Porträt: Fiat lux!

Mit dem Österreicher Herbert Demel wird ein Nicht-Italiener Autochef beim Fiat-Konzern. Ein Himmelfahrtskommando. Doch Demel hat gezeigt, dass er vermeintlich aussichtslose Aufgaben meistern kann.

Donnerstagabend vergangener Woche. Siegfried Wolf versucht, die Situation mit Humor zu nehmen. „Jetzt werd ich halt wieder ein bisserl mehr arbeiten müssen“, witzelt der Manager des international tätigen Autozulieferers Magna. Wenige Stunden zuvor ist die Entscheidung gefallen, Herbert Demel vorzeitig aus seinem Fünfjahresvertrag als Vorstandsvorsitzender der Österreich-Tochter Magna Steyr zu entlassen. Eine Position, in die er erst vor einem Jahr geholt wurde und in der er noch einiges für Frank Stronachs Magna-Konzern bewegen hätte sollen: Kapazitätsausbau, Internationalisierung und nicht zuletzt ein Börsegang stehen auf der Agenda für die kommenden drei Jahre. Jetzt wird Wolf, der bei Magna Steyr zuletzt nur mehr im Aufsichtsrat wirkte, nach eigenem Ermessen „wieder etwas genauer drauf schaun müssen“.

Auf den promovierten Techniker Demel warten höhere Weihen. Am 15. November wird der gebürtige Eisenstädter den Posten als Vorstandschef der Autosparte beim italienischen Fiat-Konzern übernehmen. Eine Ausnahmesituation in doppeltem Sinn. Nie zuvor hatte bei Fiat, dem Herzstück der italienischen Industrie, ein Nicht-Italiener eine derartige Topposition. Aber nie zuvor steckte der Konzern auch in derartigen Schwierigkeiten.

Die letzten beiden Herren, die sich an der Sanierung der schwer defizitären Fiat-Autosparte versucht haben, wurden jeweils mangels Erfolg sehr rasch wieder abberufen. Ein Himmelfahrtskommando, ein Platz im Schleudersitz, eine Sanierungsaufgabe, die ihresgleichen sucht.

„Fiat ist eine starke Marke mit großem Potenzial“, erklärt der designierte Chef. „Ich freue mich darauf, zusammen mit dem Team bei Fiat an diesem Potenzial zu arbeiten. Das ist eine wirklich große Herausforderung.“ Demel wurde freie Hand gelassen, auch was die Zusammenstellung seines Teams anlangt. Gerüchte, er würde zwei Magna-Produktionsleute mit nach Turin nehmen, dementierte er jedoch.

Faible fürs Schwierige. Herbert Demel hat mit schwierigen Aufgaben durchaus Erfahrung. 1993 wurde er Chef der damals schwer angeschlagenen Volkswagen-Tochter Audi, 1997 schickte ihn VW-Boss Ferdinand Piëch nach Brasilien, um dort die kränkelnde Tochtergesellschaft VW do Brasil zu sanieren. Er schaffte beides. Branchenkenner trauen ihm deshalb durchaus zu, dass er auch die Aufgabe bei Fiat meistert. „Ich bin sicher, dass er mit seiner Erfahrung einen großen Beitrag zum künftigen Erfolg von Fiat Auto leisten wird“, meint Magna-Gründer Frank Stronach, der hofft, auf diesem Weg auch „eine dauerhafte Beziehung zu Fiat“ aufbauen zu können. Auch der ehemalige Audi-Vorstand Jürgen Stockmar traut ihm ohne weiteres zu, „bei Fiat das Steuer herumzureißen, wenn man ihn lässt“. Der gleichen Meinung ist auch Fiat-Konzernchef Guiseppe Morchio: „Mit Demel können wir die Krise überwinden.“

Stockmar beschreibt Demel als „unglaublich scharfsinnig“ und von „enormer Analysefähigkeit“. Bei Fiat allerdings trete er „ein extrem schweres Erbe an. Wie schwierig, weiß er wahrscheinlich noch gar nicht.“ Hubert Kordon, Ingenieurkonsulent und Professor an der HTL Steyr, attestiert Demel einen besonderen Ehrgeiz, komplizierte Situationen zu meistern: „Je schwerer eine Aufgabe, desto lieber ist es ihm.“
Kordon kennt Demel seit über zwei Jahrzehnten. Er war Assistent am Institut für Verbrennungskraftmaschinen der Technischen Universität Wien, als Demel dort seine Dissertation mit dem sperrigen Thema „Möglichkeiten zur Verbesserung der Gemischverteilung an Vergasermotoren unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses des Kraftstofffilmes“ verfasste. „Es war ihm damals schon nichts zu blöd“, erinnert sich Kordon an diverse Forschungsaufträge, die er später, als auch Demel am Institut assistierte, gemeinsam mit ihm für Mercedes und Bosch übernahm. „Je komplizierter die waren, desto mehr ist er darin aufgegangen.“

Der bequeme Weg war nie die Sache von Herbert Demel. Als Sohn des ersten burgenländischen Psychiaters und einer Lehrerin wollte er partout aus dem familiären Fahrwasser ausbrechen. Vater Harald Demel: „Das war halt die Zeit der 68er-Bewegung, als die Kinder gegen ihre Eltern aufgehetzt wurden.“ Und er hatte wohl damals schon „Benzin im Blut“ (Wolf). Mit 15 wollte er Rennfahrer werden. Während eines zweiwöchigen Praktikums beim Rennwagenhersteller Kurt Bergmann zeigte sich aber sehr rasch, dass es weniger die Freude am Rasen als vielmehr das Interesse an der Technik war, das Demel beseelte. Drei Jahre später begann er an der TU Wien das Technikstudium bei Professor Hans-Peter Lenz. Für den mittlerweile emeritierten Hochschullehrer ist Demel ein „Spitzeningenieur“.

Diesen Eindruck gewannen offenbar auch einige Manager beim deutschen Autoelektronikunternehmen Bosch. Bei einem Abendessen anlässlich des Weltkongresses der Automobilingenieure 1984 in Wien erkundigte sich einer von ihnen bei Demels Frau, ob diese sich ein Leben in Japan vorstellen könnte. Als sie etwas schockiert reagierte, entschieden sich die Bosch-Männer, den damals 31-Jährigen ins Stammwerk nach Stuttgart zu holen. Er übernahm dort die Stelle als Entwicklungsleiter für Antiblockiersysteme (ABS), eine damals noch in den Kinderschuhen steckende Technologie. Mit Gespür und einem Quäntchen Glück gelang es Demel, die ABS-Produktion binnen sechs Jahren von 150.000 auf 1,8 Millionen Einheiten zu steigern. Prompt bekam er zusätzlich die Aufgabengebiete Antischlupfregelung und Getriebesteuerung übertragen.

Herr der Ringe. Mittlerweile waren aber auch andere auf den Techniker Demel aufmerksam geworden. Einer von ihnen war der damalige Audi-Vorstand Stockmar, der Demel 1990 als Leiter des Aggregatbaus nach Ingolstadt holte. Die Skepsis von Stockmars Kollegen, ob denn ein „Bremsen-Mann“ das Zeug für den Motorenbau habe, konnte er „anschaulich zerstreuen“. Er erhob den Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ wieder zur obersten Maxime, sorgte mit der Entwicklung des damals richtungsweisenden Turbodieselmotors für Furore und zeigte als späterer Vorstand, dass er nicht bloß für die Technik, sondern auch für Design und Marketing das richtige Gespür hatte. Wiederholt brachte er Vorstände und Mitarbeiter gleichermaßen zum Staunen, wie sich sein damaliger Mentor Stockmar gerne erinnert: „Er hört lange zu, sodass man oft meint, er sei gar nicht mehr bei der Sache. Und dann stellt er schlagartig jene Frage, die einem selber nicht aus dem Kopf geht.“

Auch dem gleichfalls aus Österreich stammenden Ferdinand Piëch, damals Vorstandschef bei Audi, gefiel der technisch versierte Landsmann. Stundenlang konnten die beiden Autofanatiker über technische Details fachsimpeln, Motorenkonzepte erfinden und wieder verwerfen. 1993 warf Piëch, mittlerweile an die Spitze des Audi-Mutterkonzerns VW aufgerückt, den durch schlechte Zahlen und unbotmäßige Kritik in Ungnade gefallenen Audi-Chef Franz-Josef Kortüm hinaus und machte Demel zum Vorstandssprecher. Der arbeitete akribisch an der Stärkung der Eigenständigkeit von Audi und legte eine wahre Erfolgsserie hin. Die Markteinführungen neuer Modelle der Baureihen A3, A6 und A8 trugen dazu bei, dass die VW-Tochter bereits im zweiten Jahr unter Führung des Österreichers wieder schwarze Zahlen schrieb.

Wenn es um grundlegende strategische Entscheidungen ging, beschritt er mitunter höchst unkonventionelle Wege. Als es etwa galt, aus vier Prototypen für den A3 die beste Variante auszuwählen, bediente er sich der Technik des „systemischen Aufstellens“ – und sorgte damals für Be- und Verwunderung gleichermaßen. Alexander Exner von der Wiener Beratergruppe Neuwaldegg, die in dieser Zeit für Audi arbeitete: „Er sagte den Mitarbeitern, sie sollen sich zu dem ihrer Meinung nach besten Modell stellen, und bald standen 80 Prozent bei einem Exemplar.“

Die guten Zahlen von Audi erfreuten auch den VW-Boss. Demel galt bald als Kronprinz und Piëchs Wunschkandidat für dessen eigene Nachfolge an der Konzernspitze. Doch es sollte anders kommen. Mentor Stockmar: „Irgendwann ist er Piëch einfach zu erfolgreich und eigenständig geworden. Denn für Ferdinand Piëch gibt es nur eine Nummer eins: Ferdinand Piëch.“

Im Sommer 1997 wurde Demel von Piëch überraschend nach Brasilien geschickt, um die krisengebeutelte VW-Tochtergesellschaft VW do Brasil zu sanieren. „Das war eindeutig eine Strafversetzung“, so Stockmar, „das hat Demel auch in seiner Abschiedsrede gesagt.“

Ferne Erfolge. Und doch auch eine Herausforderung. Eine doppelte sogar. Zum einen hoffte Demel, sich mit der erfolgreichen Sanierung endgültig für die Nachfolge profilieren zu können. Zum anderen übernahm er mit dem Vorstandsvorsitz von VW do Brasil auch einen höchster Geheimhaltung unterliegenden Großauftrag: die Entwicklung eines „Weltautos“ mit dem Projektnamen „Tupi“. Sogar noch eine Spur kleiner als das VW-Kleinstgefährt Polo, durch die niedrigeren Lohnkosten in Brasilien vor allem aber auch billiger, sollte er von Brasilien aus in alle Welt geliefert werden. Demel sollte beides auf die Reihe kriegen. Viktor Klima, Ex-Bundeskanzler und nunmehriger VW-Argentinien-Vorstand: „Er hat die schwierige Situation von VW do Brasil stabilisiert.“

Doch auf den Ruf in den Vorstandsvorsitz wartete Demel vergeblich. Der Tupi stand mittlerweile vor der Serienreife, Brasilien galt als saniert, die Piëch-Nachfolge aber durfte ein anderer antreten. 1999 holte der Konzernchef den ehemaligen BMW-Chef Bernd Pischetsrieder in die Volkswagen-Führung und designierte ihn bald zu seinem Nachfolger. Der durfte erst vor wenigen Tagen vermelden, dass der neue Kleinwagen ab Oktober in Brasilien und 2004 in Europa auf den Markt kommt.

Da das Brasilien-Engagement also nicht die gewünschte Sprungbrettwirkung hatte, „wollte er dringend zurück nach Europa“, erzählen Bekannte. Heute will Demel das nicht mehr so sehen: „Die Ambitionen auf den VW-Chefsessel wurden mir angedichtet. Brasilien war von vornherein nur für vier bis sechs Jahre geplant.“

Da traf es sich gut, dass das Magna-Management 2000 erstmals bei ihm anklopfte, um ihn für einen Vorstandsposten zu gewinnen. Erst zierte sich Demel ein wenig. Ende vergangenen Jahres übersiedelte er dann doch in die Magna-Europazentrale nach Oberwaltersdorf. Im 13. Wiener Gemeindebezirk kaufte er für sich, seine zweite Ehefrau und die beiden Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren eine Biedermeiervilla. Bis zur Adaptierung des Hauses wurde eine Wohnung in der Bräunerstraße im ersten Bezirk angemietet.
Genau ein Jahr blieb er. Lange genug, um den für ihn so wichtigen Kontakt mit der eigenen Familie (ein Vorfahr war jener Christoph Demel, dem die k. u. k. Hofzuckerbäckerei ihren Namen verdankt) zu intensivieren. Lange genug, um Siegfried Wolf als persönlichen Freund zu gewinnen. Der ist auch der Einzige bei Magna, mit dem Demel per Du ist. Ansonsten legt Demel – ganz im Gegensatz zu Frank Stronachs Unternehmenskultur – Wert auf das distanziertere „Sie“. „Der Herbert ist ein Teammensch, der alle Ideen mit der Mannschaft umsetzt“, erzählt Wolf. „Beim ,Du‘ ist er aber ein wenig selektiver.“

Wirklich engen Kontakt hält der Automanager, der am 14. Oktober seinen 50. Geburtstag feiert, aber zu seiner Familie. Seine Schwester Ilse, die, dem väterlichen Vorbild folgend, als Psychologin arbeitet und an der Wiener Universität lehrt, gilt seit jeher als engste Vertraute. „Wir halten immer engen Kontakt“, berichtet Ilse Kryspin-Exner, „auch wenn er weit weg ist. Er ist einer jener Menschen, mit denen man das Gespräch immer wieder fortsetzen kann, wo man aufgehört hat.“ Auch den Vater in Eisenstadt – die Mutter ist vor acht Jahren verstorben – besucht er zu dessen Freude regelmäßig. Dass der Sohn nach nur einem Jahr wieder geht, nimmt der Herr Papa dennoch gelassen: „Ich bin natürlich auch stolz. Wenn er seine Fähigkeiten dort beweisen kann, soll es mir recht sein.“

Gut gerüstet. Wertvolle Erfahrungen bringt Demel in jedem Fall mit nach Turin. Er hat bei Volkswagen gelernt, wie man mit einem schwierigen und eigensinnigen Konzernchef umgeht. Er hat mit dem VW Tupi Erfahrung in der Kleinwagenentwicklung gesammelt. Ein Segment, das gerade für Fiat ein zentrales Standbein war und wieder werden soll.
Dank seines, wenn auch kurzen Wirkens bei Magna kennt er auch die Seite der Zulieferer. Und er bringt eine Fähigkeit mit, die ihm von allen Freunden und Geschäftspartnern unisono attestiert wird. Magna-Vorstandskollege Hubert Hödl: „Er erkennt die Zusammenhänge im Großen und geht auch mit viel psychologischem Gespür an die Menschen heran.“ Gute Chancen also, doch rasch ein Gefühl für die eigene Mentalität der Italiener und die Sonderstellung von Fiat zu entwickeln.

Dass er in Brasilien gelernt hat, mit tobenden Gewerkschaften und streikenden Mitarbeitern umzugehen, wird ihm bei Fiat ebenfalls von Nutzen sein. Schließlich gelten die Italiener als eine der streikfreudigsten Nationen. Der Erhalt der Arbeitsplätze war in der über 100-jährigen Geschichte von Fiat immer eines der obersten Ziele. „Das wird sicher nicht einfach werden, dort unpopuläre Maßnahmen wie Kündigungen oder gar Werksschließungen durchzubringen“, meint ein Branchenanalyst. Dabei könnte ihm eine Eigenschaft vielleicht noch Probleme machen, wie sein ehemaliger Audi-Kollege Jürgen Stockmar meint. Demel ist zwar Kettenraucher, trotzdem aber ein „sehr ruhiger Typ, der nicht schreit und nicht auf den Tisch haut. Bei Fiat könnte er diese äußeren Zeichen der Durchsetzungsfähigkeit aber wohl gut brauchen.“

Ob die Italiener aber mit seinem Hang zu Qualität und Perfektion zurechtkommen? „Demel ist ein echter Qualitätsmensch“, sagt der steiermärkische Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl. Laut Magna-Steyr-Unternehmenssprecher Andreas Rudas stellt er diesen hohen Anspruch „auch in Dingen der privaten Lebensqualität“. Zumindest in dieser Hinsicht dürfte sich Demel in Italien wohl fühlen. Das Piemont ist für seine Barolos weltberühmt. Und der designierte Fiat-Auto-Chef ist bekannt als „Freund guter Rotweine“ (Siegfried Wolf). Zudem gilt er auch kulinarisch als „ausgesprochener Feinspitz“.

Nur in einer Sache begnügt sich Demel seit Jahren mit dem Mittelmaß: beim Golfen. „Als Golfer ist er eher bescheiden“, formuliert es Georg Auer, Urgestein des österreichischen Motorjournalisten und Demel-Kenner. „Er spricht auch gar nicht gern über sein Handicap.“ Die Frage nach Demels Handicap entlockt auch Magna-Mann Wolf ein Schmunzeln: „Es ist, glaube ich, noch deutlich über 20. Aber er sieht Golf auch nicht als Sport, sondern als Gelegenheit auszuspannen.“