Porträt: Ein Mann, kein Wort

Sieben Monate vor der Euro 2008 ist das Nationalteam nach wie vor eine Baustelle mit erhöhter Einsturzgefahr. Neben dem Trainer steht auch ÖFB-Präsident Friedrich Stickler in der Kritik. Ist der Lotterien-Boss zu harmoniesüchtig für das harte Fußballgeschäft?

Friedrich Stickler hat sich in seinem Büro einen kleinen Fußball-Herrgottswinkel eingerichtet. An der Wand hinter der Sitzgruppe hängt ein Paar uralter Stollenschuhe aus abgewetztem, braunem Leder, das er einmal auf einem Flohmarkt entdeckte. Daneben kleben zwei Autogrammkarten, eine von Zinedine Zidane (mit lieben Grüßen an Friedrich) und eine von Alfredo di Stefano, einst Torschützenkönig und jetzt Ehrenpräsident von Real Madrid.

Wäre Friedrich Stickler, Chef der Österreichischen Lotterien, ein ganz normaler Fußballfan, er könnte derzeit recht fröhlich auf die Devotionaliensammlung blicken. Real Madrid, sein internationaler Lieblingsverein, führt in der Primera Division. Austria Wien, der Herzensklub daheim, wurde Herbstmeister. Viel besser kann es nicht laufen.

Ein bisschen Fußball. Doch Stickler ist außerdem Präsident des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB), und in dieser Funktion hat er wenig Anlass zur Ausschüttung von Glückshormonen. Nicht einmal sieben Monate vor der Euro 2008 in Österreich und der Schweiz liegt die Nationalmannschaft in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 88. Seit Stickler Anfang 2002 das Amt übernahm, rutschte das Team um 32 Plätze ab. Die jüngste Serie von neun Spielen ohne Sieg bedeutete einen Negativrekord. Im zehnten und bisher letzten Match gab es endlich ein 3:2 für den Gastgeber. „Das Spiel gegen die Elfenbeinküste hat bewiesen, dass wir doch noch ein bisschen Fußball spielen können“, bilanziert Stickler vorsichtig positiv. Doch schon am kommenden Freitag kann das zarte Pflänzchen der Hoffnung wieder eingehen. Österreich empfängt im Wiener Happel-Stadion die englische Nationalmannschaft – und man kann nur beten, dass Beckham und Kollegen dieses Testspiel gegen einen Jausengegner nicht allzu ernst nehmen werden.

Die vielen sieglosen Monate und ein paar ernsthaft peinliche Darbietungen des Teams brachten nicht nur Trainer Josef Hickersberger in Misskredit. Auch der ÖFB-Präsident hatte schon mal eine bessere Nachrede. Derzeit muss er sich in der Ö3-Comedy gerade als „alter Stickler“ verulken lassen, der sich außer einem schüchternen „Hmm“ meistens nicht viel zu sagen traut. „Das mit dem alten Stickler trifft mich“, sagt der Betroffene, „das ist ziemlich fies, muss ich sagen.“ Schließlich sei er ja erst 58 Jahre alt und gehöre längst nicht zum alten Eisen. Dass Ö3 ihn auch als zögerlichen, mitunter allzu feinen Herrn persifliert, stört ihn dagegen weniger. In Österreich habe man, wohl aus der Geschichte heraus, eine absolut falsche Erwartungshaltung an einen Fußballpräsidenten. Stickler will sich zu seinem Vorgänger nicht äußern, aber es ist klar, was er meint: Nicht jeder kann ein robuster Haudrauf wie Beppo Mauhart sein.

Ein Prise von Mauharts Durchsetzungsvermögen könnte wohl nicht schaden. Wer mit Sticklers ÖFB-Kollegen und anderen Fußballexperten spricht, hört sehr viel über Konsens, Eintracht und ehrliches Bemühen. Von Konsequenz und deutlichen Worten ist seltener die Rede. „Stickler ist ein Mann des Ausgleichs, kein Diktator“, formuliert es der steirische ÖFB-Landespräsident Gerhard Kapl. Das sei sympathisch, doch ein bisschen mehr Leidenschaft dann und wann wäre vielleicht gar nicht schlecht, meint der Steirer. „Emotionen gehören zum Fußball. Aber Stickler ist eben so. Und aus einem Ochsen kann man kein Springpferd machen.“

Eine andere Welt. Kurt Ehrenberger, Präsident des Wiener Landesverbands und mit 30 Jahren Amtszeit der längstdienende ÖFB-Funktionär, empfindet mitunter sogar Mitleid für den um Harmonie kämpfenden Präsidenten. „Er nimmt es so furchtbar persönlich, wenn ihn wer kritisiert. Aber so was muss man wegstecken. Der Fußball ist eine andere Welt, das muss er erst lernen.“

Vor zwei Wochen traf Stickler bei einer vom Radiosender Ö1 veranstalteten Diskussion auf Ursula Stenzel, die Vorsteherin des ersten Wiener Gemeindebezirks. Der ÖFB-Boss hatte sich gut vorbereitet, war mit einem dicken Packen Unterlagen erschienen und konnte sogar ungefragt die Zahl der für das EM-Public-Viewing in der Innenstadt vorbestellten Toilettencontainer nennen (es sind 900, falls es wen interessiert). Stenzel hatte keine Zettel dabei, erzielte mit strategischem Foulspiel aber einen schönen Treffer: „Ich muss sagen“, näselte die Dame, „Sie klingen ein bisserl resignativ.“

Das Publikum lachte, Stickler ärgerte sich. „Das war von der Frau Stenzel rein polemisch gemeint. Resignativ bin ich überhaupt nicht, im Gegenteil.“ Schließlich habe er als EM-Ziel das Erreichen des Viertelfinales vorgegeben, was andere als die Frau Stenzel für völlig verrückt hielten: „Eigentlich ist es ganz gleich, was ich sage, es ist sowieso falsch.“ Stickler wechselt zum wiederholten Mal die Sitzposition. Der Fauteuil in seinem Büro muss recht unbequem sein, vielleicht liegt es aber auch am Gesprächsthema. Wie soll man sich denn gegen den Vorwurf wehren, ein wenig zu temperamentlos zu sein für eine Branche, in der es hauptsächlich um große Gefühle geht? Stickler versucht es mit Offensive: „Ich bin sogar ein sehr emotionaler Mensch, es geht in mir wirklich zu, wenn wir ein Spiel haben. Ich möchte meinen Puls gar nicht wissen. Aber ich kann ja auf der Ehrentribüne nicht herumspringen.“

Tatsache ist, dass Niederlagen, die erst von Pepi Hickersberger und anschließend von Friedrich Stickler kommentiert werden, noch ein bisschen mehr wehtun. So entkräftet wie die zwei Herren im Interview wirken nicht einmal die heimischen Stürmer vor dem gegnerischen Tor.

Loyalität. Es gäbe keine Diskussion um seine Person, wenn das Nationalteam gerade eine längere Siegesserie hinter sich hätte, sagt Stickler. Das ist sicher wahr. Aber in dieser Diskussion geht es eben auch um die Frage, wer dafür verantwortlich ist, dass die Siegesserie ausblieb. Der ÖFB-Präsident hatte sich 2005 ungewohnt energisch für die Verpflichtung des damaligen Rapid-Coachs Josef Hickersberger als Nationaltrainer eingesetzt. In Sticklers Worten klingt das im Rückblick so: „Ich habe mir arrogiert, dass nur ein Teamchef bestellt wird, mit dem ich auch leben will.“ Hickersberger war teuer und musste erst von Rapid losgeeist werden. Die Erfolge sind bisher ausgeblieben, und der ÖFB-Chef keucht mitunter recht vernehmbar unter seiner Loyalität zum Trainer. Nach dem achten sieglosen Spiel in Folge schien Mitte September die Lage kritisch zu werden. Stickler forderte von Hickersberger eine umfassende Bestandsaufnahme und kritisierte erstmals öffentlich dessen Kurs einer strikten Verjüngung. „Die Frage ist nicht, wie alt die Spieler sind, sondern die Frage lautet, ob sie mit ihrer Erfahrung der Mannschaft helfen können.“

Doch den Worten folgten keine Taten. Gemeinsam mit dem Trainer setzte sich Stickler am 21. September vor die Sportjournalisten, um mit gewohnt leiser Stimme seine eigene Kapitulation kundzutun: Hickersberger solle den eingeschlagenen Kurs fortsetzen, ältere Kicker wie Ivica Vastic seien weiterhin kein Thema und die Teamchef-Debatte bis zur EM erledigt. „Zwischen uns passt kein Blatt Papier.“ So sei er eben, der Präsident, sagt Herbert Hübel, Landespräsident von Salzburg und Stickler-Vertrauter. „Er hält Menschen die Treue.“

Trauriges Spiel. Treu ist Friedrich Stickler sogar jenen Zeitgenossen, die er weniger mag. Mit Hickersbergers Vorgänger Hans Krankl etwa verband ihn tiefes gegenseitiges Unverständnis. Der extrovertierte, selbstverliebte Krankl und der zögerliche, etwas gehemmte Stickler passten schon rein chemisch nicht zusammen. Auch sportlich lief es schlecht: Das Nationalteam qualifizierte sich weder für die EM 2004 in Portugal noch für die WM 2006 in Deutschland. Trotzdem verlängerte Stickler im Jahr 2003 Krankls Vertrag und konnte sich bis Herbst 2005 nicht entschließen, dem traurigen Spiel ein Ende zu machen.

Manche Wegbegleiter vermuten, dass Stickler in seiner bisherigen Karriere auf die Härten des Sportbusiness einfach unzureichend vorbereitet worden sei. Der Vorstandsjob im Glücksspiel-Monopol tauge nicht als Aufwärmtraining für den Kampfeinsatz unter Fußball-Raubeinen. Stickler verbrachte sein komplettes Berufsleben unter dem Dach von Casinos und Lotterien. Schon als Student an der Bodenkultur jobbte er nebenbei als Croupier. Später managte er die Schiffscasinos und wurde dann Referent von Generaldirektor Leo Wallner. Seit 1986 ist er Vorstandsdirektor der Lotterien.

Seinen Mentor Wallner bezeichnet Stickler heute als „einen meiner Lebensmenschen“. Er habe unendlich viel von ihm gelernt. „Wenn wir alle schon nicht mehr weiterwussten, ist ihm immer noch eine Lösung eingefallen.“ Dem großen Vorbild ist er dabei in Sprechweise und Auftreten ziemlich ähnlich geworden. Wie Leo Wallner wird auch Friedrich Stickler niemals laut, wie das große Vorbild trägt auch der jüngere Freund stets feines Tuch und hält es für den Höhepunkt der Lässigkeit, wenn er einmal auf das Gilet unter dem Sakko verzichtet. ÖOC-Präsident Wallner und ÖFB-Präsident Stickler sind die Sirs im heimischen Sport. In streng riechenden Umkleidekabinen sind beide nur schwer vorstellbar.

Stickler hat selbst nie Fußball gespielt, weil ihm, wie er zugibt, das Ballgefühl fehlt. In seiner Jugend war er Leichtathlet, heute geht er am liebsten wandern. Seiner Autorität im Gewerbe hätte es vermutlich nicht geschadet, wenn der Präsident ein wenig persönliche Spielpraxis mitbringen würde. So bemängelt ein Kritiker, dass „da einer den Teamchef aussucht, der nicht einmal einen Ball stoppen kann“. Mitunter scheint Stickler selbst seinem Fachwissen zu misstrauen. Sportliche Analysen untermauert er gerne mit dem Verweis, dass er zuvor mit vielen Menschen geredet habe, „die sich wirklich im Fußball auskennen“.

Der ÖFB-Präsident sei sehr bemüht, das Beste für den Fußball im Land herauszuholen, sagt Bundesliga-Geschäftsführer Georg Pangl. Trotzdem könnte Stickler als jener Verbandschef in die Geschichte eingehen, unter dem das Nationalteam im FIFA-Ranking den Tiefstwert erreichte. „Aber ich bin auch der Präsident, der die Euro nach Österreich geholt hat“, sagt er. Vielleicht hat das in der historischen Betrachtung eines Tages ja mehr Bedeutung.

In der UEFA leitet Stickler die Kommission für Klubbewerbe und ist kooptiertes Mitglied im Exekutivkomitee. International sei er wirklich gut angeschrieben und gelte als ausgewiesener Experte, betont er. Nur zu Hause plagt man ihn. Es stört Stickler auch, dass er in der Öffentlichkeit bloß noch als ÖFB-Chef vorkommt und gar nicht mehr in seiner Funktion als Lotterien-Manager. Vielleicht ist diese Schlagseite mitschuld daran, dass er nicht, wie angestrebt, Generaldirektor der Casinos wurde. „Ich hatte mir gute Chancen ausgerechnet“, gibt Stickler zu, „es tut ein bisschen weh, dass es nicht geklappt hat.“ Dafür sei nun sein bester Freund Karl Stoss der Boss – „der Einzige, den ich in der Funktion akzeptieren kann“.

Bis Jahresende 2008 möchte Stickler eine sanfte Reform des ÖFB in die Wege leiten. Man werde sich die Organisation anschauen und nach Verbesserungsmöglichkeiten suchen. Vorausgesetzt, der Präsident darf nach einer möglicherweise total verpatzten Euro im Amt bleiben. Ein Blick in die weite Welt beruhigt ihn diesbezüglich: „Soweit ich mich erinnere, sind nach derartigen Ereignissen oftmals die Trainer gegangen, nicht die Präsidenten.“

Von Rosemarie Schwaiger
Mitarbeit: Sebastian Hofer