt Nein zu sagen.

1996 war Nowak in Ex-Jugoslawien, um im Auftrag der Vereinten Nationen das Schicksal der Verschwundenen aufzuklären. 300 Massengräber, in denen Serben bosnische Kämpfer verscharrt hatten, standen auf seiner Liste. Nowak wollte sie öffnen lassen, doch die internationale Gemeinschaft hatte die Parole ausgegeben: Lasst uns in die Zukunft schauen. Militär und Politik – allen voran die USA – versagten Schutz und Unterstützung. Serbische Polizeibeamte attackierten die finnischen Forensikexperten, die in Nowaks Team arbeiteten. Da schmiss Nowak das Mandat hin. Drei Monate später forderte US-Präsident Bill Clinton „fast wörtlich“, was dem Wiener Professor abgeschlagen worden war – eine internationale Kommission und beträchtliche Geldmittel. „Ich war frustriert, so hintergangen worden zu sein“, sagt Nowak. Rückblickend, sagt er sich, habe sein Rücktritt etwas bewegt: Viele Verschwundene wurden – mithilfe von DNA-Analysen – inzwischen identifiziert.

Das Thema durchzieht Nowaks Arbeit wie ein Leitmotiv. Von 1993 bis 2001 war er in der UN-Arbeitsgruppe für Verschwundene. Kaum eine Mission hat ihn so mitgenommen wie jene in Marokko. Dort erfasste Nowak so etwas wie eine vierte Dimension der Hoffnung. Er interviewte Polisario-Kämpfer, die für die Unabhängigkeit ihres Volkes kämpften und in geheimen Lagern in der Westsahara festgehalten worden waren; manche hatten jahrelang in unmenschlich kleinen Käfigen überlebt. Als sie freigelassen wurden, waren sie um zehn Zentimeter geschrumpft.

Als Nowak zum ersten Mal von geheimen CIA-Gefängnissen in Europa hörte, erinnerte er sich daran: „Verschwunden zu sein ist eine der fürchterlichsten Menschenrechtsverletzungen, die es gibt.“

Fünf UN-Inspektoren – unter ihnen der Wiener Professor – verlangten unverzüglich Auskunft von den USA. Außerdem wollten sie das Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba inspizieren. Die USA stimmten einem Besuch zu, stellten aber Bedingungen: Nur drei der fünf Inspektoren würden vorgelassen, die Mission dürfte nur einen Tag dauern, und es sollte keine vertraulichen Gespräche geben.

Die Verlockung war groß, in die diplomatische Falle zu tappen. Vier Jahre hatten sich die UN-Kontrolleure um Einlass bemüht. „So nicht“, beschied Nowak schließlich und blies die für 6. Dezember angesetzte Visite ab. Doch es wäre nicht Nowak, hätte er die vor ihm aufragenden Hindernisse nicht bereits nach einem unentdeckten Durchschlupf abgesucht: Der Kuba-Flug war kaum storniert, begannen Nowaks Leute schon, ehemalige Guantanamo-Insassen zu interviewen. Der Bericht – der erste, der ohne Erkundungen vor Ort auskommt – wird in wenigen Monaten präsentiert.

So leicht kann man den Professor nicht abschütteln. „Wenn es darauf ankommt, kann seine zurückhaltende Art in metallene Härte umschlagen“, berichtet Julia Kozma, die ihn vor wenigen Wochen bei seiner Nepal-Mission begleitet hat. Seit der König Anfang Februar die gesamte Macht an sich zog, werden mutmaßliche Maoisten inhaftiert und systematisch gefoltert, urteilte Nowak.

Ein Armeekommandant wollte ihm das Gegenteil weismachen. In seinem Camp gebe es weder Gefangene noch Misshandlungen. Doch der UN-Inspektor hatte am Tag zuvor mit seiner Digitalkamera Folteropfer mit grässlichen Brandwunden fotografiert und zeigte dem Mann die Aufnahmen. Daraufhin bekam er Sätze zu hören, die bis heute in seinen Ohren klingen: „Wenn sie uns anlügen, schlagen wir sie, dann foltern wir sie. Das ist unser System.“ – „Sie haben uns angelogen, und wir schlagen Sie nicht“, antwortete Nowak, während das Tonband mitlief. Die Lage drohte außer Kontrolle zu geraten, Nowaks Mitarbeiter drängten zum Aufbruch. Tags darauf spielte der Folter-Inspektor das Geständnis Journalisten vor. Es ging – gemeinsam mit den aufgenommenen Bildern – durch die Weltpresse.

Vorreiter der Menschenrechte seien oft einsam, erzählte Nowak kürzlich bei einem Festvortrag im Parlament. Der Befund war auf Felix Ermacora gemünzt, der vor zehn Jahren an einer Virusinfektion nach einer Fact-Finding-Mission in Afghanistan gestorben war. Doch er gilt auch für ihn selbst. Denn so unterschiedlich der ÖVP-Abgeordnete und der liberale Freidenker Nowak in weltanschaulichen Fragen tickten, so einig waren sie sich in der Wahl ihrer Mittel.

Chile-Putsch. Eine Episode prägte den heute 55-Jährigen besonders: 1973, Nowak war gerade ein halbes Jahr Assistent bei Ermacora, putschte General Augusto Pinochet die chilenische Regierung unter Salvador Allende aus dem Amt. Im September darauf tagte die UN-Generalversammlung. Der Putsch und die Foltergräuel standen nicht auf der Agenda. Ermacora schickte ein Beileidstelegramm an die Witwe Allendes – „damals ein revolutionärer Akt“ (Nowak) – und initiierte eine Arbeitsgruppe, welche die systematischen Verschleppungen in Chile untersuchte.

„Heute kann man alle Menschenrechtsverletzungen offen diskutieren“, sagt Nowak. Doch jeder Durchbruch gibt nur den Blick auf wieder neue Hindernisse frei. Mandate müssen weiterentwickelt werden, sagt Nowak: „Insofern ist man immer auch ein bisschen Pionier.“

In der Armutsbekämpfung erschloss sich ein neues Feld. Nowak verfasste einen Human Rights Report for Poverty Reduction, der „erstmals auf UN-Ebene den menschenrechtlichen Blick in die Armutsdebatte einbrachte“ (Martin Schenk, Armutsexperte der Diakonie). Armut, wie Nowak sie versteht, ist die „schwerste systematische Menschenrechtsverletzung, weil sie die Vorenthaltung aller Rechte bedeutet“.

Das Ferne und das Nahe gehören für Nowak zusammen wie Theorie und Praxis. Viele Aufsichtsratsposten in NGOs hat er aus Zeitmangel abgegeben. Die Ämter, die ihm danach noch blieben, reichen aber immer noch für eine Anwartschaft auf eine Stresskrankheit. Vergangene Woche, als ZDF-Kamerateams und BBC-Reporter dem UN-Ermittler aus Wien die Tür einrannten, verabschiedete er sich zu einer Sitzung des Menschenrechtsbeirats im Innenministerium.

Fünf Stunden erörterten die Experten aktuelle Probleme. „Sondierend, abwartend, in der Wortwahl präzise“, beschreibt ihn ein Teilnehmer. „Wie Ausländer in Österreich behandelt werden, weil sie illegal aufhältig sind, ist inakzeptabel“, sagt Nowak. Es gebe in Menschenrechtsfragen keine Nebensächlichkeiten. Was für das US-Gefangenenlager auf Kuba gilt, gelte auch für die heimische Schubhaft: „Wenn man eine Tür aufmacht, dann geht sie nicht mehr zu.“

Von Edith Meinhart